Wunden der Geschichte heilen: Das Gedenken an Walter Gabriel, der Dachauer Aufruf und der Abschied von Björn Mensing

Am 27. August jährt sich der Todestag des Hallenser Pfarrers Walter Gabriel zum 43. Mal. Weil er als einer von wenigen evangelischen Geistlichen den Mut fand, das Unrecht des Nationalsozialismus offen beim Namen zu nennen, verbrachte er fast zwei Jahre im Konzentrationslager Dachau. An diesem 27. August brennt unter dem Nagelkreuz der Dachauer Versöhnungskirche eine Kerze für ihn – entzündet im Gebet und im Bewusstsein, dass Zivilcourage kein historisches Ausstellungsstück ist, sondern eine alltägliche Anforderung an die Gegenwart.

 

Walter Gabriel. Foto: Versöhnungskirche Dachau

Dass die Erinnerung an Menschen wie Walter Gabriel lebendig bleibt, ist kein Selbstläufer. Es ist das Ergebnis einer jahrzehntelangen, oft kräftezehrenden Bildungs- und Aufarbeitungsarbeit. Welcher Stellenwert dieser Arbeit in unserer Gesellschaft zukommt und wie verletzlich ihre Strukturen sind, macht ein gemeinsamer Appell deutlich, der anlässlich des Gedenktages an die Öffentlichkeit getreten ist. Verfasst haben ihn drei Menschen, deren Lebenswege die Abgründe und die Hoffnung europäischer Geschichte auf einzigartige Weise spiegeln: Katrin Eigenfeld, DDR-Bürgerrechtlerin der ersten Stunde und Enkelin Walter Gabriels; Dafna Gerstner, die das Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 im Kibbuz Be’eri nur knapp überlebte; und Kirchenrat Dr. Björn Mensing, Pfarrer und Historiker an der Versöhnungskirche.

 

In ihrem Schreiben richten die drei Unterzeichnenden den Blick auf aktuelle geschichtspolitische Auseinandersetzungen im Vorfeld anstehender Landtagswahlen. Sie artikulieren die Sorge, dass eine politische Verschiebung zu einer Abkehr von der bisherigen, kritischen Erinnerungskultur führen könnte. Wenn in Parteiprogrammen von einer mutmaßlichen Überbetonung historischer Schuld die Rede ist und Vertretungen von Gedenkstättenstiftungen vor Kürzungen bei der Förderung von Schulklassenfahrten an historische Lernorte warnen, geht es um mehr als um kulturpolitische Nuancen. Es geht um die Frage, wo und wie nachfolgende Generationen Urteilskraft und Empathie erlernen. Authentische Orte wie die KZ-Gedenkstätte Dachau oder die Gedenkstätte „Roter Ochse“ in Halle (Saale) bieten jungen Menschen die Möglichkeit, historischen Verbrechen ungeschönt zu begegnen, Verführungsmechanismen zu durchschauen und Prävention gegen Antisemitismus und Verharmlosung zu entwickeln.

 

Aus der Perspektive unserer Versöhnungsgemeinschaft berührt dieser Appell ein zentrales Motiv unseres Auftrags. Der Abbau von Feindbildern, die Förderung der Völkerverständigung und die Überwindung gesellschaftlicher Trennungslinien gelingen nur dort, wo die Wunden der Geschichte nicht verdrängt oder zugedeckt werden. Versöhnung setzt das mutige Hinschauen auf das geschehene Unrecht voraus.

 

Diesen Grundsatz hat Björn Mensing in den vergangenen zwei Jahrzehnten auf eindrückliche Weise mit Leben gefüllt. 21 Jahre lang wirkte der promovierte Historiker als Pfarrer der Evangelischen Versöhnungskirche auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers. Hand in Hand mit der Katholischen Seelsorge an der KZ-Gedenkstätte Dachau gestaltete er diese Arbeit stets in tiefer ökumenischer Verbundenheit – eine Brücke, die auch unsere Gemeinschaft unmittelbar prägt; die dortige katholische Pastoralreferentin Judith Einsiedel ist Mitglied unseres Leitungskreises. Mit unermüdlicher Akribie und theologischer Schärfe begründete Björn Mensing eine Praxis, die er als „anamnetische Solidarität“ bezeichnet: das konsequente, namentliche Erinnern an die Opfer des NS-Regimes im Rahmen regelmäßiger Gottesdienste. Mensing verstand sich in Dachau stets als Anwalt derer, deren Stimmen ausgelöscht wurden, und scheute sich nie, auch die Verstrickungen der eigenen Kirche oder der eigenen Familiengeschichte ungeschönt offenzulegen.

 

Katrin Eigenfeld. Foto: Versöhnungskirche Dachau

Zum 1. September 2026 tritt Björn Mensing in den Ruhestand. Bereits am 12. Juli erwiesen ihm mehr als 300 Gäste in der Dachauer Friedenskirche die Ehre, darunter Shoah-Überlebende wie Charlotte Knobloch und Ernst Grube sowie Vertreter aus Kirche, Politik und Gesellschaft. Es war ein Abschied voller Würde, bei dem auch unsere Nagelkreuzgemeinschaft das Wort ergriff.

 

In seinem Grußwort fasste Christian Roß aus unserem Leitungskreis das Wirken unseres langjährigen Weggefährten treffend zusammen: Wunden der Geschichte können nicht heilen, wenn sie übersehen oder zugedeckt werden. Zur Versöhnung gehört zuerst das Sehen der Verletzung. Dazu braucht es das Forschen, das Erzählen und das beharrliche Ins-Bewusstsein-Holen der Vergangenheit. Björn Mensing war für uns alle oft ein wacher Geist und ein wohltuender „Stachel im Fleisch“ – nicht zuletzt bei der Weiterentwicklung unserer Versöhnungslitanei, deren deutsche Fassung durch seine Impulse maßgeblich geprägt wurde.

 

Wir danken Björn Mensing von Herzen für seinen jahrzehntelangen Dienst, seine Zugewandtheit und seine argumentative Klarheit. Während die Versöhnungskirche Dachau bis zur Wiederbesetzung der Stelle Anfang 2027 kommissarisch von Diakon Frank Schleicher geleitet wird, wissen wir wohl, dass Björn Mensings Engagement keineswegs an der Schwelle des Ruhestands endet. Wer ihn kennt, ahnt, dass sein Wegzug in Richtung Norddeutschland eher den Beginn eines engagierten „Unruhestands“ markiert. Wir freuen uns darauf, auch künftig von ihm zu lesen, zu hören und ihn in den Reihen unserer Gemeinschaft wiederzusehen. Für seinen neuen Lebensabschnitt begleiten wir ihn mit unseren wärmsten Wünschen und Gottes reichstem Segen!

Autor: Niels Faßbender

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