Kirchenmeile bis Marienkapelle: Die Nagelkreuzgemeinschaft beim Katholikentag in Würzburg

„Hab Mut, steh auf!“ – Unter diesem einladenden ökumenischen Motto stand der 104. Deutsche Katholikentag, der vom 13. bis 17. Mai 2026 in Würzburg stattfand. Mittendrin gestaltete ein fantastisches, engagiertes Team von rund 20 Mitgliedern und Freunden der Nagelkreuzgemeinschaft aus ganz Deutschland unvergessliche Tage der Begegnung. Wie intensiv, bereichernd und bewegend diese Zeit war, schildern Sigrid Mathes und Peter Boenisch in ihrem persönlichen Erfahrungsbericht vom Infostand.

Mittendrin statt nur dabei: Eindrücke von der Kirchenmeile

Anfang März erreichte uns ein Schreiben der Deutschen Nagelkreuzgemeinschaft: Für den Infostand auf der „Kirchenmeile“ beim Katholikentag in Würzburg wurden noch helfende Hände gesucht. Als „Belohnung“ winkten eine Dauerkarte inklusive Nahverkehr, ein T-Shirt mit dem Logo der Gemeinschaft und natürlich die besondere Atmosphäre, einen Katholikentag „von innen“ als Teil eines engagierten Teams zu erleben. Ich war spontan bereit, und nach kurzer Überlegung ließ sich auch Peter gewinnen – der Katholik in unserem ökumenischen Zweierteam.

Katholikentagstreiben in Würzburg. Foto: Peter Boenisch/Sigrid Mathes

Nachdem wir etwas außerhalb ein wunderbares Privatquartier gefunden hatten, bezogen wir am Mittwoch, dem 13. Mai, unser Quartier. Während rund 9.000 Menschen die Eröffnung feierten, erkundeten wir die noch ruhige Innenstadt. Eine gute Entscheidung, denn so wurden wir nicht ganz so pudelnass, als Petrus die Schleusen öffnete. Leider blieben die Eisheiligen an allen Tagen im Dienst; es war durchgehend kalt und wechselhaft.

An Christi Himmelfahrt startete unser Dienst auf der Kirchenmeile direkt am Mainufer. Das Orga-Team hatte unseren Pavillon hervorragend gestaltet: Eine Seite informierte über die Geschichte des Nagelkreuzes und Coventry, die andere über die weltweite Arbeit der Gemeinschaft. Vorne lud ein großer Stehtisch mit Infomaterial zum Verweilen ein, dahinter standen Tische und Stühle bereit.

Jeweils fünf Teamerinnen und Teamer waren in zwei Schichten pro Tag im Einsatz. Die anfängliche Sorge, wir könnten uns auf den Füßen stehen, war völlig unbegründet. Vor dem Stand war reichlich Platz, um die vorbeiziehenden Scharen anzusprechen. Das Interesse war riesig und sehr vielseitig: Viele hörten zum ersten Mal vom Nagelkreuz und staunten, wenn wir ihnen von einem Zentrum ganz in ihrer Nähe berichten konnten. Selbst wir lernten Neues: Der lokale Flyer verriet uns, dass seit 2003 alle weltweit verliehenen Nagelkreuze in der Schmiede der JVA Würzburg hergestellt werden!

Jeder von uns fand seinen eigenen Weg, die Menschen zu begeistern. Peter lud die Vorbeiziehenden ein, selbst ein Nagelkreuz aus Hufnägeln zu basteln. Das erwies sich als absoluter Hit für Jung und Alt, führte zeitweise zu echten Warteschlangen und füllte ganz nebenbei die Spendenbox. Andere Teammitglieder gewannen neue Einzelmitglieder oder fingen mit Videostatements junger Menschen für Instagram ein, was „Versöhnung“ heute bedeutet.

Es war eine beglückende Erfahrung, mit so vielen Menschen über „Gott und die Welt“ ins Gespräch zu kommen und gleichzeitig zu erleben, wie die Freundschaft und das Zusammengehörigkeitsgefühl in unserem eigenen Team von Stunde zu Stunde wuchsen. Für uns war die Teilnahme ein rundum gelungenes, inspirierendes Erlebnis. Vielleicht wiederholen wir es beim nächsten Kirchentag in Düsseldorf!

Innehalten im Trubel: Die geistlichen Akzente

Immer ein Publikumsmagnet: Nagelkreuze basteln. Foto: Peter Boenisch/Sigrid Mathes

Neben den unzähligen Begegnungen am Messestand schlug das Herz unserer Gemeinschaft in Würzburg an den geistlichen Orten, die den Katholikentag mit Momenten des Innehaltens bereicherten.

Ein ganz besonderer, tiefgehender Höhepunkt war das Friedens- und Versöhnungsgebet am Freitagmittag um 13:00 Uhr. In Würzburg wird traditionell an jedem Freitagmittag für den Frieden gebetet – zeitgleich mit dem Gebet in der Ruine der Kathedrale von Coventry. Auch während des Katholikentags durften wir dieses Gebet in einer bis auf den letzten Platz gefüllten Marienkapelle feiern.

In seiner bewegenden Ansprache zur Bergpredigt (Mt 5, 1-12) lenkte Superintendent a. D. Klaus Majoress den Blick auf den Kern der christlichen Friedensbotschaft: Versöhnung beginnt mit einem radikalen Perspektivwechsel – sich zuerst in den Bruder oder die Schwester hineinzudenken und den Mut aufzubringen, den ersten Schritt zu tun. Getragen von stimmungsvoller Musik, dem gemeinsamen Sprechen des Versöhnungsgebets und nachdenklichen Wortbeiträgen entstand in der voll besetzten Bürgerkirche ein Moment spürbarer, tiefer Verbundenheit unter den Gläubigen.

An drei Abenden luden wir jeweils um 20:45 Uhr zu den „Gedanken zur Nacht“ auf den Wilhelm-Schwinn-Platz (Platz der Versöhnung) vor der Kirche St. Stephan ein. Auch wenn sich hier – im Vergleich zum lebhaften Standbetrieb tagsüber – eher kleinere, leisere Runden zusammenfanden, tat dies der Intensität keinen Abbruch. Im Gegenteil: Im bewussten Kontrast zum trubelig-belebten Katholikentags-Geschehen tat die gemeinsame Stille unendlich gut. Die kurzen Impulse zur Hoffnung und das anschließende Glockengeläut boten den Anwesenden einen behüteten, friedlichen Ausklang der ereignisreichen Tage. Am Samstagabend gedachten wir in diesem Rahmen zudem dankbar dem 100. Geburtstag des bedeutenden Theologen Jürgen Moltmann.

Versöhnungsgebet in der Marienkapelle. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Ein herzliches Dankeschön!

Der Katholikentag 2026 hat uns reich beschenkt. Wir haben uns selbst vom wechselhaften Wetter die Laune nicht verderben lassen und durften die Kraft unserer Gemeinschaft ganz real spüren. Ein unendlich großes Danke gilt allen Teamerinnen und Teamern für ihren flexiblen, unermüdlichen Einsatz am Stand und bei den Veranstaltungen – ihr wart großartig!

Wir verlassen Würzburg mit tiefen Erfahrungen, neuer Ermutigung und viel Hoffnung im Gepäck. Bis zum nächsten Wiedersehen – spätestens bei der Mitgliederversammlung oder auf dem kommenden Kirchentag in Düsseldorf 2027!

Autor:innen: Sigrid Mathes und Peter Boenisch, Berlin-Mariendorf

Eine vertraute Stimme aus Würzburg: Johanna Falks lyrischer Impuls zum Katholikentag

Vom 13. bis 17. Mai 2026 fand in Würzburg der 104. Deutsche Katholikentag unter dem Leitwort „Hab Mut, steht auf!” statt. Die Würzburger Nagelkreuzinitiative war vor Ort aktiv und hat bleibende Eindrücke hinterlassen – auch in literarischer Form. Johanna Falk, die der Würzburger Nagelkreuzinitiative über viele Jahre hinweg als engagierte Sprecherin des Leitungskreises ein vertrautes Gesicht gegeben hat, hat ihre ganz persönlichen und tiefgründigen Gedanken zum biblischen Motto des Katholikentags (Mk 10,49) in eindringliche Verse gefasst. Angesichts der aktuellen Krisen und Konflikte unserer Zeit stellt ihr Gedicht schmerzhafte, aber notwendige Fragen – und mündet in einem leidenschaftlichen Appell, das Herz aufzurüsten, statt Waffen zu bauen. Wir freuen uns sehr, diese Zeilen hier teilen zu dürfen.

Kampfdrohnen sind die neuen Kanonen.
Sie zerstören alles ohne Personen.
Sie verbreiten den schönen Schein:
Niemand trägt Schuld, die Drohnen allein.
Und wo bleibt der Mensch, der dahinter steht?
Ist nicht er es, der das Unglück sät?
(Drohnen sind keine anonymen Kanonen.)
Was ist aus dem „NIE WIEDER!“ geworden?
Hat es eine neue Maske, das Morden?
Millionen Euro werden ganz ungeniert
in den Bau von Waffen investiert.
Die Investitionen hab ich mir anders vorgestellt:
In die Zukunft einer verbundenen Welt.
Nach allem Leid, das die Menschheit gesehn,
müssten wir nicht neue Wege gehn?
Wo ist die Macht? – Bei den Despoten auf Erden?
Was soll aus den Kindern von heute werden,
aus Bildung, aus Frieden, den alle ersehnen?
Dürfen wir uns an Menschenverachtung gewöhnen?
Da kommt das Motto zur rechten Zeit:
„HAB MUT, STEH AUF“ und sei bereit,
das Herz aufzurüsten, den Verstand nicht zu schonen
für die, die unsere Erde bewohnen.
Ohne Krieg, ohne Hass und ohne Leid (Drohnen).

Leitungskreis Nagelkreuzgemeinschaft

Johanna Falk. Foto: privat

Autorin: Johanna Falk, Würzburg

Schichten der Versöhnung – Klänge und Stimmen einer Chorpilgerschaft nach Coventry

Seit mehr als 30 Jahren ist der Evangelische Kirchenkreis Lüdenscheid-Plettenberg festes Glied der weltweiten Nagelkreuzgemeinschaft. Als musikalischer Botschafter dieser Partnerschaft reiste das Lüdenscheider Vokalensemble Ende April 2026 zu einer fünftägigen Pilgerschaft nach Coventry. Der mehrfach preisgekrönte, überregional renommierte Kammerchor hat seine Heimat an der Erlöserkirche in Lüdenscheid. Nun machten sich 17 Sängerinnen und Sänger gemeinsam auf den Weg zu den Wurzeln einer großen Erzählung.

Mittwoch, 29. April 2026. 09:00 Uhr Ankunft Birmingham Airport. Transfer nach Coventry. 10:30 Uhr Kaffee, Begrüßung und Überblick im St. Michael’s House.

Rudolf Mauersberger (1889-1971): „Wie liegt die Stadt so wüst“ – Ankunft in Coventry. Mauersbergers Trauermotette, geschrieben im Angesicht des zerstörten Dresdens, findet auch in den Ruinen der Kathedrale von Coventry ihre unmittelbare Resonanz. Ein musikalisches Aufarbeiten von Schmerz und Zerstörung.

Nagelkreuz in der Lady Chapel in der Kathedrale von Coventry. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Leo: „Ich bin Canon für Kunst und Versöhnung, dem besten Beruf auf der Welt.“ So werden wir von Canon Kate Massey zu einem Gespräch über Versöhnung in unserer Welt in Aufruhr begrüßt. Wir, das ist das Lüdenscheider Vokalensemble, das im Namen des Kirchenkreises Lüdenscheid-Plettenberg Coventry und dessen Kathedrale besucht. Coventry, der Ort, der 1940 das erste Opfer der massiven deutschen Luftangriffe in England wurde und dessen Kathedrale, wie große Teile der Stadt, weitgehend zerstört wurde. Coventry, wo Propst Howard nach der Zerstörung ein Kreuz aus verbrannten Dachbalken sah und dieses mit den Worten „Father Forgive“ hinter den Altar der ausgebrannten Kirche aufstellte. Coventry, wo nach dem Krieg die Nagelkreuzgesellschaft entstand, die sich für Versöhnung in der Welt einsetzt und zum Zeichen dazu Nagelkreuze an Friedens- und Versöhnungsprojekte in aller Welt verteilt.

Niels: Ankunft. Einatmen. Die Stadt empfängt uns nicht als Touristen, sondern mit einer überwältigenden Wärme und Offenheit. Man spürt sofort: Das hier ist kein gewöhnlicher Ort. Es ist ein Kraftzentrum, das jeden, der es betritt, sofort umfängt. Die Begegnungen mit alten Freund:innen fühlen sich an wie ein Heimkommen. Dass wir diesen Geist von Anfang an so tief spüren dürfen, verdanken wir einem engagierten Team: Richard Parker, Alice Farnhill und Kate Massey, die aus Coventry alles so wunderbar organisiert und begleitet haben, sowie Britta Däumer, die für den Kirchenkreis die inhaltliche Gestaltung und  Organisation der Reise verantwortet.

12:00 Uhr Litany of Reconciliation (Versöhnungsgebet), anschließend Mittagessen.

Leo: Passend dazu verteilt Niels am Anreisetag an jeden von uns ein kleines Säckchen mit einer Botschaft. Ich wähle „Raum zum Atmen“. In jedem dieser Säckchen finden wir einen kleinen Stein, der die Steine im Schuh auf unserer persönlichen Reise symbolisieren soll. Die Steine, die uns auf unserem Weg zwicken und piesacken. Diesen Stein halte ich den ganzen Besuch über bei mir und denke immer wieder über meine Steine im Schuh nach und unterhalte mich mit den anderen darüber. Im besten Fall sollten wir dem Stein einen Namen geben und einen Ort mit Resonanz finden, an dem wir ihn ablegen können, um uns mit uns selbst zu versöhnen.

 

Das Paradoxon der Klänge: Reconciliation in a devided world

Donnerstag, 30. April. 08:30 Morgengebet mit Holy Communion, dann stille Zeit in der Kathedrale.

Versöhnungsstatue von Josefina de Vasconcellos. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Johannes Brahms (1833-1897): „Warum ist das Licht gegeben den Mühseligen“ – Während wir im Workshop über die Zerrissenheit der Welt und die schmerzhaften Brücken der Versöhnung sprechen, fängt das „Warum“ unsere Sehnsucht ein.

Regina: Die Werke, besonders Mauersberger und Brahms, drücken die tiefe Parallelität zwischen Dresden und Coventry, zwischen Zerstörung und Friedenswillen aus. Das Singen der Musik wird spürbar und gibt Antwort. In der Ruine zu stehen bedeutet, das Grauen zu erleben, das aber mit Trost und Erbarmen zugedeckt wird. Und immer beides miteinander: Das zeigt auch das Bild – die Ruine Seite an Seite mit der neuen Kathedrale, das gleiche Licht, der gleiche Himmel darüber und über und neben den beiden Gestalten der Reconciliation, Stirn an Stirn. Menschen sitzen in der Ruine nachdenklich, staunend, dankend mitten dort, wo einmal das Kirchenschiff gewesen ist.

Niels: Am Vormittag stehen wir in der neuen Kathedrale. Ich war schon oft hier, kenne jede Ecke, jedes Kunstwerk. Und doch passiert das Unvorhersehbare: Die Sonne bricht durch und flutet das riesige Tauffenster von John Piper. Eine Farbgewalt, eine Leuchtkraft, die ich in dieser Intensität noch nie gesehen habe. Es reißt einen förmlich mit. Ich blicke mich um und sehe Tränen in den Augen. Dieser Ort arbeitet. Er wirkt tief in die Seele hinein. Menschen sind Wesen, die zuerst fühlen und dann dazwischen manchmal denken. Genau deshalb ist die Kunst – in unserem Fall die Musik des Vokalensembles – der direkteste Kanal für Versöhnung. Ein Kammerchor sucht unentwegt nach Harmonie. Dieses bewusste Aufeinander-Hören und gemeinsame Tragen des Klangs ist praktizierte Friedensarbeit.

09:15 Uhr Stadtführung mit Richard Parker.

Niels: Mitten in diese nachdenkliche Atmosphäre platzt der pure, gegenwärtige Lebensjubel der Stadt: Coventry City hat gerade den Aufstieg in die Premier League geschafft. Die ganze Stadt befindet sich in kollektiver Jubelstimmung, und überall wehen die hellblauen Flaggen der „Skyblues“ unter einem strahlenden, ebenso blauen Himmel. Welch faszinierender Kontrast zwischen historischer Tiefe und pulsierender Gegenwart.

13:00 Uhr Workshop: Was bedeutet es, Partner der Nagelkreuzgemeinschaft zu sein?

Ergebnisse der Arbeitsgruppen – Protokollfragmente vom Nachmittags-Workshop

AG 1: Dürfen wir in einer Welt voller Kriege überhaupt auf eine „Kultur des Friedens“ hoffen? Hoffnung ist kein Gefühl, sondern eine Praxis.

AG 2: Welchen ersten, kleinen Schritt könnte ich gehen, um den Kreislauf aus Bitterkeit zu unterbrechen? Zuhören. Den Stein im Schuh benennen.

AG 3: In welchen Momenten habe ich erlebt, dass Vielfalt uns nicht schwächt, sondern stärker macht? Im Chor. Wenn verschiedene Stimmen sich zu einem einzigen Akkord fügen.

 

16 Uhr Chorprobe. 17 Uhr Teezeremonie. 18 Uhr Gespräch mit Kate Massey.

Leo: „Zwischen Takt 96 und 97 sackt Ihr im Ton.“ So werden noch allerletzte Wackler aus der Generalprobe, getarnt als Konzert in der Erlöserkirche, für den letzten Feinschliff korrigiert.

Cream Tea. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Niels: Nachmittags tauchen wir erst einmal tief in die englische Lebensart ein und zelebrieren eine echte Cream-Tea-Zeremonie mit warmen Scones, Clotted Cream, Erdbeermarmelade und natürlich feinstem Tee. Anschließend Gespräch mit Kate Massey, Canon für Kunst und Versöhnung: Was für eine zerrissene Welt! Die Diskussionen fordern uns heraus. Als Mitglied des Vorstands der deutschen Nagelkreuzgemeinschaft spüre ich die Beunruhigung dieser schwierigen Zeiten, aber auch die ungemeine Notwendigkeit unserer Arbeit. Wir müssen in Zukunft regelmäßig Menschen nach Coventry bringen, damit sie das hier erleben. Man kann es nicht erklären.

Entschleunigung und Retreat

Freitag, 1. Mai. Ausflug der Gruppe nach Stratford-upon-Avon. Konzertvorbereitungen.

Heinrich Schütz (1585-1672): „Die mit Tränen säen“ – Ein Tag des Innehaltens und des persönlichen Rückzugs. Schütz’ Vertonung erinnert uns daran, dass Versöhnung oft mit Tränen und schmerzhafter Selbsterkenntnis beginnt  – aber die Verheißung in sich trägt, dass wir am Ende mit Freuden ernten werden.

Regina: Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen“… der Raum zwischen Menschen wird mit Gnade und Güte, mit Geborgenheit aufgehoben. Das Wissen um die Not und um die Suche wird in unserer Musik, unserem gemeinsamen Singen als Barmherzigkeit empfunden. Der Hall in der Kathedrale, spürbar wie ein Segen, gibt die Gewissheit.

St. Michael’s House. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Leo: Nach fünf Tagen ist das St. Michael’s House ein Zuhause für uns geworden. Von Anfang an haben wir uns herzlich willkommen gefühlt. Aber durch die gemeinsame Zeit, die wir dort mit Gesprächen, Proben und Gedanken verbracht haben, ist es uns richtig ans Herz gewachsen – ein kleines, vertrautes Domizil im Schatten der gigantischen Kathedrale.

Niels: Die Gruppe fährt nach Stratford, ich bleibe zurück. Ich suche kein Sightseeing, ich suche die Stille von Coventry. Ein persönliches Mini-Retreat. Ich sitze allein beim Morning Prayer, beim Versöhnungsgebet um 12 und beim Evening Prayer. Dass dann nur wenige Leute kommen – manchmal sind wir nur zu dritt oder zu fünft – ändert an der Intensität nichts. Ich schlage das Gebetsbuch auf. Da stehen diese kleinen roten Punkte im Text, die mich zwingen, mitten im Psalmvers innezuhalten. Pause. Atmen. Abends wird in aller Seelenruhe jedes einzelne Gebetsanliegen vorgelesen, das Menschen an die Kathedrale herangetragen haben. Egal, worum es geht. Es tut unendlich wohl zu wissen, dass sie das tun.

 

Resonanz und das Erbe der Zeitzeugen

Samstag, 2. Mai. 12:00 Uhr Versöhnungsgebet und großes Konzert des Vokalensembles in der Kathedrale. Danach Freizeit. 18:00 Uhr Abendessen im Turmeric Gold.

Kathedrale mit Tauffenster. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Bobo Chilcott (*1955): „God so loved the World“ – Am Mittag stehen wir endlich im großen Konzert in der Kathedrale. Chilcotts zeitgenössische, warm fließende Klänge weiten den Raum und bringen die englische Chortradition direkt zu Gehör. Ein Moment der puren, völkerverbindenden Liebe und Wärme.

Leo: Auftrittszeit. Nach dem Versöhnungsgebet singen wir unser Programm in der weiterhin für alle offenen Kirche. Keine großen Reden, kein Konzertrahmen, kein Einlass, nur die Musik und ihr Nachhall in diesem riesigen Klangkörper. Einige hören sie sich gezielt an, andere lassen sich von ihr auf ihrem Rundgang durch die Kirche begleiten. Draußen in den Ruinen wird ein Frühlingsfest gefeiert.

Niels: Das Konzert in der Kathedrale liegt hinter den Sänger:innen, die Anspannung fällt ab. Später sitzen wir in der mittelalterlichen Spon Street beim indischen Essen – was ja die eigentlich wahre britische Nationalküche ist – und trinken Bier im Pub. Und plötzlich bricht es sich mitten in der gelösten Stimmung Bahn: Das Gespräch dreht sich um Ost- und Westdeutschland. Wir merken erschrocken, wie viel unaufgearbeitete Bitterkeit, wie viel Redebedarf und wie viel echte Sehnsucht nach Versöhnung auch in unserer eigenen Heimat schlummert. Daran schließt sich die Mahnung von Kate an: Die Generation derjenigen, die all das hier noch aus erster Hand erlebt haben – die Zerstörung, den visionären Aufbau, die direkte Versöhnung nach dem Krieg – stirbt unaufhaltsam aus. Wir müssen verdammt gut aufpassen, dass Coventry für die Jugend nicht zu einem staubigen Mythos wird. Wir müssen jetzt darüber nachdenken und reden, wie wir dieses Erbe lebendig in die Zukunft tragen.

 

Ausklang: Ein geknüpftes Netz für die Zukunft

Sonntag, 3. Mai. 10:30 Uhr The Cathedral Eucharist (Gemeinsamer Festgottesdienst). Abreise.

Heinrich Schütz (1585-1672): „Verleih uns Frieden“ – Zum Abschluss der Reise wird der alte Flehruf nach Frieden gesungen. Schütz’ innige Vertonung begleitet uns als musikalisches Vermächtnis und als feste Absicht, das Erbe von Coventry lebendig mit in unsere Heimat zu nehmen.

Cathedral Chamber Choir und Vokalensemble ziehen gemeinsam in die Kathedrale ein. Foto: Martin Williams

Niels: Den krönenden Abschluss der Pilgerschaft bildete am Sonntagmorgen der feierliche Hauptgottesdienst in der voll besetzten Kathedrale von Coventry. Hier löste sich jedes Nebeneinander endgültig in einem tiefen Miteinander auf: Das Lüdenscheider Vokalensemble und der Coventry Cathedral Chamber Choir standen als eine einzige, gewaltige Chorgemeinschaft im Chorgestühl. Unter der abwechselnden, wunderbar harmonischen Leitung von Liam Condon (Assistant Director of Music in Coventry) und des Lüdenscheider Chorleiters Patrick Kampf wurde die Liturgie zu einem lebendigen Zeugnis gelebter Partnerschaft. Die Chöre gestalteten den Gottesdienst mit traditionellen englischen Kirchenliedern und brachten als glanzvollen Höhepunkt die strahlende Mendelssohn-Motette „Jauchzet dem Herrn alle Welt“ („Sing and be joyful unto God“) zu Gehör, an der Orgel festlich begleitet von Adam Heron. Nachdem der feierliche, anglikanische Glanz des Gottesdienstes verklungen war, setzte sich diese besondere Atmosphäre ganz informell beim herzlichen Kirchkaffee direkt vor dem großen Glasfenster fort. Bei lebendigen Gesprächen und echter Gastfreundschaft wurde spürbar, dass aus den gemeinsamen Klängen in diesen Tagen tiefe, bleibende Begegnungen erwachsen sind.

Regina: In der Kirche das Baptisteriumsfenster, in dem Licht strahlt, fast explodiert wie eine Stadt in Flammen – wie etwas, das neu geboren wird. Immer das Eine und das Andere und beides wahr. Coventry lehrt im Stein, in Glas, in seiner umarmenden Atmosphäre, über dem offenen Himmel der Ruine. Und wieder: Mauersberger, der Dresden betrauert, und Singen in einer Kathedrale, die Coventry betrauert. Eine Stadt reicht der anderen Stadt die Hand über Jahrzehnte hinweg durch Musik. Nicht das Grauen wegsingen, sondern es aushalten und dann spüren, wie sich etwas darüberlegt – unaufhaltsam, wie Erbarmen. Wir fühlen es in der Ruine: wir stehen, wir drehen uns, nehmen alles wahr und sind dabei still. Weil wir ahnen und wissen, weil die Atmosphäre und die Geschichte gestreichelt werden dürfen. Weil sie uns zeigen und weil sie den Weg zum Frieden, zur Verständigung, zur Versöhnung wissen und uns hinführen. Wir werden uns wiedersehen! Danke!

Leo: Was nehmen wir mit? Nach fünf intensiven Tagen bleibt für uns die Gewissheit, dass es mehr Menschen gibt, die an eine Welt in Frieden glauben. Dass der Weg dahin nicht ohne Versöhnung geht, und dass wir uns auch in unserem täglichen Leben immer wieder versöhnen müssen. Und die uns daran erinnern, dass Versöhnung, mag sie auch manchmal dem menschlichen Impuls zuwiderlaufen und vieles, aber nicht leicht, sein, Feindschaft und Hass immer vorzuziehen ist. Steine, persönliche Reise. Workshop Leitbild.

Niels: Versöhnung fordert uns heraus, gerade in Zeiten, in denen die Welt politisch zerrissen scheint. Der Versöhnungsforscher John Paul Lederach hat recht, wenn er sagt, dass wir uns nie wirklich auf die Arbeit der Versöhnung eingelassen haben, solange nicht unsere eigenen Freunde denken, wir hätten sie verraten. Wir müssen lernen, auf der Seite derer zu stehen, die an den Rand gedrängt werden – aber eben auch den Mut aufbringen, Brücken zu denen zu bauen, mit denen wir uns zutiefst uneins fühlen. Wie den vielen, die in diesem Jahr den Rechtsextremisten ihr Vertrauen und ihre Stimme geben werden. Welche Sorgen, welche Wunden treiben sie an? Wie können wir so mit ihnen ins Gespräch kommen, dass sie sich gehört fühlen und wir selbst auch Gehör finden? Nur wenn wir den Mut zu diesen schmerzhaften Brücken haben, brechen wir den Kreislauf der Bitterkeit.

Coventry hat uns verändert. Aus Fremden wurde eine Gemeinschaft. Aus Tönen wurde Musik. Die grauen Steine liegen jetzt irgendwo in den Nischen der Ruine. Aber die Jutesäckchen sind nicht leer. Sie sind voll mit Licht und Hoffnung.

Autoren: Leo Rolff, Regina Bahlo, Niels Faßbender

Ein Dienst im Zeichen der Versöhnung: Dean John Witcombe tritt in den Ruhestand

Nach fast 13 Jahren wird The Very Reverend John Witcombe am 17. Mai 2026 zum letzten Mal den Gottesdienst in der Kathedrale von Coventry leiten und Ende des Monats in den Ruhestand treten. Für die Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V. ist dies ein Moment des Innehaltens, um auf ein außergewöhnliches Wirken zurückzublicken und von Herzen Danke zu sagen. John Witcombe hat unsere weltweite Gemeinschaft in dieser Zeit maßgeblich geprägt – nicht als ferner Repräsentant, sondern als ein zugewandter Spiritus rector, der die Versöhnungsarbeit mit Leidenschaft und Verstand vorangetrieben hat.

Oliver Schuegraf, Vorsitzender der deutschen Nagelkreuzgemeinschaft, würdigt die Arbeit von John Witcombe im Namen des Vorstandes: „John hat ein großes Herz und ein tiefes Verständnis für die weltweite Dimension der Nagelkreuzgemeinschaft. Es ist ihm auf beeindruckende Weise gelungen, in den unterschiedlichsten geographischen und kulturellen Kontexten ein Botschafter für die Versöhnung im Geiste Coventry zu sein. Er ist ein treuer und immer anregender Begleiter der deutschen Nagelkreuzgemeinschaft gewesen und uns durch viele Besuche freundschaftlich verbunden.“

Der Weg von John Witcombe nach Coventry war geprägt von Vielseitigkeit und einer tiefen theologischen Reflexion, die immer auch die gesellschaftliche Realität im Blick behielt. Nach seinem Jurastudium in Cambridge und einem Auslandsjahr in Manhattan führte ihn sein Weg zur Theologie. Seit seiner Priesterweihe im Jahr 1985 diente er an verschiedenen Stationen der Church of England – von der Gemeindearbeit in ehemaligen Bergbauregionen bis hin zur Ausbildung künftiger Geistlicher als Dekan des St. John’s College in Nottingham.

Im Januar 2013 trat er sein Amt als Dean of Coventry an. In einer Stadt, die für die Zerstörung des Krieges, aber eben auch für die Kraft der Vergebung steht, fand er seine Berufung darin, die Botschaft von Versöhnung und Frieden in die heutige Zeit zu übersetzen.

Struktur und Gemeinschaft

Unter der Leitung von Dean John ist das weltweite Netzwerk der Nagelkreuzgemeinschaft auf fast 300 Partner angewachsen. Er verknüpfte dabei die historische Bedeutung des Nagelkreuzes konsequent mit den aktuellen Herausforderungen unserer Gesellschaft. Sein Verständnis von einer offenen Kirche zeigte sich in sehr praktischen Entscheidungen: Er schaffte die Eintrittsgebühren für die Kathedrale ab, um diesen Ort der Stille und Versöhnung für alle Menschen zugänglich zu machen.

Während des Jahres als Kulturhauptstadt Großbritanniens (2021) positionierte er die Kathedrale als lebendigen Ort der Künste, der Menschen unterschiedlichster Hintergründe zusammenführte. Zudem rief er das „Investors in Hope“-Programm ins Leben, um die Zukunft der Kathedrale und ihrer Versöhnungsarbeit finanziell abzusichern. Doch sein eigentliches Erbe sind die Beziehungen, die er geknüpft hat. Mit seinem Humor, seiner Nahbarkeit und seiner Überzeugung, dass Versöhnung kein statisches Ziel, sondern ein fortwährender Prozess ist, hat er die deutsch-britische Freundschaft innerhalb unseres Netzwerks nachhaltig gestärkt.

Menschliche Nähe und Solidarität in der Krise

Was John Witcombe über seine Ämter hinaus auszeichnet, ist seine großartige menschliche Nähe. Wer ihm begegnet, spürt seine Aufgeschlossenheit und sein echtes Interesse am Gegenüber. Er besitzt die Gabe, auch in komplexen Situationen persönliche Worte zu finden. Für ihn war das Nagelkreuz nie nur ein Symbol, sondern gelebte Praxis im konstruktiven Dialog. Er hat uns gezeigt, dass Versöhnung dort beginnt, wo man einander wirklich zuhört und Brücken baut. Wer Gottesdient mit ihm gefeiert hat, hat gespürt: Gott ist anwesend.

Viele deutsche Mitglieder kennen ihn persönlich von Pilgerfahrten nach Coventry oder von seinen zahlreichen Besuchen in Deutschland. Ob bei Nagelkreuzübergaben, Jubiläen oder seinen Predigten – etwa 2025 in Dresden – seine Worte blieben hängen, weil sie authentisch waren.

Sein Einsatz für den Frieden zeigte sich besonders eindrücklich angesichts der aktuellen Krisen in Europa. Seine Reise in die Ukraine 2024 war weit mehr als eine diplomatische Geste. Es war ein Zeichen der Solidarität, das den Menschen vor Ort in einer Zeit tiefster Verzweiflung Mut und Hoffnung schenkte. Er brachte die Botschaft von Coventry direkt an die Orte, an denen die Wunden der Gegenwart am tiefsten sind – ein Engagement, das weltweit mit großem Respekt wahrgenommen wurde.

Abschied und Wiedersehen in Darmstadt

Im November wird Dean John anlässlich des 60. Jubiläums der Nagelkreuzübergabe am 7. und 8. November 2026 noch einmal nach Darmstadt kommen. Dies wird eine wunderbare Gelegenheit sein, ihn persönlich zu erleben und sich in einem feierlichen Rahmen von ihm zu verabschieden. Wir laden alle Mitglieder und Freunde der Nagelkreuzgemeinschaft herzlich ein, diesen Moment mit uns zu teilen.

Wir danken John Witcombe für seinen unermüdlichen Einsatz, seinen Humor und seine tiefe Überzeugung. Für seinen neuen Lebensabschnitt, den er gemeinsam mit seiner Frau Ricarda und der Familie verbringen wird, wünschen wir ihm Gottes reichen Segen.

Für Vorstand und Leitungskreis der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V.: Niels Faßbender

Zukunft hat der Mensch des Friedens – Versöhnung erleben mit dem Nagelkreuz in Würzburg!

Vom 13. bis 17. Mai 2026 wird Würzburg beim 104. Katholikentag in Deutschland zum Zentrum der Begegnung, und die Nagelkreuzgemeinschaft ist mittendrin. Unter dem Leitgedanken der Versöhnung laden wir alle ein, unsere Gemeinschaft an drei ganz unterschiedlichen Orten zu erleben. Hier findet man uns:

Informationsstand auf der Kirchenmeile

Unser zentraler Anlaufpunkt befindet sich auf der Kirchenmeile im Themenbereich „Ökumene“.

  • Ort: Stand LF-B-34, Dreikronenstraße (zwischen Elstergasse und „Am Dicken Turm“), direkt am Mainufer
  • Öffnungszeiten: Donnerstag 11:30–19:00 Uhr, Freitag 10:30–19:00 Uhr, Samstag 10:30–18:00 Uhr
  • Programm: Erfahren Sie mehr über die Geschichte von Coventry, basteln Sie eigene Nagelkreuze aus Draht oder nehmen Sie an unserem interaktiven Sprachen-Quiz zum Versöhnungsgebet teil.
  • Erreichbarkeit (ÖPNV): Haltestelle „Rathaus“ (Straßenbahnlinien 1, 3, 4, 5), von dort ein kurzer Fußweg über die Alte Mainbrücke zur Dreikronenstraße. Alternativ Haltestelle „Zeller Tor“ (Buslinien 7, 10).

Ökumenisches Friedensgebet

Jeden Freitagmittag wird in Würzburg für Frieden und Versöhnung gebetet – zeitgleich mit dem Gebet in der Ruine der Kathedrale von Coventry und natürlich auch während des Katholikentags – jede:r ist willkommen!

  • Versöhnungsgebet von Coventry, Musik, Wortbeiträge
  • Termin: Freitag, 15. Mai, 13:00–13:30 Uhr
  • Ort: Marienkapelle am Marktplatz (Bürgerkirche)
  • Mitwirkende: Pfr.in Antje Biller, Superintendet a. D. Klaus Majoress und Elisabeth Nikolai
  • Erreichbarkeit (ÖPNV): Haltestelle „Rathaus“ oder „Dom“ (Straßenbahnlinien 1, 3, 4, 5), unmittelbar am Marktplatz gelegen.

„Versöhnliches zur Nacht“

An drei Abenden laden wir zu einem besinnlichen Tagesabschluss ein. Im Mittelpunkt stehen Gedanken zur Hoffnung, Stille und das gemeinsame Glockengeläut.

  • Termine: Donnerstag, Freitag und Samstag (14.–16. Mai), jeweils 20:45–21:00 Uhr
  • Ort: Wilhelm-Schwinn-Platz (Platz der Versöhnung) vor der Kirche St. Stephan
  • Besonderheit am Samstag: Gedenken zum 100. Geburtstag des Theologen Jürgen Moltmann.
  • Erreichbarkeit (ÖPNV): Haltestelle „Sanderring“ (Straßenbahnlinien 1, 3, 4, 5), von dort ca. 3 Minuten Fußweg zum Wilhelm-Schwinn-Platz.

Wir freuen uns aufs Kennenlernen und Wiedersehen in Würzburg!

Vom Ende der Vergeltung: Warum das Nagelkreuz die Logik des Karfreitags neu erzählt

Karfreitag steht im Zeichen der Versöhnung: Bischöfin Dr. Beate Hofmann beleuchtet in ihrer aktuellen Predigt die tiefe Verbindung zwischen dem Karfreitagsgeschehen und der Arbeit der Nagelkreuzgemeinschaft. Vor dem Hintergrund, dass Kassel erst vor wenigen Wochen offiziell als neues Nagelkreuzzentrum in die weltweite Gemeinschaft von Coventry aufgenommen wurde, schlägt sie eine beeindruckende Brücke von der Geschichte der Zerstörung hin zu einer lebendigen Kultur des Friedens. Erfahren Sie hier, wie aus Ruinen Hoffnung wächst und was die Botschaft des Nagelkreuzes uns heute zu sagen hat.

Liebe Gemeinde,
seit fünf Monaten ist die Martinskirche jetzt Teil der internationalen Nagelkreuzgemeinschaft. Seit fünf Monaten steht das Nagelkreuz in jedem Gottesdienst auf unserem Altar und hält die Frage wach: Was heißt Versöhnung heute und hier?

Vielleicht haben Sie bei dieser Frage ganz persönliche Momente der Versöhnung vor Augen, zuhause in der Familie nach einem Streit, in der Politik, wenn nach einem heftigen Wahlkampf Parteien trotzdem miteinander reden und gemeinsam regieren müssen. Vielleicht haben Sie auch berühmte Handschlagmomente aus der großen Politik vor Augen, 1998 das Karfreitagsabkommen für Nordirland zwischen Protestanten und Katholiken z.B. oder das berühmte Handschlagfoto in Camp David 1978 mit dem israelischen Ministerpräsidenten Menachem Begin und dem ägyptischen Präsidenten Anwara as-Sadat, vermittelt vom US-Präsidenten Jimmy Carter.

Die Gründungsgeschichte des Nagelkreuzes schildert auch so einen Versöhnungsmoment. 1940 wurden Coventry und seine gotische Kathedrale durch deutsche Bomben zerstört. Richard Howard, der Dompropst fand beim Gang durch die Trümmer Nägel des Dachstuhls, formte sie zu einem Kreuz und befestigte sie an einer stehengebliebenen Wand. Daneben schrieb er die Worte: „Father, forgive“. Nicht „vergib ihnen“, sondern „vergib“. Das Nagelkreuzgebet, das daraus erwachsen ist und das wir vorhin gebetet haben, es erläutert das: Vergib, was durch Hass oder Gier, durch Teilnahmslosigkeit oder Gottvergessenheit in dieser Welt geschieht. Das heißt: Alle brauchen Vergebung, weil alle beigetragen haben zu diesem Konflikt.

Der heutige Predigttext aus dem 2. Korintherbrief erinnert uns an die theologische Basis unseres Nachdenkens über Versöhnung und er zeigt, wie Versöhnung und Vergebung zusammengehören:

„Aber das alles ist von Gott, der uns mit sich selber versöhnt hat durch Christus und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt. Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!“ (2.Kor 5,18-20)

In diesen wenigen Zeilen macht Paulus der Gemeinde in Korinth klar: Versöhnung ist nicht eine menschliche Leistung. Versöhnung geschieht durch Gott, ja, sie ist schon geschehen. In Christus hat Gott die Welt mit sich versöhnt. Gott nimmt uns an, steht weiter zu seiner Liebe zu uns und vergibt uns unsere Schuld, unsere Abkehr, unser Desinteresse.

Versöhnung, das ist ein Beziehungsgeschehen. Versöhnung heißt: „Ich weiß, was du Schlimmes getan hast, aber das soll uns nicht länger voneinander trennen.“ Versöhnung heißt nicht: „Es ist alles egal, Schwamm rüber.“ Versöhnung heißt: „Wir respektieren die Wunden, die wir uns zugefügt haben, aber wir wollen uns nicht weiter Schmerzen zufügen, sondern gemeinsam Zukunft gestalten. Unsere Beziehung soll auf andere Füße gestellt werden.“

Versöhnung ist ein Zustandswechsel: Aus Feindschaft wird Frieden, aus Leben in getrennten Welten wird Gemeinschaft. Diesen Raum der Versöhnung eröffnet Gott uns und lädt uns ein, hineinzutreten in diese andere Beziehung: in die Beziehung mit Gott, aber auch untereinander. Denn wer aus der Versöhnung Gottes lebt, der kann nicht weiter andere Menschen hassen.
Die Bitte „Lasst euch versöhnen mit Gott!“ bringt gut auf den Punkt, wie das beginnt. Diese Bitte bedrängt nicht, sondern sie lädt ein. Ja, Versöhnung ist darauf angewiesen, dass die Menschen sich bitten lassen. Versöhnung braucht innere Einsicht und Bejahung.

In den Passionserzählungen der Evangelien wird deutlich, wie Jesus selbst diesen Geist der Versöhnung lebt. Im Lukasevangelium, das wir vorhin gehört haben, sagt Jesus am Kreuz: „Vater, vergib ihnen.“ Nicht jeder hat diese Größe, in einem Moment großen Schmerzes denen zu vergeben, die diese Schmerzen zufügen. Aber die Erfahrung der Nagelkreuzbewegung zeigt: man kann hineinwachsen in eine Haltung, in der Versöhnung möglich wird und Vergeltung nicht mehr wichtig ist. In der Regel der Nagelkreuzgemeinschaft heißt es dazu:

„In Lobpreis, Klage und Fürbitte reden wir mit Gott. Christus lädt uns ein in die Gemeinschaft der Versöhnten. … Im Schweigen, in der Stille und im Hören auf Gott öffnen wir uns der Wirklichkeit Gottes. … Wir verbinden uns mit dem Leiden dieser Welt, mit den Verletzten, mit den Verfolgten, mit den Bedrängten und Missbrauchten . Wir wollen Fremdheit überwinden, Spannungen und Konflikte aushalten, Freude und Trauer teilen, und von eigenen Stärken und Schwächen sprechen lernen.“

Auch in der Kirche, auch in Nagelkreuzzentren begegnen sich Menschen mit ihren Beschränkungen, Eigenheiten und Verwundungen. Es kommt auch hier zu Spannungen und Konflikten. Die Nagelkreuzgemeinschaft hilft dabei, solche Konflikte auszuhalten und miteinander zu sprechen über das, was schwierig ist, was kränkt oder verletzt und sich dabei zuzuhören.

Solche Momente ereignen sich oft in alltäglichen Situationen, in einem Schulhof, wenn Streitschlichter dafür sorgen, dass Kinder sich gegenseitig zuhören und einen Konflikt klären. Oder wenn es in Familien oder Nachbarschaften oder Kirchengemeinden gelingt, die verschiedenen Perspektiven nebeneinander zu legen und sich gegenseitig zuzuhören. Das nimmt die Verletzungen nicht weg, es nimmt auch nicht alle Konfliktpunkte einfach weg, aber im Zuhören, in einer Haltung, die auch die Wunden des anderen sieht, öffnet sich ein Weg, anders miteinander umzugehen.
Meist steht am Anfang von solchen Versöhnungsprozessen jemand, der aus dem Geist der Versöhnung heraus den Mut hat, aus dem Kreislauf von Hass und Gewalt auszusteigen. Eine Geschichte, die mich besonders berührt hat, ist die von Gordon Wilson und dem „Geist von Enniskillen” aus Nordirland.

Am 8. November 1987 legten Gordon Wilson, ein methodistischer Diakon und Händler aus Enniskillen, einer Stadt in Nordirland, und seine 20-jährige Tochter Marie einen Kranz beim Remembrance-Day-Gottesdienst nieder, als eine IRA-Bombe explodierte. Marie starb in seinen Armen; ihre letzten Worte an ihn waren: „Daddy, I love you very much.” Nur Stunden später sagte Wilson in einem weltberühmten BBC-Interview: „Ich habe keine bösen Gefühle. Ich grolle niemandem … Ob sie hier auf Erden verurteilt werden oder nicht … das letzte Wort hat Gott. Ich vergebe ihnen.”

Seine Worte verhinderten wahrscheinlich protestantische Vergeltungsschläge. Die lokale Führung der protestantischen Terrorgruppen fühlte sich so beschämt, dass sie keine Racheakte verübte – ein seltener Fall in den Troubles. Wilson wurde zum Patron der später gegründeten Spirit of Enniskillen Trust, die bis heute junge Menschen aus Konfliktregionen zusammenbringt.
Bei dieser Erzählung musste ich an die Witwe von Charlie Kirk denken, die bei der Trauerfeier für ihren ermordeten Mann auch sehr klar sagte: „Ich vergebe dem Täter“. Wie wohltuend anders war das als die aufhetzende Botschaft, die der Präsident der USA aus diesem Mord abgeleitet hat.

Einen Einblick in Versöhnungsprozesse bietet auch das Parent-Circle Family Forum in Israel. Parents Circle – Families Forum (PCFF) ist eine gemeinsame israelisch-palästinensische Organisation von über 850 Familien, die durch den Nahostkonflikt Angehörige verloren haben. Seit 1995 engagieren sie sich für Versöhnung, Dialog und ein Ende der Gewalt, anstatt Rache zu üben. Sie führen Bildungsarbeit und interkulturelle Projekte durch. Die Mitglieder treffen sich zunächst in palästinensischen oder israelischen Gruppen. Ihre wichtigste Form der Friedensarbeit sind Dialog-Veranstaltungen: Je eine Person mit israelischem und palästinensischem Hintergrund, die Familienmitglieder in den Konflikten verloren haben, sprechen über ihre Erfahrungen und ihren Wunsch nach Ende der Gewalt.

Was genau geschieht da: PCFF öffnet einen Raum, in dem sich Menschen von beiden Seiten ihre persönlichen Geschichten von Schmerz und Verlust erzählen. Sie hören einander zu. Dadurch werden sie nicht gleich Freunde, aber sie sehen den Menschen im anderen, nicht nur den Feind. Und das verändert Beziehungen und durchbricht den Kreislauf von Angst, Gewalt und Entmenschlichung. Parents Circle – Families Forum ist vielleicht die einzige Organisation, die sich wünscht, auf keinen Fall Zuwachs zu bekommen, denn alle Mitglieder haben Angehörige im Konflikt verloren – und dennoch entschieden, dass Schmerz und Verlust nicht zur Quelle von Hass werden dürfen. Stattdessen suchen sie das Gespräch mit der „anderen Seite“, hören zu, erzählen ihre Geschichten und zeigen: Frieden wächst nicht aus Stärke, sondern aus Menschlichkeit.

Es hat mich beeindruckt, was die Organisation am 7. Oktober 2025, zwei Jahre nach dem grauenhaften Angriff der Hamas auf Israel und den Beginn des Ga-zakriegs gesagt hat:

„Heute, da sich ein kleines Fenster der Hoffnung öffnet, rufen wir erneut: Kehrt zur Menschlichkeit zurück und macht dies zum Wendepunkt. Diese zwei Jahre haben unseren Glauben nicht erschüttert, sondern gestärkt. Wir wissen, dass menschliche Verbundenheit stärker ist als Hass, dass Empathie selbst die tiefsten Gräben überbrücken kann und dass keine Familie – ob israelisch oder palästinensisch – das ertragen sollte, was wir ertragen haben. Beide Bevölkerungen müssen aufhören, sich gegenseitig Leid zuzufügen, und aufhören, das Leben in unserer Region zu betrachten, als müsse das Überleben des einen Volkes auf Kosten des anderen gehen. Die Menschlichkeit des anderen anzuerkennen bedeutet, das gleiche Recht aller – Palästinenser:innen wie Israelis – auf ein Leben in Würde, Sicherheit und Freiheit anzuerkennen.“

Das Nagelkreuz symbolisiert genau diesen Geist: Diese Nägel könnten nicht nur einen Dachstuhl zusammenhalten; sie sehen auch aus wie die Nägel, mit denen Christus ans Kreuz geschlagen wurde. Das ist die Botschaft, die für mich in diesem Kreuz steckt: Versöhnung, das geschieht, wenn Folterwerkzeuge zu einem Kreuz werden, statt Menschen zu quälen. Es ist genug gelitten und gestorben worden, ein für alle Mal. Christus hat den Kreislauf von Hass und Gewalt verlassen und den Raum der Versöhnung für uns eröffnet.

Darum ermöglicht die Versöhnung mit Gott die Versöhnung unter uns Menschen. Und darum ist der Friede Gottes auch die Wurzel unseres Engagements für den Frieden in der Welt. Christus stiftet uns an, aus Versöhnung zu leben und andere mit diesem Geist anzustecken.

Räume zu öffnen, dass Menschen sich begegnen, zuhören, verwandeln lassen vom Geist der Versöhnung, die Gott uns schenkt, das ist unsere Aufgabe als Christinnen und Christen. Wir lassen uns nicht entmutigen von der Gewalt und dem Hass, von dem scheinbaren Sieg der Stärkeren in dieser Welt. Wir glauben an die Kraft der Versöhnung und wir leben aus dieser Kraft.
Und der Friede Gottes, aus dem Frieden in unserer Welt wächst, er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Autorin: Bischöfin Dr. Beate Hoffmann, Kassel

In der Geografie des Schmerzes: Hanau und die Grammatik der Versöhnung

Wenn Trümmer der Vergangenheit auf die Wunden der Gegenwart treffen, entsteht ein Raum, der weit über die Grenzen einer hessischen Stadtkirchengemeinde hinausreicht. Am vergangenen Sonntag (22. März 2026) wurde der Evangelischen Stadtkirchengemeinde Hanau das Nagelkreuz von Coventry übergeben – ein Akt, der nicht nur die historische Zerstörung von 1945 reflektiert, sondern sich mutig den rassistischen Erschütterungen der jüngsten Zeit stellt. Lesen Sie hier, wie ein samoanisches Ritual, die Musik aus fünf Jahrhunderten und ein Gebet für die bedrohte Welt Hanau zu einem neuen Zentrum der internationalen Nagelkreuzgemeinschaft machten.

Dorf A, Dorf B und die „Finemat“: Eine Liturgie der Demut
Es ist ein archaisches Bild, das die Konfirmand:innen der Gemeinde im Festgottesdienst am 22. März 2026 in den Raum stellten: Wenn auf Samoa ein Konflikt zwischen Gemeinschaften schwelt, kniet der Chief des schuldigen Dorfes vor dem anderen nieder, verborgen unter einer schweren, oft mit roten Federn verzierten Grasmatte – der „Finemat“. In der unerbittlichen tropischen Hitze harrt er aus, ein Bild der totalen Prekarität und Demut, bis er ins Dorf gerufen wird. Dieser Ifoga-Ritus markiert den Nullpunkt, an dem Vergebung möglich wird und ein gemeinsames Mahl die Versöhnung besiegelt.

Dass dieses Ritual aus Anlass der Nagelkreuzübergabe in Hanau nachempfunden wurde, war kein bloßes exotisches Ornament. Es war charakteristisch für eine Feier, die an Internationalität und musikalischer Dichte kaum zu übertreffen war. Während das Ensemble „Hortus Hibernus“ mit einer nuancierten A-cappella-Kultur den Bogen von deutscher zu englischer Polyphonie spannte, wurde spürbar, dass Versöhnung hier nicht als wohlfeile Floskel, sondern als mühsame, klangvolle Arbeit verstanden wird.

Die Übergabe: Ein Prisma für das kirchliche Handeln
Canon Kate Massey aus Coventry überreichte das Nagelkreuz als sichtbares Zeichen der Zugehörigkeit zur weltweiten Gemeinschaft. In ihrer Predigt zeichnete sie das Bild der Versöhnung als ein „theologisches Prisma“, durch das alles kirchliche Handeln betrachtet, orientiert und evaluiert werden müsse. Für Hanau bedeutet dies eine feste Verankerung in einer Geschichte, die – wie die von Coventry – am 19. März 1945 in Schutt und Asche versank. Doch das Gedächtnis der Marienkirche, die kurz vor ihrer feierlichen Wiedereröffnung als „Marienkirche 2.0“ steht, reicht tiefer in die Gegenwart hinein.

Ein Moment der Verdichtung: Die bedrohte Welt in Hanau
Der vielleicht eindrücklichste Moment an diesem Sonntag war die Gestaltung der Fürbitten. Vor dem Hintergrund der Hanauer Geschichte – der weit zurückliegenden Zerstörung im Krieg ebenso wie der immer noch präsenten Wunden – weiteten sich die Gebete ins Globale. Es wurde für die Opfer von Krieg, Hass, Gewalt und Unterdrückung gebetet: in Israel und Gaza, im Iran, in Russland und der Ukraine, im Südsudan und schließlich mitten in Deutschland, in Hanau.

Plötzlich war die gesamte bedrohte Welt in der Stadtkirche präsent. In diesem Augenblick schien sich die Geografie des Leids an einem Ort zu verdichten. Das gemeinsame Singen von „Herr, gib uns deinen Frieden“ war hier kein rituelles Anhängsel, sondern ein existenzieller Aufschrei.

„Say their names“: Von Elisabeth Schmitz bis heute
Die Aufnahme in die Nagelkreuzgemeinschaft ist für Hanau die Konsequenz einer langjährigen Profilbildung. Das Erbe der Hanauerin Elisabeth Schmitz, die als mutige Stimme der Bekennenden Kirche bereits 1935 gegen die Judenverfolgung protestierte, bildet das ethische Fundament der Gemeinde.

Dieses Fundament wurde am 19. Februar 2020 erneut auf die Probe gestellt, als ein rassistisches Attentat die Stadt erschütterte. In Anlehnung an die Aktion „Say their names“ wurden im Gottesdienst die Namen der Opfer laut ausgesprochen: Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili Viorel Pӑun, Fatih Saraçoǧlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov.

In einer Geste radikaler christlicher Versöhnungsarbeit wurde auch Gabriele Rathjen gedacht. Als Mutter des Attentäters, die ebenfalls von ihrem Sohn erschossen wurde, steht ihre Nennung für die schmerzhafte Erkenntnis, dass Gewalt Kreise zieht, die auch die engsten Bindungen vernichten. Ihre Aufnahme in das Gedenken ist ein Zeugnis für den Anspruch der Gemeinde, keine Ausgrenzung zu reproduzieren, sondern die „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“ zu suchen, wie sie schon in der Hanauer Union von 1818 angelegt war.

Ausblick: Ein lebendiges Zentrum der Vielfalt
Die Stadtkirchengemeinde Hanau bringt eine reiche Praxis in die Nagelkreuzgemeinschaft ein: Vom interreligiösen Dialog zwischen Juden, Christen und Muslimen bis hin zu den internationalen „Gospel Services“, die gemeinsam mit afrikanischen Migrationsgemeinden gefeiert werden. Mit der Gründung eines eigenen Versöhnungsausschusses im Kirchenrat verstetigt die Gemeinde diesen Weg.

Wir heißen die Stadtkirchengemeinde Hanau herzlich in der unserer Gemeinschaft willkommen. Wir freuen uns darauf, wenn das neue Zentrum seine Arbeit auf der Mitgliederversammlung 2027 vorstellen wird. Hanau hat gezeigt: Versöhnung ist kein Zustand, sondern ein Prozess der ständigen Verdichtung von Geschichte, Gegenwart und Hoffnung.

Autor:innen: Antje Biller, Niels Faßbender

Jetzt anmelden: Young Reconcilers’ International Gathering 4. bis 7. August 2026 in Coventry

Du bist zwischen 18 und 25 und hast Lust auf internationale Begegnung, starke Gespräche und neue Perspektiven? Dann melde Dich an: Vom 4. bis 7. August 2026 findet in Coventry das Young Reconcilers’ International Gathering der Community of the Cross of Nails (CCN) statt – unter dem Motto: „Change yourself – Change the World.“

Beim Gathering kommen junge Erwachsene aus verschiedenen Ländern Europas zusammen, um sich über Glauben, Frieden, Gerechtigkeit und das Leben in herausfordernden Zeiten auszutauschen. Geplant sind gemeinsame Gebetszeiten und Gottesdienste, Workshops, Diskussionen, kreative Formate und Begegnungen mit anderen jungen Menschen aus dem CCN-Kontext – also kein trockener Vortrag, sondern ein lebendiges internationales Miteinander. In Planung sind u. a. eine Einführung in die Coventry-Story, ein interreligiöser Friedensweg durch Coventry, Workshops zu Vorurteilen, Dialog und Versöhnung sowie kreative Zugänge zum Versöhnungsgebet von Coventry.

Wichtig für Interessent:innen aus Europa (ohne UK und Irland):
Die Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland übernimmt für bis zu 10 Teilnehmende die Teilnahmegebühr und Unterkunft. Die Reisekosten müssen grundsätzlich selbst getragen werden. Wenn der Flug oder die Anreise finanziell schwierig ist, kann aber ggf. ein Zuschuss gewährt werden – niemand soll zuhause bleiben müssen, weil das Geld für die Reise fehlt.

Anmeldung ab sofort möglich!
Die Anmeldung ist nun offiziell freigeschaltet. Du kannst Dich direkt über die Website der Coventry Cathedral für das Gathering eintragen: https://www.coventrycathedral.org.uk/events/community-of-the-cross-of-nails-young-reconcilers-gathering

Weitere Informationen zu Programm, Unterkunft und organisatorischen Fragen folgen demnächst. Ein Infoflyer kann hier heruntergeladen und gerne weitergegeben werden. Bei Fragen schreibe gerne an jugendkonferenz@nagelkreuz.org.

Ein Freund ist von Bord gegangen – zum Tod von Peter Voigt

Die Nagelkreuzgemeinschaft trauert um Peter Voigt. Am 23. Februar 2026 ist unser Gründungsmitglied und guter Freund nach längerer Krankheit im Kreise seiner Familie friedlich eingeschlafen. Mit ihm verlieren wir einen engagierten Versöhner und eine Persönlichkeit, die unsere Gemeinschaft über Jahrzehnte geprägt hat. Viele von uns verlieren mit ihm zudem einen verlässlichen Weggefährten und persönlichen Freund.

Peters Verbindung zur Versöhnungsarbeit begann früh. Der Grund dafür liegt in einem Jahr, das für viele längst Geschichte ist und für ihn doch gegenwärtig blieb: 1959 reiste er mit der Kantorei der Hauptkirche St. Katharinen in Hamburg zu einer Konzertfahrt nach Großbritannien. Als erster deutscher Chor sangen die Hamburger damals vor dem Versöhnungsaltar in den Ruinen der zerstörten Kathedrale von Coventry. Auf dieser Reise begegneten die jungen Sänger nicht nur Offenheit, sondern auch Misstrauen und unverhüllter Distanz. Zur Begrüßung fielen Sätze wie: „Jetzt kommt ihr mit Stimmen vom Himmel und nicht mit Bomben vom Himmel.“ Solche Sätze vergisst man nicht. Die unmittelbare Begegnung mit den Wunden des Krieges – und zugleich mit dem Geist von Coventry – hat Peter tief berührt und nachhaltig geprägt.

Als am 3. Februar 1961 das Nagelkreuz aus Coventry an die Hauptkirche St. Katharinen übergeben wurde, war das ein historischer Tag: ein Zeichen der Vergebung zwischen ehemaligen Feinden fand seinen Ort in einer Kirche, die selbst die Zerstörung des Krieges erfahren hatte. Später übernahm Peter die Versöhnungsarbeit in seiner Heimatgemeinde und führte die Ideen der Nagelkreuzgemeinschaft dort mit großem Engagement weiter.

Seit der Gründung der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V. im Jahr 1992 gehörte er ganz selbstverständlich dem Leitungskreis an und half, den Verein durch seine ersten, nicht immer einfachen Jahre zu führen. In seinen Aufzeichnungen erinnerte er sich später mit leiser Ironie an die mitunter hitzigen Debatten jener Zeit und an die wechselnden Kassenführer.

Von 2004 bis 2015 übernahm er selbst das Amt des Schatzmeisters. Als Kaufmann, hauptberuflich in der Ölbranche tätig, kannte er sich mit Zahlen, Ordnung und Übersicht aus. Bemerkenswerter war vielleicht etwas anderes: Er machte aus den naturgemäß trockenen Beratungen zum Jahresetat keinen unerquicklich langen Pflichtteil. Mit hanseatischer Lakonie und sicherem Gespür für den Ton wurden diese Beratungen auf den Mitgliederversammlungen zu einem eigenen Ereignis. Viele erinnern sich daran bis heute mit einem Lächeln.

Neben seiner Tätigkeit im Vorstand lag Peter die Arbeit in Osteuropa besonders am Herzen. Durch zahlreiche Reisen zu den Zentren unserer osteuropäischen Partner unterstützte er in seiner ruhigen, pragmatischen Art tatkräftig den Aufbau unseres Netzwerks. Er tat dies ohne Pathos, aber mit Beharrlichkeit – und gerade darin lag seine Wirkung.

Als im Jahr 2024 schließlich auch die übrigen Hamburger Hauptkirchen ein Nagelkreuz erhielten, war das für Peter mehr als ein äußerer Erfolg. Es war eine Bestätigung – und wohl auch die Erfüllung dessen, woran er selbst ein Leben lang mitgearbeitet hatte: zu erleben, wie die Versöhnungsidee in seiner geliebten Heimatstadt weiterwuchs und Gestalt gewann.

Lieber Peter, Du hast einmal geschrieben, dass die Nagelkreuzgemeinschaft seit Jahrzehnten im Sinne der Versöhnung nach gewaltfreien Wegen der Konfliktlösung sucht. Du selbst hast diese Haltung ein Leben lang verkörpert. Nun hast Du Deine letzte große Reise angetreten. Wir blicken in tiefer Verbundenheit und großer Dankbarkeit auf die gemeinsame Zeit zurück. Wir wissen nicht, wie Du diesen Nachruf kommentiert hättest. In einem aber sind wir sicher: knapp, trocken, freundlich – und ohne jedes überflüssige Wort. Bestimmt hättest Du uns, trotz unserer Trauer, zum Schmunzeln gebracht. Wir werden Dein Andenken in Ehren halten. Tschüs, Peter!

Vorstand und Leitungskreis der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V.

Ein Brief aus den USA: Versöhnung in angespannten Zeiten

Viele von uns blicken mit Sorge auf die politische und gesellschaftliche Zuspitzung in den Vereinigten Staaten. Zugleich verbindet uns mit der amerikanischen Nagelkreuzgemeinschaft seit langem eine geistliche und praktische Weggemeinschaft: Nähe im Gebet, Aufmerksamkeit im Zuhören, Lernen voneinander – statt Urteilen aus der Ferne. Vor diesem Hintergrund haben wir Robert T. J. Childers, den Vorsitzenden der Nagelkreuzgemeinschaft in den USA, um eine persönliche Standortbestimmung gebeten: Wie wird die gegenwärtige Lage vor Ort erlebt? Was bedeutet Versöhnungsarbeit jetzt – und wovon lebt sie? Robert antwortet als Bürger und Christ – und als jemand, der selbst in Coventry gelebt hat. Seine Überlegungen führen von den Worten nach der Zerstörung der Kathedrale 1940 über das Vaterunser zu der Frage, wie Vergebung und Versöhnung in dunklen Zeiten nicht bloß „eine gute Geschichte“, sondern Evangelium bleiben. Zugleich bittet er um unser Gebet und unseren Rat.

 

Gnade sei mit euch und Friede von euren amerikanischen Brüdern und Schwestern in der Nagelkreuzgemeinschaft.

 

Es hat mich bewegt und mir das Herz erwärmt zu hören, dass ihr in euren Gebeten unserer Nagelkreuzgemeinschaft gedenkt – und zugleich unseres Landes –, während wir hier in den Vereinigten Staaten innere Spannungen und Bedrängnis erfahren. Gerne folge ich als Vorsitzender der Nagelkreuzgemeinschaft in den Vereinigten Staaten eurer Bitte und schreibe euch einige Gedanken zum Leben in Amerika in dieser Zeit. Die 1960er Jahre, mit Vietnamkrieg und Bürgerrechtsbewegung, waren in unserem Land überaus stürmische Jahre; damals war ich noch ein Kind und habe die Ereignisse, während sie geschahen, nicht in ihrer ganzen Bedeutung ermessen.

 

Sorge, Spaltung und Dunkelheit der Gegenwart

 

Heute aber bin ich erwachsen: Vater und Großvater, früher Jurist, heute anglikanischer Priester. Darum bin ich in Sorge um die Zukunft meiner Kinder und ihrer Kinder. Ich sorge mich um die Zukunft unserer verfassungsmäßigen Demokratie. Ich sorge mich um die, die verwundbar sind – um Witwen und Waisen, um Fremde und Heimatlose. Ich sorge mich um „einen von diesen meinen geringsten Brüdern“ (Matthäus 25,40), die durch das Handeln unserer gegenwärtigen Regierung Schaden nehmen.

 

Ich sorge mich um die Spaltungen, die sich auf nahezu allen Ebenen unseres Landes zeigen: in Familien, in Kirchen, in Gemeinden und weit darüber hinaus. Die meisten von uns kennen – je auf ihre Weise – Angst, Zorn, Erschöpfung, Verwirrung und Entfremdung. Viele haben sich in ihren „Stamm“ zurückgezogen, wo man sprechen kann, ohne Vergeltung fürchten zu müssen. Doch das schafft nur noch mehr Isolation und Polarisierung. Ausweichen scheint das verbreitetste Mittel zu sein, durch diese Zeit zu kommen. Es sind dunkle Tage in unserem Land, und ich fürchte, es wird schlimmer werden, ehe es besser wird.

 

Ich sage dies als Christ, der an Hoffnung, Erlösung und Auferstehung glaubt. Und doch musste ich in den letzten Monaten meinen Glauben vertiefen und mich mit ganzer Kraft an die Gnade und Gegenwart Christi halten, um hoffnungsvoll zu bleiben. Die Nagelkreuzgemeinschaft – geboren aus der Zeit nach der Bombardierung der Kathedrale im Jahr 1940 – und meine eigene Erfahrung, als Praktikant in der Kathedrale zu leben und zu arbeiten, sind mir durch mein erwachsenes Leben hindurch Quelle von Kraft und Inspiration gewesen.

 

Coventry als Maßstab: Vergebung statt Vergeltung

 

In den letzten Monaten, während ich darum rang, die Handlungen unserer jetzigen Regierung zu verstehen und auf sie zu antworten, habe ich unzählige Stunden damit verbracht, über die Worte von Provost Howard nach der Bombardierung der Kathedrale am 14. November 1940 nachzudenken, zu beten und Tagebuch zu führen. Kurz nach der Bombardierung fasste er den Entschluss, nicht nach Rache zu suchen, sondern um Vergebung und Versöhnung zu ringen – mit denen, die für diese Zerstörung verantwortlich waren. Am Weihnachtstag 1940 erklärte er, er versuche, alle Gedanken der Vergeltung zu bannen, um „in den Tagen nach diesem Streit eine freundlichere, einfachere – eine mehr dem Christkind ähnliche Welt“ zu schaffen.

 

Und dann sagte er in der Weihnachtssendung des BBC-Auslandsdienstes („Empire Broadcast“) von 1946 – im Gespräch mit einem römisch-katholischen Priester in Hamburg –: „Über das Christkind hinweg strecke ich meine Hand aus und lege sie in die deine, mein Bruder … [und spreche das Wort] Vergebung …“ Priester Mecklenburg antwortete: „Eure Botschaft von Vergebung und Neugeburt weckt ein Echo in meinem Herzen. ‚Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.‘ … Wenn wir nur Bitterkeit und Hass ausstoßen und neu anfangen könnten, dann, so glaube ich, können [wir] in Frieden und Brüderlichkeit zusammenleben.“ (Ruined and Rebuilt: The Story of Coventry Cathedral 1939–1962, Richard Howard, S. 106–107)

 

Provost Howards Worte waren mir Inspiration und Trost; schwer aber war, sie in mir selbst wahr werden zu lassen – als Teil meiner eigenen Gedanken, Worte und Taten. Wenn seine Geschichte und seine Erfahrung nach dem Bombardement von Coventry auf unsere Lage heute nicht anwendbar sind, dann ist Coventrys Geschichte nur eine gute Geschichte – keine Evangeliumsgeschichte.

 

Und doch weiß ich: Der Dienst der Versöhnung, der aus Coventry hervorgewachsen ist und aufgeblüht ist, ist heilig, evangeliumsgemäß und von bleibender Geltung. Wie also kann ich ihn verkörpern? Wie können wir – Christen, die Christus nachzufolgen suchen – diese Geschichte von Vergebung und Versöhnung zu unserer eigenen Geschichte machen?

 

Das tägliche Brot: Würde, Zusage, Aufrichtung

 

Für mich kam die Antwort durch Priester Mecklenburg, der sagte, Provost Howards „Botschaft von Vergebung und Neugeburt weckt ein Echo in meinem Herzen“. Und dieses Echo kam aus den Worten Jesu, der uns im Vaterunser beten lehrt. Bevor wir den Vater um Vergebung bitten, bitten wir um unser tägliches Brot. Gewiss: Das meint tägliche Nahrung und Stärkung. Aber ich glaube, Jesus lässt uns um mehr bitten als um Brot für den Leib.

 

Wie schwer muss das Beten in den Tagen nach der Bombardierung gewesen sein. In welch scheinbar hoffnungsloser Lage befanden sich Provost Howard und die Menschen von Coventry. Als er durch Trümmer und Ruinen der Kathedrale ging und betete, suchte er – so glaube ich – mehr als Brot.

 

Als die Angreifer Coventry vernichten wollten – die Stadt in Trümmer legen und ihre Bewohner auslöschen –, brauchte Provost Howard die Gewissheit, dass er, seine Stadt und ihre Menschen zählen. Er bat gewiss um sein tägliches Brot; aber er bat auch um das Brot der Liebe Gottes: dass der Lebensatem, den ihm der Schöpfer des Universums eingehaucht hat, aus ihm und aus seiner Stadt hervorleuchte. Er bat um die Gewissheit jener Würde, die ihm in der Taufe zugesprochen ist: dass er ein Kind Gottes ist.

 

Und – so glaube ich – er empfing dieses Brot; er wusste sich vergeben, mit Gott versöhnt. In dieser Erkenntnis konnte er seine „Feinde“ ansehen und in ihnen Kinder Gottes erkennen. Er begriff im Innersten: Wer sein tägliches Brot empfangen hat, kann es den anderen nicht vorenthalten. Von Gottes Liebe und Vergebung aufgerichtet und genährt, konnte er nicht anders, als seine Feinde zu lieben und ihnen zu vergeben. Vergebung zu verweigern hieße, das Geschenk zu mindern, das er empfangen hatte.

 

Die Hand ausstrecken: den Gegner als Mitmenschen sehen

 

Ich merke, dass ich weit ausgeholt habe: über die Gedanken und Gebete von Provost Howard – und dass ich dann gewagt habe zu deuten, wie er an den Ort der Vergebung und Versöhnung gelangte. Aber ich sage es offen: Ohne diese geistliche Übung, ohne diesen Weg im Gebet und im Nachsinnen, wäre ich – so glaube ich – längst vom Hass aufgezehrt und von Rachegedanken gegen manche meiner eigenen Brüder und Schwestern hier in Amerika beherrscht. Denn es drängt sich mir der Eindruck auf, dass die Absicht unserer gegenwärtigen Regierung dahin geht, alles zu beseitigen, was widerspricht oder im Wege steht: Menschen und Dinge, die ihren Vorhaben und ihrer Agenda nicht dienen, sollen abgeschafft und zerstört werden.

 

Nur im Gebet und in der Meditation, nur im stillen Nachdenken über Coventry und das Nagelkreuz, ist mir überhaupt erst möglich geworden, anzufangen, die, deren Politik, Maßnahmen und Überzeugungen ich widerstreite, als Mit-Kinder Gottes zu sehen. Mich meiner eigenen Würde und Menschlichkeit zu erinnern – und in dieser Wahrheit zu leben –, das gibt mir Raum und Mut, auf die zuzugehen und ihnen die Hand entgegenzustrecken, mit denen ich nicht einverstanden bin. Es ist ein Ringen, und ich bin unterwegs; ich bin nicht am Ziel. Aber ich glaube: Einen anderen Weg nach vorn gibt es nicht als den durch Liebe und Versöhnung.

 

Gebet und Versöhnung: Widerstand ohne Hass

 

Wenn mir in den vergangenen Monaten etwas klar geworden ist, dann dies: Ich kann keine Veränderung bei denen erwarten, mit denen ich nicht übereinstimme – und ich sollte nicht nach ihr suchen –, solange ich nicht im Gebet in mein eigenes Herz schaue und Gott bitte, mich zu verändern. Ich muss von Gottes Gnade und Liebe berührt und erneuert werden und dann bereit sein, dies mit allen zu teilen, die Gott mir begegnen lässt – besonders mit denen, die ich „Feinde“ nennen möchte.

 

Deutlich wird mir: Die Kernaufgabe der Versöhnung beginnt in uns selbst. Wir, die wir bekennen, Jesus nachzufolgen, müssen zuerst die eigene Erneuerung suchen, ehe wir denen begegnen, denen wir widersprechen. Gewiss: Ich habe für unser Land gebetet – und andere dazu ermutigt –, für unsere Verantwortlichen und für unsere Richter. Ich habe an die Gewählten geschrieben und meinen Widerspruch gegen die Maßnahmen der Regierung ausgesprochen. Wo Kandidaten angetreten sind, um republikanische Mandatsträger herauszufordern, habe ich Unterstützung gegeben und ermutigt. Und wir sind zu Kundgebungen und Demonstrationen gegangen gegen die ungeheuerlichsten Maßnahmen des Präsidenten.

 

Gebet, Protest und die Ausübung unseres Wahlrechts sind – so glaube ich – der wirksamste Weg, die Erosion unserer Demokratie aufzuhalten. Eure Gebete, meine lieben Brüder und Schwestern, sind wichtig und unentbehrlich. Betet für unsere Demokratie. Betet für unsere gewählten Amtsträger. Betet für unsere Richter. Betet, dass alle, die öffentliche Verantwortung tragen und im öffentlichen Dienst stehen, Mut und Kraft haben, ihrem Amtseid treu zu bleiben. Betet um Gerechtigkeit. Und betet um Frieden.

 

Ich bitte euch – ganz persönlich – um euren Rat: Wie kann man den autoritären Handlungen unserer gegenwärtigen Regierung friedlich widerstehen und dabei dem Glauben treu bleiben?

 

In großer Dankbarkeit und Liebe wünsche ich euch Gnade und Frieden.

 

Euer Freund in Christus

 

Robert T. J. Childers

Vorsitzender der Nagelkreuzgemeinschaft in den Vereinigten Staaten von Amerika

 

Redaktioneller Hinweis: Am Ende seines Textes bittet Robert T. J. Childers ausdrücklich um Rat. Diese Bitte greifen wir gerne auf: Wenn Sie – persönlich oder mit Ihrem Nagelkreuzzentrum – Gebete, Gedanken, Erfahrungen oder konkrete Hinweise teilen möchten, wie wir unsere Freunde in den USA in dieser Lage begleiten und unterstützen können, schreiben Sie uns  – entweder unten in der Kommentarfunktion oder per E-Mail an redaktion@nagelkreuz.org. Wir sammeln die Rückmeldungen, fassen sie zusammen und geben Robert T. J. Childers eine gebündelte Antwort. Außerdem berät der Vorstand der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V. auf seiner Sitzung am 27./28. Februar 2026, wie wir unsere Freunde weiter unterstützen können; auch dafür nehmen wir Ihr Feedback ausdrücklich mit.