Aktivitäten & Berichte der Nagelkreuzgemeinschaft und der Nagelkreuzzentren.

Zukunft hat der Mensch des Friedens – Versöhnung erleben mit dem Nagelkreuz in Würzburg!

Vom 13. bis 17. Mai 2026 wird Würzburg beim 104. Katholikentag in Deutschland zum Zentrum der Begegnung, und die Nagelkreuzgemeinschaft ist mittendrin. Unter dem Leitgedanken der Versöhnung laden wir alle ein, unsere Gemeinschaft an drei ganz unterschiedlichen Orten zu erleben. Hier findet man uns:

Informationsstand auf der Kirchenmeile

Unser zentraler Anlaufpunkt befindet sich auf der Kirchenmeile im Themenbereich „Ökumene“.

  • Ort: Stand LF-B-34, Dreikronenstraße (zwischen Elstergasse und „Am Dicken Turm“), direkt am Mainufer
  • Öffnungszeiten: Donnerstag 11:30–19:00 Uhr, Freitag 10:30–19:00 Uhr, Samstag 10:30–18:00 Uhr
  • Programm: Erfahren Sie mehr über die Geschichte von Coventry, basteln Sie eigene Nagelkreuze aus Draht oder nehmen Sie an unserem interaktiven Sprachen-Quiz zum Versöhnungsgebet teil.
  • Erreichbarkeit (ÖPNV): Haltestelle „Rathaus“ (Straßenbahnlinien 1, 3, 4, 5), von dort ein kurzer Fußweg über die Alte Mainbrücke zur Dreikronenstraße. Alternativ Haltestelle „Zeller Tor“ (Buslinien 7, 10).

Ökumenisches Friedensgebet

Jeden Freitagmittag wird in Würzburg für Frieden und Versöhnung gebetet – zeitgleich mit dem Gebet in der Ruine der Kathedrale von Coventry und natürlich auch während des Katholikentags – jede:r ist willkommen!

  • Versöhnungsgebet von Coventry, Musik, Wortbeiträge
  • Termin: Freitag, 15. Mai, 13:00–13:30 Uhr
  • Ort: Marienkapelle am Marktplatz (Bürgerkirche)
  • Mitwirkende: Pfr.in Antje Biller, Superintendet a. D. Klaus Majoress und Elisabeth Nikolai
  • Erreichbarkeit (ÖPNV): Haltestelle „Rathaus“ oder „Dom“ (Straßenbahnlinien 1, 3, 4, 5), unmittelbar am Marktplatz gelegen.

„Versöhnliches zur Nacht“

An drei Abenden laden wir zu einem besinnlichen Tagesabschluss ein. Im Mittelpunkt stehen Gedanken zur Hoffnung, Stille und das gemeinsame Glockengeläut.

  • Termine: Donnerstag, Freitag und Samstag (14.–16. Mai), jeweils 20:45–21:00 Uhr
  • Ort: Wilhelm-Schwinn-Platz (Platz der Versöhnung) vor der Kirche St. Stephan
  • Besonderheit am Samstag: Gedenken zum 100. Geburtstag des Theologen Jürgen Moltmann.
  • Erreichbarkeit (ÖPNV): Haltestelle „Sanderring“ (Straßenbahnlinien 1, 3, 4, 5), von dort ca. 3 Minuten Fußweg zum Wilhelm-Schwinn-Platz.

Wir freuen uns aufs Kennenlernen und Wiedersehen in Würzburg!

Vom Ende der Vergeltung: Warum das Nagelkreuz die Logik des Karfreitags neu erzählt

Karfreitag steht im Zeichen der Versöhnung: Bischöfin Dr. Beate Hofmann beleuchtet in ihrer aktuellen Predigt die tiefe Verbindung zwischen dem Karfreitagsgeschehen und der Arbeit der Nagelkreuzgemeinschaft. Vor dem Hintergrund, dass Kassel erst vor wenigen Wochen offiziell als neues Nagelkreuzzentrum in die weltweite Gemeinschaft von Coventry aufgenommen wurde, schlägt sie eine beeindruckende Brücke von der Geschichte der Zerstörung hin zu einer lebendigen Kultur des Friedens. Erfahren Sie hier, wie aus Ruinen Hoffnung wächst und was die Botschaft des Nagelkreuzes uns heute zu sagen hat.

Liebe Gemeinde,
seit fünf Monaten ist die Martinskirche jetzt Teil der internationalen Nagelkreuzgemeinschaft. Seit fünf Monaten steht das Nagelkreuz in jedem Gottesdienst auf unserem Altar und hält die Frage wach: Was heißt Versöhnung heute und hier?

Vielleicht haben Sie bei dieser Frage ganz persönliche Momente der Versöhnung vor Augen, zuhause in der Familie nach einem Streit, in der Politik, wenn nach einem heftigen Wahlkampf Parteien trotzdem miteinander reden und gemeinsam regieren müssen. Vielleicht haben Sie auch berühmte Handschlagmomente aus der großen Politik vor Augen, 1998 das Karfreitagsabkommen für Nordirland zwischen Protestanten und Katholiken z.B. oder das berühmte Handschlagfoto in Camp David 1978 mit dem israelischen Ministerpräsidenten Menachem Begin und dem ägyptischen Präsidenten Anwara as-Sadat, vermittelt vom US-Präsidenten Jimmy Carter.

Die Gründungsgeschichte des Nagelkreuzes schildert auch so einen Versöhnungsmoment. 1940 wurden Coventry und seine gotische Kathedrale durch deutsche Bomben zerstört. Richard Howard, der Dompropst fand beim Gang durch die Trümmer Nägel des Dachstuhls, formte sie zu einem Kreuz und befestigte sie an einer stehengebliebenen Wand. Daneben schrieb er die Worte: „Father, forgive“. Nicht „vergib ihnen“, sondern „vergib“. Das Nagelkreuzgebet, das daraus erwachsen ist und das wir vorhin gebetet haben, es erläutert das: Vergib, was durch Hass oder Gier, durch Teilnahmslosigkeit oder Gottvergessenheit in dieser Welt geschieht. Das heißt: Alle brauchen Vergebung, weil alle beigetragen haben zu diesem Konflikt.

Der heutige Predigttext aus dem 2. Korintherbrief erinnert uns an die theologische Basis unseres Nachdenkens über Versöhnung und er zeigt, wie Versöhnung und Vergebung zusammengehören:

„Aber das alles ist von Gott, der uns mit sich selber versöhnt hat durch Christus und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt. Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!“ (2.Kor 5,18-20)

In diesen wenigen Zeilen macht Paulus der Gemeinde in Korinth klar: Versöhnung ist nicht eine menschliche Leistung. Versöhnung geschieht durch Gott, ja, sie ist schon geschehen. In Christus hat Gott die Welt mit sich versöhnt. Gott nimmt uns an, steht weiter zu seiner Liebe zu uns und vergibt uns unsere Schuld, unsere Abkehr, unser Desinteresse.

Versöhnung, das ist ein Beziehungsgeschehen. Versöhnung heißt: „Ich weiß, was du Schlimmes getan hast, aber das soll uns nicht länger voneinander trennen.“ Versöhnung heißt nicht: „Es ist alles egal, Schwamm rüber.“ Versöhnung heißt: „Wir respektieren die Wunden, die wir uns zugefügt haben, aber wir wollen uns nicht weiter Schmerzen zufügen, sondern gemeinsam Zukunft gestalten. Unsere Beziehung soll auf andere Füße gestellt werden.“

Versöhnung ist ein Zustandswechsel: Aus Feindschaft wird Frieden, aus Leben in getrennten Welten wird Gemeinschaft. Diesen Raum der Versöhnung eröffnet Gott uns und lädt uns ein, hineinzutreten in diese andere Beziehung: in die Beziehung mit Gott, aber auch untereinander. Denn wer aus der Versöhnung Gottes lebt, der kann nicht weiter andere Menschen hassen.
Die Bitte „Lasst euch versöhnen mit Gott!“ bringt gut auf den Punkt, wie das beginnt. Diese Bitte bedrängt nicht, sondern sie lädt ein. Ja, Versöhnung ist darauf angewiesen, dass die Menschen sich bitten lassen. Versöhnung braucht innere Einsicht und Bejahung.

In den Passionserzählungen der Evangelien wird deutlich, wie Jesus selbst diesen Geist der Versöhnung lebt. Im Lukasevangelium, das wir vorhin gehört haben, sagt Jesus am Kreuz: „Vater, vergib ihnen.“ Nicht jeder hat diese Größe, in einem Moment großen Schmerzes denen zu vergeben, die diese Schmerzen zufügen. Aber die Erfahrung der Nagelkreuzbewegung zeigt: man kann hineinwachsen in eine Haltung, in der Versöhnung möglich wird und Vergeltung nicht mehr wichtig ist. In der Regel der Nagelkreuzgemeinschaft heißt es dazu:

„In Lobpreis, Klage und Fürbitte reden wir mit Gott. Christus lädt uns ein in die Gemeinschaft der Versöhnten. … Im Schweigen, in der Stille und im Hören auf Gott öffnen wir uns der Wirklichkeit Gottes. … Wir verbinden uns mit dem Leiden dieser Welt, mit den Verletzten, mit den Verfolgten, mit den Bedrängten und Missbrauchten . Wir wollen Fremdheit überwinden, Spannungen und Konflikte aushalten, Freude und Trauer teilen, und von eigenen Stärken und Schwächen sprechen lernen.“

Auch in der Kirche, auch in Nagelkreuzzentren begegnen sich Menschen mit ihren Beschränkungen, Eigenheiten und Verwundungen. Es kommt auch hier zu Spannungen und Konflikten. Die Nagelkreuzgemeinschaft hilft dabei, solche Konflikte auszuhalten und miteinander zu sprechen über das, was schwierig ist, was kränkt oder verletzt und sich dabei zuzuhören.

Solche Momente ereignen sich oft in alltäglichen Situationen, in einem Schulhof, wenn Streitschlichter dafür sorgen, dass Kinder sich gegenseitig zuhören und einen Konflikt klären. Oder wenn es in Familien oder Nachbarschaften oder Kirchengemeinden gelingt, die verschiedenen Perspektiven nebeneinander zu legen und sich gegenseitig zuzuhören. Das nimmt die Verletzungen nicht weg, es nimmt auch nicht alle Konfliktpunkte einfach weg, aber im Zuhören, in einer Haltung, die auch die Wunden des anderen sieht, öffnet sich ein Weg, anders miteinander umzugehen.
Meist steht am Anfang von solchen Versöhnungsprozessen jemand, der aus dem Geist der Versöhnung heraus den Mut hat, aus dem Kreislauf von Hass und Gewalt auszusteigen. Eine Geschichte, die mich besonders berührt hat, ist die von Gordon Wilson und dem „Geist von Enniskillen” aus Nordirland.

Am 8. November 1987 legten Gordon Wilson, ein methodistischer Diakon und Händler aus Enniskillen, einer Stadt in Nordirland, und seine 20-jährige Tochter Marie einen Kranz beim Remembrance-Day-Gottesdienst nieder, als eine IRA-Bombe explodierte. Marie starb in seinen Armen; ihre letzten Worte an ihn waren: „Daddy, I love you very much.” Nur Stunden später sagte Wilson in einem weltberühmten BBC-Interview: „Ich habe keine bösen Gefühle. Ich grolle niemandem … Ob sie hier auf Erden verurteilt werden oder nicht … das letzte Wort hat Gott. Ich vergebe ihnen.”

Seine Worte verhinderten wahrscheinlich protestantische Vergeltungsschläge. Die lokale Führung der protestantischen Terrorgruppen fühlte sich so beschämt, dass sie keine Racheakte verübte – ein seltener Fall in den Troubles. Wilson wurde zum Patron der später gegründeten Spirit of Enniskillen Trust, die bis heute junge Menschen aus Konfliktregionen zusammenbringt.
Bei dieser Erzählung musste ich an die Witwe von Charlie Kirk denken, die bei der Trauerfeier für ihren ermordeten Mann auch sehr klar sagte: „Ich vergebe dem Täter“. Wie wohltuend anders war das als die aufhetzende Botschaft, die der Präsident der USA aus diesem Mord abgeleitet hat.

Einen Einblick in Versöhnungsprozesse bietet auch das Parent-Circle Family Forum in Israel. Parents Circle – Families Forum (PCFF) ist eine gemeinsame israelisch-palästinensische Organisation von über 850 Familien, die durch den Nahostkonflikt Angehörige verloren haben. Seit 1995 engagieren sie sich für Versöhnung, Dialog und ein Ende der Gewalt, anstatt Rache zu üben. Sie führen Bildungsarbeit und interkulturelle Projekte durch. Die Mitglieder treffen sich zunächst in palästinensischen oder israelischen Gruppen. Ihre wichtigste Form der Friedensarbeit sind Dialog-Veranstaltungen: Je eine Person mit israelischem und palästinensischem Hintergrund, die Familienmitglieder in den Konflikten verloren haben, sprechen über ihre Erfahrungen und ihren Wunsch nach Ende der Gewalt.

Was genau geschieht da: PCFF öffnet einen Raum, in dem sich Menschen von beiden Seiten ihre persönlichen Geschichten von Schmerz und Verlust erzählen. Sie hören einander zu. Dadurch werden sie nicht gleich Freunde, aber sie sehen den Menschen im anderen, nicht nur den Feind. Und das verändert Beziehungen und durchbricht den Kreislauf von Angst, Gewalt und Entmenschlichung. Parents Circle – Families Forum ist vielleicht die einzige Organisation, die sich wünscht, auf keinen Fall Zuwachs zu bekommen, denn alle Mitglieder haben Angehörige im Konflikt verloren – und dennoch entschieden, dass Schmerz und Verlust nicht zur Quelle von Hass werden dürfen. Stattdessen suchen sie das Gespräch mit der „anderen Seite“, hören zu, erzählen ihre Geschichten und zeigen: Frieden wächst nicht aus Stärke, sondern aus Menschlichkeit.

Es hat mich beeindruckt, was die Organisation am 7. Oktober 2025, zwei Jahre nach dem grauenhaften Angriff der Hamas auf Israel und den Beginn des Ga-zakriegs gesagt hat:

„Heute, da sich ein kleines Fenster der Hoffnung öffnet, rufen wir erneut: Kehrt zur Menschlichkeit zurück und macht dies zum Wendepunkt. Diese zwei Jahre haben unseren Glauben nicht erschüttert, sondern gestärkt. Wir wissen, dass menschliche Verbundenheit stärker ist als Hass, dass Empathie selbst die tiefsten Gräben überbrücken kann und dass keine Familie – ob israelisch oder palästinensisch – das ertragen sollte, was wir ertragen haben. Beide Bevölkerungen müssen aufhören, sich gegenseitig Leid zuzufügen, und aufhören, das Leben in unserer Region zu betrachten, als müsse das Überleben des einen Volkes auf Kosten des anderen gehen. Die Menschlichkeit des anderen anzuerkennen bedeutet, das gleiche Recht aller – Palästinenser:innen wie Israelis – auf ein Leben in Würde, Sicherheit und Freiheit anzuerkennen.“

Das Nagelkreuz symbolisiert genau diesen Geist: Diese Nägel könnten nicht nur einen Dachstuhl zusammenhalten; sie sehen auch aus wie die Nägel, mit denen Christus ans Kreuz geschlagen wurde. Das ist die Botschaft, die für mich in diesem Kreuz steckt: Versöhnung, das geschieht, wenn Folterwerkzeuge zu einem Kreuz werden, statt Menschen zu quälen. Es ist genug gelitten und gestorben worden, ein für alle Mal. Christus hat den Kreislauf von Hass und Gewalt verlassen und den Raum der Versöhnung für uns eröffnet.

Darum ermöglicht die Versöhnung mit Gott die Versöhnung unter uns Menschen. Und darum ist der Friede Gottes auch die Wurzel unseres Engagements für den Frieden in der Welt. Christus stiftet uns an, aus Versöhnung zu leben und andere mit diesem Geist anzustecken.

Räume zu öffnen, dass Menschen sich begegnen, zuhören, verwandeln lassen vom Geist der Versöhnung, die Gott uns schenkt, das ist unsere Aufgabe als Christinnen und Christen. Wir lassen uns nicht entmutigen von der Gewalt und dem Hass, von dem scheinbaren Sieg der Stärkeren in dieser Welt. Wir glauben an die Kraft der Versöhnung und wir leben aus dieser Kraft.
Und der Friede Gottes, aus dem Frieden in unserer Welt wächst, er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Autorin: Bischöfin Dr. Beate Hoffmann, Kassel

Gedenktafel für Johannes Rau in der Gemarker Kirche

Foto: Johannes Liebmann, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=531389

Wenn sich am 27. Januar 2026 der Todestag von Johannes Rau zum zwanzigsten Mal jährt, erinnert sich die Republik an einen Landesvater und Bundespräsidenten. In seinem Geburtsort Wuppertal-Barmen, im Nagelkreuzzentrum Gemarker Kirche, galt das Gedenken am Sonntag, den 25. Januar, nicht dem Amtsträger, sondern dem Gemeindeglied und Menschen. Es geschah an einem Ort, an dem die Verpflichtung von Coventry – „Father Forgive“ – greifbare Wirklichkeit geworden ist. Hier stehen keine Symbole, hier begegnen sich Nachbarn – ohne Zaun.

Wer den Hof betritt, findet sich in einem einzigartigen Ensemble wieder: Die Gemarker Kirche, auf deren Abendmahlstisch das Nagelkreuz steht, ist durch einen offenen Platz mit der Bergischen Synagoge verbunden. Dass die Synagoge, deren Vorgängerbau 1938 brannte, ausgerechnet hier errichtet wurde – Wand an Wand mit dem Ort der Barmer Theologischen Erklärung von 1934 – verdankt sich historischer Verantwortung: Die Evangelische Kirche überließ der Jüdischen Gemeinde das Grundstück.

Das Nagelkreuz korrespondiert mit einer Umgebung von dialektischer Dichte. Ein Geflecht aus Schuld, Verantwortung und Neuanfang. In diesen historischen Boden wurde nun, zwei Jahrzehnte nach dem Tod des Altbundespräsidenten, eine weitere Schicht gefügt: Eine Gedenktafel für Johannes Rau.

Chor der Wuppertaler Synagoge. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Kein Gottesdienst für einen Helden

Die Veranstaltung war mehr als ein routinierter Akt der Erinnerung. Sie war eine Vergewisserung über das, was diesen Ort im Innersten zusammenhält. Pfarrer Frank Schulte stellte zu Beginn des Gottesdienstes eine protestantische Weiche: Wir feiern nicht zu Ehren Raus, sondern zu Ehren Gottes. Eine Unterscheidung, die dem reformierten Geist des Ortes ebenso entsprach wie der Haltung des Verstorbenen.

In seiner Predigt über die Begegnung am Jakobsbrunnen (Johannes 4) tat Schulte das theologisch Notwendige: Er erinnerte an die jüdische Identität Jesu und das bleibende Heilsversprechen für das Judentum. Das leitende Motiv war das „Getragensein“. Wenn später das Lied „Ich wünscht’, dass einer mit mir geht“ erklang, war dies der musikalische Widerhall eines Lebensmottos, das Rau prägte: „Teneo, quia teneor“ – ich halte, weil ich gehalten werde.

Dieses Wort ist keine fromme Floskel. Es ist eine Haltung, die unserem Auftrag der Versöhnung tief verwandt ist. Sie markiert die Grenze der Machbarkeit und ist ein Gegenentwurf zu jedem politischen Machbarkeitswahn. Rau wusste: Wer nicht gehalten wird, muss sich an seiner eigenen Macht festhalten – und wird früher oder später hart.

Heimat als Ort der ungeschützten Menschlichkeit

Wie sehr er diesen Ort nicht als politische Bühne, sondern als spirituelle Heimat empfand, wurde in den Grußworten deutlich. Leonid Goldberg, Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde Wuppertal, zeichnete die große Linie: Dass die Bergische Synagoge als einzige weltweit von zwei Staatspräsidenten – Rau und Katsav – eingeweiht wurde, bleibt das Verdienst von Johannes Rau.

Werner Jacken vom Freundeskreis der Neuen Synagoge e.V. holte den Landesvater vom diplomatischen Parkett zurück in die unmittelbare Nachbarschaft. Er erzählte von einem Johannes Rau, der kurz vor einem Termin im Rathaus noch im Café vorbeischaute, weil er ein menschliches Bedürfnis lieber „bei euch“ erledigen wollte als auf dem Behördenflur. Man darf über diese Anekdote schmunzeln. Aber ihr Kern ist ernst: Heimat ist dort, wo die Maske des Amtes fällt. Es ist der Ort, an dem man nicht „Exzellenz“ ist, sondern Nachbar. Diese Beiläufigkeit des Vertrauens ist das schönste Denkmal, das man einer Gemeinde setzen kann.

Sigrid Runkel (rechts) enthüllt die Gedenktafel. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Eine architektonische Teschuwa

Die Enthüllung der Tafel fand im „Café Komma“ statt, jenem Ort der Begegnung, den Rau mit initiierte. Hier verdichtet sich die Symbolik. Die Tafel hängt in Sichtweite zu der Gedenktafel für Peter Beier, den 1996 verstorbenen Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland.

Es ist eine Nachbarschaft von tiefer Logik: Beier war es, der vor seinem Tod den entscheidenden Schritt zur Übereignung des Grundstücks tat. Rau flankierte dies politisch. Dass Kirche und Synagoge heute zusammenstehen, ist eine architektonische Teschuwa – eine Umkehr, die Stein geworden ist. Die Barmer Erklärung von 1934 hatte zum Schicksal der Juden geschwiegen; der heutige Ort schreit es heraus: Wir gehören zusammen.

Die Tafel als Stachel

Dass Vertreter der Nagelkreuzzentren aus Lüdenscheid-Plettenberg und Witten-Annen anwesend waren, unterstrich: Wuppertal ist Teil unserer gemeinschaftlichen Verantwortung. Als Vertreter des Vorstands der Nagelkreuzgemeinschaft durfte ich darauf hinweisen, dass eine solche Tafel zweischneidig ist. Sie kann Dekoration sein – oder ein Stachel. Das Grußwort des Vorstands der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V. können Sie hier nachlesen.

Raus Motto „Versöhnen statt Spalten“ klingt heute, in Zeiten verrohter Debatten, radikaler denn je. Erinnerung, die es ernst meint, ist keine Ablage von Kränzen, sondern eine Zumutung für die Lebenden. Die Tafel erinnert an einen Mann, der Brücken baute, wo andere Gräben zogen. Sie fragt leise, aber beharrlich: Und was baut ihr?

Der Chor der Synagoge rahmte die Feier mit „Shalom Aleichem“. Wenn in einer Kirche hebräische Lieder erklingen, während man eines christlichen Bundespräsidenten gedenkt, der als Kind die Trümmer der alten Synagoge brennen sah, bekommt Geschichte ihre zweite Chance. Versöhnung ist hier kein fertiges Produkt, sondern Arbeit.

Johannes Rau hätte an diesem Vormittag nicht im Mittelpunkt stehen wollen. Aber dass er nun dort, im Café Komma, als stiller Gast anwesend bleibt – dort, wo Menschen reden, streiten und leben – das hätte ihm gefallen. Teneo, quia teneor. Wir halten die Erinnerung, weil sie uns Orientierung gibt.

Autor: Niels Faßbender

 

Komm den Frieden wecken – Bericht von der Friedensdekade in Kiel

Quelle: Ökumenische FriedensDekade e. V.

„Komm den Frieden wecken“ – so lautete das Motto der diesjährigen ökumenischen Friedensdekade im November. Mit aktiver Beteiligung der Nagelkreuzgemeinschaft lief u. a. in Kiel ein volles Programm: Zahlreiche Gottesdienste, Friedensandachten sowie künstlerische, musikalische und auch politisch geprägte Veranstaltungen fanden statt. Der Weckruf erinnerte die Teilnehmenden an das Wesentliche: Angesichts der gegenwärtigen unfriedlichen Situation vor Ort und weltweit müssen wir darum ringen, „friedensfähiger“ zu werden und dürfen uns nicht allein mit „Kriegstüchtigkeit“ begnügen.

In der St. Nikolaikirche erzählte Pröpstin Almut Witt von der Entstehung des Nagelkreuzes vor 85 Jahren. Sie erinnerte an die historische Überreichung des ersten Nagelkreuzes an eine deutsche Stadt, das Provost Dick Howard am 15. September 1947 dem Kieler Propst Johannes Lorenzen übergab. Diese Geste war ein Weckruf, dass sich die einstigen Feinde vergeben und Brücken der Versöhnung bauen.

Versöhnung braucht Einsicht und Tatkraft

Leitungsteam der Theatergruppe. Foto: Nicola Runge

Die monatliche Friedensandacht vor dem Nagelkreuz betonte die andauernde Relevanz der Friedens- und Versöhnungsbotschaft: Das „Father forgive“ konfrontiert uns mit unserem Versagen und fordert uns auf, den Friedensbemühungen endlich Vorrang zu geben. Zum Abschluss beteten wir die Versöhnungslitanei von Coventry.

In einem weiteren Friedensgottesdienst erfuhr eine kleine Nachbildung der Skulptur „Reconciliation“ besondere Aufmerksamkeit. Das Werk der britischen Bildhauerin Josefina de Vasconcellos zeigt zwei knieende Gestalten, die sich sinnlich und ermutigend umarmen. Eine der Original-Skulpturen steht in der Ruine der Kathedrale von Coventry.

Das Motiv ist global präsent: Abgüsse stehen auch in Hiroshima, Belfast und bei der Kapelle der Versöhnung an der Berliner Mauer. Mehrere Miniaturen der Statue sind in Kiel verteilt. Im Jahr 2012 übergab der damalige Direktor des internationalen Versöhnungszentrums von Coventry, David Porter, ein Exemplar an die Sozialkirche in Kiel-Gaarden.

Die Symbolkraft der Statue wirkt bis heute: Erst vorletzte Woche erhielt auch Elke Büdenbender, die Frau des Bundespräsidenten, beim Besuch in Coventry eine solche Miniatur als Geschenk von Dean John Witcombe.

Junge Generation sorgt für Aufwachen

Erfreulich war die starke Beteiligung der jungen Generation an den mehr als 35 Veranstaltungen in Kiel. Eine Theatergruppe aus Kiel-Mettenhof ließ zu Beginn des Gottesdienstes in der Michaeliskirche ganz wörtlich einen Wecker klingeln, um alle aufzuwecken. In ihrem Theaterstück lösten die Jugendlichen einen Konflikt zwischen zwei Jugendzentren, der gewalttätig zu eskalieren drohte, auf friedliche Weise. Zu den Verantwortlichen für das Projekt gehörte die Jugendpädagogin Uta Birkenstock, die selbst schon 1992 als Schülerin an der ersten Begegnungsreise von Kiel nach Coventry teilgenommen hatte.

Das Ringen um die Erhaltung des Friedens

Skulptur “Reconciliation” als Miniatur. Foto: Nicola Runge

Das Politische Abendgespräch in der Kompassgemeinde Kiel-Altenholz trug die Überschrift „Den Frieden wecken – aus militärischer, politischer und evangelischer Sicht“. Drei Impulsgeber stellten ihre jeweiligen Perspektiven dar. In den folgenden Gruppengesprächen wurde fair gestritten. Die Teilnehmenden diskutierten etwa über diese Fragen: Wie stark muss eine Sicherheitsarchitektur auch die Sicherheitsbedürfnisse der gegnerischen Seite einbeziehen? Wie gefährdend ist eine militärische Bedrohung tatsächlich? Und: Hält die neue Friedensdenkschrift der EKD am Vorrang der Gewaltfreiheit fest?

Bonhoeffers fester Glaube

So gelungen die Veranstaltungen der Ökumenischen Friedensdekade in Kiel und anderswo auch waren: Die Gefährdungen weltweit sind real. Wir Christen sind nur eine kleine Stimme für die Bewahrung und Wiederherstellung des Friedens.

Mich bestärkt in diesen unruhigen Zeiten das Glaubensbekenntnis von Dietrich Bonhoeffer, das er 1942 aus der Gefängniszelle geschrieben hat: „Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will.“

 

Autor: Frieder Petersen, Pastor i.R.

„Ein kostbarer Moment“ – Bundespräsident Steinmeier in Coventry

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Ehefrau Elke Büdenbender entzünden Kerzen in der Neuen Kathedrale (Foto: Bundesbildstelle/Guido Bergmann)

Der Besuch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Coventry war mehr als eine Station am Ende eines dreitägigen Staatsbesuchs im Vereinigten Königreich. Gerade durch seine Platzierung am Schluss gewann er besonderes Gewicht: ein bewusst gesetztes Innehalten an einem Ort, an dem europäische Geschichte in seltener Dichte erfahrbar ist – Schuld und Hoffnung, Zerstörung und Neubeginn liegen hier sichtbar ineinander verschränkt.

Bischöfin Sophie (2. v. l.), Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (3.v.l.), Elke Büdenbender (4. v. l.) und Dean John (5. v. l.) vor dem Wandteppich ‘Christi in der Herrlichkeit’. (Foto: Bundesbildstelle/Guido Bergmann)

Der Staatsbesuch stand im Zeichen der Bemühungen um eine Erneuerung der deutsch-britischen Partnerschaft. Er fiel in eine Phase, in der nach Jahren der Distanz infolge des Brexits politische, kulturelle und zivilgesellschaftliche Beziehungen neu justiert werden. Empfänge auf Schloss Windsor, Gespräche mit Regierung und Parlament, die Rede im Westminster Palace – all dies markierte die politische Ebene eines Besuchs, der deutlich nach vorn gerichtet war. Dass Coventry den Abschluss bildete, ergänzte diesen Zukunftsblick um eine notwendige historische Erdung: Zukunft ohne Erinnerung bleibt leer.

Coventry: Tiefpunkt und Wendepunkt

Coventry steht – wie der Bundespräsident selbst formulierte – für ein doppeltes Symbol: für den Tiefpunkt der deutsch-britischen Beziehungen und zugleich für deren Wendepunkt. In den Ruinen der 1940 zerstörten Kathedrale wird Schuld weder relativiert noch Leid gegeneinander aufgerechnet. Zugleich erinnert dieser Ort daran, dass hier schon wenige Jahre nach dem Krieg ein anderer Ton angeschlagen wurde: nicht der der Vergeltung, sondern der der Versöhnung.

Gedenken in der Ruine der Kathedrale von Coventry. (Foto: Bundesbildstelle/Guido Bergmann)

Diese Spannung prägte den Besuch. Der Bundespräsident legte einen Kranz am aus Trümmersteinen errichteten Altar in der Ruine nieder – ein schlichtes, aber sprechendes Zeichen des Gedenkens an die Zerstörung, die deutsche Bomben über die Stadt gebracht hatten. Der Dekan der Kathedrale, Dean John Witcombe, beschreibt diesen Moment als „poignant“, als besonders eindrücklich. Mit Blick auf den Bundespräsidenten schreibt er:

„To stand in the ruins with any of our many German visitors is a poignant experience, but especially so with the President.“ – „Mit jedem unserer vielen deutschen Gäste in den Ruinen zu stehen, ist eine eindrückliche Erfahrung – aber mit dem Bundespräsidenten in besonderer Weise.“

Zeichen, die verbinden

Unmittelbar im Anschluss führte der Weg vom Altar der Ruinen zur Skulptur „Choir of Survivors“ des Dresdner Künstlers Helmut Heinze – ein Geschenk der Frauenkirche Dresden zum goldenen Jubiläum der neuen Kathedrale von Coventry. Die Skulptur erinnert an die Opfer der Luftangriffe auf Dresden und verknüpft diese Erinnerung bewusst mit der Geschichte Coventrys. Dean John beschreibt sie

„as a memorial to those killed in Dresden, uniting us in remembrance of the loss suffered on all sides in war – a sign of reconciliation.“ – „als Denkmal für die in Dresden Getöteten, das uns vereint im Erinnern an das Leid, das der Krieg auf allen Seiten hinterlassen hat – ein Zeichen der Versöhnung.“

Die weltweite Gemeinschaft des Nagelkreuzes

Beim anschließenden Besuch in der neuen Kathedrale begegnete der Bundespräsident einem der ursprünglichen Nagelkreuze – geformt aus Nägeln des brennenden Dachstuhls der zerstörten Kathedrale. Dean John erläuterte, dass Repliken dieser Kreuze heute in der Justizvollzugsanstalt Würzburg gefertigt und an neue Mitglieder der Nagelkreuzgemeinschaft überreicht werden. Er erinnert:

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im John Laing Centre beim Austausch mit britischen und deutschen Schülerinnen und Schülern beim Besuch der Kathedrale von Coventry. (Foto: Bundesbildstelle/Guido Bergmann)

„This community unites almost 300 centres across the world in the work of reconciliation: healing the wounds of history; learning to live with difference and celebrate diversity; building a culture of peace.“ – „Diese Gemeinschaft vereint weltweit nahezu 300 Zentren in der Versöhnungsarbeit: in der Heilung der Wunden der Geschichte, im Lernen, mit Unterschieden zu leben und Vielfalt zu feiern, sowie im Aufbau einer Kultur des Friedens.“

Bereits in seiner Rede vor dem britischen Parlament in London hatte der Bundespräsident die heutige deutsch-britische Freundschaft als „ein Geschenk der Versöhnung“ bezeichnet.

Elke Büdenkender, Dean John und Bundespräsident Frank Walter Steinmeier (v.l.n.r.). (Foto: Coventry Cathedral)

Gebet als gelebte Theologie

Seinen geistlichen Mittelpunkt fand der Besuch in einem kurzen Versöhnungsgottesdienst. Gebete verschiedener Traditionen kamen zu Wort. Auch hier war die Symbolik bewusst gewählt: Dean John betete das Vaterunser auf Deutsch – eine Praxis, die er nach eigenen Worten bei besonderen Anlässen pflegt. Er schreibt dazu:

„I led the Lord’s Prayer in the German language … as a sign of the reconciliation won for us in Christ, which unites us in prayer for a better future for all.“ – „Ich habe das Vaterunser in deutscher Sprache gebetet … als Zeichen der in Christus für uns errungenen Versöhnung, die uns im Gebet zu einer Hoffnung auf eine bessere Zukunft für alle vereint.“

Mehr als ein politischer Besuch

Der Bundespräsident reiste nach Coventry, um in den Ruinen der Kathedrale einen Kranz niederzulegen und an einem Gedenk- und Versöhnungsgottesdienst teilzunehmen – an einem Ort, der daran erinnert, dass Frieden nicht selbstverständlich ist und Versöhnung keine abgeschlossene Geschichte kennt.

Dass der Bundespräsident diesen Ort aufsuchte, verlieh einer Haltung öffentliche Geltung, die die Nagelkreuzgemeinschaft seit 1947 prägt: Erinnerung und Zukunft müssen zusammen gedacht werden, und Versöhnung beginnt mit dem Blick auf die Wahrheit der Geschichte.

Autor: Niels Faßbender mit einem Beitrag von John Witcombe, Dean of Coventry

Erinnerung muss wecken! Grußwort zur Enthüllung der Gedenktafel für Johannes Rau

Grußwort von Vorstandsmitglied Niels Faßbender. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft.

Gedenktafeln laufen Gefahr, Patina anzusetzen – nicht nur aus Bronze, sondern auch im Geiste. Sie hängen an Wänden und schweigen. Doch am 25. Januar 2026, bei der Enthüllung der Tafel für Johannes Rau im Nagelkreuzzentrum Gemarker Kirche in Wuppertal, ging es um das genaue Gegenteil: um eine Erinnerung, die spricht, fordert und manchmal auch stört. Wie dicht die Atmosphäre an diesem besonderen Ort zwischen Synagoge und Kirche war, lesen Sie in unserem ausführlichen Bericht zur Veranstaltung. Doch was bedeutet Johannes Raus Lebensmotto „Teneo, quia teneor“ („Ich halte, weil ich gehalten werde“) für uns als Nagelkreuzgemeinschaft heute? Ist es ein frommer Spruch für Sonntagsreden oder eine harte politische Währung in Zeiten der Spaltung? Niels Faßbender, Vorstandsmitglied der Nagelkreuzgemeinschaft, ging in seinem Grußwort der Frage nach, warum eine solche Tafel kein Heldendenkmal sein darf, sondern ein Stachel bleiben muss. Wir dokumentieren das Grußwort hier im Wortlaut.

Liebe Gemeinde,

heute bringt ihr eine Tafel an.

Name. Datum. Erinnerung.

Erinnerung an Johannes Rau.

Viele hier kennen ihn.

Nicht als Figur.

Sondern als Mensch:

nah, vertraut, widersprüchlich, verlässlich.

Viele von euch haben ihn nicht nur im Fernsehen gesehen,

sondern in dieser Gemeinde.

Im Café.

Nach dem Gottesdienst.

Einer, der manchmal einfach da war.

Einer, der Beziehungen hielt.

Ich spreche zu euch als jemand, der ihn nicht persönlich kannte.

Und doch stehe ich nicht fremd vor seinem Namen.

Weil dieser Ort eine Sprache spricht, die ich verstehe.

Eine Sprache der Wirklichkeit.

Eine Sprache aus Geschichte und Gegenwart.

Aus Glauben und Verantwortung.

Hier, direkt nebenan, steht die Synagoge.

Sie erinnert an die eine Wirklichkeit:

An Feuer.

An Zerstörung.

An das, was Menschen einander antun –

im Namen von Volk, Ordnung, „Notwendigkeit“.

Johannes Rau hat dafür Worte gefunden, die nichts beschönigen

und doch Zukunft wagen.

In der Knesset hat er gesagt:

„Ich bitte um Vergebung für das, was Deutsche getan haben.“

Ein Satz ohne Ausrede.

Ohne Selbstentlastung.

Versöhnung bedeutet nicht, alles zuzudecken.

Sondern: es anzusehen.

Und weist damit in die andere Wirklichkeit:

Der Hof, den man gemeinsam betritt.

Keine romantische Kulisse.

Ein Gegenüber.

Nähe, die nicht selbstverständlich ist.

Sondern gewollt. Gebaut.

Man könnte sagen:

Hier wird geübt, dass keine Ereignisse und Mächte

unser Gewissen ersetzen.

Dass wir nicht wieder anfangen dürfen, Menschen zu sortieren.

Dass wir lernen müssen, sie anzusehen.

Und dass Glauben immer auch heißt:

sich nicht abfinden mit dem, was „nun einmal so ist“.

Und ja: gerade heute ist das wieder brennend.

Kälte in den Worten.

Härte in den Debatten.

Gewalt gegen jüdisches Leben.

Und die gefährliche Gewöhnung daran.

„Nie wieder“ passiert nicht von allein.

Es braucht Orte, die standhalten.

Menschen, die nicht nur „Glaube“ sagen, sondern ihn üben.

Und Wege. Und Nachbarn.

In dieser Kirche steht auch das Nagelkreuz von Coventry.

Wir kennen seine Geschichte.

Wir kennen diese seltsame Logik:

Aus zerstörtem Metall wird ein Kreuz.

Aus Schutt wird eine Sprache.

Nicht „alles wird gut“.

Sondern: Wir hören nicht auf.

Auch das Nagelkreuz hat diese eine Wirklichkeit in sich:

Das Feuer.

Die Zerstörung.

Das, was Menschen einander antun –

im Namen von Nation, Rasse, Gott.

Und wie die Synagoge, die sich den Hof mit eurer Kirche teilt,

weist auch das Nagelkreuz in die andere Wirklichkeit:

Die, in der Glaube konkret wird.

Johannes Rau hat einmal gesagt –

fast wie eine Selbstbeschreibung,

aber eigentlich wie ein Programm:

„Versöhnen statt Spalten … bleibt meine Lebensmelodie.“

Das klingt freundlich.

Und ist in Wahrheit streng.

Denn „Versöhnen statt Spalten“ heißt:

Die eigene Seite nicht für unschuldig halten.

Den eigenen Anteil sehen.

Die eigene Kälte wahrnehmen.

Und trotzdem üben: Anstand. Geduld. Gespräch. Wahrhaftigkeit.

Nicht schweigen, wenn der Ton kippt.

Nicht zynisch werden, wenn man müde ist.

Nicht profitieren, wenn andere erniedrigt werden.

Nicht mitmachen, wenn Menschen gegeneinander hochgeputscht werden.

Versöhnung bleibt eine reale Möglichkeit –

solange wir daran arbeiten,

solange wir Christus vertrauen.

Und jetzt: Die Gedenktafel.

Eine Tafel ist ein Halt.

Sie sagt: Einer war da.

Er hat Spuren hinterlassen.

Er war mehr als die Summe seiner Ämter.

Und eine Tafel ist eine Zumutung.

Denn sie sagt auch: Jetzt seid ihr dran.

Erinnerung ist nie nur Rückblick.

Erinnerung ist Verantwortung.

Man kann einen Menschen ehren

und dabei den Schmerz der Welt vergessen.

Man kann „Erinnerung“ sagen

und meint doch: bequemes Gedenken.

Eine Tafel kann Dekoration werden.

Oder: ein Stachel.

Johannes Rau hat diesen Stachel nicht gemieden.

Er hat das Wort „Versöhnung“ nicht als Dekoration benutzt.

Er hat es mitten in den Raum gestellt.

Mitten in die Geschichte.

Mitten hinein in Schuld.

Mitten hinein in die Angst: dass es nie genug ist.

Johannes Rau hatte ein Motto: „Teneo, quia teneor.“

Ich halte, weil ich gehalten werde.

Das klingt schlicht.

Und es ist radikal.

Das ist keine Heldenformel.

Das ist ein Eingeständnis.

Denn wir halten ja oft gerade nicht.

Wir sind verletzlich.

Wir sind widersprüchlich.

Wir sind schneller gekränkt als klug.

Und schneller hart als gerecht.

Manchmal fehlt uns die Kraft zur Versöhnung.

Weil wir selbst zu wenig versöhnt sind.

Mit unserer Angst.

Mit unserer Schuld.

Mit unserer Unvollkommenheit.

„Ich halte, weil ich gehalten werde“ heißt dann auch:

Ich bin angewiesen.

Auf Zuwendung.

Auf Vergebung.

Auf Menschen, die bleiben, wenn ich schwierig werde.

Auf Gemeinschaft, die mich nicht verwechselt mit meinem schlechtesten Tag.

Und auf Gott.

Der nicht sagt: „Reiß dich zusammen.“

Sondern: „Komm.“

Und bleibt.

Gerade da, wo der Halt fehlt.

Ich halte nicht aus eigener Härte.

Nicht aus Überlegenheit.

Nicht aus moralischer Stärke.

Sondern aus einem Grund, der tiefer liegt als ich selbst.

Aus einem Gehaltensein.

Für mich ist das eine der Grundfesten meines Glaubens:

Getragen sein, so wie ich bin –

und darum tragfähig sein auch für andere, so wie sie sind.

Nicht als Herrschaft.

Nicht als Pose.

Als Gemeinde von Brüdern und Schwestern.

An diesem Ort erinnert die Tafel für Johannes Rau nicht nur an den Menschen,

der die Mitte gesucht hat.

Die Mitte zwischen Klarheit und Demut.

Zwischen Heimat und Welt.

Zwischen politischer Verantwortung und dem leisen Wissen:

Wir sind nicht Gott.

Hier, an diesem Ort, ruft uns die Tafel für Johannes Rau auch zur Entscheidung:

Erinnerung kann verhärten – oder öffnen.

Glaube kann betäuben – oder aufwecken.

Heimat kann abschotten – oder beheimaten.

Mit Blick auf Synagoge und Nagelkreuz entscheiden wir uns für die offene Form:

Für ein Gedenken, das nicht einschläfert.

Für einen Glauben, der Hände bekommt.

Für eine Versöhnung, die nicht spaltet, sondern mühsam verbindet.

Nicht groß.

Nicht heroisch.

Aber erfüllt.

Von Treue, Dankbarkeit und Glauben.

Friede sei mit uns!

Vielen Dank.

Autor: Niels Faßbender

 

„Darf ich das mitnehmen?“ – Wenn ein Kreuz einen Ort verändert und Menschen bewegt

Schulleiter Dr. Günter Beck-Mathieu darf „sein“ Nagelkreuz mitnehmen. Foto: Christian Herpich

Am Evangelischen Dag-Hammarskjöld-Gymnasium in Würzburg ging jetzt eine Ära zu Ende: Schulleiter Dr. Günter Beck-Mathieu wurde in den Ruhestand verabschiedet. Ein Jahr lang war an seiner Schule das [Würzburger Wandernagelkreuz] zusammen mit der Versöhnungsstatue zu Gast. In der Würdigung von Antje Biller zeigt sich, was dieses Zeichen der Versöhnung bewirkt: Es verändert einen Ort, prägt die Gemeinschaft und hinterlässt Spuren bei den Menschen – weit über das Jahr hinaus.

Mitten im damaligen Schuljahr, am 16. März 2023, nahm Oberstudiendirektor Dr. Günter Beck-Mathieu das Nagelkreuz und die Versöhnungsstatue für das Evangelische Dag-Hammarskjöld-Gymnasium in Empfang, das für ein Jahr Gastort der Würzburger Versöhnungszeichen sein würde.

Ein Kreuzweg in der sechsten Jahrgangsstufe, die Kathedrale von Coventry als Beispiel für moderne Kirchenarchitektur in der siebten Jahrgangsstufe, ein von den fünften Klassen vorbereitetes Freitagsgebet, aktuelle Adaptionen im Kunstunterricht der Oberstufe, ein spiritueller Tag für das Kollegium unter dem Motto „Versöhnung mit mir selbst“, das am Gedenktag der Bombardierung Coventrys von der ganzen Schule gebetete Versöhnungsgebet – und viele andere von „unserem Nagelkreuz“ inspirierte Aktionen fanden statt.

Als Schulleiter hatte Dr. Beck-Mathieu von der Würzburger Initiative an jenem Tag auch ein kleines Hufnagelkreuz überreicht bekommen, das seither seinen Platz auf dem imposanten Schreibtisch im Rektorat hatte. Zum Ende dieses Schuljahres nun wurde Dr. Beck-Mathieu in den Ruhestand verabschiedet. Das kleine Nagelkreuz wollte er gerne mitnehmen. Dieses Kreuz und die damit verbundenen Gedanken waren über das Jahr als Gastort hinaus zu wichtigen Begleitern geworden. Sie bringen prägnant auf den Punkt, wofür das Evangelische Gymnasium und sein scheidender Schulleiter stehen.

Im März 2023 wanderte das Würzburger Nagelkreuz ans Ev. Dag-Hammarskjöld-Gymnasium. Foto: Bärbel Thiele

Mit professioneller Schulsozialarbeit und Schulseelsorge wird seit jeher daran gearbeitet, Wunden der Geschichte zu heilen, die etliche schon der jüngsten Schüler:innen mitbringen. Auch Unterschiede gelten zu lassen und Vielfalt zu feiern gehört gewissermaßen zur Grundhaltung der Schule. Wie im Rest der Gesellschaft lebt am Dag-Hammarskjöld-Gymnasium eine Vielfalt der Traditionen, der Sprachen, der Religionen, der Stile. Zu feiern ist die Vielfalt an Ideen im Kollegium und in den Klassen, die Vielfalt an Meinungen in einer offenen Diskussionskultur, die Vielfalt an Talenten, die mit einem möglichst breiten Angebot gefördert wird.

In einer Kultur des Friedens und der Gerechtigkeit gelingt so etwas. Und diese beginnt mit der Art und Weise, wie ein Rektor seinen Schüler:innen begegnet, wie ein Vorgesetzter mit seinen Lehrkräften kommuniziert. Das prägt den Umgangston an einer Schule. Klar in der Sache, bedacht im Ausdruck, moderat im Ton, zurückhaltend in der Lautstärke – so ließen sich die Bausteine einer friedlichen, nach Gerechtigkeit suchenden Kultur beschreiben.

Das Nagelkreuz passt bestens zu Dr. Beck-Mathieu, und so bekam er das erbetene Schreibtischkreuz in der von Schüler:innen und Lehrkräften mit Musik, Geschenken und vielen Gute-Wünsche-Zetteln gestalteten Überraschungs-Abschiedsfeier in der Aula überreicht: „Ja, das dürfen Sie mitnehmen!“

Nach den Sommerferien wird ein neues Kreuz auf dem Schreibtisch im Rektorat stehen und auf eine neue Schulleitung warten, die sich hoffentlich genauso inspirieren lassen wird. Herrn Dr. Beck-Mathieu alles erdenklich Gute für den nächsten Abschnitt und für einen ereignisreichen, erfüllenden Ruhestand!

Autorin: Antje Biller

 

Geschichte trifft Versöhnung: Regionaltreffen der Nagelkreuzzentren in Neuendettelsau 2025

Altarkreuz aus Stahl erinnert an die Muna in Neuendettelsau. Foto: Tobias Klein

Mitten in Neuendettelsau, einem kleinen fränkischen Ort mit großer kirchlicher Geschichte, trafen sich am 17. Mai 2025 die bayerischen Nagelkreuzzentren zu ihrem Regionaltreffen. Was diesen Tag besonders machte, war die eindrückliche Verbindung von Historie und Gegenwart: Auf dem Gelände, wo im Zweiten Weltkrieg eine Munitionsanstalt Bomben für Luftangriffe – wohl auch auf Coventry – produzierte, versammelten sich heute Christen, um für Frieden und Versöhnung zu arbeiten. Vertreterinnen und Vertreter aus Würzburg, Nürnberg, München, Dachau und Neuendettelsau kamen in der Augustana-Hochschule zusammen und erlebten einen Tag voller Austausch, Gedenken und gemeinsamer Inspiration. Bereits ein herzlicher Empfang am Vormittag stimmte die Teilnehmenden auf den intensiven Tag ein. In einer bewegenden Einleitung führte Dr. Janning Hoenen, Mitgastgeber aus Neuendettelsau, in die Geschichte des Treffensortes ein. Schon hier wurde deutlich, dass Neuendettelsau mehr ist als ein Dorf auf dem Land: Durch das Wirken von Pfarrer Wilhelm Löhe wuchs es im 19. Jahrhundert von einem unscheinbaren Dorf zu einem Zentrum des bayerischen Protestantismus mit globaler Wirkung – Sitz einer Diakonissenanstalt, Ausgangspunkt weltweiter Mission und heute Heimat von gleich zwei Nagelkreuzen. Diese besondere Mischung aus historischer Verantwortung und engagierter Versöhnungsarbeit prägte den ganzen Tag und weckte gespanntes Interesse auf das Programm.

Augustana-Hochschule Neuendettelsau

Nagelkreuz in der Campuskapelle. Foto: Tobias Klein

Den Auftakt bildete ein Besuch der Augustana-Hochschule, der theologischen Hochschule der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Im Konferenzraum der Campushochschule wurden wir von der Hochschulgemeinschaft empfangen. Dr. Hoenen hieß uns offiziell willkommen und spannte in seinem Vortrag den Bogen von der Gründung der Hochschule bis zur jüngsten Vergangenheit. Besonders nachhaltig beeindruckte seine Schilderung, wie tief Neuendettelsau in die Wirren des Zweiten Weltkriegs verstrickt war: Die Augustana steht nämlich auf dem Gelände einer ehemaligen Wehrmacht-Munitionsanstalt, kurz Muna, in der ab 1934 massenhaft Granaten und Bomben hergestellt wurden. Diese Waffen fanden vermutlich – in tragischer Ironie der Geschichte – auch beim Bombenkrieg gegen England Verwendung. Mit der Entmilitarisierung nach 1945 erfuhr das Areal jedoch eine völlige Umwidmung: 1947 beschloss die Landessynode die Gründung der Augustana-Hochschule als unabhängige theologische Lehrstätte in kirchlicher Trägerschaft. In den folgenden Jahren zog die Hochschule nach und nach in die ehemaligen Kasernen und Verwaltungsgebäude der Muna ein. Aus Orten der Zerstörung wurden Orte des Lernens: Wo einst Offiziershäuser und Truppenunterkünfte standen, entstanden Hörsäle, Wohnheime, Mensa und Verwaltung. 1966 wurde eine eigene Kapelle errichtet, deren großes Altarkreuz aus Stahl bewusst an die Vergangenheit des Geländes erinnert.

Beim Rundgang über den parkähnlichen Campus konnten wir diese Geschichte förmlich atmen. Zwischen alten Bunkerwällen und neuen Institutsgebäuden erläuterte uns Dr. Hoenen anschaulich die Funktionen der zentralen Gebäude. Ein Höhepunkt war der Besuch der Campuskapelle – dem spirituellen Herz der Hochschule. Dort steht heute eines der beiden Nagelkreuze von Neuendettelsau. Im Juni 2017 wurde die Augustana-Hochschule offiziell in die internationale Nagelkreuzgemeinschaft aufgenommen; in einem feierlichen Gottesdienst überreichte eine Delegation aus Coventry das Nagelkreuz für die Kapelle. Seither engagiert sich die Hochschule sichtbar für die Versöhnungsarbeit. Studierende und Dozierende gedenken hier jedes Jahr der Zerstörung Coventrys und beteiligen sich regelmäßig am Freitagsgebet für den Frieden.

Diakonissenanstalt Neuendettelsau (Diakoneo)

Nagelkreuz in der Diakonissenanstalt. Foto: Tobias Klein

Nach einem Mittagessen in der Mensa, das reichlich Gelegenheit zum persönlichen Austausch bot, führte unser Weg am frühen Nachmittag vom Campus hinüber zur traditionsreichen Diakonissenanstalt Neuendettelsau – heute bekannt als Diakoneo. Schwester Ruth Gänstaller, eine erfahrene Diakonisse, übernahm herzlich die Führung unserer Gruppe. Schon unterwegs blieb sie mit uns an bedeutungsvollen Stationen stehen: Unweit der Hochschule erinnert ein schlichter Gedenkstein an die Fremd- und Zwangsarbeiter, die in der Muna schuften mussten. Andächtig versammelten wir uns um dieses Mahnmal, während Schwester Ruth von den Schicksalen der Menschen berichtete, die in Neuendettelsau Zwangsarbeit leisten mussten – ein Kapitel, das dem Ort bis heute ins Gewissen schreibt. Wenige Schritte weiter erhob sich das historische Mutterhaus der Diakonissengemeinschaft. Hier, wo seit dem 19. Jahrhundert Diakonissen in Gemeinschaft lebten und wirkten, schauten wir in einen Innenhof voller Geschichte. Neuendettelsau war 1854 durch Pfarrer Wilhelm Löhe zur Keimzelle der bayerischen Diakonie geworden: Löhe gründete damals die erste Diakonissenanstalt in Bayern. Junge Frauen wurden in diesem „Mutterhaus“ zu Krankenschwestern und Fürsorgerinnen ausgebildet, um landauf, landab notleidenden Menschen beizustehen. Aus bescheidenen Anfängen wuchs in den folgenden Jahrzehnten ein umfangreiches Werk der Nächstenliebe. Heute – mehr als 170 Jahre später – zählt Diakoneo mit über 200 Einrichtungen und rund 10.000 Mitarbeitenden zu den größten diakonischen Trägern in Deutschland.

Doch auch die dunkelsten Stunden der deutschen Geschichte sind an Neuendettelsau nicht vorübergegangen – im Gegenteil: Gerade weil die Diakonissenanstalt einst eine der größten Heil- und Pflegeeinrichtungen für Menschen mit Behinderung im ganzen Reich war, hinterließ das NS-Regime hier tiefe Wunden. Schwester Ruth erzählte sichtlich bewegt von den Ereignissen der Jahre 1940/41: Unter dem zynischen Decknamen „Euthanasie“ wurden ab Herbst 1940 über 1.200 hilfsbedürftige Menschen aus Neuendettelsau und seinen Außenstellen in staatliche Heilanstalten deportiert. Von diesen wurden mehr als 800 in Tötungsanstalten wie Hartheim bei Linz ermordet; viele weitere starben unter den grausamen Bedingungen der Anstaltspsychiatrie. Besonders erschütternd ist, dass zu den ersten Opfern alle Bewohner jüdischen Glaubens zählten. Vor unseren Augen stand plötzlich das Bild der grauen Busse, in denen die Ordensschwestern ihre Schutzbefohlenen damals hilflos ziehen lassen mussten.

Erfahrungsaustauch beim Regionaltreffen

Regionaltreffen Bayern in Neuendettelsau. Foto: Tobias Klein

Nach diesem Gang durch die Geschichte empfing uns das Diakoneo-Zentrum mit offenen Armen. Bei Kaffee und hausgebackenem Kuchen kamen wir mit Schwestern, Mitarbeitenden und Gästen ins Gespräch. Hier, im modernen Begegnungsraum des Schwesternhauses, schlug die Stimmung des Tages einen hoffnungsvollen Bogen von der Vergangenheit in die Zukunft. Im Mittelpunkt stand nun die Nagelkreuzgemeinschaft als weltweites Netzwerk des Friedens. In einer angeregten Runde tauschten wir uns über die Erfahrungen unserer jeweiligen Nagelkreuzzentren aus. Gemeinsam schmiedeten wir Pläne für die weitere regionale Zusammenarbeit. So wurde beschlossen, das nächste Regionaltreffen in Nürnberg abzuhalten – ein Beschluss, der allgemein begrüßt wurde. Zugleich wurden Neuigkeiten aus der bayerischen Kirche bekannt: Mit großer Freude hörten wir, dass sogar das Landeskirchenamt in München erwägt, Nagelkreuzzentrum zu werden. Drei Vertreter:innen der Kirchenleitung verfolgten als Gäste unsere Diskussion – ein Zeichen dafür, welche Bedeutung die Versöhnungsarbeit inzwischen auf allen Ebenen gewinnt. In diesem Zusammenhang kam die Sprache auch auf eine mögliche Pilgerreise nach Coventry, der Geburtsstätte des Nagelkreuzes. Die Vorstellung, gemeinsam – Veteranen wie Neuinteressierte – nach Coventry zu reisen, um dort den Geist der Versöhnung unmittelbar zu erleben, begeisterte uns alle.

Als sich der Tag dem Ende zuneigte, versammelten wir uns noch einmal in der Kirche St. Laurentius, um den Abschluss in würdiger Weise zu begehen. St. Laurentius – eine helle, schlichte Kirche mitten im Diakoniegelände – beherbergt das zweite Nagelkreuz von Neuendettelsau. Jeden Freitag um Mittag findet hier ein öffentliches Nagelkreuzgebet statt; die Türen stehen allen offen, die mitbeten oder einfach einen Moment innehalten möchten. An diesem Abend aber erlebten wir eine Nagelkreuz-Andacht, die viele von uns tief bewegte. Besonders beeindruckend war das Versöhnungsgebet in einfacher Sprache, das hier in St. Laurentius üblich ist. Weil in der Gemeinde auch viele Menschen mit Behinderung mitfeiern, wird das berühmte Coventry-Gebet behutsam in klare, leicht verständliche Worte gefasst. So beteten wir gemeinsam – ohne Barrieren in Sprache oder Verständnis – die Bitten um Vergebung: „Dass Menschen andere wegen ihrer Hautfarbe nicht mögen. Vater, vergib.“ und „Dass wir uns nicht genug um Menschen kümmern, die ohne Heimat und auf der Flucht sind. Vater vergib.“ Jeder Satz war zugleich schlicht und kraftvoll.

Schließlich traten wir, erfüllt von den Eindrücken des Tages, die Heimreise an. Neuendettelsau hat uns an diesem Samstag gezeigt, dass es ein „Dorf mit globaler Wirkung“ geblieben ist: Einst Ausgangsort von Mission und Diakonie, dann gezeichnet von den Verirrungen der Geschichte, ist es heute ein lebendiger Doppel-Ort der Versöhnung. Sowohl die Augustana-Hochschule als auch Diakoneo tragen das Nagelkreuz als Symbol und Verpflichtung – in der akademischen Theologie wie im praktischen Dienst am Nächsten. Ihr gemeinsames Engagement strahlt weit über die Region hinaus.

Autor: Nagelkreuzgemeinschaft, mit Beiträgen von Tobias Klein, Judith Einsiedel und Dr. Janning Hoenen

 

Regionaltreffen West: Ein Tag für Versöhnung und Erinnerung

Schattiger Sitzplatz auf den Spuren der Geschichte. Foto: Sigrun Stahr

Wie bringt man Menschen zusammen, die aus verschiedenen Regionen und konfessionellen Prägungen stammen – und doch dasselbe Ziel teilen? Das Regionaltreffen West am 14. Juni 2025 in Lemgo zeigte, wie das gelingen kann: mit offenen Gesprächen, historischem Bewusstsein und geistlicher Tiefe. Gastgeberin war die evangelische Kirchengemeinde St. Nicolai in Lemgo, selbst seit 1989 Nagelkreuzzentrum. Von Andacht bis Austausch war dieser Tag geprägt von Begegnung – mit Menschen, mit Geschichte und mit dem Geist der Versöhnung.

Eingeladen hatte die evangelische Kirchengemeinde St. Nicolai. In Lemgo begrüßte Sigrun Stahr, Mitglied des Kirchenvorstands von St. Nicolai, die Gäste aus mehreren Nagelkreuzzentren der Region West. Vertreter*innen aus Löhne-Mahnen, Wuppertal-Barmen und Lüdenscheid-Plettenberg waren angereist, um gemeinsam ins Gespräch zu kommen. Bereits bei der ersten Tasse Kaffee entspannten sich lebhafte Gespräche.

Bemerkenswert: An diesem Tisch kamen Christinnen und Christen aus drei verschiedenen evangelischen Landeskirchen zusammen – der rheinischen, der westfälischen und (als Gastgeber) der lippischen Landeskirche. Insbesondere in Lippe spielt die konfessionelle Prägung eine Rolle: Hier gibt es sowohl lutherische als auch reformierte Gemeinden; ein einheitliches „einfach evangelisch“ kennt man dort nicht.

Dennoch wurde schnell deutlich, wie viel die Nagelkreuz-Zentren trotz unterschiedlicher Traditionen verbindet. Alle eint der Einsatz für Frieden und Versöhnung über konfessionelle Grenzen hinweg. So geschieht in Lemgo vieles ökumenisch mit der katholischen Nachbargemeinde – beispielsweise ein Sozialer Mittagstisch für Bedürftige sowie eine gemeinsam von Kirche und Stadt getragene Flüchtlingshilfe. Dieses Miteinander ist Ausdruck gelebter Nächstenliebe und praktischer Versöhnungsarbeit vor Ort.

St. Nikolai in Lemgo. Foto: Sigrun Stahr

Geschichte, Gedenken und Gespräch

Pfarrer i. R. Heinz Wöltjen führte die Gruppe durch die imposante St.-Nicolai-Kirche, deren Mauern auf eine über 800-jährige Geschichte zurückblicken. Die gotische Hallenkirche am Marktplatz, um 1190 gegründet und bis 1375 erweitert, birgt zahlreiche Schätze aus Vergangenheit und Gegenwart. In einer Gebetsecke entdeckten die Gäste ein kostbares Marien-Relief aus dem Jahr 1260. An der Taufanlage sind steinerne Schrifttafeln angebracht, die die Bedeutung der Taufe erläutern und an die Reformationszeit erinnern. Pfarrer Wöltjen spannte den Bogen der Erzählungen von den mittelalterlichen Anfängen der Kirche über die Reformation bis hin zur Nagelkreuz-Gegenwart. Seit 1989 hängt an einer Säule vor der Orgel ein originales Nagelkreuz aus Coventry, das der damalige Pfarrer Helmut Begemann mitgebracht hatte. Darunter ist das Versöhnungsgebet von Coventry abgedruckt.

Zur Mittagsandacht um 12 Uhr kamen zusätzliche Besucher aus der Stadt in die Nicolaikirche. Dank der zentralen Lage unmittelbar neben dem Wochenmarkt werden hier jeden Samstag die Marktkunden durch Glockengeläut und ein Glockenspiel zu einem Moment der Besinnung eingeladen.

Nach einem Mittagsimbiss im Gemeindehaus brach die Gruppe zu einem besonderen Stadtrundgang auf. Superintendent Dr. Andreas Lange, selbst in Lemgo zuhause, ist seit langem der Geschichte der jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger der Stadt während der NS-Zeit auf der Spur. Er nahm die Teilnehmenden mit auf die historischen Spuren der Lemgoer Familie Gumpel, die einst ein großes Wäschegeschäft in Lemgo betrieben hatte. Anhand konkreter Orte schilderte Dr. Lange eindrücklich das Schicksal dieser Familie. Die drei Söhne der Gumpels konnten Lemgo noch rechtzeitig verlassen und entkamen so der Verfolgung durch die Nationalsozialisten.

Mitglieder der Region West. Foto: Andreas Lange

Der Vater der Familie starb wenige Jahre darauf eines natürlichen Todes; Mutter Rosalie Gumpel hingegen wurde deportiert – sie musste 1942 den Transport ins Ghetto Riga antreten und überlebte nicht. Die Gruppe machte Halt an der Stelle, wo einst die Lemgoer Synagoge stand. Das Gotteshaus war in der Pogromnacht im November 1938 in Brand gesteckt und zerstört worden. In der sommerlichen Hitze fanden die Besucher hier auf der niedrigen Außenmauer des Synagogengrundstücks einen schattigen Sitzplatz – ausgerechnet auf den letzten Überresten eines Ortes, der von Hass und Gewalt zeugt.

Austausch über Nagelkreuze und Gebetszeiten

Zurück im Gemeindehaus wurden die Teilnehmenden mit selbstgebackenem Kuchen empfangen – und nutzten die Gelegenheit für lebendigen Austausch. Besonderes Interesse galt den sogenannten „Wander-Nagelkreuzen“: Einige Zentren haben ein Nagelkreuz, das nicht an einem festen Standort steht, sondern auf Reisen geschickt wird. Dieses Wander-Nagelkreuz kann zeitweise zum Beispiel in Schulen, anderen Kirchen oder öffentlichen Einrichtungen aufgestellt werden, um den Versöhnungsgedanken bewusst in die Gesellschaft hineinzutragen. Ein solches Kreuz gibt es u. a. in Würzburg, Lüdenscheid-Plettenberg und Chemnitz.

Ein weiteres Thema war das regelmäßige Friedensgebet der Nagelkreuzgemeinschaft. Traditionell wird die Versöhnungslitanei von Coventry weltweit jeden Freitag um 12 Uhr britischer Zeit gebetet – zeitgleich mit dem Gebet in den Ruinen der alten Kathedrale von Coventry. Doch wie lassen sich möglichst viele Menschen für dieses Friedensritual erreichen? Die Runde diskutierte, ob man an kleineren Orten auch flexibel andere Zeiten wählen könne, um mehr Teilnehmende zu gewinnen. In Lemgo zum Beispiel ist das Gebet

Jüdische Geschichte in Lemgo. Foto: Sigrun Stahr

ein fester Bestandteil der Taizé-Andachten. Andere Nagelkreuzzentren integrieren das Versöhnungsgebet in bestehende Gottesdienstformen oder Andachten, je nach lokalen Gegebenheiten.

„Wir haben keine festen Regeln, nur eine gemeinsame Hoffnung, ein gemeinsames Ziel: die Versöhnung“, brachte Britta Däumer vom Nagelkreuzzentrum Lüdenscheid-Plettenberg und Mitglied des Leitungskreises es auf den Punkt. Jeder Ort geht seinen eigenen Weg – doch alle eint das Ziel: im Geist Jesu Christi an einer versöhnten Welt mitzubauen.

Zum nächsten Regionaltreffen West hat das Nagelkreuzzentrum Lüdenscheid-Plettenberg für 2026 eingeladen. Einzelheiten werden rechtzeitig bekannt gegeben.

Autorinnen: Sigrun Stahl, Nagelkreuzgemeinschaft

 

Unterwegs in Richtung Versöhnung – Pilgerfahrt nach Coventry

Die Teilnehmer:innen der Pilgerfahrt noch Coventry. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Vom 27. bis 30. Mai 2025 fand die diesjährige Frühjahrs-Pilgerfahrt zur Kathedrale von Coventry statt – mit Teilnehmer:innen aus der Kirchengemeinde Stade, den Stadtkirchengemeinden Kassel und Hanau, der [Link->Stadtkirche Darmstadt] und der [Link->Stadtkirche Pforzheim] sowie aus Gemeinden in Brisbane (Australien), Los Angeles, Bristol und von der Organisation „Embrace the Middle East“. Leitungskreismitglied Christian Roß berichtet von einer intensiven Reise mit geistlichen Impulsen, Gesprächen über Versöhnung und vielen Begegnungen an einem Ort, der für unsere Gemeinschaft eine besondere Bedeutung hat.

Unsere Reisegruppe aus der Region Südwest ist bereits am Montagnachmittag in Coventry angekommen, und wir haben beim Abendessen erste Kontakte mit einer Pfarrerin aus Australien geknüpft. Den etwas verregneten Dienstag nutzten wir zu einem Besuch in Coventrys Transportmuseum, das die Geschichte Coventrys als Mobilitätszentrum erzählt und Einblicke in die Produktion von Fahrrädern und Autos gibt. Natürlich sind auch die Zerstörung und der Wiederaufbau der Stadt ein wichtiges Thema innerhalb des Museums – das hat uns auf die Tage in der Kathedrale eingestimmt.

Am Dienstagabend startete die Pilgrimage mit der Begrüßung, einem gemeinsamen Abendessen und einer Komplet. Im Laufe der kommenden Tage gab es ein dichtes und inspirierendes Programm. Es begann jeweils früh morgens um 8.30 Uhr mit dem Morgengebet und der Abendmahlsfeier.

Am Mittwoch erhielten wir eine Führung durch die Ruine der alten Kathedrale und durch die neue Kathedrale – in einer deutschsprachigen und einer englischsprachigen Gruppe. Wir lernten die besondere Architektur des Ensembles auf dem Kathedralhügel kennen und erfuhren viel über die Geschichte des Ortes, seine Kunstwerke und die ihnen innewohnende Geschichte von Tod und Auferstehung, von Zerstörung, Versöhnung und Wiederaufbau.

Dean John ging in seinem Vortrag zunächst auf die Versöhnungsarbeit an der Kathedrale ein, erläuterte ihre Grundsätze, Werte und Haltungen und stellte einige konkrete Versöhnungsprojekte und Initiativen der Kathedrale vor.

Es war beeindruckend zu sehen, wie die Kathedrale ausgehend von ihrer Geschichte von Zerstörung und Wiederaufbau ihre tägliche Arbeit lebt. Es wurde deutlich, welch transformative Kraft und kreative Energie aus der Ausrichtung auf diese Geschichte erwächst. Inspirierend war auch, mit welcher inneren Haltung alle Mitarbeiter:innen an der Kathedrale sich der Arbeit widmen. Deutlich spürbar war für uns alle der erste Grundsatz „Hospitality – Gastfreundschaft“, der alle Aktivitäten der Kathedrale als wichtigster Wert prägt – dicht gefolgt von Spiritualität und Gebet.

Auf die Vorstellung der Arbeit der Kathedrale folgte ein Gespräch über die biblischen Grundlagen der Versöhnungsarbeit und darüber, was Versöhnung eigentlich bedeutet. Es entspann sich auch eine Diskussion darüber, ob wir in der Nagelkreuzgemeinschaft eigentlich Pazifisten sein sollten oder uns als Friedensstifter betrachten. Dean John erklärte seine Haltung dazu: Friedensstifter zu sein, aber kein Pazifist – wie er es schon in seiner bemerkenswerten Predigt nach der Reise nach Odessa ausgeführt hatte. Auch diese Haltung begründete er aus der Geschichte und der Erfahrung der Kathedrale heraus.

Inhaltliche Arbeit an Versöhnungsthemen. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Schließlich war nachmittags Platz für die Vorstellung der anwesenden Gemeinden und Werke, bevor der Tag mit einer gemeinsam gesungenen Komplet in deutscher Sprache nach lutherischer Tradition in der Kapelle „Christ the Servant“ endete.

Ein besonderer Dank sei schon hier den beiden Interns Constanze und Alwine ausgesprochen, die alles kompetent ins Deutsche bzw. Englische übersetzt haben, sodass auch Menschen, die im Englischen nicht so fit sind, gut folgen konnten.

Der Donnerstagmorgen war dem Schulnetzwerk ICONS gewidmet, und Alwine gab uns Einblicke in die Arbeit und die Programme, die Schulen im Versöhnungsnetzwerk zur Verfügung gestellt werden. Außerdem erfuhren wir Näheres zur Struktur, Organisation und Arbeit der weltweiten Nagelkreuzgemeinschaft von der Koordinatorin Alice Farnhill.

Mittags besuchten wir gemeinsam den Festgottesdienst zum Himmelfahrtstag in der Kathedrale.

Der Nachmittag war einem Pilgerweg über den Hilltop gewidmet, auf dem wir über Fragen von Krieg und Frieden und unsere Arbeit der Versöhnung anhand verschiedener Stationen meditiert haben. Wir besuchten gemeinsam mit dem Canon für Worship und Welcome, Nitano Muller, die Überreste der mittelalterlichen Abtei, die Trinitatiskirche, die Ruine der alten Kathedrale und endeten wiederum in der neuen Kathedrale.

Am Abend hatten wir dann noch die Gelegenheit, bei einer Probe der Glöckner im Turm der alten Kathedrale zuzuschauen. Das war etwas ganz Besonderes, denn die neun Glocken werden von Hand geläutet – und das auf eine sehr spezielle Art, die nur in England gepflegt wird. Eine Gruppe aus sieben Personen – vom Jugendalter bis ins Rentenalter – probte verschiedene Melodien und Läuteschemata. Ein besonderes Erlebnis!

Der Abschluss am Freitag war konkreten Fallstudien in der Versöhnungsarbeit gewidmet und wurde von David Porter geleitet, der lange Zeit Canon of Reconciliation in Coventry war. Auf beeindruckende Weise haben wir hier Versöhnungsarbeit im Kleinen wie im Großen besprochen: „Act local, think global“ – das war eine wichtige Erkenntnis dieses Vormittags. Mit einem gemeinsamen Mittagessen und der Verabschiedung endete eine intensive und inspirierende Zeit an der Kathedrale.

Neben dem umfangreichen Programm der Pilgrimage war natürlich auch der Austausch unter den Teilnehmer:innen in den Pausen, beim gemeinsamen Essen oder abends im Pub ein wertvoller Teil der Woche in Coventry!

Unsere Südwest-Reisegruppe ist erst am Samstag zurückgeflogen, sodass wir am Freitag noch Zeit für den Besuch der Herbert Art Gallery hatten und am Samstagvormittag noch das große Event mit vielen historischen Oldtimern in der Stadt erleben konnten. Hier wurden bei bestem Wetter auf allen Plätzen der Innenstadt und sogar innerhalb der Ruinen der Kathedrale private Oldtimer ausgestellt. Auch das versteht die Kathedrale unter Gastfreundschaft!

Ein Interview mit Teilnehmer Ingo Mörl lesen sie hier. Die nächste Pilgrimage findet vom 12. bis 15. November 2025 statt. Für Bewerber um ein Nagelkreuz ist die Teilnahme obligatorisch.

Autor: Christian Roß