Nachrichten der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V..

Zukunft hat der Mensch des Friedens – Versöhnung erleben mit dem Nagelkreuz in Würzburg!

Vom 13. bis 17. Mai 2026 wird Würzburg beim 104. Katholikentag in Deutschland zum Zentrum der Begegnung, und die Nagelkreuzgemeinschaft ist mittendrin. Unter dem Leitgedanken der Versöhnung laden wir alle ein, unsere Gemeinschaft an drei ganz unterschiedlichen Orten zu erleben. Hier findet man uns:

Informationsstand auf der Kirchenmeile

Unser zentraler Anlaufpunkt befindet sich auf der Kirchenmeile im Themenbereich „Ökumene“.

  • Ort: Stand LF-B-34, Dreikronenstraße (zwischen Elstergasse und „Am Dicken Turm“), direkt am Mainufer
  • Öffnungszeiten: Donnerstag 11:30–19:00 Uhr, Freitag 10:30–19:00 Uhr, Samstag 10:30–18:00 Uhr
  • Programm: Erfahren Sie mehr über die Geschichte von Coventry, basteln Sie eigene Nagelkreuze aus Draht oder nehmen Sie an unserem interaktiven Sprachen-Quiz zum Versöhnungsgebet teil.
  • Erreichbarkeit (ÖPNV): Haltestelle „Rathaus“ (Straßenbahnlinien 1, 3, 4, 5), von dort ein kurzer Fußweg über die Alte Mainbrücke zur Dreikronenstraße. Alternativ Haltestelle „Zeller Tor“ (Buslinien 7, 10).

Ökumenisches Friedensgebet

Jeden Freitagmittag wird in Würzburg für Frieden und Versöhnung gebetet – zeitgleich mit dem Gebet in der Ruine der Kathedrale von Coventry und natürlich auch während des Katholikentags – jede:r ist willkommen!

  • Versöhnungsgebet von Coventry, Musik, Wortbeiträge
  • Termin: Freitag, 15. Mai, 13:00–13:30 Uhr
  • Ort: Marienkapelle am Marktplatz (Bürgerkirche)
  • Mitwirkende: Pfr.in Antje Biller, Superintendet a. D. Klaus Majoress und Elisabeth Nikolai
  • Erreichbarkeit (ÖPNV): Haltestelle „Rathaus“ oder „Dom“ (Straßenbahnlinien 1, 3, 4, 5), unmittelbar am Marktplatz gelegen.

„Versöhnliches zur Nacht“

An drei Abenden laden wir zu einem besinnlichen Tagesabschluss ein. Im Mittelpunkt stehen Gedanken zur Hoffnung, Stille und das gemeinsame Glockengeläut.

  • Termine: Donnerstag, Freitag und Samstag (14.–16. Mai), jeweils 20:45–21:00 Uhr
  • Ort: Wilhelm-Schwinn-Platz (Platz der Versöhnung) vor der Kirche St. Stephan
  • Besonderheit am Samstag: Gedenken zum 100. Geburtstag des Theologen Jürgen Moltmann.
  • Erreichbarkeit (ÖPNV): Haltestelle „Sanderring“ (Straßenbahnlinien 1, 3, 4, 5), von dort ca. 3 Minuten Fußweg zum Wilhelm-Schwinn-Platz.

Wir freuen uns aufs Kennenlernen und Wiedersehen in Würzburg!

Vom Ende der Vergeltung: Warum das Nagelkreuz die Logik des Karfreitags neu erzählt

Karfreitag steht im Zeichen der Versöhnung: Bischöfin Dr. Beate Hofmann beleuchtet in ihrer aktuellen Predigt die tiefe Verbindung zwischen dem Karfreitagsgeschehen und der Arbeit der Nagelkreuzgemeinschaft. Vor dem Hintergrund, dass Kassel erst vor wenigen Wochen offiziell als neues Nagelkreuzzentrum in die weltweite Gemeinschaft von Coventry aufgenommen wurde, schlägt sie eine beeindruckende Brücke von der Geschichte der Zerstörung hin zu einer lebendigen Kultur des Friedens. Erfahren Sie hier, wie aus Ruinen Hoffnung wächst und was die Botschaft des Nagelkreuzes uns heute zu sagen hat.

Liebe Gemeinde,
seit fünf Monaten ist die Martinskirche jetzt Teil der internationalen Nagelkreuzgemeinschaft. Seit fünf Monaten steht das Nagelkreuz in jedem Gottesdienst auf unserem Altar und hält die Frage wach: Was heißt Versöhnung heute und hier?

Vielleicht haben Sie bei dieser Frage ganz persönliche Momente der Versöhnung vor Augen, zuhause in der Familie nach einem Streit, in der Politik, wenn nach einem heftigen Wahlkampf Parteien trotzdem miteinander reden und gemeinsam regieren müssen. Vielleicht haben Sie auch berühmte Handschlagmomente aus der großen Politik vor Augen, 1998 das Karfreitagsabkommen für Nordirland zwischen Protestanten und Katholiken z.B. oder das berühmte Handschlagfoto in Camp David 1978 mit dem israelischen Ministerpräsidenten Menachem Begin und dem ägyptischen Präsidenten Anwara as-Sadat, vermittelt vom US-Präsidenten Jimmy Carter.

Die Gründungsgeschichte des Nagelkreuzes schildert auch so einen Versöhnungsmoment. 1940 wurden Coventry und seine gotische Kathedrale durch deutsche Bomben zerstört. Richard Howard, der Dompropst fand beim Gang durch die Trümmer Nägel des Dachstuhls, formte sie zu einem Kreuz und befestigte sie an einer stehengebliebenen Wand. Daneben schrieb er die Worte: „Father, forgive“. Nicht „vergib ihnen“, sondern „vergib“. Das Nagelkreuzgebet, das daraus erwachsen ist und das wir vorhin gebetet haben, es erläutert das: Vergib, was durch Hass oder Gier, durch Teilnahmslosigkeit oder Gottvergessenheit in dieser Welt geschieht. Das heißt: Alle brauchen Vergebung, weil alle beigetragen haben zu diesem Konflikt.

Der heutige Predigttext aus dem 2. Korintherbrief erinnert uns an die theologische Basis unseres Nachdenkens über Versöhnung und er zeigt, wie Versöhnung und Vergebung zusammengehören:

„Aber das alles ist von Gott, der uns mit sich selber versöhnt hat durch Christus und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt. Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!“ (2.Kor 5,18-20)

In diesen wenigen Zeilen macht Paulus der Gemeinde in Korinth klar: Versöhnung ist nicht eine menschliche Leistung. Versöhnung geschieht durch Gott, ja, sie ist schon geschehen. In Christus hat Gott die Welt mit sich versöhnt. Gott nimmt uns an, steht weiter zu seiner Liebe zu uns und vergibt uns unsere Schuld, unsere Abkehr, unser Desinteresse.

Versöhnung, das ist ein Beziehungsgeschehen. Versöhnung heißt: „Ich weiß, was du Schlimmes getan hast, aber das soll uns nicht länger voneinander trennen.“ Versöhnung heißt nicht: „Es ist alles egal, Schwamm rüber.“ Versöhnung heißt: „Wir respektieren die Wunden, die wir uns zugefügt haben, aber wir wollen uns nicht weiter Schmerzen zufügen, sondern gemeinsam Zukunft gestalten. Unsere Beziehung soll auf andere Füße gestellt werden.“

Versöhnung ist ein Zustandswechsel: Aus Feindschaft wird Frieden, aus Leben in getrennten Welten wird Gemeinschaft. Diesen Raum der Versöhnung eröffnet Gott uns und lädt uns ein, hineinzutreten in diese andere Beziehung: in die Beziehung mit Gott, aber auch untereinander. Denn wer aus der Versöhnung Gottes lebt, der kann nicht weiter andere Menschen hassen.
Die Bitte „Lasst euch versöhnen mit Gott!“ bringt gut auf den Punkt, wie das beginnt. Diese Bitte bedrängt nicht, sondern sie lädt ein. Ja, Versöhnung ist darauf angewiesen, dass die Menschen sich bitten lassen. Versöhnung braucht innere Einsicht und Bejahung.

In den Passionserzählungen der Evangelien wird deutlich, wie Jesus selbst diesen Geist der Versöhnung lebt. Im Lukasevangelium, das wir vorhin gehört haben, sagt Jesus am Kreuz: „Vater, vergib ihnen.“ Nicht jeder hat diese Größe, in einem Moment großen Schmerzes denen zu vergeben, die diese Schmerzen zufügen. Aber die Erfahrung der Nagelkreuzbewegung zeigt: man kann hineinwachsen in eine Haltung, in der Versöhnung möglich wird und Vergeltung nicht mehr wichtig ist. In der Regel der Nagelkreuzgemeinschaft heißt es dazu:

„In Lobpreis, Klage und Fürbitte reden wir mit Gott. Christus lädt uns ein in die Gemeinschaft der Versöhnten. … Im Schweigen, in der Stille und im Hören auf Gott öffnen wir uns der Wirklichkeit Gottes. … Wir verbinden uns mit dem Leiden dieser Welt, mit den Verletzten, mit den Verfolgten, mit den Bedrängten und Missbrauchten . Wir wollen Fremdheit überwinden, Spannungen und Konflikte aushalten, Freude und Trauer teilen, und von eigenen Stärken und Schwächen sprechen lernen.“

Auch in der Kirche, auch in Nagelkreuzzentren begegnen sich Menschen mit ihren Beschränkungen, Eigenheiten und Verwundungen. Es kommt auch hier zu Spannungen und Konflikten. Die Nagelkreuzgemeinschaft hilft dabei, solche Konflikte auszuhalten und miteinander zu sprechen über das, was schwierig ist, was kränkt oder verletzt und sich dabei zuzuhören.

Solche Momente ereignen sich oft in alltäglichen Situationen, in einem Schulhof, wenn Streitschlichter dafür sorgen, dass Kinder sich gegenseitig zuhören und einen Konflikt klären. Oder wenn es in Familien oder Nachbarschaften oder Kirchengemeinden gelingt, die verschiedenen Perspektiven nebeneinander zu legen und sich gegenseitig zuzuhören. Das nimmt die Verletzungen nicht weg, es nimmt auch nicht alle Konfliktpunkte einfach weg, aber im Zuhören, in einer Haltung, die auch die Wunden des anderen sieht, öffnet sich ein Weg, anders miteinander umzugehen.
Meist steht am Anfang von solchen Versöhnungsprozessen jemand, der aus dem Geist der Versöhnung heraus den Mut hat, aus dem Kreislauf von Hass und Gewalt auszusteigen. Eine Geschichte, die mich besonders berührt hat, ist die von Gordon Wilson und dem „Geist von Enniskillen” aus Nordirland.

Am 8. November 1987 legten Gordon Wilson, ein methodistischer Diakon und Händler aus Enniskillen, einer Stadt in Nordirland, und seine 20-jährige Tochter Marie einen Kranz beim Remembrance-Day-Gottesdienst nieder, als eine IRA-Bombe explodierte. Marie starb in seinen Armen; ihre letzten Worte an ihn waren: „Daddy, I love you very much.” Nur Stunden später sagte Wilson in einem weltberühmten BBC-Interview: „Ich habe keine bösen Gefühle. Ich grolle niemandem … Ob sie hier auf Erden verurteilt werden oder nicht … das letzte Wort hat Gott. Ich vergebe ihnen.”

Seine Worte verhinderten wahrscheinlich protestantische Vergeltungsschläge. Die lokale Führung der protestantischen Terrorgruppen fühlte sich so beschämt, dass sie keine Racheakte verübte – ein seltener Fall in den Troubles. Wilson wurde zum Patron der später gegründeten Spirit of Enniskillen Trust, die bis heute junge Menschen aus Konfliktregionen zusammenbringt.
Bei dieser Erzählung musste ich an die Witwe von Charlie Kirk denken, die bei der Trauerfeier für ihren ermordeten Mann auch sehr klar sagte: „Ich vergebe dem Täter“. Wie wohltuend anders war das als die aufhetzende Botschaft, die der Präsident der USA aus diesem Mord abgeleitet hat.

Einen Einblick in Versöhnungsprozesse bietet auch das Parent-Circle Family Forum in Israel. Parents Circle – Families Forum (PCFF) ist eine gemeinsame israelisch-palästinensische Organisation von über 850 Familien, die durch den Nahostkonflikt Angehörige verloren haben. Seit 1995 engagieren sie sich für Versöhnung, Dialog und ein Ende der Gewalt, anstatt Rache zu üben. Sie führen Bildungsarbeit und interkulturelle Projekte durch. Die Mitglieder treffen sich zunächst in palästinensischen oder israelischen Gruppen. Ihre wichtigste Form der Friedensarbeit sind Dialog-Veranstaltungen: Je eine Person mit israelischem und palästinensischem Hintergrund, die Familienmitglieder in den Konflikten verloren haben, sprechen über ihre Erfahrungen und ihren Wunsch nach Ende der Gewalt.

Was genau geschieht da: PCFF öffnet einen Raum, in dem sich Menschen von beiden Seiten ihre persönlichen Geschichten von Schmerz und Verlust erzählen. Sie hören einander zu. Dadurch werden sie nicht gleich Freunde, aber sie sehen den Menschen im anderen, nicht nur den Feind. Und das verändert Beziehungen und durchbricht den Kreislauf von Angst, Gewalt und Entmenschlichung. Parents Circle – Families Forum ist vielleicht die einzige Organisation, die sich wünscht, auf keinen Fall Zuwachs zu bekommen, denn alle Mitglieder haben Angehörige im Konflikt verloren – und dennoch entschieden, dass Schmerz und Verlust nicht zur Quelle von Hass werden dürfen. Stattdessen suchen sie das Gespräch mit der „anderen Seite“, hören zu, erzählen ihre Geschichten und zeigen: Frieden wächst nicht aus Stärke, sondern aus Menschlichkeit.

Es hat mich beeindruckt, was die Organisation am 7. Oktober 2025, zwei Jahre nach dem grauenhaften Angriff der Hamas auf Israel und den Beginn des Ga-zakriegs gesagt hat:

„Heute, da sich ein kleines Fenster der Hoffnung öffnet, rufen wir erneut: Kehrt zur Menschlichkeit zurück und macht dies zum Wendepunkt. Diese zwei Jahre haben unseren Glauben nicht erschüttert, sondern gestärkt. Wir wissen, dass menschliche Verbundenheit stärker ist als Hass, dass Empathie selbst die tiefsten Gräben überbrücken kann und dass keine Familie – ob israelisch oder palästinensisch – das ertragen sollte, was wir ertragen haben. Beide Bevölkerungen müssen aufhören, sich gegenseitig Leid zuzufügen, und aufhören, das Leben in unserer Region zu betrachten, als müsse das Überleben des einen Volkes auf Kosten des anderen gehen. Die Menschlichkeit des anderen anzuerkennen bedeutet, das gleiche Recht aller – Palästinenser:innen wie Israelis – auf ein Leben in Würde, Sicherheit und Freiheit anzuerkennen.“

Das Nagelkreuz symbolisiert genau diesen Geist: Diese Nägel könnten nicht nur einen Dachstuhl zusammenhalten; sie sehen auch aus wie die Nägel, mit denen Christus ans Kreuz geschlagen wurde. Das ist die Botschaft, die für mich in diesem Kreuz steckt: Versöhnung, das geschieht, wenn Folterwerkzeuge zu einem Kreuz werden, statt Menschen zu quälen. Es ist genug gelitten und gestorben worden, ein für alle Mal. Christus hat den Kreislauf von Hass und Gewalt verlassen und den Raum der Versöhnung für uns eröffnet.

Darum ermöglicht die Versöhnung mit Gott die Versöhnung unter uns Menschen. Und darum ist der Friede Gottes auch die Wurzel unseres Engagements für den Frieden in der Welt. Christus stiftet uns an, aus Versöhnung zu leben und andere mit diesem Geist anzustecken.

Räume zu öffnen, dass Menschen sich begegnen, zuhören, verwandeln lassen vom Geist der Versöhnung, die Gott uns schenkt, das ist unsere Aufgabe als Christinnen und Christen. Wir lassen uns nicht entmutigen von der Gewalt und dem Hass, von dem scheinbaren Sieg der Stärkeren in dieser Welt. Wir glauben an die Kraft der Versöhnung und wir leben aus dieser Kraft.
Und der Friede Gottes, aus dem Frieden in unserer Welt wächst, er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Autorin: Bischöfin Dr. Beate Hoffmann, Kassel

In der Geografie des Schmerzes: Hanau und die Grammatik der Versöhnung

Wenn Trümmer der Vergangenheit auf die Wunden der Gegenwart treffen, entsteht ein Raum, der weit über die Grenzen einer hessischen Stadtkirchengemeinde hinausreicht. Am vergangenen Sonntag (22. März 2026) wurde der Evangelischen Stadtkirchengemeinde Hanau das Nagelkreuz von Coventry übergeben – ein Akt, der nicht nur die historische Zerstörung von 1945 reflektiert, sondern sich mutig den rassistischen Erschütterungen der jüngsten Zeit stellt. Lesen Sie hier, wie ein samoanisches Ritual, die Musik aus fünf Jahrhunderten und ein Gebet für die bedrohte Welt Hanau zu einem neuen Zentrum der internationalen Nagelkreuzgemeinschaft machten.

Dorf A, Dorf B und die „Finemat“: Eine Liturgie der Demut
Es ist ein archaisches Bild, das die Konfirmand:innen der Gemeinde im Festgottesdienst am 22. März 2026 in den Raum stellten: Wenn auf Samoa ein Konflikt zwischen Gemeinschaften schwelt, kniet der Chief des schuldigen Dorfes vor dem anderen nieder, verborgen unter einer schweren, oft mit roten Federn verzierten Grasmatte – der „Finemat“. In der unerbittlichen tropischen Hitze harrt er aus, ein Bild der totalen Prekarität und Demut, bis er ins Dorf gerufen wird. Dieser Ifoga-Ritus markiert den Nullpunkt, an dem Vergebung möglich wird und ein gemeinsames Mahl die Versöhnung besiegelt.

Dass dieses Ritual aus Anlass der Nagelkreuzübergabe in Hanau nachempfunden wurde, war kein bloßes exotisches Ornament. Es war charakteristisch für eine Feier, die an Internationalität und musikalischer Dichte kaum zu übertreffen war. Während das Ensemble „Hortus Hibernus“ mit einer nuancierten A-cappella-Kultur den Bogen von deutscher zu englischer Polyphonie spannte, wurde spürbar, dass Versöhnung hier nicht als wohlfeile Floskel, sondern als mühsame, klangvolle Arbeit verstanden wird.

Die Übergabe: Ein Prisma für das kirchliche Handeln
Canon Kate Massey aus Coventry überreichte das Nagelkreuz als sichtbares Zeichen der Zugehörigkeit zur weltweiten Gemeinschaft. In ihrer Predigt zeichnete sie das Bild der Versöhnung als ein „theologisches Prisma“, durch das alles kirchliche Handeln betrachtet, orientiert und evaluiert werden müsse. Für Hanau bedeutet dies eine feste Verankerung in einer Geschichte, die – wie die von Coventry – am 19. März 1945 in Schutt und Asche versank. Doch das Gedächtnis der Marienkirche, die kurz vor ihrer feierlichen Wiedereröffnung als „Marienkirche 2.0“ steht, reicht tiefer in die Gegenwart hinein.

Ein Moment der Verdichtung: Die bedrohte Welt in Hanau
Der vielleicht eindrücklichste Moment an diesem Sonntag war die Gestaltung der Fürbitten. Vor dem Hintergrund der Hanauer Geschichte – der weit zurückliegenden Zerstörung im Krieg ebenso wie der immer noch präsenten Wunden – weiteten sich die Gebete ins Globale. Es wurde für die Opfer von Krieg, Hass, Gewalt und Unterdrückung gebetet: in Israel und Gaza, im Iran, in Russland und der Ukraine, im Südsudan und schließlich mitten in Deutschland, in Hanau.

Plötzlich war die gesamte bedrohte Welt in der Stadtkirche präsent. In diesem Augenblick schien sich die Geografie des Leids an einem Ort zu verdichten. Das gemeinsame Singen von „Herr, gib uns deinen Frieden“ war hier kein rituelles Anhängsel, sondern ein existenzieller Aufschrei.

„Say their names“: Von Elisabeth Schmitz bis heute
Die Aufnahme in die Nagelkreuzgemeinschaft ist für Hanau die Konsequenz einer langjährigen Profilbildung. Das Erbe der Hanauerin Elisabeth Schmitz, die als mutige Stimme der Bekennenden Kirche bereits 1935 gegen die Judenverfolgung protestierte, bildet das ethische Fundament der Gemeinde.

Dieses Fundament wurde am 19. Februar 2020 erneut auf die Probe gestellt, als ein rassistisches Attentat die Stadt erschütterte. In Anlehnung an die Aktion „Say their names“ wurden im Gottesdienst die Namen der Opfer laut ausgesprochen: Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili Viorel Pӑun, Fatih Saraçoǧlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov.

In einer Geste radikaler christlicher Versöhnungsarbeit wurde auch Gabriele Rathjen gedacht. Als Mutter des Attentäters, die ebenfalls von ihrem Sohn erschossen wurde, steht ihre Nennung für die schmerzhafte Erkenntnis, dass Gewalt Kreise zieht, die auch die engsten Bindungen vernichten. Ihre Aufnahme in das Gedenken ist ein Zeugnis für den Anspruch der Gemeinde, keine Ausgrenzung zu reproduzieren, sondern die „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“ zu suchen, wie sie schon in der Hanauer Union von 1818 angelegt war.

Ausblick: Ein lebendiges Zentrum der Vielfalt
Die Stadtkirchengemeinde Hanau bringt eine reiche Praxis in die Nagelkreuzgemeinschaft ein: Vom interreligiösen Dialog zwischen Juden, Christen und Muslimen bis hin zu den internationalen „Gospel Services“, die gemeinsam mit afrikanischen Migrationsgemeinden gefeiert werden. Mit der Gründung eines eigenen Versöhnungsausschusses im Kirchenrat verstetigt die Gemeinde diesen Weg.

Wir heißen die Stadtkirchengemeinde Hanau herzlich in der unserer Gemeinschaft willkommen. Wir freuen uns darauf, wenn das neue Zentrum seine Arbeit auf der Mitgliederversammlung 2027 vorstellen wird. Hanau hat gezeigt: Versöhnung ist kein Zustand, sondern ein Prozess der ständigen Verdichtung von Geschichte, Gegenwart und Hoffnung.

Autor:innen: Antje Biller, Niels Faßbender

Ein Freund ist von Bord gegangen – zum Tod von Peter Voigt

Die Nagelkreuzgemeinschaft trauert um Peter Voigt. Am 23. Februar 2026 ist unser Gründungsmitglied und guter Freund nach längerer Krankheit im Kreise seiner Familie friedlich eingeschlafen. Mit ihm verlieren wir einen engagierten Versöhner und eine Persönlichkeit, die unsere Gemeinschaft über Jahrzehnte geprägt hat. Viele von uns verlieren mit ihm zudem einen verlässlichen Weggefährten und persönlichen Freund.

Peters Verbindung zur Versöhnungsarbeit begann früh. Der Grund dafür liegt in einem Jahr, das für viele längst Geschichte ist und für ihn doch gegenwärtig blieb: 1959 reiste er mit der Kantorei der Hauptkirche St. Katharinen in Hamburg zu einer Konzertfahrt nach Großbritannien. Als erster deutscher Chor sangen die Hamburger damals vor dem Versöhnungsaltar in den Ruinen der zerstörten Kathedrale von Coventry. Auf dieser Reise begegneten die jungen Sänger nicht nur Offenheit, sondern auch Misstrauen und unverhüllter Distanz. Zur Begrüßung fielen Sätze wie: „Jetzt kommt ihr mit Stimmen vom Himmel und nicht mit Bomben vom Himmel.“ Solche Sätze vergisst man nicht. Die unmittelbare Begegnung mit den Wunden des Krieges – und zugleich mit dem Geist von Coventry – hat Peter tief berührt und nachhaltig geprägt.

Als am 3. Februar 1961 das Nagelkreuz aus Coventry an die Hauptkirche St. Katharinen übergeben wurde, war das ein historischer Tag: ein Zeichen der Vergebung zwischen ehemaligen Feinden fand seinen Ort in einer Kirche, die selbst die Zerstörung des Krieges erfahren hatte. Später übernahm Peter die Versöhnungsarbeit in seiner Heimatgemeinde und führte die Ideen der Nagelkreuzgemeinschaft dort mit großem Engagement weiter.

Seit der Gründung der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V. im Jahr 1992 gehörte er ganz selbstverständlich dem Leitungskreis an und half, den Verein durch seine ersten, nicht immer einfachen Jahre zu führen. In seinen Aufzeichnungen erinnerte er sich später mit leiser Ironie an die mitunter hitzigen Debatten jener Zeit und an die wechselnden Kassenführer.

Von 2004 bis 2015 übernahm er selbst das Amt des Schatzmeisters. Als Kaufmann, hauptberuflich in der Ölbranche tätig, kannte er sich mit Zahlen, Ordnung und Übersicht aus. Bemerkenswerter war vielleicht etwas anderes: Er machte aus den naturgemäß trockenen Beratungen zum Jahresetat keinen unerquicklich langen Pflichtteil. Mit hanseatischer Lakonie und sicherem Gespür für den Ton wurden diese Beratungen auf den Mitgliederversammlungen zu einem eigenen Ereignis. Viele erinnern sich daran bis heute mit einem Lächeln.

Neben seiner Tätigkeit im Vorstand lag Peter die Arbeit in Osteuropa besonders am Herzen. Durch zahlreiche Reisen zu den Zentren unserer osteuropäischen Partner unterstützte er in seiner ruhigen, pragmatischen Art tatkräftig den Aufbau unseres Netzwerks. Er tat dies ohne Pathos, aber mit Beharrlichkeit – und gerade darin lag seine Wirkung.

Als im Jahr 2024 schließlich auch die übrigen Hamburger Hauptkirchen ein Nagelkreuz erhielten, war das für Peter mehr als ein äußerer Erfolg. Es war eine Bestätigung – und wohl auch die Erfüllung dessen, woran er selbst ein Leben lang mitgearbeitet hatte: zu erleben, wie die Versöhnungsidee in seiner geliebten Heimatstadt weiterwuchs und Gestalt gewann.

Lieber Peter, Du hast einmal geschrieben, dass die Nagelkreuzgemeinschaft seit Jahrzehnten im Sinne der Versöhnung nach gewaltfreien Wegen der Konfliktlösung sucht. Du selbst hast diese Haltung ein Leben lang verkörpert. Nun hast Du Deine letzte große Reise angetreten. Wir blicken in tiefer Verbundenheit und großer Dankbarkeit auf die gemeinsame Zeit zurück. Wir wissen nicht, wie Du diesen Nachruf kommentiert hättest. In einem aber sind wir sicher: knapp, trocken, freundlich – und ohne jedes überflüssige Wort. Bestimmt hättest Du uns, trotz unserer Trauer, zum Schmunzeln gebracht. Wir werden Dein Andenken in Ehren halten. Tschüs, Peter!

Vorstand und Leitungskreis der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V.

Gedenktafel für Johannes Rau in der Gemarker Kirche

Foto: Johannes Liebmann, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=531389

Wenn sich am 27. Januar 2026 der Todestag von Johannes Rau zum zwanzigsten Mal jährt, erinnert sich die Republik an einen Landesvater und Bundespräsidenten. In seinem Geburtsort Wuppertal-Barmen, im Nagelkreuzzentrum Gemarker Kirche, galt das Gedenken am Sonntag, den 25. Januar, nicht dem Amtsträger, sondern dem Gemeindeglied und Menschen. Es geschah an einem Ort, an dem die Verpflichtung von Coventry – „Father Forgive“ – greifbare Wirklichkeit geworden ist. Hier stehen keine Symbole, hier begegnen sich Nachbarn – ohne Zaun.

Wer den Hof betritt, findet sich in einem einzigartigen Ensemble wieder: Die Gemarker Kirche, auf deren Abendmahlstisch das Nagelkreuz steht, ist durch einen offenen Platz mit der Bergischen Synagoge verbunden. Dass die Synagoge, deren Vorgängerbau 1938 brannte, ausgerechnet hier errichtet wurde – Wand an Wand mit dem Ort der Barmer Theologischen Erklärung von 1934 – verdankt sich historischer Verantwortung: Die Evangelische Kirche überließ der Jüdischen Gemeinde das Grundstück.

Das Nagelkreuz korrespondiert mit einer Umgebung von dialektischer Dichte. Ein Geflecht aus Schuld, Verantwortung und Neuanfang. In diesen historischen Boden wurde nun, zwei Jahrzehnte nach dem Tod des Altbundespräsidenten, eine weitere Schicht gefügt: Eine Gedenktafel für Johannes Rau.

Chor der Wuppertaler Synagoge. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Kein Gottesdienst für einen Helden

Die Veranstaltung war mehr als ein routinierter Akt der Erinnerung. Sie war eine Vergewisserung über das, was diesen Ort im Innersten zusammenhält. Pfarrer Frank Schulte stellte zu Beginn des Gottesdienstes eine protestantische Weiche: Wir feiern nicht zu Ehren Raus, sondern zu Ehren Gottes. Eine Unterscheidung, die dem reformierten Geist des Ortes ebenso entsprach wie der Haltung des Verstorbenen.

In seiner Predigt über die Begegnung am Jakobsbrunnen (Johannes 4) tat Schulte das theologisch Notwendige: Er erinnerte an die jüdische Identität Jesu und das bleibende Heilsversprechen für das Judentum. Das leitende Motiv war das „Getragensein“. Wenn später das Lied „Ich wünscht’, dass einer mit mir geht“ erklang, war dies der musikalische Widerhall eines Lebensmottos, das Rau prägte: „Teneo, quia teneor“ – ich halte, weil ich gehalten werde.

Dieses Wort ist keine fromme Floskel. Es ist eine Haltung, die unserem Auftrag der Versöhnung tief verwandt ist. Sie markiert die Grenze der Machbarkeit und ist ein Gegenentwurf zu jedem politischen Machbarkeitswahn. Rau wusste: Wer nicht gehalten wird, muss sich an seiner eigenen Macht festhalten – und wird früher oder später hart.

Heimat als Ort der ungeschützten Menschlichkeit

Wie sehr er diesen Ort nicht als politische Bühne, sondern als spirituelle Heimat empfand, wurde in den Grußworten deutlich. Leonid Goldberg, Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde Wuppertal, zeichnete die große Linie: Dass die Bergische Synagoge als einzige weltweit von zwei Staatspräsidenten – Rau und Katsav – eingeweiht wurde, bleibt das Verdienst von Johannes Rau.

Werner Jacken vom Freundeskreis der Neuen Synagoge e.V. holte den Landesvater vom diplomatischen Parkett zurück in die unmittelbare Nachbarschaft. Er erzählte von einem Johannes Rau, der kurz vor einem Termin im Rathaus noch im Café vorbeischaute, weil er ein menschliches Bedürfnis lieber „bei euch“ erledigen wollte als auf dem Behördenflur. Man darf über diese Anekdote schmunzeln. Aber ihr Kern ist ernst: Heimat ist dort, wo die Maske des Amtes fällt. Es ist der Ort, an dem man nicht „Exzellenz“ ist, sondern Nachbar. Diese Beiläufigkeit des Vertrauens ist das schönste Denkmal, das man einer Gemeinde setzen kann.

Sigrid Runkel (rechts) enthüllt die Gedenktafel. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Eine architektonische Teschuwa

Die Enthüllung der Tafel fand im „Café Komma“ statt, jenem Ort der Begegnung, den Rau mit initiierte. Hier verdichtet sich die Symbolik. Die Tafel hängt in Sichtweite zu der Gedenktafel für Peter Beier, den 1996 verstorbenen Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland.

Es ist eine Nachbarschaft von tiefer Logik: Beier war es, der vor seinem Tod den entscheidenden Schritt zur Übereignung des Grundstücks tat. Rau flankierte dies politisch. Dass Kirche und Synagoge heute zusammenstehen, ist eine architektonische Teschuwa – eine Umkehr, die Stein geworden ist. Die Barmer Erklärung von 1934 hatte zum Schicksal der Juden geschwiegen; der heutige Ort schreit es heraus: Wir gehören zusammen.

Die Tafel als Stachel

Dass Vertreter der Nagelkreuzzentren aus Lüdenscheid-Plettenberg und Witten-Annen anwesend waren, unterstrich: Wuppertal ist Teil unserer gemeinschaftlichen Verantwortung. Als Vertreter des Vorstands der Nagelkreuzgemeinschaft durfte ich darauf hinweisen, dass eine solche Tafel zweischneidig ist. Sie kann Dekoration sein – oder ein Stachel. Das Grußwort des Vorstands der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V. können Sie hier nachlesen.

Raus Motto „Versöhnen statt Spalten“ klingt heute, in Zeiten verrohter Debatten, radikaler denn je. Erinnerung, die es ernst meint, ist keine Ablage von Kränzen, sondern eine Zumutung für die Lebenden. Die Tafel erinnert an einen Mann, der Brücken baute, wo andere Gräben zogen. Sie fragt leise, aber beharrlich: Und was baut ihr?

Der Chor der Synagoge rahmte die Feier mit „Shalom Aleichem“. Wenn in einer Kirche hebräische Lieder erklingen, während man eines christlichen Bundespräsidenten gedenkt, der als Kind die Trümmer der alten Synagoge brennen sah, bekommt Geschichte ihre zweite Chance. Versöhnung ist hier kein fertiges Produkt, sondern Arbeit.

Johannes Rau hätte an diesem Vormittag nicht im Mittelpunkt stehen wollen. Aber dass er nun dort, im Café Komma, als stiller Gast anwesend bleibt – dort, wo Menschen reden, streiten und leben – das hätte ihm gefallen. Teneo, quia teneor. Wir halten die Erinnerung, weil sie uns Orientierung gibt.

Autor: Niels Faßbender

 

Komm den Frieden wecken – Bericht von der Friedensdekade in Kiel

Quelle: Ökumenische FriedensDekade e. V.

„Komm den Frieden wecken“ – so lautete das Motto der diesjährigen ökumenischen Friedensdekade im November. Mit aktiver Beteiligung der Nagelkreuzgemeinschaft lief u. a. in Kiel ein volles Programm: Zahlreiche Gottesdienste, Friedensandachten sowie künstlerische, musikalische und auch politisch geprägte Veranstaltungen fanden statt. Der Weckruf erinnerte die Teilnehmenden an das Wesentliche: Angesichts der gegenwärtigen unfriedlichen Situation vor Ort und weltweit müssen wir darum ringen, „friedensfähiger“ zu werden und dürfen uns nicht allein mit „Kriegstüchtigkeit“ begnügen.

In der St. Nikolaikirche erzählte Pröpstin Almut Witt von der Entstehung des Nagelkreuzes vor 85 Jahren. Sie erinnerte an die historische Überreichung des ersten Nagelkreuzes an eine deutsche Stadt, das Provost Dick Howard am 15. September 1947 dem Kieler Propst Johannes Lorenzen übergab. Diese Geste war ein Weckruf, dass sich die einstigen Feinde vergeben und Brücken der Versöhnung bauen.

Versöhnung braucht Einsicht und Tatkraft

Leitungsteam der Theatergruppe. Foto: Nicola Runge

Die monatliche Friedensandacht vor dem Nagelkreuz betonte die andauernde Relevanz der Friedens- und Versöhnungsbotschaft: Das „Father forgive“ konfrontiert uns mit unserem Versagen und fordert uns auf, den Friedensbemühungen endlich Vorrang zu geben. Zum Abschluss beteten wir die Versöhnungslitanei von Coventry.

In einem weiteren Friedensgottesdienst erfuhr eine kleine Nachbildung der Skulptur „Reconciliation“ besondere Aufmerksamkeit. Das Werk der britischen Bildhauerin Josefina de Vasconcellos zeigt zwei knieende Gestalten, die sich sinnlich und ermutigend umarmen. Eine der Original-Skulpturen steht in der Ruine der Kathedrale von Coventry.

Das Motiv ist global präsent: Abgüsse stehen auch in Hiroshima, Belfast und bei der Kapelle der Versöhnung an der Berliner Mauer. Mehrere Miniaturen der Statue sind in Kiel verteilt. Im Jahr 2012 übergab der damalige Direktor des internationalen Versöhnungszentrums von Coventry, David Porter, ein Exemplar an die Sozialkirche in Kiel-Gaarden.

Die Symbolkraft der Statue wirkt bis heute: Erst vorletzte Woche erhielt auch Elke Büdenbender, die Frau des Bundespräsidenten, beim Besuch in Coventry eine solche Miniatur als Geschenk von Dean John Witcombe.

Junge Generation sorgt für Aufwachen

Erfreulich war die starke Beteiligung der jungen Generation an den mehr als 35 Veranstaltungen in Kiel. Eine Theatergruppe aus Kiel-Mettenhof ließ zu Beginn des Gottesdienstes in der Michaeliskirche ganz wörtlich einen Wecker klingeln, um alle aufzuwecken. In ihrem Theaterstück lösten die Jugendlichen einen Konflikt zwischen zwei Jugendzentren, der gewalttätig zu eskalieren drohte, auf friedliche Weise. Zu den Verantwortlichen für das Projekt gehörte die Jugendpädagogin Uta Birkenstock, die selbst schon 1992 als Schülerin an der ersten Begegnungsreise von Kiel nach Coventry teilgenommen hatte.

Das Ringen um die Erhaltung des Friedens

Skulptur “Reconciliation” als Miniatur. Foto: Nicola Runge

Das Politische Abendgespräch in der Kompassgemeinde Kiel-Altenholz trug die Überschrift „Den Frieden wecken – aus militärischer, politischer und evangelischer Sicht“. Drei Impulsgeber stellten ihre jeweiligen Perspektiven dar. In den folgenden Gruppengesprächen wurde fair gestritten. Die Teilnehmenden diskutierten etwa über diese Fragen: Wie stark muss eine Sicherheitsarchitektur auch die Sicherheitsbedürfnisse der gegnerischen Seite einbeziehen? Wie gefährdend ist eine militärische Bedrohung tatsächlich? Und: Hält die neue Friedensdenkschrift der EKD am Vorrang der Gewaltfreiheit fest?

Bonhoeffers fester Glaube

So gelungen die Veranstaltungen der Ökumenischen Friedensdekade in Kiel und anderswo auch waren: Die Gefährdungen weltweit sind real. Wir Christen sind nur eine kleine Stimme für die Bewahrung und Wiederherstellung des Friedens.

Mich bestärkt in diesen unruhigen Zeiten das Glaubensbekenntnis von Dietrich Bonhoeffer, das er 1942 aus der Gefängniszelle geschrieben hat: „Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will.“

 

Autor: Frieder Petersen, Pastor i.R.

„Ein kostbarer Moment“ – Bundespräsident Steinmeier in Coventry

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Ehefrau Elke Büdenbender entzünden Kerzen in der Neuen Kathedrale (Foto: Bundesbildstelle/Guido Bergmann)

Der Besuch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Coventry war mehr als eine Station am Ende eines dreitägigen Staatsbesuchs im Vereinigten Königreich. Gerade durch seine Platzierung am Schluss gewann er besonderes Gewicht: ein bewusst gesetztes Innehalten an einem Ort, an dem europäische Geschichte in seltener Dichte erfahrbar ist – Schuld und Hoffnung, Zerstörung und Neubeginn liegen hier sichtbar ineinander verschränkt.

Bischöfin Sophie (2. v. l.), Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (3.v.l.), Elke Büdenbender (4. v. l.) und Dean John (5. v. l.) vor dem Wandteppich ‘Christi in der Herrlichkeit’. (Foto: Bundesbildstelle/Guido Bergmann)

Der Staatsbesuch stand im Zeichen der Bemühungen um eine Erneuerung der deutsch-britischen Partnerschaft. Er fiel in eine Phase, in der nach Jahren der Distanz infolge des Brexits politische, kulturelle und zivilgesellschaftliche Beziehungen neu justiert werden. Empfänge auf Schloss Windsor, Gespräche mit Regierung und Parlament, die Rede im Westminster Palace – all dies markierte die politische Ebene eines Besuchs, der deutlich nach vorn gerichtet war. Dass Coventry den Abschluss bildete, ergänzte diesen Zukunftsblick um eine notwendige historische Erdung: Zukunft ohne Erinnerung bleibt leer.

Coventry: Tiefpunkt und Wendepunkt

Coventry steht – wie der Bundespräsident selbst formulierte – für ein doppeltes Symbol: für den Tiefpunkt der deutsch-britischen Beziehungen und zugleich für deren Wendepunkt. In den Ruinen der 1940 zerstörten Kathedrale wird Schuld weder relativiert noch Leid gegeneinander aufgerechnet. Zugleich erinnert dieser Ort daran, dass hier schon wenige Jahre nach dem Krieg ein anderer Ton angeschlagen wurde: nicht der der Vergeltung, sondern der der Versöhnung.

Gedenken in der Ruine der Kathedrale von Coventry. (Foto: Bundesbildstelle/Guido Bergmann)

Diese Spannung prägte den Besuch. Der Bundespräsident legte einen Kranz am aus Trümmersteinen errichteten Altar in der Ruine nieder – ein schlichtes, aber sprechendes Zeichen des Gedenkens an die Zerstörung, die deutsche Bomben über die Stadt gebracht hatten. Der Dekan der Kathedrale, Dean John Witcombe, beschreibt diesen Moment als „poignant“, als besonders eindrücklich. Mit Blick auf den Bundespräsidenten schreibt er:

„To stand in the ruins with any of our many German visitors is a poignant experience, but especially so with the President.“ – „Mit jedem unserer vielen deutschen Gäste in den Ruinen zu stehen, ist eine eindrückliche Erfahrung – aber mit dem Bundespräsidenten in besonderer Weise.“

Zeichen, die verbinden

Unmittelbar im Anschluss führte der Weg vom Altar der Ruinen zur Skulptur „Choir of Survivors“ des Dresdner Künstlers Helmut Heinze – ein Geschenk der Frauenkirche Dresden zum goldenen Jubiläum der neuen Kathedrale von Coventry. Die Skulptur erinnert an die Opfer der Luftangriffe auf Dresden und verknüpft diese Erinnerung bewusst mit der Geschichte Coventrys. Dean John beschreibt sie

„as a memorial to those killed in Dresden, uniting us in remembrance of the loss suffered on all sides in war – a sign of reconciliation.“ – „als Denkmal für die in Dresden Getöteten, das uns vereint im Erinnern an das Leid, das der Krieg auf allen Seiten hinterlassen hat – ein Zeichen der Versöhnung.“

Die weltweite Gemeinschaft des Nagelkreuzes

Beim anschließenden Besuch in der neuen Kathedrale begegnete der Bundespräsident einem der ursprünglichen Nagelkreuze – geformt aus Nägeln des brennenden Dachstuhls der zerstörten Kathedrale. Dean John erläuterte, dass Repliken dieser Kreuze heute in der Justizvollzugsanstalt Würzburg gefertigt und an neue Mitglieder der Nagelkreuzgemeinschaft überreicht werden. Er erinnert:

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im John Laing Centre beim Austausch mit britischen und deutschen Schülerinnen und Schülern beim Besuch der Kathedrale von Coventry. (Foto: Bundesbildstelle/Guido Bergmann)

„This community unites almost 300 centres across the world in the work of reconciliation: healing the wounds of history; learning to live with difference and celebrate diversity; building a culture of peace.“ – „Diese Gemeinschaft vereint weltweit nahezu 300 Zentren in der Versöhnungsarbeit: in der Heilung der Wunden der Geschichte, im Lernen, mit Unterschieden zu leben und Vielfalt zu feiern, sowie im Aufbau einer Kultur des Friedens.“

Bereits in seiner Rede vor dem britischen Parlament in London hatte der Bundespräsident die heutige deutsch-britische Freundschaft als „ein Geschenk der Versöhnung“ bezeichnet.

Elke Büdenkender, Dean John und Bundespräsident Frank Walter Steinmeier (v.l.n.r.). (Foto: Coventry Cathedral)

Gebet als gelebte Theologie

Seinen geistlichen Mittelpunkt fand der Besuch in einem kurzen Versöhnungsgottesdienst. Gebete verschiedener Traditionen kamen zu Wort. Auch hier war die Symbolik bewusst gewählt: Dean John betete das Vaterunser auf Deutsch – eine Praxis, die er nach eigenen Worten bei besonderen Anlässen pflegt. Er schreibt dazu:

„I led the Lord’s Prayer in the German language … as a sign of the reconciliation won for us in Christ, which unites us in prayer for a better future for all.“ – „Ich habe das Vaterunser in deutscher Sprache gebetet … als Zeichen der in Christus für uns errungenen Versöhnung, die uns im Gebet zu einer Hoffnung auf eine bessere Zukunft für alle vereint.“

Mehr als ein politischer Besuch

Der Bundespräsident reiste nach Coventry, um in den Ruinen der Kathedrale einen Kranz niederzulegen und an einem Gedenk- und Versöhnungsgottesdienst teilzunehmen – an einem Ort, der daran erinnert, dass Frieden nicht selbstverständlich ist und Versöhnung keine abgeschlossene Geschichte kennt.

Dass der Bundespräsident diesen Ort aufsuchte, verlieh einer Haltung öffentliche Geltung, die die Nagelkreuzgemeinschaft seit 1947 prägt: Erinnerung und Zukunft müssen zusammen gedacht werden, und Versöhnung beginnt mit dem Blick auf die Wahrheit der Geschichte.

Autor: Niels Faßbender mit einem Beitrag von John Witcombe, Dean of Coventry

Erinnerung muss wecken! Grußwort zur Enthüllung der Gedenktafel für Johannes Rau

Grußwort von Vorstandsmitglied Niels Faßbender. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft.

Gedenktafeln laufen Gefahr, Patina anzusetzen – nicht nur aus Bronze, sondern auch im Geiste. Sie hängen an Wänden und schweigen. Doch am 25. Januar 2026, bei der Enthüllung der Tafel für Johannes Rau im Nagelkreuzzentrum Gemarker Kirche in Wuppertal, ging es um das genaue Gegenteil: um eine Erinnerung, die spricht, fordert und manchmal auch stört. Wie dicht die Atmosphäre an diesem besonderen Ort zwischen Synagoge und Kirche war, lesen Sie in unserem ausführlichen Bericht zur Veranstaltung. Doch was bedeutet Johannes Raus Lebensmotto „Teneo, quia teneor“ („Ich halte, weil ich gehalten werde“) für uns als Nagelkreuzgemeinschaft heute? Ist es ein frommer Spruch für Sonntagsreden oder eine harte politische Währung in Zeiten der Spaltung? Niels Faßbender, Vorstandsmitglied der Nagelkreuzgemeinschaft, ging in seinem Grußwort der Frage nach, warum eine solche Tafel kein Heldendenkmal sein darf, sondern ein Stachel bleiben muss. Wir dokumentieren das Grußwort hier im Wortlaut.

Liebe Gemeinde,

heute bringt ihr eine Tafel an.

Name. Datum. Erinnerung.

Erinnerung an Johannes Rau.

Viele hier kennen ihn.

Nicht als Figur.

Sondern als Mensch:

nah, vertraut, widersprüchlich, verlässlich.

Viele von euch haben ihn nicht nur im Fernsehen gesehen,

sondern in dieser Gemeinde.

Im Café.

Nach dem Gottesdienst.

Einer, der manchmal einfach da war.

Einer, der Beziehungen hielt.

Ich spreche zu euch als jemand, der ihn nicht persönlich kannte.

Und doch stehe ich nicht fremd vor seinem Namen.

Weil dieser Ort eine Sprache spricht, die ich verstehe.

Eine Sprache der Wirklichkeit.

Eine Sprache aus Geschichte und Gegenwart.

Aus Glauben und Verantwortung.

Hier, direkt nebenan, steht die Synagoge.

Sie erinnert an die eine Wirklichkeit:

An Feuer.

An Zerstörung.

An das, was Menschen einander antun –

im Namen von Volk, Ordnung, „Notwendigkeit“.

Johannes Rau hat dafür Worte gefunden, die nichts beschönigen

und doch Zukunft wagen.

In der Knesset hat er gesagt:

„Ich bitte um Vergebung für das, was Deutsche getan haben.“

Ein Satz ohne Ausrede.

Ohne Selbstentlastung.

Versöhnung bedeutet nicht, alles zuzudecken.

Sondern: es anzusehen.

Und weist damit in die andere Wirklichkeit:

Der Hof, den man gemeinsam betritt.

Keine romantische Kulisse.

Ein Gegenüber.

Nähe, die nicht selbstverständlich ist.

Sondern gewollt. Gebaut.

Man könnte sagen:

Hier wird geübt, dass keine Ereignisse und Mächte

unser Gewissen ersetzen.

Dass wir nicht wieder anfangen dürfen, Menschen zu sortieren.

Dass wir lernen müssen, sie anzusehen.

Und dass Glauben immer auch heißt:

sich nicht abfinden mit dem, was „nun einmal so ist“.

Und ja: gerade heute ist das wieder brennend.

Kälte in den Worten.

Härte in den Debatten.

Gewalt gegen jüdisches Leben.

Und die gefährliche Gewöhnung daran.

„Nie wieder“ passiert nicht von allein.

Es braucht Orte, die standhalten.

Menschen, die nicht nur „Glaube“ sagen, sondern ihn üben.

Und Wege. Und Nachbarn.

In dieser Kirche steht auch das Nagelkreuz von Coventry.

Wir kennen seine Geschichte.

Wir kennen diese seltsame Logik:

Aus zerstörtem Metall wird ein Kreuz.

Aus Schutt wird eine Sprache.

Nicht „alles wird gut“.

Sondern: Wir hören nicht auf.

Auch das Nagelkreuz hat diese eine Wirklichkeit in sich:

Das Feuer.

Die Zerstörung.

Das, was Menschen einander antun –

im Namen von Nation, Rasse, Gott.

Und wie die Synagoge, die sich den Hof mit eurer Kirche teilt,

weist auch das Nagelkreuz in die andere Wirklichkeit:

Die, in der Glaube konkret wird.

Johannes Rau hat einmal gesagt –

fast wie eine Selbstbeschreibung,

aber eigentlich wie ein Programm:

„Versöhnen statt Spalten … bleibt meine Lebensmelodie.“

Das klingt freundlich.

Und ist in Wahrheit streng.

Denn „Versöhnen statt Spalten“ heißt:

Die eigene Seite nicht für unschuldig halten.

Den eigenen Anteil sehen.

Die eigene Kälte wahrnehmen.

Und trotzdem üben: Anstand. Geduld. Gespräch. Wahrhaftigkeit.

Nicht schweigen, wenn der Ton kippt.

Nicht zynisch werden, wenn man müde ist.

Nicht profitieren, wenn andere erniedrigt werden.

Nicht mitmachen, wenn Menschen gegeneinander hochgeputscht werden.

Versöhnung bleibt eine reale Möglichkeit –

solange wir daran arbeiten,

solange wir Christus vertrauen.

Und jetzt: Die Gedenktafel.

Eine Tafel ist ein Halt.

Sie sagt: Einer war da.

Er hat Spuren hinterlassen.

Er war mehr als die Summe seiner Ämter.

Und eine Tafel ist eine Zumutung.

Denn sie sagt auch: Jetzt seid ihr dran.

Erinnerung ist nie nur Rückblick.

Erinnerung ist Verantwortung.

Man kann einen Menschen ehren

und dabei den Schmerz der Welt vergessen.

Man kann „Erinnerung“ sagen

und meint doch: bequemes Gedenken.

Eine Tafel kann Dekoration werden.

Oder: ein Stachel.

Johannes Rau hat diesen Stachel nicht gemieden.

Er hat das Wort „Versöhnung“ nicht als Dekoration benutzt.

Er hat es mitten in den Raum gestellt.

Mitten in die Geschichte.

Mitten hinein in Schuld.

Mitten hinein in die Angst: dass es nie genug ist.

Johannes Rau hatte ein Motto: „Teneo, quia teneor.“

Ich halte, weil ich gehalten werde.

Das klingt schlicht.

Und es ist radikal.

Das ist keine Heldenformel.

Das ist ein Eingeständnis.

Denn wir halten ja oft gerade nicht.

Wir sind verletzlich.

Wir sind widersprüchlich.

Wir sind schneller gekränkt als klug.

Und schneller hart als gerecht.

Manchmal fehlt uns die Kraft zur Versöhnung.

Weil wir selbst zu wenig versöhnt sind.

Mit unserer Angst.

Mit unserer Schuld.

Mit unserer Unvollkommenheit.

„Ich halte, weil ich gehalten werde“ heißt dann auch:

Ich bin angewiesen.

Auf Zuwendung.

Auf Vergebung.

Auf Menschen, die bleiben, wenn ich schwierig werde.

Auf Gemeinschaft, die mich nicht verwechselt mit meinem schlechtesten Tag.

Und auf Gott.

Der nicht sagt: „Reiß dich zusammen.“

Sondern: „Komm.“

Und bleibt.

Gerade da, wo der Halt fehlt.

Ich halte nicht aus eigener Härte.

Nicht aus Überlegenheit.

Nicht aus moralischer Stärke.

Sondern aus einem Grund, der tiefer liegt als ich selbst.

Aus einem Gehaltensein.

Für mich ist das eine der Grundfesten meines Glaubens:

Getragen sein, so wie ich bin –

und darum tragfähig sein auch für andere, so wie sie sind.

Nicht als Herrschaft.

Nicht als Pose.

Als Gemeinde von Brüdern und Schwestern.

An diesem Ort erinnert die Tafel für Johannes Rau nicht nur an den Menschen,

der die Mitte gesucht hat.

Die Mitte zwischen Klarheit und Demut.

Zwischen Heimat und Welt.

Zwischen politischer Verantwortung und dem leisen Wissen:

Wir sind nicht Gott.

Hier, an diesem Ort, ruft uns die Tafel für Johannes Rau auch zur Entscheidung:

Erinnerung kann verhärten – oder öffnen.

Glaube kann betäuben – oder aufwecken.

Heimat kann abschotten – oder beheimaten.

Mit Blick auf Synagoge und Nagelkreuz entscheiden wir uns für die offene Form:

Für ein Gedenken, das nicht einschläfert.

Für einen Glauben, der Hände bekommt.

Für eine Versöhnung, die nicht spaltet, sondern mühsam verbindet.

Nicht groß.

Nicht heroisch.

Aber erfüllt.

Von Treue, Dankbarkeit und Glauben.

Friede sei mit uns!

Vielen Dank.

Autor: Niels Faßbender

 

Spendenaufruf: Hilfe für unser Nagelkreuzzentrum in der Ukraine

Evangelisch-lutherische Kirche in Odessa und Pastor Alexander Gross (Fotos: Gross)

Krieg ist in der Ukraine keine ferne Nachricht, sondern tägliche Wirklichkeit. In Odessa und den umliegenden Dörfern leisten lutherische Gemeinden unter schwierigsten Bedingungen soziale Notfallarbeit: Sie versorgen Alte, Kranke, Kinder und Familien mit Lebensmitteln, Medikamenten und konkreter Hilfe – oft als Einzige vor Ort. Die Berichte von Pastor Aleksander Gross, die wir auf unserer letzten Mitgliederversammlung gehört haben, machen deutlich, wie existenziell diese Unterstützung geworden ist. Für viele Menschen ist sie das Letzte, was bleibt. Deshalb bitten wir heute dringend um Ihre Unterstützung. Im folgenden Spendenaufruf erfahren Sie, wofür die Hilfe gebraucht wird, was konkret geplant ist – und wie Ihre Spende unmittelbar wirkt.

Liebe Mitglieder, liebe Freundinnen und Freunde der Nagelkreuzgemeinschaft!

Was heißt es, vom Nagelkreuz zu sprechen, wenn Krieg kein erinnerter Abgrund ist, sondern tägliche Wirklichkeit? Auf der Mitgliederversammlung vor gut zwei Wochen in Münster wurde diese Frage konkret. Im Gespräch mit einem Vertreter des Nagelkreuzzentrums in St. Petersburg und mit Pastor Aleksander Gross, der für die Gemeinden unseres Nagelkreuzzentrums in Odessa und den umliegenden Dörfern verantwortlich ist, hörten wir von Menschen, die bleiben, wo vieles zerbricht. Von Gemeinden, die helfen, obwohl ihnen selbst die Mittel fehlen.

Es war ein bewegender Nachmittag. Und am Ende stand bei vielen derselbe Gedanke: Wir dürfen das nicht nur hören. Wir wollen auch unterstützen. Darum bitten wir Sie heute um Ihre Unterstützung für die sozialdiakonische Arbeit der Lutherischen Kirche in Petrodolynske, Novogradkivka und Odessa. Sie gilt zwei Projekten, die exemplarisch zeigen, was Kirche dort heute bedeutet.

Wenn Hilfe zu den Menschen geht – und nicht umgekehrt

Gemeinde mit Sonntagsschule in Odessa (Foto: Gross)

Rund 1.260 Menschen werden von den lutherischen Gemeinden regelmäßig unterstützt – mit Lebensmitteln, mit dringend benötigten Medikamenten, mit praktischer Hilfe, mit Nähe. Die Hilfe wird nicht an einem zentralen Ort ausgegeben, sondern die Gemeinde geht zu den Menschen nach Hause. Für viele ist das entscheidend, um ihre Würde zu bewahren. Pastor Gross schreibt:

„Wir haben gute Beziehungen zu acht Dörfern in der Umgebung aufgebaut, wo wir mit Seniorinnen und Senioren, Kindern und Familien zusammenarbeiten. Wir haben ein weiteres Zentrum für Kinder aus problembelasteten Familien eröffnet. Aber insgesamt ist das Leben im letzten Jahr noch schwerer geworden.“ Warum unsere Hilfe so dringend ist: „Unter den älteren Menschen haben wir eine erhöhte Sterblichkeit beobachtet. Die Menschen können sich keine Medikamente mehr leisten und leben in ständiger Angst.“ Die Fürsorge ist für die Betroffenen oft das Letzte, was bleibt. Und sie steht auf dem Spiel.

Ein Gebäude, das mehr ist als Stein – die Kirche der Hoffnung

Ehemalige lutherische Kirche in Novogradkivka (Foto: Gross)

In Novogradkivka (Neuburg) soll ein Ort neu entstehen, dessen Geschichte selbst von Verlust und Überleben erzählt. Die lutherische Kirche von 1904 wurde 1933 beschlagnahmt, der Kirchturm abgerissen. Jahrzehntelang diente sie als Kulturhaus. Im Jahr 2000 wurde das denkmalgeschützte Gebäude dem Verfall preisgegeben. Jetzt soll daraus ein soziales Zentrum werden. Außen nach historischem Vorbild wieder aufgebaut, im Inneren mit drei Etagen für soziale Arbeit und Gemeindeleben: Sonntagsschule, Bethanien-Kinderzentrum für Kinder aus sozial benachteiligten Familien, mehr Platz für die Suppenküche, die seit fünf Jahren rund 30 Menschen in drei Dörfern versorgt. Außerdem eine Winterunterkunft für alleinstehende Rentnerinnen und Rentner. Denn in den Wintermonaten verdreifacht sich ihre Sterblichkeit – Armut, Kälte und fehlende Medikamente werden lebensbedrohlich.

Pastor Gross schreibt: „Mein größtes Problem ist derzeit, einen Ort zu finden, von wo aus wir unsere Sozialfürsorge organisieren können. Räume anzumieten ist unmöglich geworden – niemand vermietet für die Arbeit mit armen Menschen. Deshalb konzentriere ich mich darauf, den Wiederaufbau unserer Kirche aus den Trümmern der früheren Kirche zu organisieren.“ Diese Kirche soll „Kirche der Hoffnung“ heißen. Nicht als fromme Behauptung, sondern als Antwort auf eine Realität, die Hoffnung systematisch zerstört.

Warum Ihre Spende zählt

Ihre Spende wird zu Lebensmitteln für Menschen ohne Einkommen. Zu Medikamenten für Alte, die sonst darauf verzichten müssen. Zu einem Ort, an dem Kinder, Familien und Alte nicht vergessen werden. Und sie stärkt Gemeinden, die den Dienst der Versöhnung tun, während um sie herum Krieg herrscht. 100 % Ihrer Spenden gehen in die Ukraine.

Wenn Sie sich beteiligen möchten, nutzen Sie bitte diese Kontoverbindung:

Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V.

IBAN: DE 21 1009 0000 1736 7830 09

BIC: BEVODEBB

Berliner Volksbank

Verwendungszweck: Ukraine

Falls Sie eine Spendenbescheinigung wünschen, geben Sie im Verwendungszweck bitte zusätzlich Ihre Anschrift an. Egal, wie groß Ihre Spende ist – seien es nur ein paar warme Tage im Winter, ein Medikament: Ihre Gabe bedeutet für einen Menschen in der Ukraine ein Stück Sicherheit und Würde. Ich danke Ihnen – nicht nur für Ihre Gabe, auch dafür, dass Sie das Nagelkreuz nicht als Zeichen belassen, sondern als Auftrag verstehen.

Für den Vorstand und Leitungskreis der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V.

Ihr

Oliver Schuegraf

Vorsitzender

Leiten Sie diesen Spendenaufruf gerne weiter. Hier können Sie eine PDF-Version zum Versenden oder Ausdrucken herunterladen oder hier online lesen.

 

Mitgliederversammlung 2025: Eine Gemeinschaft im Ernstfall

Mitgliederversammlung in Münster 2025. Foto: Tobias Klein

Es gibt Zusammenkünfte, die äußerlich unspektakulär erscheinen und sich erst im Inneren als Räume geistiger Verdichtung erweisen. Wer am 14. November 2025 zur Mitgliederversammlung der Nagelkreuzgemeinschaft ins Johanniter-Gästehaus nach Münster kam, mochte zunächst ein vertrautes kirchliches Arbeitstreffen erwarten: Tagesordnungspunkte, Berichte, Beschlüsse. Doch schon nach kurzer Zeit wurde deutlich, dass hier mehr geschah. Nicht routinierte Gremienarbeit stand im Mittelpunkt, sondern ein gemeinsames Ringen um Haltung – getragen von Menschen, die Versöhnung nicht als Begriff verwalten, sondern als Lebenspraxis kennen.

Rund achtzig Teilnehmende und Gäste waren angereist, viele seit Jahren oder Jahrzehnten mit der Nagelkreuzgemeinschaft verbunden, manche zum ersten Mal. Münster erwies sich dabei als stimmiger Ort: westfälisch zurückhaltend, verlässlich, begleitet von jenem feinen Novemberregen, der eher zur Sammlung als zur Zerstreuung einlädt.

Neben Vereinsregularien und inhaltlichem Austausch hatten auch Gedenken und Gebet Raum auf der Mitgliederversammlung. Foto: Tobias Klein

Kerzen, Konten und ein Elefant

Den Auftakt setzte eine Andacht von Oliver Schuegraf – liturgisch konzentriert, bewusst unspektakulär. Kerzen wurden entzündet: für die Konflikte der Welt ebenso wie für das, was jede und jeden persönlich bewegt und bedrückt. Kein Pathos, keine großen Gesten, sondern eine stille Einladung, das Private und das Politische nicht voneinander zu trennen. Der Raum schien sich zu verdichten; der Grundton des Wochenendes war gefunden.

Im anschließenden Geschäftsteil zeigte sich die Gemeinschaft von ihrer angenehm strukturierten Seite. Die Sache mit dem Plüschelefanten – einem Geschenk aus Coventry, benannt nach Benjamin Britten – wurde zum ersten kleinen Höhepunkt. Ein Elefant als Mahnung, nicht um den heißen Brei herumzureden: Es gibt schlechtere Maskottchen für eine Organisation, die sich der Wahrhaftigkeit verpflichtet fühlt.

Die Haushaltsfragen wurden effizient verhandelt, neue Kassenprüferinnen bestätigt, und Henning Menzel mit herzlichem Applaus als neuer Schatzmeister willkommen geheißen. Man merkte: Vertrauen ist hier kein abstrakter Begriff, sondern Arbeitsvoraussetzung.

Am Abend wandelte sich der Saal in eine erzählte Landschaft aus Erinnerung und Gegenwart. In ruhiger, präziser Sprache wurde die Geschichte Coventrys aufgerufen: die Bombennacht vor achtzig Jahren, die Radiobotschaft, die Nägel, das Kreuz. Selbst wer diese Geschichte zu kennen meinte, hörte neu hin – vielleicht auch deshalb, weil zur selben Stunde in der Kathedrale von Coventry der Zerstörung gedacht wurde. Erinnerung war an diesem Abend kein Rückblick aus sicherer Distanz, sondern ein Geschehen in der Gegenwart.

Vorstandstisch mit Elefant Benjamin. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Dann traten die neuen Nagelkreuzzentren nach vorn: vier Hamburger Hauptkirchen, Chemnitz, Recklinghausen, Kassel, Frankfurt am Main und Stutensee-Weingarten. Sie brachten Ausschnitte ihrer Arbeit mit – manchmal als Satz, manchmal als Bild oder Geste. Beim „Meet & Greet“ entstand ein Kaleidoskop deutscher Erinnerungskultur: vielfältig, verletzlich, erstaunlich hoffnungsvoll. Auch jene, die sich selbst eher als nüchtern oder realistisch verstehen, konnten sich der stillen Kraft dieser Begegnungen kaum entziehen.

Der Abend schloss mit einer Andacht, die Worte aus der Stuttgarter Schulderklärung, ein zeitgenössisches Gebet über Israel und Gaza und eine meditative Reflexion über Ratlosigkeit und Verantwortung zusammenführte. Es war einer der Momente, in denen man spürt: Großen Fragen kann man im gemeinsamen Glauben standhalten, auch wenn man die Antwort nicht kennt.

Kate Massey: Unsere neue Stimme in Coventry

Vielfalt war erlebbar beim „Meet & Greet“ der neuen Nagelkreuzzentren. Foto: Tim Wagner

Der Samstag begann mit einem Morgengebet, weit öffnend und von jener stillen Klarheit getragen, die Lieder wie „Morgenlicht leuchtet“ auch jenseits persönlicher Vorlieben entfalten können.

Dann trat Kate Massey ans Mikrofon, seit Juni 2025 Canon für Kunst und Versöhnung an der Kathedrale von Coventry. Ihren Bericht aus Coventry begann sie, ganz britisch, mit einem Schuss Selbstironie: Ja, es gebe eine neue Canon for Arts and Reconciliation in Coventry – brillant und witzig, wie man höre. „Ich bin vielleicht keines von beidem“, sagte sie, „aber immerhin neu.“ Der Saal lachte – und Kate hatte die Herzen der Zuhörerschaft schon mit dem ersten Satz erobert.

Sie erzählte sie von ihrem eigenen Weg: Von ihrer Zeit als Gemeindepfarrerin in einem Stadtteil, in dem 67 Prozent für den Brexit stimmten, von kirchlichen Auseinandersetzungen um Frauenordination und die volle Teilhabe von LGBTQ+-Christen, von ihrer Doktorarbeit über Versöhnung in kirchlichen Konflikten. Kein Heldenepos, sondern ehrliche Handarbeit im Feld der Risse. Und schnell war klar: Diese Frau weiß, wovon sie spricht, wenn sie „Reconciliation“ sagt.

Erfahrungen austausche, Kontakte knüpfen – auch dafür war in Münster genug Zeit. Foto: Tim Wagner

Schon drei Wochen nach ihrem Amtsantritt landete sie mitten im internationalen Rückgrat des Netzwerks: dem „International Reps Meeting“, das etwa alle 18 Monate in Coventry stattfindet. Dann kommen dort die Vorsitzenden – oder die vergleichbaren Verantwortungsträger – all jener Länder zusammen, die wie Deutschland ihre Nagelkreuzzentren in nationalen Verbänden organisieren. Delegierte aus Deutschland, Kanada, den USA, Großbritannien und Irland, den Niederlanden und Südafrika – drei Tage Diskussionen, Lernen, Lachen, Beten, Streiten. Herausgekommen sind konkrete Projekte: neue Kommunikationswege, um Geschichten aus den Zentren sichtbarer zu machen; eine geplante Nagelkreuz-Gebets-App; eine Struktur für Einzelmitgliedschaften in Regionen ohne bestehende Modelle; Fokusgruppen mit jungen Menschen, die erklären sollen, wie Versöhnung heute eigentlich klingt; und die Planung eines großen internationalen Treffens im Jahr 2027.

Massey stellte fest, dass die Frage nach der „nächsten Generation“ inzwischen zum roten Faden geworden ist. Die ICONS, das Netzwerk der Nagelkreuz-Schulen, wachsen; eine neue Mitarbeiterin – einst Freiwillige in Coventry – koordiniert die Arbeit; die BBC wird ICONS in einer „Songs of Praise“-Adventssendung porträtieren. Und dann eine Szene, die im Saal besonders hängenblieb: ihr Besuch an der Europaschule in Frankfurt am Main. Abiturient:innen, die auf Englisch über LGBTQ+-Rechte, Rassismus, Gerechtigkeit, Wiedergutmachung debattieren, bevor überhaupt jemand „Coventry“ sagt – klug, direkt, unerschrocken. „Ich kam gar nicht mehr dazu, meinen Vortrag zu halten“, erzählte Kate lachend. Eine Schulpartnerschaft ist in Arbeit.

Der Blick in Coventry geht weiter hinaus: Massey berichtete von wachsenden Kontakten nach Australien und Neuseeland; von Māori-geprägten Versöhnungsprozessen, die mühsam und teuer waren, aber Wandel gebracht haben; Kirchen in Ost- und Westaustralien, die sich mit Fragen indigener Rechte beschäftigen; der Idee einer Gruppe innerhalb der Nagelkreuzgemeinschaft, die postkoloniale Themen bearbeitet – gemeinsam mit kanadischen Partnern.

Canon Kate Massey berichtete aus Coventry. Foto: Tim Wagner

Dass Versöhnungsarbeit nach wie vor dringend ist, zeigte sich auch, als sie über das aktuelle Jahr sprach: über die Ukraine, Russland, Israel und Palästina. Coventry hielt eine Mahnwache zum zweiten Jahrestag der Hamas-Angriffe, kurz nach einem antisemitischen Attentat in Manchester. Jüdische Partner:innen kamen, palästinensische Christ:innen, der Rektor des Tantur-Instituts in Jerusalem. Und sie erzählte von „Gracious Dialogue“ – einem Format, das Gemeinden helfen soll, wenn die Israel-Frage sie innerlich spaltet. Bibel, Geschichte, persönliche Stimmen – ein zarter, aber präziser Werkzeugkasten für schwierige Gespräche. Ein ähnliches Format zu politischen Gräben sei bereits in Planung.

Zum Schluss sprach sie über die Pilgerfahrten, die die Kathedrale zweimal jährlich anbietet – „ein Segen“, wie sie sagte –, und über ihren Wunsch, die Verbindung zwischen Coventry und den Zentren noch enger zu knüpfen. Mehr Kolleg:innen aus Coventry sollen künftig Pilgerfahrten mitgestalten. Damit die Pilgernden profitieren – und Coventry am Draht der vielfältigen Versöhnungsarbeit in den Nagelkreuzzentren in aller Welt bleibt.

Am Ende blieb der Eindruck einer Kathedrale, die sich nicht nur als Ort des Rückblicks und der Erinnerung versteht, sondern vor allem pulsierender Knotenpunkt internationaler Versöhnungsarbeit ist – mit einer neuen Canon, die diesen Puls hörbar macht und ihm eine Stimme gibt.

Die anschließenden Berichte aus den Zentren zeichneten ein vielstimmiges Bild: vom Diebstahl eines Nagelkreuzes in Dachau, über Jubiläen in Dresden und Ausstellungen in Chemnitz bis hin zu musikalischen Jugendprojekten in Darmstadt. Unterschiedliche Orte, unterschiedliche Kontexte – verbunden durch dieselbe Hoffnung, dass aus erlittenem Schmerz Zukunft entstehen kann.

Rund 80 Teilnehmer:innen und Gäste waren zur Tagung nach Münster angereist. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Miteinander reden in Zeiten des Krieges zwischen Russland und der Ukraine

Der thematische Schwerpunkt des Wochenendes hätte leicht zu einer jener gut gemeinten Podiumsrunden werden können, bei denen man nichts erfährt, was man nicht längst weiß. Doch es kam anders. Ein Pfarrer aus Russland und ein Pfarrer aus Odessa berichteten von Bombennächten, von Tagen ohne Strom, vom Leben unter Bedingungen, die man sich hierzulande kaum vorstellen kann. Sie erzählten von verschleppten Kindern, von gefallenen Männern und vom Leid der Geflohenen; der eine in Sorge vor dem nächsten Angriff, der andere in Sorge, was ein offenes Wort auslösen könnte.

Und plötzlich war Krieg nicht mehr eine Nachricht, sondern ein menschliches Gegenüber. Ihre Berichte – bewusst geschützt, nicht für die Öffentlichkeit gedacht – trafen einen Punkt, an dem Worte knapp werden und Zuhören schwerfällt. Der Raum wurde still. Dann noch stiller. Momente, in denen zu spüren war, dass Worte nicht reichten für das, was Menschen einander antun oder erleiden müssen; Momente, in tiefem Mitgefühl verbunden mit den Menschen im Krieg.

Sprechen im und über den Krieg war der Schwerpunkt des Samstagnachmittags. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Im anschließenden World Café sprach die Gemeinschaft weiter – in kleinen Gruppen, tastend, ehrlich. Mit Ernst, mit Humor. Mit der Erkenntnis, dass Schweigen helfen kann. Dass Besuch helfen kann und Geld im Zweifel mehr als Sachspenden. Und dass Zuhören keine schwache, sondern eine mutige und ermutigende Form der Solidarität ist. Dass Annäherung beginnt, wenn Menschen Fragen stellen und die Antworten nicht scheuen – selbst wenn sie schmerzen. An diesem Nachmittag tat niemand so, als könne man dem ausweichen.

Den Tag beschloss eine Abendandacht von Antje Biller. „Wir pflügen und wir streuen“ – ein Lied über das Säen ohne Gewissheit der Ernte. Der Tag hatte von Menschen erzählt, die säen: Worte, Gesten, Begegnungen. Zugleich stand die Erfahrung im Raum, dass vieles davon unsichtbar bleibt oder scheinbar wirkungslos verhallt. Die Nacht begann mit dem Zuspruch: Wachstum und Gedeihen liegen in Gottes Hand.

Von Gott gehalten auf dem Weg der Versöhnung

Der Sonntag begann mit einem dankbaren Rückblick auf eine dichte, zugleich wohltuend unaufgeregte Versammlung – und fasste damit zusammen, was das Wochenende insgesamt geprägt hatte: Zeit für Wiedersehen und Kennenlernen, für Erfahrungsaustausch, für stilles Erinnern auch an die, die nicht oder nicht mehr da waren. Getragen wurde all dies von einer professionellen, unaufdringlichen Gastlichkeit des Hauses und seiner Mitarbeitenden.

Am Sonntag endete das Treffen mit einem Gottesdienst in der Münsteraner Andreaskirche. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Der abschließende Gottesdienst im Nagelkreuzzentrum St. Andreas nahm die Fäden des Wochenendes auf: eine gemeinsame Predigt von Oliver Schuegraf und Kate Massey, ein Grußwort aus Russland, gemeinsames Essen. Im Zentrum stand ein Vers aus Jesaja 49: „Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet.“ Kate Massey entfaltete ihn als Zusage des Gehaltenseins – auch in einer brüchigen Welt. Erinnerung erschien nicht als Last, sondern als Bindung; Versöhnung als Beginn dort, wo Menschen einander nicht aus den Händen fallen.

Was bleibt von dieser Mitgliederversammlung? Vielleicht die Erfahrung, dass Versöhnungsarbeit weder veraltet noch naiv ist. Dass sie lebt, weil Menschen sie leben. Und dass unsere Gemeinschaft in einer Zeit lauter, erschöpfter Debatten eine seltene Qualität bewahrt: Leise zu sprechen, ohne leise zu sein im Anspruch.

Oder, wie es an diesem Wochenende zu hören war: Versöhnung ist kein Zustand. Sie bleibt ein Weg – aus Worten, aus Taten, aus Beziehungen.

Autor: Niels Faßbender