Nachrichten der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V..

Kirchenmeile bis Marienkapelle: Die Nagelkreuzgemeinschaft beim Katholikentag in Würzburg

„Hab Mut, steh auf!“ – Unter diesem einladenden ökumenischen Motto stand der 104. Deutsche Katholikentag, der vom 13. bis 17. Mai 2026 in Würzburg stattfand. Mittendrin gestaltete ein fantastisches, engagiertes Team von rund 20 Mitgliedern und Freunden der Nagelkreuzgemeinschaft aus ganz Deutschland unvergessliche Tage der Begegnung. Wie intensiv, bereichernd und bewegend diese Zeit war, schildern Sigrid Mathes und Peter Boenisch in ihrem persönlichen Erfahrungsbericht vom Infostand.

Mittendrin statt nur dabei: Eindrücke von der Kirchenmeile

Anfang März erreichte uns ein Schreiben der Deutschen Nagelkreuzgemeinschaft: Für den Infostand auf der „Kirchenmeile“ beim Katholikentag in Würzburg wurden noch helfende Hände gesucht. Als „Belohnung“ winkten eine Dauerkarte inklusive Nahverkehr, ein T-Shirt mit dem Logo der Gemeinschaft und natürlich die besondere Atmosphäre, einen Katholikentag „von innen“ als Teil eines engagierten Teams zu erleben. Ich war spontan bereit, und nach kurzer Überlegung ließ sich auch Peter gewinnen – der Katholik in unserem ökumenischen Zweierteam.

Katholikentagstreiben in Würzburg. Foto: Peter Boenisch/Sigrid Mathes

Nachdem wir etwas außerhalb ein wunderbares Privatquartier gefunden hatten, bezogen wir am Mittwoch, dem 13. Mai, unser Quartier. Während rund 9.000 Menschen die Eröffnung feierten, erkundeten wir die noch ruhige Innenstadt. Eine gute Entscheidung, denn so wurden wir nicht ganz so pudelnass, als Petrus die Schleusen öffnete. Leider blieben die Eisheiligen an allen Tagen im Dienst; es war durchgehend kalt und wechselhaft.

An Christi Himmelfahrt startete unser Dienst auf der Kirchenmeile direkt am Mainufer. Das Orga-Team hatte unseren Pavillon hervorragend gestaltet: Eine Seite informierte über die Geschichte des Nagelkreuzes und Coventry, die andere über die weltweite Arbeit der Gemeinschaft. Vorne lud ein großer Stehtisch mit Infomaterial zum Verweilen ein, dahinter standen Tische und Stühle bereit.

Jeweils fünf Teamerinnen und Teamer waren in zwei Schichten pro Tag im Einsatz. Die anfängliche Sorge, wir könnten uns auf den Füßen stehen, war völlig unbegründet. Vor dem Stand war reichlich Platz, um die vorbeiziehenden Scharen anzusprechen. Das Interesse war riesig und sehr vielseitig: Viele hörten zum ersten Mal vom Nagelkreuz und staunten, wenn wir ihnen von einem Zentrum ganz in ihrer Nähe berichten konnten. Selbst wir lernten Neues: Der lokale Flyer verriet uns, dass seit 2003 alle weltweit verliehenen Nagelkreuze in der Schmiede der JVA Würzburg hergestellt werden!

Jeder von uns fand seinen eigenen Weg, die Menschen zu begeistern. Peter lud die Vorbeiziehenden ein, selbst ein Nagelkreuz aus Hufnägeln zu basteln. Das erwies sich als absoluter Hit für Jung und Alt, führte zeitweise zu echten Warteschlangen und füllte ganz nebenbei die Spendenbox. Andere Teammitglieder gewannen neue Einzelmitglieder oder fingen mit Videostatements junger Menschen für Instagram ein, was „Versöhnung“ heute bedeutet.

Es war eine beglückende Erfahrung, mit so vielen Menschen über „Gott und die Welt“ ins Gespräch zu kommen und gleichzeitig zu erleben, wie die Freundschaft und das Zusammengehörigkeitsgefühl in unserem eigenen Team von Stunde zu Stunde wuchsen. Für uns war die Teilnahme ein rundum gelungenes, inspirierendes Erlebnis. Vielleicht wiederholen wir es beim nächsten Kirchentag in Düsseldorf!

Innehalten im Trubel: Die geistlichen Akzente

Immer ein Publikumsmagnet: Nagelkreuze basteln. Foto: Peter Boenisch/Sigrid Mathes

Neben den unzähligen Begegnungen am Messestand schlug das Herz unserer Gemeinschaft in Würzburg an den geistlichen Orten, die den Katholikentag mit Momenten des Innehaltens bereicherten.

Ein ganz besonderer, tiefgehender Höhepunkt war das Friedens- und Versöhnungsgebet am Freitagmittag um 13:00 Uhr. In Würzburg wird traditionell an jedem Freitagmittag für den Frieden gebetet – zeitgleich mit dem Gebet in der Ruine der Kathedrale von Coventry. Auch während des Katholikentags durften wir dieses Gebet in einer bis auf den letzten Platz gefüllten Marienkapelle feiern.

In seiner bewegenden Ansprache zur Bergpredigt (Mt 5, 1-12) lenkte Superintendent a. D. Klaus Majoress den Blick auf den Kern der christlichen Friedensbotschaft: Versöhnung beginnt mit einem radikalen Perspektivwechsel – sich zuerst in den Bruder oder die Schwester hineinzudenken und den Mut aufzubringen, den ersten Schritt zu tun. Getragen von stimmungsvoller Musik, dem gemeinsamen Sprechen des Versöhnungsgebets und nachdenklichen Wortbeiträgen entstand in der voll besetzten Bürgerkirche ein Moment spürbarer, tiefer Verbundenheit unter den Gläubigen.

An drei Abenden luden wir jeweils um 20:45 Uhr zu den „Gedanken zur Nacht“ auf den Wilhelm-Schwinn-Platz (Platz der Versöhnung) vor der Kirche St. Stephan ein. Auch wenn sich hier – im Vergleich zum lebhaften Standbetrieb tagsüber – eher kleinere, leisere Runden zusammenfanden, tat dies der Intensität keinen Abbruch. Im Gegenteil: Im bewussten Kontrast zum trubelig-belebten Katholikentags-Geschehen tat die gemeinsame Stille unendlich gut. Die kurzen Impulse zur Hoffnung und das anschließende Glockengeläut boten den Anwesenden einen behüteten, friedlichen Ausklang der ereignisreichen Tage. Am Samstagabend gedachten wir in diesem Rahmen zudem dankbar dem 100. Geburtstag des bedeutenden Theologen Jürgen Moltmann.

Versöhnungsgebet in der Marienkapelle. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Ein herzliches Dankeschön!

Der Katholikentag 2026 hat uns reich beschenkt. Wir haben uns selbst vom wechselhaften Wetter die Laune nicht verderben lassen und durften die Kraft unserer Gemeinschaft ganz real spüren. Ein unendlich großes Danke gilt allen Teamerinnen und Teamern für ihren flexiblen, unermüdlichen Einsatz am Stand und bei den Veranstaltungen – ihr wart großartig!

Wir verlassen Würzburg mit tiefen Erfahrungen, neuer Ermutigung und viel Hoffnung im Gepäck. Bis zum nächsten Wiedersehen – spätestens bei der Mitgliederversammlung oder auf dem kommenden Kirchentag in Düsseldorf 2027!

Autor:innen: Sigrid Mathes und Peter Boenisch, Berlin-Mariendorf

Schichten der Versöhnung – Klänge und Stimmen einer Chorpilgerschaft nach Coventry

Seit mehr als 30 Jahren ist der Evangelische Kirchenkreis Lüdenscheid-Plettenberg festes Glied der weltweiten Nagelkreuzgemeinschaft. Als musikalischer Botschafter dieser Partnerschaft reiste das Lüdenscheider Vokalensemble Ende April 2026 zu einer fünftägigen Pilgerschaft nach Coventry. Der mehrfach preisgekrönte, überregional renommierte Kammerchor hat seine Heimat an der Erlöserkirche in Lüdenscheid. Nun machten sich 17 Sängerinnen und Sänger gemeinsam auf den Weg zu den Wurzeln einer großen Erzählung.

Mittwoch, 29. April 2026. 09:00 Uhr Ankunft Birmingham Airport. Transfer nach Coventry. 10:30 Uhr Kaffee, Begrüßung und Überblick im St. Michael’s House.

Rudolf Mauersberger (1889-1971): „Wie liegt die Stadt so wüst“ – Ankunft in Coventry. Mauersbergers Trauermotette, geschrieben im Angesicht des zerstörten Dresdens, findet auch in den Ruinen der Kathedrale von Coventry ihre unmittelbare Resonanz. Ein musikalisches Aufarbeiten von Schmerz und Zerstörung.

Nagelkreuz in der Lady Chapel in der Kathedrale von Coventry. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Leo: „Ich bin Canon für Kunst und Versöhnung, dem besten Beruf auf der Welt.“ So werden wir von Canon Kate Massey zu einem Gespräch über Versöhnung in unserer Welt in Aufruhr begrüßt. Wir, das ist das Lüdenscheider Vokalensemble, das im Namen des Kirchenkreises Lüdenscheid-Plettenberg Coventry und dessen Kathedrale besucht. Coventry, der Ort, der 1940 das erste Opfer der massiven deutschen Luftangriffe in England wurde und dessen Kathedrale, wie große Teile der Stadt, weitgehend zerstört wurde. Coventry, wo Propst Howard nach der Zerstörung ein Kreuz aus verbrannten Dachbalken sah und dieses mit den Worten „Father Forgive“ hinter den Altar der ausgebrannten Kirche aufstellte. Coventry, wo nach dem Krieg die Nagelkreuzgesellschaft entstand, die sich für Versöhnung in der Welt einsetzt und zum Zeichen dazu Nagelkreuze an Friedens- und Versöhnungsprojekte in aller Welt verteilt.

Niels: Ankunft. Einatmen. Die Stadt empfängt uns nicht als Touristen, sondern mit einer überwältigenden Wärme und Offenheit. Man spürt sofort: Das hier ist kein gewöhnlicher Ort. Es ist ein Kraftzentrum, das jeden, der es betritt, sofort umfängt. Die Begegnungen mit alten Freund:innen fühlen sich an wie ein Heimkommen. Dass wir diesen Geist von Anfang an so tief spüren dürfen, verdanken wir einem engagierten Team: Richard Parker, Alice Farnhill und Kate Massey, die aus Coventry alles so wunderbar organisiert und begleitet haben, sowie Britta Däumer, die für den Kirchenkreis die inhaltliche Gestaltung und  Organisation der Reise verantwortet.

12:00 Uhr Litany of Reconciliation (Versöhnungsgebet), anschließend Mittagessen.

Leo: Passend dazu verteilt Niels am Anreisetag an jeden von uns ein kleines Säckchen mit einer Botschaft. Ich wähle „Raum zum Atmen“. In jedem dieser Säckchen finden wir einen kleinen Stein, der die Steine im Schuh auf unserer persönlichen Reise symbolisieren soll. Die Steine, die uns auf unserem Weg zwicken und piesacken. Diesen Stein halte ich den ganzen Besuch über bei mir und denke immer wieder über meine Steine im Schuh nach und unterhalte mich mit den anderen darüber. Im besten Fall sollten wir dem Stein einen Namen geben und einen Ort mit Resonanz finden, an dem wir ihn ablegen können, um uns mit uns selbst zu versöhnen.

 

Das Paradoxon der Klänge: Reconciliation in a devided world

Donnerstag, 30. April. 08:30 Morgengebet mit Holy Communion, dann stille Zeit in der Kathedrale.

Versöhnungsstatue von Josefina de Vasconcellos. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Johannes Brahms (1833-1897): „Warum ist das Licht gegeben den Mühseligen“ – Während wir im Workshop über die Zerrissenheit der Welt und die schmerzhaften Brücken der Versöhnung sprechen, fängt das „Warum“ unsere Sehnsucht ein.

Regina: Die Werke, besonders Mauersberger und Brahms, drücken die tiefe Parallelität zwischen Dresden und Coventry, zwischen Zerstörung und Friedenswillen aus. Das Singen der Musik wird spürbar und gibt Antwort. In der Ruine zu stehen bedeutet, das Grauen zu erleben, das aber mit Trost und Erbarmen zugedeckt wird. Und immer beides miteinander: Das zeigt auch das Bild – die Ruine Seite an Seite mit der neuen Kathedrale, das gleiche Licht, der gleiche Himmel darüber und über und neben den beiden Gestalten der Reconciliation, Stirn an Stirn. Menschen sitzen in der Ruine nachdenklich, staunend, dankend mitten dort, wo einmal das Kirchenschiff gewesen ist.

Niels: Am Vormittag stehen wir in der neuen Kathedrale. Ich war schon oft hier, kenne jede Ecke, jedes Kunstwerk. Und doch passiert das Unvorhersehbare: Die Sonne bricht durch und flutet das riesige Tauffenster von John Piper. Eine Farbgewalt, eine Leuchtkraft, die ich in dieser Intensität noch nie gesehen habe. Es reißt einen förmlich mit. Ich blicke mich um und sehe Tränen in den Augen. Dieser Ort arbeitet. Er wirkt tief in die Seele hinein. Menschen sind Wesen, die zuerst fühlen und dann dazwischen manchmal denken. Genau deshalb ist die Kunst – in unserem Fall die Musik des Vokalensembles – der direkteste Kanal für Versöhnung. Ein Kammerchor sucht unentwegt nach Harmonie. Dieses bewusste Aufeinander-Hören und gemeinsame Tragen des Klangs ist praktizierte Friedensarbeit.

09:15 Uhr Stadtführung mit Richard Parker.

Niels: Mitten in diese nachdenkliche Atmosphäre platzt der pure, gegenwärtige Lebensjubel der Stadt: Coventry City hat gerade den Aufstieg in die Premier League geschafft. Die ganze Stadt befindet sich in kollektiver Jubelstimmung, und überall wehen die hellblauen Flaggen der „Skyblues“ unter einem strahlenden, ebenso blauen Himmel. Welch faszinierender Kontrast zwischen historischer Tiefe und pulsierender Gegenwart.

13:00 Uhr Workshop: Was bedeutet es, Partner der Nagelkreuzgemeinschaft zu sein?

Ergebnisse der Arbeitsgruppen – Protokollfragmente vom Nachmittags-Workshop

AG 1: Dürfen wir in einer Welt voller Kriege überhaupt auf eine „Kultur des Friedens“ hoffen? Hoffnung ist kein Gefühl, sondern eine Praxis.

AG 2: Welchen ersten, kleinen Schritt könnte ich gehen, um den Kreislauf aus Bitterkeit zu unterbrechen? Zuhören. Den Stein im Schuh benennen.

AG 3: In welchen Momenten habe ich erlebt, dass Vielfalt uns nicht schwächt, sondern stärker macht? Im Chor. Wenn verschiedene Stimmen sich zu einem einzigen Akkord fügen.

 

16 Uhr Chorprobe. 17 Uhr Teezeremonie. 18 Uhr Gespräch mit Kate Massey.

Leo: „Zwischen Takt 96 und 97 sackt Ihr im Ton.“ So werden noch allerletzte Wackler aus der Generalprobe, getarnt als Konzert in der Erlöserkirche, für den letzten Feinschliff korrigiert.

Cream Tea. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Niels: Nachmittags tauchen wir erst einmal tief in die englische Lebensart ein und zelebrieren eine echte Cream-Tea-Zeremonie mit warmen Scones, Clotted Cream, Erdbeermarmelade und natürlich feinstem Tee. Anschließend Gespräch mit Kate Massey, Canon für Kunst und Versöhnung: Was für eine zerrissene Welt! Die Diskussionen fordern uns heraus. Als Mitglied des Vorstands der deutschen Nagelkreuzgemeinschaft spüre ich die Beunruhigung dieser schwierigen Zeiten, aber auch die ungemeine Notwendigkeit unserer Arbeit. Wir müssen in Zukunft regelmäßig Menschen nach Coventry bringen, damit sie das hier erleben. Man kann es nicht erklären.

Entschleunigung und Retreat

Freitag, 1. Mai. Ausflug der Gruppe nach Stratford-upon-Avon. Konzertvorbereitungen.

Heinrich Schütz (1585-1672): „Die mit Tränen säen“ – Ein Tag des Innehaltens und des persönlichen Rückzugs. Schütz’ Vertonung erinnert uns daran, dass Versöhnung oft mit Tränen und schmerzhafter Selbsterkenntnis beginnt  – aber die Verheißung in sich trägt, dass wir am Ende mit Freuden ernten werden.

Regina: Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen“… der Raum zwischen Menschen wird mit Gnade und Güte, mit Geborgenheit aufgehoben. Das Wissen um die Not und um die Suche wird in unserer Musik, unserem gemeinsamen Singen als Barmherzigkeit empfunden. Der Hall in der Kathedrale, spürbar wie ein Segen, gibt die Gewissheit.

St. Michael’s House. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Leo: Nach fünf Tagen ist das St. Michael’s House ein Zuhause für uns geworden. Von Anfang an haben wir uns herzlich willkommen gefühlt. Aber durch die gemeinsame Zeit, die wir dort mit Gesprächen, Proben und Gedanken verbracht haben, ist es uns richtig ans Herz gewachsen – ein kleines, vertrautes Domizil im Schatten der gigantischen Kathedrale.

Niels: Die Gruppe fährt nach Stratford, ich bleibe zurück. Ich suche kein Sightseeing, ich suche die Stille von Coventry. Ein persönliches Mini-Retreat. Ich sitze allein beim Morning Prayer, beim Versöhnungsgebet um 12 und beim Evening Prayer. Dass dann nur wenige Leute kommen – manchmal sind wir nur zu dritt oder zu fünft – ändert an der Intensität nichts. Ich schlage das Gebetsbuch auf. Da stehen diese kleinen roten Punkte im Text, die mich zwingen, mitten im Psalmvers innezuhalten. Pause. Atmen. Abends wird in aller Seelenruhe jedes einzelne Gebetsanliegen vorgelesen, das Menschen an die Kathedrale herangetragen haben. Egal, worum es geht. Es tut unendlich wohl zu wissen, dass sie das tun.

 

Resonanz und das Erbe der Zeitzeugen

Samstag, 2. Mai. 12:00 Uhr Versöhnungsgebet und großes Konzert des Vokalensembles in der Kathedrale. Danach Freizeit. 18:00 Uhr Abendessen im Turmeric Gold.

Kathedrale mit Tauffenster. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Bobo Chilcott (*1955): „God so loved the World“ – Am Mittag stehen wir endlich im großen Konzert in der Kathedrale. Chilcotts zeitgenössische, warm fließende Klänge weiten den Raum und bringen die englische Chortradition direkt zu Gehör. Ein Moment der puren, völkerverbindenden Liebe und Wärme.

Leo: Auftrittszeit. Nach dem Versöhnungsgebet singen wir unser Programm in der weiterhin für alle offenen Kirche. Keine großen Reden, kein Konzertrahmen, kein Einlass, nur die Musik und ihr Nachhall in diesem riesigen Klangkörper. Einige hören sie sich gezielt an, andere lassen sich von ihr auf ihrem Rundgang durch die Kirche begleiten. Draußen in den Ruinen wird ein Frühlingsfest gefeiert.

Niels: Das Konzert in der Kathedrale liegt hinter den Sänger:innen, die Anspannung fällt ab. Später sitzen wir in der mittelalterlichen Spon Street beim indischen Essen – was ja die eigentlich wahre britische Nationalküche ist – und trinken Bier im Pub. Und plötzlich bricht es sich mitten in der gelösten Stimmung Bahn: Das Gespräch dreht sich um Ost- und Westdeutschland. Wir merken erschrocken, wie viel unaufgearbeitete Bitterkeit, wie viel Redebedarf und wie viel echte Sehnsucht nach Versöhnung auch in unserer eigenen Heimat schlummert. Daran schließt sich die Mahnung von Kate an: Die Generation derjenigen, die all das hier noch aus erster Hand erlebt haben – die Zerstörung, den visionären Aufbau, die direkte Versöhnung nach dem Krieg – stirbt unaufhaltsam aus. Wir müssen verdammt gut aufpassen, dass Coventry für die Jugend nicht zu einem staubigen Mythos wird. Wir müssen jetzt darüber nachdenken und reden, wie wir dieses Erbe lebendig in die Zukunft tragen.

 

Ausklang: Ein geknüpftes Netz für die Zukunft

Sonntag, 3. Mai. 10:30 Uhr The Cathedral Eucharist (Gemeinsamer Festgottesdienst). Abreise.

Heinrich Schütz (1585-1672): „Verleih uns Frieden“ – Zum Abschluss der Reise wird der alte Flehruf nach Frieden gesungen. Schütz’ innige Vertonung begleitet uns als musikalisches Vermächtnis und als feste Absicht, das Erbe von Coventry lebendig mit in unsere Heimat zu nehmen.

Cathedral Chamber Choir und Vokalensemble ziehen gemeinsam in die Kathedrale ein. Foto: Martin Williams

Niels: Den krönenden Abschluss der Pilgerschaft bildete am Sonntagmorgen der feierliche Hauptgottesdienst in der voll besetzten Kathedrale von Coventry. Hier löste sich jedes Nebeneinander endgültig in einem tiefen Miteinander auf: Das Lüdenscheider Vokalensemble und der Coventry Cathedral Chamber Choir standen als eine einzige, gewaltige Chorgemeinschaft im Chorgestühl. Unter der abwechselnden, wunderbar harmonischen Leitung von Liam Condon (Assistant Director of Music in Coventry) und des Lüdenscheider Chorleiters Patrick Kampf wurde die Liturgie zu einem lebendigen Zeugnis gelebter Partnerschaft. Die Chöre gestalteten den Gottesdienst mit traditionellen englischen Kirchenliedern und brachten als glanzvollen Höhepunkt die strahlende Mendelssohn-Motette „Jauchzet dem Herrn alle Welt“ („Sing and be joyful unto God“) zu Gehör, an der Orgel festlich begleitet von Adam Heron. Nachdem der feierliche, anglikanische Glanz des Gottesdienstes verklungen war, setzte sich diese besondere Atmosphäre ganz informell beim herzlichen Kirchkaffee direkt vor dem großen Glasfenster fort. Bei lebendigen Gesprächen und echter Gastfreundschaft wurde spürbar, dass aus den gemeinsamen Klängen in diesen Tagen tiefe, bleibende Begegnungen erwachsen sind.

Regina: In der Kirche das Baptisteriumsfenster, in dem Licht strahlt, fast explodiert wie eine Stadt in Flammen – wie etwas, das neu geboren wird. Immer das Eine und das Andere und beides wahr. Coventry lehrt im Stein, in Glas, in seiner umarmenden Atmosphäre, über dem offenen Himmel der Ruine. Und wieder: Mauersberger, der Dresden betrauert, und Singen in einer Kathedrale, die Coventry betrauert. Eine Stadt reicht der anderen Stadt die Hand über Jahrzehnte hinweg durch Musik. Nicht das Grauen wegsingen, sondern es aushalten und dann spüren, wie sich etwas darüberlegt – unaufhaltsam, wie Erbarmen. Wir fühlen es in der Ruine: wir stehen, wir drehen uns, nehmen alles wahr und sind dabei still. Weil wir ahnen und wissen, weil die Atmosphäre und die Geschichte gestreichelt werden dürfen. Weil sie uns zeigen und weil sie den Weg zum Frieden, zur Verständigung, zur Versöhnung wissen und uns hinführen. Wir werden uns wiedersehen! Danke!

Leo: Was nehmen wir mit? Nach fünf intensiven Tagen bleibt für uns die Gewissheit, dass es mehr Menschen gibt, die an eine Welt in Frieden glauben. Dass der Weg dahin nicht ohne Versöhnung geht, und dass wir uns auch in unserem täglichen Leben immer wieder versöhnen müssen. Und die uns daran erinnern, dass Versöhnung, mag sie auch manchmal dem menschlichen Impuls zuwiderlaufen und vieles, aber nicht leicht, sein, Feindschaft und Hass immer vorzuziehen ist. Steine, persönliche Reise. Workshop Leitbild.

Niels: Versöhnung fordert uns heraus, gerade in Zeiten, in denen die Welt politisch zerrissen scheint. Der Versöhnungsforscher John Paul Lederach hat recht, wenn er sagt, dass wir uns nie wirklich auf die Arbeit der Versöhnung eingelassen haben, solange nicht unsere eigenen Freunde denken, wir hätten sie verraten. Wir müssen lernen, auf der Seite derer zu stehen, die an den Rand gedrängt werden – aber eben auch den Mut aufbringen, Brücken zu denen zu bauen, mit denen wir uns zutiefst uneins fühlen. Wie den vielen, die in diesem Jahr den Rechtsextremisten ihr Vertrauen und ihre Stimme geben werden. Welche Sorgen, welche Wunden treiben sie an? Wie können wir so mit ihnen ins Gespräch kommen, dass sie sich gehört fühlen und wir selbst auch Gehör finden? Nur wenn wir den Mut zu diesen schmerzhaften Brücken haben, brechen wir den Kreislauf der Bitterkeit.

Coventry hat uns verändert. Aus Fremden wurde eine Gemeinschaft. Aus Tönen wurde Musik. Die grauen Steine liegen jetzt irgendwo in den Nischen der Ruine. Aber die Jutesäckchen sind nicht leer. Sie sind voll mit Licht und Hoffnung.

Autoren: Leo Rolff, Regina Bahlo, Niels Faßbender

Eine vertraute Stimme aus Würzburg: Johanna Falks lyrischer Impuls zum Katholikentag

Vom 13. bis 17. Mai 2026 fand in Würzburg der 104. Deutsche Katholikentag unter dem Leitwort „Hab Mut, steht auf!” statt. Die Würzburger Nagelkreuzinitiative war vor Ort aktiv und hat bleibende Eindrücke hinterlassen – auch in literarischer Form. Johanna Falk, die der Würzburger Nagelkreuzinitiative über viele Jahre hinweg als engagierte Sprecherin des Leitungskreises ein vertrautes Gesicht gegeben hat, hat ihre ganz persönlichen und tiefgründigen Gedanken zum biblischen Motto des Katholikentags (Mk 10,49) in eindringliche Verse gefasst. Angesichts der aktuellen Krisen und Konflikte unserer Zeit stellt ihr Gedicht schmerzhafte, aber notwendige Fragen – und mündet in einem leidenschaftlichen Appell, das Herz aufzurüsten, statt Waffen zu bauen. Wir freuen uns sehr, diese Zeilen hier teilen zu dürfen.

Kampfdrohnen sind die neuen Kanonen.
Sie zerstören alles ohne Personen.
Sie verbreiten den schönen Schein:
Niemand trägt Schuld, die Drohnen allein.
Und wo bleibt der Mensch, der dahinter steht?
Ist nicht er es, der das Unglück sät?
(Drohnen sind keine anonymen Kanonen.)
Was ist aus dem „NIE WIEDER!“ geworden?
Hat es eine neue Maske, das Morden?
Millionen Euro werden ganz ungeniert
in den Bau von Waffen investiert.
Die Investitionen hab ich mir anders vorgestellt:
In die Zukunft einer verbundenen Welt.
Nach allem Leid, das die Menschheit gesehn,
müssten wir nicht neue Wege gehn?
Wo ist die Macht? – Bei den Despoten auf Erden?
Was soll aus den Kindern von heute werden,
aus Bildung, aus Frieden, den alle ersehnen?
Dürfen wir uns an Menschenverachtung gewöhnen?
Da kommt das Motto zur rechten Zeit:
„HAB MUT, STEH AUF“ und sei bereit,
das Herz aufzurüsten, den Verstand nicht zu schonen
für die, die unsere Erde bewohnen.
Ohne Krieg, ohne Hass und ohne Leid (Drohnen).

Leitungskreis Nagelkreuzgemeinschaft

Johanna Falk. Foto: privat

Autorin: Johanna Falk, Würzburg

Zukunft hat der Mensch des Friedens – Versöhnung erleben mit dem Nagelkreuz in Würzburg!

Vom 13. bis 17. Mai 2026 wird Würzburg beim 104. Katholikentag in Deutschland zum Zentrum der Begegnung, und die Nagelkreuzgemeinschaft ist mittendrin. Unter dem Leitgedanken der Versöhnung laden wir alle ein, unsere Gemeinschaft an drei ganz unterschiedlichen Orten zu erleben. Hier findet man uns:

Informationsstand auf der Kirchenmeile

Unser zentraler Anlaufpunkt befindet sich auf der Kirchenmeile im Themenbereich „Ökumene“.

  • Ort: Stand LF-B-34, Dreikronenstraße (zwischen Elstergasse und „Am Dicken Turm“), direkt am Mainufer
  • Öffnungszeiten: Donnerstag 11:30–19:00 Uhr, Freitag 10:30–19:00 Uhr, Samstag 10:30–18:00 Uhr
  • Programm: Erfahren Sie mehr über die Geschichte von Coventry, basteln Sie eigene Nagelkreuze aus Draht oder nehmen Sie an unserem interaktiven Sprachen-Quiz zum Versöhnungsgebet teil.
  • Erreichbarkeit (ÖPNV): Haltestelle „Rathaus“ (Straßenbahnlinien 1, 3, 4, 5), von dort ein kurzer Fußweg über die Alte Mainbrücke zur Dreikronenstraße. Alternativ Haltestelle „Zeller Tor“ (Buslinien 7, 10).

Ökumenisches Friedensgebet

Jeden Freitagmittag wird in Würzburg für Frieden und Versöhnung gebetet – zeitgleich mit dem Gebet in der Ruine der Kathedrale von Coventry und natürlich auch während des Katholikentags – jede:r ist willkommen!

  • Versöhnungsgebet von Coventry, Musik, Wortbeiträge
  • Termin: Freitag, 15. Mai, 13:00–13:30 Uhr
  • Ort: Marienkapelle am Marktplatz (Bürgerkirche)
  • Mitwirkende: Pfr.in Antje Biller, Superintendet a. D. Klaus Majoress und Elisabeth Nikolai
  • Erreichbarkeit (ÖPNV): Haltestelle „Rathaus“ oder „Dom“ (Straßenbahnlinien 1, 3, 4, 5), unmittelbar am Marktplatz gelegen.

„Versöhnliches zur Nacht“

An drei Abenden laden wir zu einem besinnlichen Tagesabschluss ein. Im Mittelpunkt stehen Gedanken zur Hoffnung, Stille und das gemeinsame Glockengeläut.

  • Termine: Donnerstag, Freitag und Samstag (14.–16. Mai), jeweils 20:45–21:00 Uhr
  • Ort: Wilhelm-Schwinn-Platz (Platz der Versöhnung) vor der Kirche St. Stephan
  • Besonderheit am Samstag: Gedenken zum 100. Geburtstag des Theologen Jürgen Moltmann.
  • Erreichbarkeit (ÖPNV): Haltestelle „Sanderring“ (Straßenbahnlinien 1, 3, 4, 5), von dort ca. 3 Minuten Fußweg zum Wilhelm-Schwinn-Platz.

Wir freuen uns aufs Kennenlernen und Wiedersehen in Würzburg!

Vom Ende der Vergeltung: Warum das Nagelkreuz die Logik des Karfreitags neu erzählt

Karfreitag steht im Zeichen der Versöhnung: Bischöfin Dr. Beate Hofmann beleuchtet in ihrer aktuellen Predigt die tiefe Verbindung zwischen dem Karfreitagsgeschehen und der Arbeit der Nagelkreuzgemeinschaft. Vor dem Hintergrund, dass Kassel erst vor wenigen Wochen offiziell als neues Nagelkreuzzentrum in die weltweite Gemeinschaft von Coventry aufgenommen wurde, schlägt sie eine beeindruckende Brücke von der Geschichte der Zerstörung hin zu einer lebendigen Kultur des Friedens. Erfahren Sie hier, wie aus Ruinen Hoffnung wächst und was die Botschaft des Nagelkreuzes uns heute zu sagen hat.

Liebe Gemeinde,
seit fünf Monaten ist die Martinskirche jetzt Teil der internationalen Nagelkreuzgemeinschaft. Seit fünf Monaten steht das Nagelkreuz in jedem Gottesdienst auf unserem Altar und hält die Frage wach: Was heißt Versöhnung heute und hier?

Vielleicht haben Sie bei dieser Frage ganz persönliche Momente der Versöhnung vor Augen, zuhause in der Familie nach einem Streit, in der Politik, wenn nach einem heftigen Wahlkampf Parteien trotzdem miteinander reden und gemeinsam regieren müssen. Vielleicht haben Sie auch berühmte Handschlagmomente aus der großen Politik vor Augen, 1998 das Karfreitagsabkommen für Nordirland zwischen Protestanten und Katholiken z.B. oder das berühmte Handschlagfoto in Camp David 1978 mit dem israelischen Ministerpräsidenten Menachem Begin und dem ägyptischen Präsidenten Anwara as-Sadat, vermittelt vom US-Präsidenten Jimmy Carter.

Die Gründungsgeschichte des Nagelkreuzes schildert auch so einen Versöhnungsmoment. 1940 wurden Coventry und seine gotische Kathedrale durch deutsche Bomben zerstört. Richard Howard, der Dompropst fand beim Gang durch die Trümmer Nägel des Dachstuhls, formte sie zu einem Kreuz und befestigte sie an einer stehengebliebenen Wand. Daneben schrieb er die Worte: „Father, forgive“. Nicht „vergib ihnen“, sondern „vergib“. Das Nagelkreuzgebet, das daraus erwachsen ist und das wir vorhin gebetet haben, es erläutert das: Vergib, was durch Hass oder Gier, durch Teilnahmslosigkeit oder Gottvergessenheit in dieser Welt geschieht. Das heißt: Alle brauchen Vergebung, weil alle beigetragen haben zu diesem Konflikt.

Der heutige Predigttext aus dem 2. Korintherbrief erinnert uns an die theologische Basis unseres Nachdenkens über Versöhnung und er zeigt, wie Versöhnung und Vergebung zusammengehören:

„Aber das alles ist von Gott, der uns mit sich selber versöhnt hat durch Christus und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt. Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!“ (2.Kor 5,18-20)

In diesen wenigen Zeilen macht Paulus der Gemeinde in Korinth klar: Versöhnung ist nicht eine menschliche Leistung. Versöhnung geschieht durch Gott, ja, sie ist schon geschehen. In Christus hat Gott die Welt mit sich versöhnt. Gott nimmt uns an, steht weiter zu seiner Liebe zu uns und vergibt uns unsere Schuld, unsere Abkehr, unser Desinteresse.

Versöhnung, das ist ein Beziehungsgeschehen. Versöhnung heißt: „Ich weiß, was du Schlimmes getan hast, aber das soll uns nicht länger voneinander trennen.“ Versöhnung heißt nicht: „Es ist alles egal, Schwamm rüber.“ Versöhnung heißt: „Wir respektieren die Wunden, die wir uns zugefügt haben, aber wir wollen uns nicht weiter Schmerzen zufügen, sondern gemeinsam Zukunft gestalten. Unsere Beziehung soll auf andere Füße gestellt werden.“

Versöhnung ist ein Zustandswechsel: Aus Feindschaft wird Frieden, aus Leben in getrennten Welten wird Gemeinschaft. Diesen Raum der Versöhnung eröffnet Gott uns und lädt uns ein, hineinzutreten in diese andere Beziehung: in die Beziehung mit Gott, aber auch untereinander. Denn wer aus der Versöhnung Gottes lebt, der kann nicht weiter andere Menschen hassen.
Die Bitte „Lasst euch versöhnen mit Gott!“ bringt gut auf den Punkt, wie das beginnt. Diese Bitte bedrängt nicht, sondern sie lädt ein. Ja, Versöhnung ist darauf angewiesen, dass die Menschen sich bitten lassen. Versöhnung braucht innere Einsicht und Bejahung.

In den Passionserzählungen der Evangelien wird deutlich, wie Jesus selbst diesen Geist der Versöhnung lebt. Im Lukasevangelium, das wir vorhin gehört haben, sagt Jesus am Kreuz: „Vater, vergib ihnen.“ Nicht jeder hat diese Größe, in einem Moment großen Schmerzes denen zu vergeben, die diese Schmerzen zufügen. Aber die Erfahrung der Nagelkreuzbewegung zeigt: man kann hineinwachsen in eine Haltung, in der Versöhnung möglich wird und Vergeltung nicht mehr wichtig ist. In der Regel der Nagelkreuzgemeinschaft heißt es dazu:

„In Lobpreis, Klage und Fürbitte reden wir mit Gott. Christus lädt uns ein in die Gemeinschaft der Versöhnten. … Im Schweigen, in der Stille und im Hören auf Gott öffnen wir uns der Wirklichkeit Gottes. … Wir verbinden uns mit dem Leiden dieser Welt, mit den Verletzten, mit den Verfolgten, mit den Bedrängten und Missbrauchten . Wir wollen Fremdheit überwinden, Spannungen und Konflikte aushalten, Freude und Trauer teilen, und von eigenen Stärken und Schwächen sprechen lernen.“

Auch in der Kirche, auch in Nagelkreuzzentren begegnen sich Menschen mit ihren Beschränkungen, Eigenheiten und Verwundungen. Es kommt auch hier zu Spannungen und Konflikten. Die Nagelkreuzgemeinschaft hilft dabei, solche Konflikte auszuhalten und miteinander zu sprechen über das, was schwierig ist, was kränkt oder verletzt und sich dabei zuzuhören.

Solche Momente ereignen sich oft in alltäglichen Situationen, in einem Schulhof, wenn Streitschlichter dafür sorgen, dass Kinder sich gegenseitig zuhören und einen Konflikt klären. Oder wenn es in Familien oder Nachbarschaften oder Kirchengemeinden gelingt, die verschiedenen Perspektiven nebeneinander zu legen und sich gegenseitig zuzuhören. Das nimmt die Verletzungen nicht weg, es nimmt auch nicht alle Konfliktpunkte einfach weg, aber im Zuhören, in einer Haltung, die auch die Wunden des anderen sieht, öffnet sich ein Weg, anders miteinander umzugehen.
Meist steht am Anfang von solchen Versöhnungsprozessen jemand, der aus dem Geist der Versöhnung heraus den Mut hat, aus dem Kreislauf von Hass und Gewalt auszusteigen. Eine Geschichte, die mich besonders berührt hat, ist die von Gordon Wilson und dem „Geist von Enniskillen” aus Nordirland.

Am 8. November 1987 legten Gordon Wilson, ein methodistischer Diakon und Händler aus Enniskillen, einer Stadt in Nordirland, und seine 20-jährige Tochter Marie einen Kranz beim Remembrance-Day-Gottesdienst nieder, als eine IRA-Bombe explodierte. Marie starb in seinen Armen; ihre letzten Worte an ihn waren: „Daddy, I love you very much.” Nur Stunden später sagte Wilson in einem weltberühmten BBC-Interview: „Ich habe keine bösen Gefühle. Ich grolle niemandem … Ob sie hier auf Erden verurteilt werden oder nicht … das letzte Wort hat Gott. Ich vergebe ihnen.”

Seine Worte verhinderten wahrscheinlich protestantische Vergeltungsschläge. Die lokale Führung der protestantischen Terrorgruppen fühlte sich so beschämt, dass sie keine Racheakte verübte – ein seltener Fall in den Troubles. Wilson wurde zum Patron der später gegründeten Spirit of Enniskillen Trust, die bis heute junge Menschen aus Konfliktregionen zusammenbringt.
Bei dieser Erzählung musste ich an die Witwe von Charlie Kirk denken, die bei der Trauerfeier für ihren ermordeten Mann auch sehr klar sagte: „Ich vergebe dem Täter“. Wie wohltuend anders war das als die aufhetzende Botschaft, die der Präsident der USA aus diesem Mord abgeleitet hat.

Einen Einblick in Versöhnungsprozesse bietet auch das Parent-Circle Family Forum in Israel. Parents Circle – Families Forum (PCFF) ist eine gemeinsame israelisch-palästinensische Organisation von über 850 Familien, die durch den Nahostkonflikt Angehörige verloren haben. Seit 1995 engagieren sie sich für Versöhnung, Dialog und ein Ende der Gewalt, anstatt Rache zu üben. Sie führen Bildungsarbeit und interkulturelle Projekte durch. Die Mitglieder treffen sich zunächst in palästinensischen oder israelischen Gruppen. Ihre wichtigste Form der Friedensarbeit sind Dialog-Veranstaltungen: Je eine Person mit israelischem und palästinensischem Hintergrund, die Familienmitglieder in den Konflikten verloren haben, sprechen über ihre Erfahrungen und ihren Wunsch nach Ende der Gewalt.

Was genau geschieht da: PCFF öffnet einen Raum, in dem sich Menschen von beiden Seiten ihre persönlichen Geschichten von Schmerz und Verlust erzählen. Sie hören einander zu. Dadurch werden sie nicht gleich Freunde, aber sie sehen den Menschen im anderen, nicht nur den Feind. Und das verändert Beziehungen und durchbricht den Kreislauf von Angst, Gewalt und Entmenschlichung. Parents Circle – Families Forum ist vielleicht die einzige Organisation, die sich wünscht, auf keinen Fall Zuwachs zu bekommen, denn alle Mitglieder haben Angehörige im Konflikt verloren – und dennoch entschieden, dass Schmerz und Verlust nicht zur Quelle von Hass werden dürfen. Stattdessen suchen sie das Gespräch mit der „anderen Seite“, hören zu, erzählen ihre Geschichten und zeigen: Frieden wächst nicht aus Stärke, sondern aus Menschlichkeit.

Es hat mich beeindruckt, was die Organisation am 7. Oktober 2025, zwei Jahre nach dem grauenhaften Angriff der Hamas auf Israel und den Beginn des Ga-zakriegs gesagt hat:

„Heute, da sich ein kleines Fenster der Hoffnung öffnet, rufen wir erneut: Kehrt zur Menschlichkeit zurück und macht dies zum Wendepunkt. Diese zwei Jahre haben unseren Glauben nicht erschüttert, sondern gestärkt. Wir wissen, dass menschliche Verbundenheit stärker ist als Hass, dass Empathie selbst die tiefsten Gräben überbrücken kann und dass keine Familie – ob israelisch oder palästinensisch – das ertragen sollte, was wir ertragen haben. Beide Bevölkerungen müssen aufhören, sich gegenseitig Leid zuzufügen, und aufhören, das Leben in unserer Region zu betrachten, als müsse das Überleben des einen Volkes auf Kosten des anderen gehen. Die Menschlichkeit des anderen anzuerkennen bedeutet, das gleiche Recht aller – Palästinenser:innen wie Israelis – auf ein Leben in Würde, Sicherheit und Freiheit anzuerkennen.“

Das Nagelkreuz symbolisiert genau diesen Geist: Diese Nägel könnten nicht nur einen Dachstuhl zusammenhalten; sie sehen auch aus wie die Nägel, mit denen Christus ans Kreuz geschlagen wurde. Das ist die Botschaft, die für mich in diesem Kreuz steckt: Versöhnung, das geschieht, wenn Folterwerkzeuge zu einem Kreuz werden, statt Menschen zu quälen. Es ist genug gelitten und gestorben worden, ein für alle Mal. Christus hat den Kreislauf von Hass und Gewalt verlassen und den Raum der Versöhnung für uns eröffnet.

Darum ermöglicht die Versöhnung mit Gott die Versöhnung unter uns Menschen. Und darum ist der Friede Gottes auch die Wurzel unseres Engagements für den Frieden in der Welt. Christus stiftet uns an, aus Versöhnung zu leben und andere mit diesem Geist anzustecken.

Räume zu öffnen, dass Menschen sich begegnen, zuhören, verwandeln lassen vom Geist der Versöhnung, die Gott uns schenkt, das ist unsere Aufgabe als Christinnen und Christen. Wir lassen uns nicht entmutigen von der Gewalt und dem Hass, von dem scheinbaren Sieg der Stärkeren in dieser Welt. Wir glauben an die Kraft der Versöhnung und wir leben aus dieser Kraft.
Und der Friede Gottes, aus dem Frieden in unserer Welt wächst, er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Autorin: Bischöfin Dr. Beate Hoffmann, Kassel

In der Geografie des Schmerzes: Hanau und die Grammatik der Versöhnung

Wenn Trümmer der Vergangenheit auf die Wunden der Gegenwart treffen, entsteht ein Raum, der weit über die Grenzen einer hessischen Stadtkirchengemeinde hinausreicht. Am vergangenen Sonntag (22. März 2026) wurde der Evangelischen Stadtkirchengemeinde Hanau das Nagelkreuz von Coventry übergeben – ein Akt, der nicht nur die historische Zerstörung von 1945 reflektiert, sondern sich mutig den rassistischen Erschütterungen der jüngsten Zeit stellt. Lesen Sie hier, wie ein samoanisches Ritual, die Musik aus fünf Jahrhunderten und ein Gebet für die bedrohte Welt Hanau zu einem neuen Zentrum der internationalen Nagelkreuzgemeinschaft machten.

Dorf A, Dorf B und die „Finemat“: Eine Liturgie der Demut
Es ist ein archaisches Bild, das die Konfirmand:innen der Gemeinde im Festgottesdienst am 22. März 2026 in den Raum stellten: Wenn auf Samoa ein Konflikt zwischen Gemeinschaften schwelt, kniet der Chief des schuldigen Dorfes vor dem anderen nieder, verborgen unter einer schweren, oft mit roten Federn verzierten Grasmatte – der „Finemat“. In der unerbittlichen tropischen Hitze harrt er aus, ein Bild der totalen Prekarität und Demut, bis er ins Dorf gerufen wird. Dieser Ifoga-Ritus markiert den Nullpunkt, an dem Vergebung möglich wird und ein gemeinsames Mahl die Versöhnung besiegelt.

Dass dieses Ritual aus Anlass der Nagelkreuzübergabe in Hanau nachempfunden wurde, war kein bloßes exotisches Ornament. Es war charakteristisch für eine Feier, die an Internationalität und musikalischer Dichte kaum zu übertreffen war. Während das Ensemble „Hortus Hibernus“ mit einer nuancierten A-cappella-Kultur den Bogen von deutscher zu englischer Polyphonie spannte, wurde spürbar, dass Versöhnung hier nicht als wohlfeile Floskel, sondern als mühsame, klangvolle Arbeit verstanden wird.

Die Übergabe: Ein Prisma für das kirchliche Handeln
Canon Kate Massey aus Coventry überreichte das Nagelkreuz als sichtbares Zeichen der Zugehörigkeit zur weltweiten Gemeinschaft. In ihrer Predigt zeichnete sie das Bild der Versöhnung als ein „theologisches Prisma“, durch das alles kirchliche Handeln betrachtet, orientiert und evaluiert werden müsse. Für Hanau bedeutet dies eine feste Verankerung in einer Geschichte, die – wie die von Coventry – am 19. März 1945 in Schutt und Asche versank. Doch das Gedächtnis der Marienkirche, die kurz vor ihrer feierlichen Wiedereröffnung als „Marienkirche 2.0“ steht, reicht tiefer in die Gegenwart hinein.

Ein Moment der Verdichtung: Die bedrohte Welt in Hanau
Der vielleicht eindrücklichste Moment an diesem Sonntag war die Gestaltung der Fürbitten. Vor dem Hintergrund der Hanauer Geschichte – der weit zurückliegenden Zerstörung im Krieg ebenso wie der immer noch präsenten Wunden – weiteten sich die Gebete ins Globale. Es wurde für die Opfer von Krieg, Hass, Gewalt und Unterdrückung gebetet: in Israel und Gaza, im Iran, in Russland und der Ukraine, im Südsudan und schließlich mitten in Deutschland, in Hanau.

Plötzlich war die gesamte bedrohte Welt in der Stadtkirche präsent. In diesem Augenblick schien sich die Geografie des Leids an einem Ort zu verdichten. Das gemeinsame Singen von „Herr, gib uns deinen Frieden“ war hier kein rituelles Anhängsel, sondern ein existenzieller Aufschrei.

„Say their names“: Von Elisabeth Schmitz bis heute
Die Aufnahme in die Nagelkreuzgemeinschaft ist für Hanau die Konsequenz einer langjährigen Profilbildung. Das Erbe der Hanauerin Elisabeth Schmitz, die als mutige Stimme der Bekennenden Kirche bereits 1935 gegen die Judenverfolgung protestierte, bildet das ethische Fundament der Gemeinde.

Dieses Fundament wurde am 19. Februar 2020 erneut auf die Probe gestellt, als ein rassistisches Attentat die Stadt erschütterte. In Anlehnung an die Aktion „Say their names“ wurden im Gottesdienst die Namen der Opfer laut ausgesprochen: Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili Viorel Pӑun, Fatih Saraçoǧlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov.

In einer Geste radikaler christlicher Versöhnungsarbeit wurde auch Gabriele Rathjen gedacht. Als Mutter des Attentäters, die ebenfalls von ihrem Sohn erschossen wurde, steht ihre Nennung für die schmerzhafte Erkenntnis, dass Gewalt Kreise zieht, die auch die engsten Bindungen vernichten. Ihre Aufnahme in das Gedenken ist ein Zeugnis für den Anspruch der Gemeinde, keine Ausgrenzung zu reproduzieren, sondern die „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“ zu suchen, wie sie schon in der Hanauer Union von 1818 angelegt war.

Ausblick: Ein lebendiges Zentrum der Vielfalt
Die Stadtkirchengemeinde Hanau bringt eine reiche Praxis in die Nagelkreuzgemeinschaft ein: Vom interreligiösen Dialog zwischen Juden, Christen und Muslimen bis hin zu den internationalen „Gospel Services“, die gemeinsam mit afrikanischen Migrationsgemeinden gefeiert werden. Mit der Gründung eines eigenen Versöhnungsausschusses im Kirchenrat verstetigt die Gemeinde diesen Weg.

Wir heißen die Stadtkirchengemeinde Hanau herzlich in der unserer Gemeinschaft willkommen. Wir freuen uns darauf, wenn das neue Zentrum seine Arbeit auf der Mitgliederversammlung 2027 vorstellen wird. Hanau hat gezeigt: Versöhnung ist kein Zustand, sondern ein Prozess der ständigen Verdichtung von Geschichte, Gegenwart und Hoffnung.

Autor:innen: Antje Biller, Niels Faßbender

Ein Freund ist von Bord gegangen – zum Tod von Peter Voigt

Die Nagelkreuzgemeinschaft trauert um Peter Voigt. Am 23. Februar 2026 ist unser Gründungsmitglied und guter Freund nach längerer Krankheit im Kreise seiner Familie friedlich eingeschlafen. Mit ihm verlieren wir einen engagierten Versöhner und eine Persönlichkeit, die unsere Gemeinschaft über Jahrzehnte geprägt hat. Viele von uns verlieren mit ihm zudem einen verlässlichen Weggefährten und persönlichen Freund.

Peters Verbindung zur Versöhnungsarbeit begann früh. Der Grund dafür liegt in einem Jahr, das für viele längst Geschichte ist und für ihn doch gegenwärtig blieb: 1959 reiste er mit der Kantorei der Hauptkirche St. Katharinen in Hamburg zu einer Konzertfahrt nach Großbritannien. Als erster deutscher Chor sangen die Hamburger damals vor dem Versöhnungsaltar in den Ruinen der zerstörten Kathedrale von Coventry. Auf dieser Reise begegneten die jungen Sänger nicht nur Offenheit, sondern auch Misstrauen und unverhüllter Distanz. Zur Begrüßung fielen Sätze wie: „Jetzt kommt ihr mit Stimmen vom Himmel und nicht mit Bomben vom Himmel.“ Solche Sätze vergisst man nicht. Die unmittelbare Begegnung mit den Wunden des Krieges – und zugleich mit dem Geist von Coventry – hat Peter tief berührt und nachhaltig geprägt.

Als am 3. Februar 1961 das Nagelkreuz aus Coventry an die Hauptkirche St. Katharinen übergeben wurde, war das ein historischer Tag: ein Zeichen der Vergebung zwischen ehemaligen Feinden fand seinen Ort in einer Kirche, die selbst die Zerstörung des Krieges erfahren hatte. Später übernahm Peter die Versöhnungsarbeit in seiner Heimatgemeinde und führte die Ideen der Nagelkreuzgemeinschaft dort mit großem Engagement weiter.

Seit der Gründung der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V. im Jahr 1992 gehörte er ganz selbstverständlich dem Leitungskreis an und half, den Verein durch seine ersten, nicht immer einfachen Jahre zu führen. In seinen Aufzeichnungen erinnerte er sich später mit leiser Ironie an die mitunter hitzigen Debatten jener Zeit und an die wechselnden Kassenführer.

Von 2004 bis 2015 übernahm er selbst das Amt des Schatzmeisters. Als Kaufmann, hauptberuflich in der Ölbranche tätig, kannte er sich mit Zahlen, Ordnung und Übersicht aus. Bemerkenswerter war vielleicht etwas anderes: Er machte aus den naturgemäß trockenen Beratungen zum Jahresetat keinen unerquicklich langen Pflichtteil. Mit hanseatischer Lakonie und sicherem Gespür für den Ton wurden diese Beratungen auf den Mitgliederversammlungen zu einem eigenen Ereignis. Viele erinnern sich daran bis heute mit einem Lächeln.

Neben seiner Tätigkeit im Vorstand lag Peter die Arbeit in Osteuropa besonders am Herzen. Durch zahlreiche Reisen zu den Zentren unserer osteuropäischen Partner unterstützte er in seiner ruhigen, pragmatischen Art tatkräftig den Aufbau unseres Netzwerks. Er tat dies ohne Pathos, aber mit Beharrlichkeit – und gerade darin lag seine Wirkung.

Als im Jahr 2024 schließlich auch die übrigen Hamburger Hauptkirchen ein Nagelkreuz erhielten, war das für Peter mehr als ein äußerer Erfolg. Es war eine Bestätigung – und wohl auch die Erfüllung dessen, woran er selbst ein Leben lang mitgearbeitet hatte: zu erleben, wie die Versöhnungsidee in seiner geliebten Heimatstadt weiterwuchs und Gestalt gewann.

Lieber Peter, Du hast einmal geschrieben, dass die Nagelkreuzgemeinschaft seit Jahrzehnten im Sinne der Versöhnung nach gewaltfreien Wegen der Konfliktlösung sucht. Du selbst hast diese Haltung ein Leben lang verkörpert. Nun hast Du Deine letzte große Reise angetreten. Wir blicken in tiefer Verbundenheit und großer Dankbarkeit auf die gemeinsame Zeit zurück. Wir wissen nicht, wie Du diesen Nachruf kommentiert hättest. In einem aber sind wir sicher: knapp, trocken, freundlich – und ohne jedes überflüssige Wort. Bestimmt hättest Du uns, trotz unserer Trauer, zum Schmunzeln gebracht. Wir werden Dein Andenken in Ehren halten. Tschüs, Peter!

Vorstand und Leitungskreis der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V.

Gedenktafel für Johannes Rau in der Gemarker Kirche

Foto: Johannes Liebmann, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=531389

Wenn sich am 27. Januar 2026 der Todestag von Johannes Rau zum zwanzigsten Mal jährt, erinnert sich die Republik an einen Landesvater und Bundespräsidenten. In seinem Geburtsort Wuppertal-Barmen, im Nagelkreuzzentrum Gemarker Kirche, galt das Gedenken am Sonntag, den 25. Januar, nicht dem Amtsträger, sondern dem Gemeindeglied und Menschen. Es geschah an einem Ort, an dem die Verpflichtung von Coventry – „Father Forgive“ – greifbare Wirklichkeit geworden ist. Hier stehen keine Symbole, hier begegnen sich Nachbarn – ohne Zaun.

Wer den Hof betritt, findet sich in einem einzigartigen Ensemble wieder: Die Gemarker Kirche, auf deren Abendmahlstisch das Nagelkreuz steht, ist durch einen offenen Platz mit der Bergischen Synagoge verbunden. Dass die Synagoge, deren Vorgängerbau 1938 brannte, ausgerechnet hier errichtet wurde – Wand an Wand mit dem Ort der Barmer Theologischen Erklärung von 1934 – verdankt sich historischer Verantwortung: Die Evangelische Kirche überließ der Jüdischen Gemeinde das Grundstück.

Das Nagelkreuz korrespondiert mit einer Umgebung von dialektischer Dichte. Ein Geflecht aus Schuld, Verantwortung und Neuanfang. In diesen historischen Boden wurde nun, zwei Jahrzehnte nach dem Tod des Altbundespräsidenten, eine weitere Schicht gefügt: Eine Gedenktafel für Johannes Rau.

Chor der Wuppertaler Synagoge. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Kein Gottesdienst für einen Helden

Die Veranstaltung war mehr als ein routinierter Akt der Erinnerung. Sie war eine Vergewisserung über das, was diesen Ort im Innersten zusammenhält. Pfarrer Frank Schulte stellte zu Beginn des Gottesdienstes eine protestantische Weiche: Wir feiern nicht zu Ehren Raus, sondern zu Ehren Gottes. Eine Unterscheidung, die dem reformierten Geist des Ortes ebenso entsprach wie der Haltung des Verstorbenen.

In seiner Predigt über die Begegnung am Jakobsbrunnen (Johannes 4) tat Schulte das theologisch Notwendige: Er erinnerte an die jüdische Identität Jesu und das bleibende Heilsversprechen für das Judentum. Das leitende Motiv war das „Getragensein“. Wenn später das Lied „Ich wünscht’, dass einer mit mir geht“ erklang, war dies der musikalische Widerhall eines Lebensmottos, das Rau prägte: „Teneo, quia teneor“ – ich halte, weil ich gehalten werde.

Dieses Wort ist keine fromme Floskel. Es ist eine Haltung, die unserem Auftrag der Versöhnung tief verwandt ist. Sie markiert die Grenze der Machbarkeit und ist ein Gegenentwurf zu jedem politischen Machbarkeitswahn. Rau wusste: Wer nicht gehalten wird, muss sich an seiner eigenen Macht festhalten – und wird früher oder später hart.

Heimat als Ort der ungeschützten Menschlichkeit

Wie sehr er diesen Ort nicht als politische Bühne, sondern als spirituelle Heimat empfand, wurde in den Grußworten deutlich. Leonid Goldberg, Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde Wuppertal, zeichnete die große Linie: Dass die Bergische Synagoge als einzige weltweit von zwei Staatspräsidenten – Rau und Katsav – eingeweiht wurde, bleibt das Verdienst von Johannes Rau.

Werner Jacken vom Freundeskreis der Neuen Synagoge e.V. holte den Landesvater vom diplomatischen Parkett zurück in die unmittelbare Nachbarschaft. Er erzählte von einem Johannes Rau, der kurz vor einem Termin im Rathaus noch im Café vorbeischaute, weil er ein menschliches Bedürfnis lieber „bei euch“ erledigen wollte als auf dem Behördenflur. Man darf über diese Anekdote schmunzeln. Aber ihr Kern ist ernst: Heimat ist dort, wo die Maske des Amtes fällt. Es ist der Ort, an dem man nicht „Exzellenz“ ist, sondern Nachbar. Diese Beiläufigkeit des Vertrauens ist das schönste Denkmal, das man einer Gemeinde setzen kann.

Sigrid Runkel (rechts) enthüllt die Gedenktafel. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Eine architektonische Teschuwa

Die Enthüllung der Tafel fand im „Café Komma“ statt, jenem Ort der Begegnung, den Rau mit initiierte. Hier verdichtet sich die Symbolik. Die Tafel hängt in Sichtweite zu der Gedenktafel für Peter Beier, den 1996 verstorbenen Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland.

Es ist eine Nachbarschaft von tiefer Logik: Beier war es, der vor seinem Tod den entscheidenden Schritt zur Übereignung des Grundstücks tat. Rau flankierte dies politisch. Dass Kirche und Synagoge heute zusammenstehen, ist eine architektonische Teschuwa – eine Umkehr, die Stein geworden ist. Die Barmer Erklärung von 1934 hatte zum Schicksal der Juden geschwiegen; der heutige Ort schreit es heraus: Wir gehören zusammen.

Die Tafel als Stachel

Dass Vertreter der Nagelkreuzzentren aus Lüdenscheid-Plettenberg und Witten-Annen anwesend waren, unterstrich: Wuppertal ist Teil unserer gemeinschaftlichen Verantwortung. Als Vertreter des Vorstands der Nagelkreuzgemeinschaft durfte ich darauf hinweisen, dass eine solche Tafel zweischneidig ist. Sie kann Dekoration sein – oder ein Stachel. Das Grußwort des Vorstands der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V. können Sie hier nachlesen.

Raus Motto „Versöhnen statt Spalten“ klingt heute, in Zeiten verrohter Debatten, radikaler denn je. Erinnerung, die es ernst meint, ist keine Ablage von Kränzen, sondern eine Zumutung für die Lebenden. Die Tafel erinnert an einen Mann, der Brücken baute, wo andere Gräben zogen. Sie fragt leise, aber beharrlich: Und was baut ihr?

Der Chor der Synagoge rahmte die Feier mit „Shalom Aleichem“. Wenn in einer Kirche hebräische Lieder erklingen, während man eines christlichen Bundespräsidenten gedenkt, der als Kind die Trümmer der alten Synagoge brennen sah, bekommt Geschichte ihre zweite Chance. Versöhnung ist hier kein fertiges Produkt, sondern Arbeit.

Johannes Rau hätte an diesem Vormittag nicht im Mittelpunkt stehen wollen. Aber dass er nun dort, im Café Komma, als stiller Gast anwesend bleibt – dort, wo Menschen reden, streiten und leben – das hätte ihm gefallen. Teneo, quia teneor. Wir halten die Erinnerung, weil sie uns Orientierung gibt.

Autor: Niels Faßbender

 

Komm den Frieden wecken – Bericht von der Friedensdekade in Kiel

Quelle: Ökumenische FriedensDekade e. V.

„Komm den Frieden wecken“ – so lautete das Motto der diesjährigen ökumenischen Friedensdekade im November. Mit aktiver Beteiligung der Nagelkreuzgemeinschaft lief u. a. in Kiel ein volles Programm: Zahlreiche Gottesdienste, Friedensandachten sowie künstlerische, musikalische und auch politisch geprägte Veranstaltungen fanden statt. Der Weckruf erinnerte die Teilnehmenden an das Wesentliche: Angesichts der gegenwärtigen unfriedlichen Situation vor Ort und weltweit müssen wir darum ringen, „friedensfähiger“ zu werden und dürfen uns nicht allein mit „Kriegstüchtigkeit“ begnügen.

In der St. Nikolaikirche erzählte Pröpstin Almut Witt von der Entstehung des Nagelkreuzes vor 85 Jahren. Sie erinnerte an die historische Überreichung des ersten Nagelkreuzes an eine deutsche Stadt, das Provost Dick Howard am 15. September 1947 dem Kieler Propst Johannes Lorenzen übergab. Diese Geste war ein Weckruf, dass sich die einstigen Feinde vergeben und Brücken der Versöhnung bauen.

Versöhnung braucht Einsicht und Tatkraft

Leitungsteam der Theatergruppe. Foto: Nicola Runge

Die monatliche Friedensandacht vor dem Nagelkreuz betonte die andauernde Relevanz der Friedens- und Versöhnungsbotschaft: Das „Father forgive“ konfrontiert uns mit unserem Versagen und fordert uns auf, den Friedensbemühungen endlich Vorrang zu geben. Zum Abschluss beteten wir die Versöhnungslitanei von Coventry.

In einem weiteren Friedensgottesdienst erfuhr eine kleine Nachbildung der Skulptur „Reconciliation“ besondere Aufmerksamkeit. Das Werk der britischen Bildhauerin Josefina de Vasconcellos zeigt zwei knieende Gestalten, die sich sinnlich und ermutigend umarmen. Eine der Original-Skulpturen steht in der Ruine der Kathedrale von Coventry.

Das Motiv ist global präsent: Abgüsse stehen auch in Hiroshima, Belfast und bei der Kapelle der Versöhnung an der Berliner Mauer. Mehrere Miniaturen der Statue sind in Kiel verteilt. Im Jahr 2012 übergab der damalige Direktor des internationalen Versöhnungszentrums von Coventry, David Porter, ein Exemplar an die Sozialkirche in Kiel-Gaarden.

Die Symbolkraft der Statue wirkt bis heute: Erst vorletzte Woche erhielt auch Elke Büdenbender, die Frau des Bundespräsidenten, beim Besuch in Coventry eine solche Miniatur als Geschenk von Dean John Witcombe.

Junge Generation sorgt für Aufwachen

Erfreulich war die starke Beteiligung der jungen Generation an den mehr als 35 Veranstaltungen in Kiel. Eine Theatergruppe aus Kiel-Mettenhof ließ zu Beginn des Gottesdienstes in der Michaeliskirche ganz wörtlich einen Wecker klingeln, um alle aufzuwecken. In ihrem Theaterstück lösten die Jugendlichen einen Konflikt zwischen zwei Jugendzentren, der gewalttätig zu eskalieren drohte, auf friedliche Weise. Zu den Verantwortlichen für das Projekt gehörte die Jugendpädagogin Uta Birkenstock, die selbst schon 1992 als Schülerin an der ersten Begegnungsreise von Kiel nach Coventry teilgenommen hatte.

Das Ringen um die Erhaltung des Friedens

Skulptur “Reconciliation” als Miniatur. Foto: Nicola Runge

Das Politische Abendgespräch in der Kompassgemeinde Kiel-Altenholz trug die Überschrift „Den Frieden wecken – aus militärischer, politischer und evangelischer Sicht“. Drei Impulsgeber stellten ihre jeweiligen Perspektiven dar. In den folgenden Gruppengesprächen wurde fair gestritten. Die Teilnehmenden diskutierten etwa über diese Fragen: Wie stark muss eine Sicherheitsarchitektur auch die Sicherheitsbedürfnisse der gegnerischen Seite einbeziehen? Wie gefährdend ist eine militärische Bedrohung tatsächlich? Und: Hält die neue Friedensdenkschrift der EKD am Vorrang der Gewaltfreiheit fest?

Bonhoeffers fester Glaube

So gelungen die Veranstaltungen der Ökumenischen Friedensdekade in Kiel und anderswo auch waren: Die Gefährdungen weltweit sind real. Wir Christen sind nur eine kleine Stimme für die Bewahrung und Wiederherstellung des Friedens.

Mich bestärkt in diesen unruhigen Zeiten das Glaubensbekenntnis von Dietrich Bonhoeffer, das er 1942 aus der Gefängniszelle geschrieben hat: „Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will.“

 

Autor: Frieder Petersen, Pastor i.R.

„Ein kostbarer Moment“ – Bundespräsident Steinmeier in Coventry

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Ehefrau Elke Büdenbender entzünden Kerzen in der Neuen Kathedrale (Foto: Bundesbildstelle/Guido Bergmann)

Der Besuch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Coventry war mehr als eine Station am Ende eines dreitägigen Staatsbesuchs im Vereinigten Königreich. Gerade durch seine Platzierung am Schluss gewann er besonderes Gewicht: ein bewusst gesetztes Innehalten an einem Ort, an dem europäische Geschichte in seltener Dichte erfahrbar ist – Schuld und Hoffnung, Zerstörung und Neubeginn liegen hier sichtbar ineinander verschränkt.

Bischöfin Sophie (2. v. l.), Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (3.v.l.), Elke Büdenbender (4. v. l.) und Dean John (5. v. l.) vor dem Wandteppich ‘Christi in der Herrlichkeit’. (Foto: Bundesbildstelle/Guido Bergmann)

Der Staatsbesuch stand im Zeichen der Bemühungen um eine Erneuerung der deutsch-britischen Partnerschaft. Er fiel in eine Phase, in der nach Jahren der Distanz infolge des Brexits politische, kulturelle und zivilgesellschaftliche Beziehungen neu justiert werden. Empfänge auf Schloss Windsor, Gespräche mit Regierung und Parlament, die Rede im Westminster Palace – all dies markierte die politische Ebene eines Besuchs, der deutlich nach vorn gerichtet war. Dass Coventry den Abschluss bildete, ergänzte diesen Zukunftsblick um eine notwendige historische Erdung: Zukunft ohne Erinnerung bleibt leer.

Coventry: Tiefpunkt und Wendepunkt

Coventry steht – wie der Bundespräsident selbst formulierte – für ein doppeltes Symbol: für den Tiefpunkt der deutsch-britischen Beziehungen und zugleich für deren Wendepunkt. In den Ruinen der 1940 zerstörten Kathedrale wird Schuld weder relativiert noch Leid gegeneinander aufgerechnet. Zugleich erinnert dieser Ort daran, dass hier schon wenige Jahre nach dem Krieg ein anderer Ton angeschlagen wurde: nicht der der Vergeltung, sondern der der Versöhnung.

Gedenken in der Ruine der Kathedrale von Coventry. (Foto: Bundesbildstelle/Guido Bergmann)

Diese Spannung prägte den Besuch. Der Bundespräsident legte einen Kranz am aus Trümmersteinen errichteten Altar in der Ruine nieder – ein schlichtes, aber sprechendes Zeichen des Gedenkens an die Zerstörung, die deutsche Bomben über die Stadt gebracht hatten. Der Dekan der Kathedrale, Dean John Witcombe, beschreibt diesen Moment als „poignant“, als besonders eindrücklich. Mit Blick auf den Bundespräsidenten schreibt er:

„To stand in the ruins with any of our many German visitors is a poignant experience, but especially so with the President.“ – „Mit jedem unserer vielen deutschen Gäste in den Ruinen zu stehen, ist eine eindrückliche Erfahrung – aber mit dem Bundespräsidenten in besonderer Weise.“

Zeichen, die verbinden

Unmittelbar im Anschluss führte der Weg vom Altar der Ruinen zur Skulptur „Choir of Survivors“ des Dresdner Künstlers Helmut Heinze – ein Geschenk der Frauenkirche Dresden zum goldenen Jubiläum der neuen Kathedrale von Coventry. Die Skulptur erinnert an die Opfer der Luftangriffe auf Dresden und verknüpft diese Erinnerung bewusst mit der Geschichte Coventrys. Dean John beschreibt sie

„as a memorial to those killed in Dresden, uniting us in remembrance of the loss suffered on all sides in war – a sign of reconciliation.“ – „als Denkmal für die in Dresden Getöteten, das uns vereint im Erinnern an das Leid, das der Krieg auf allen Seiten hinterlassen hat – ein Zeichen der Versöhnung.“

Die weltweite Gemeinschaft des Nagelkreuzes

Beim anschließenden Besuch in der neuen Kathedrale begegnete der Bundespräsident einem der ursprünglichen Nagelkreuze – geformt aus Nägeln des brennenden Dachstuhls der zerstörten Kathedrale. Dean John erläuterte, dass Repliken dieser Kreuze heute in der Justizvollzugsanstalt Würzburg gefertigt und an neue Mitglieder der Nagelkreuzgemeinschaft überreicht werden. Er erinnert:

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im John Laing Centre beim Austausch mit britischen und deutschen Schülerinnen und Schülern beim Besuch der Kathedrale von Coventry. (Foto: Bundesbildstelle/Guido Bergmann)

„This community unites almost 300 centres across the world in the work of reconciliation: healing the wounds of history; learning to live with difference and celebrate diversity; building a culture of peace.“ – „Diese Gemeinschaft vereint weltweit nahezu 300 Zentren in der Versöhnungsarbeit: in der Heilung der Wunden der Geschichte, im Lernen, mit Unterschieden zu leben und Vielfalt zu feiern, sowie im Aufbau einer Kultur des Friedens.“

Bereits in seiner Rede vor dem britischen Parlament in London hatte der Bundespräsident die heutige deutsch-britische Freundschaft als „ein Geschenk der Versöhnung“ bezeichnet.

Elke Büdenkender, Dean John und Bundespräsident Frank Walter Steinmeier (v.l.n.r.). (Foto: Coventry Cathedral)

Gebet als gelebte Theologie

Seinen geistlichen Mittelpunkt fand der Besuch in einem kurzen Versöhnungsgottesdienst. Gebete verschiedener Traditionen kamen zu Wort. Auch hier war die Symbolik bewusst gewählt: Dean John betete das Vaterunser auf Deutsch – eine Praxis, die er nach eigenen Worten bei besonderen Anlässen pflegt. Er schreibt dazu:

„I led the Lord’s Prayer in the German language … as a sign of the reconciliation won for us in Christ, which unites us in prayer for a better future for all.“ – „Ich habe das Vaterunser in deutscher Sprache gebetet … als Zeichen der in Christus für uns errungenen Versöhnung, die uns im Gebet zu einer Hoffnung auf eine bessere Zukunft für alle vereint.“

Mehr als ein politischer Besuch

Der Bundespräsident reiste nach Coventry, um in den Ruinen der Kathedrale einen Kranz niederzulegen und an einem Gedenk- und Versöhnungsgottesdienst teilzunehmen – an einem Ort, der daran erinnert, dass Frieden nicht selbstverständlich ist und Versöhnung keine abgeschlossene Geschichte kennt.

Dass der Bundespräsident diesen Ort aufsuchte, verlieh einer Haltung öffentliche Geltung, die die Nagelkreuzgemeinschaft seit 1947 prägt: Erinnerung und Zukunft müssen zusammen gedacht werden, und Versöhnung beginnt mit dem Blick auf die Wahrheit der Geschichte.

Autor: Niels Faßbender mit einem Beitrag von John Witcombe, Dean of Coventry