Aktivitäten & Berichte der Nagelkreuzgemeinschaft und der Nagelkreuzzentren.

Kirchenmeile bis Marienkapelle: Die Nagelkreuzgemeinschaft beim Katholikentag in Würzburg

„Hab Mut, steh auf!“ – Unter diesem einladenden ökumenischen Motto stand der 104. Deutsche Katholikentag, der vom 13. bis 17. Mai 2026 in Würzburg stattfand. Mittendrin gestaltete ein fantastisches, engagiertes Team von rund 20 Mitgliedern und Freunden der Nagelkreuzgemeinschaft aus ganz Deutschland unvergessliche Tage der Begegnung. Wie intensiv, bereichernd und bewegend diese Zeit war, schildern Sigrid Mathes und Peter Boenisch in ihrem persönlichen Erfahrungsbericht vom Infostand.

Mittendrin statt nur dabei: Eindrücke von der Kirchenmeile

Anfang März erreichte uns ein Schreiben der Deutschen Nagelkreuzgemeinschaft: Für den Infostand auf der „Kirchenmeile“ beim Katholikentag in Würzburg wurden noch helfende Hände gesucht. Als „Belohnung“ winkten eine Dauerkarte inklusive Nahverkehr, ein T-Shirt mit dem Logo der Gemeinschaft und natürlich die besondere Atmosphäre, einen Katholikentag „von innen“ als Teil eines engagierten Teams zu erleben. Ich war spontan bereit, und nach kurzer Überlegung ließ sich auch Peter gewinnen – der Katholik in unserem ökumenischen Zweierteam.

Katholikentagstreiben in Würzburg. Foto: Peter Boenisch/Sigrid Mathes

Nachdem wir etwas außerhalb ein wunderbares Privatquartier gefunden hatten, bezogen wir am Mittwoch, dem 13. Mai, unser Quartier. Während rund 9.000 Menschen die Eröffnung feierten, erkundeten wir die noch ruhige Innenstadt. Eine gute Entscheidung, denn so wurden wir nicht ganz so pudelnass, als Petrus die Schleusen öffnete. Leider blieben die Eisheiligen an allen Tagen im Dienst; es war durchgehend kalt und wechselhaft.

An Christi Himmelfahrt startete unser Dienst auf der Kirchenmeile direkt am Mainufer. Das Orga-Team hatte unseren Pavillon hervorragend gestaltet: Eine Seite informierte über die Geschichte des Nagelkreuzes und Coventry, die andere über die weltweite Arbeit der Gemeinschaft. Vorne lud ein großer Stehtisch mit Infomaterial zum Verweilen ein, dahinter standen Tische und Stühle bereit.

Jeweils fünf Teamerinnen und Teamer waren in zwei Schichten pro Tag im Einsatz. Die anfängliche Sorge, wir könnten uns auf den Füßen stehen, war völlig unbegründet. Vor dem Stand war reichlich Platz, um die vorbeiziehenden Scharen anzusprechen. Das Interesse war riesig und sehr vielseitig: Viele hörten zum ersten Mal vom Nagelkreuz und staunten, wenn wir ihnen von einem Zentrum ganz in ihrer Nähe berichten konnten. Selbst wir lernten Neues: Der lokale Flyer verriet uns, dass seit 2003 alle weltweit verliehenen Nagelkreuze in der Schmiede der JVA Würzburg hergestellt werden!

Jeder von uns fand seinen eigenen Weg, die Menschen zu begeistern. Peter lud die Vorbeiziehenden ein, selbst ein Nagelkreuz aus Hufnägeln zu basteln. Das erwies sich als absoluter Hit für Jung und Alt, führte zeitweise zu echten Warteschlangen und füllte ganz nebenbei die Spendenbox. Andere Teammitglieder gewannen neue Einzelmitglieder oder fingen mit Videostatements junger Menschen für Instagram ein, was „Versöhnung“ heute bedeutet.

Es war eine beglückende Erfahrung, mit so vielen Menschen über „Gott und die Welt“ ins Gespräch zu kommen und gleichzeitig zu erleben, wie die Freundschaft und das Zusammengehörigkeitsgefühl in unserem eigenen Team von Stunde zu Stunde wuchsen. Für uns war die Teilnahme ein rundum gelungenes, inspirierendes Erlebnis. Vielleicht wiederholen wir es beim nächsten Kirchentag in Düsseldorf!

Innehalten im Trubel: Die geistlichen Akzente

Immer ein Publikumsmagnet: Nagelkreuze basteln. Foto: Peter Boenisch/Sigrid Mathes

Neben den unzähligen Begegnungen am Messestand schlug das Herz unserer Gemeinschaft in Würzburg an den geistlichen Orten, die den Katholikentag mit Momenten des Innehaltens bereicherten.

Ein ganz besonderer, tiefgehender Höhepunkt war das Friedens- und Versöhnungsgebet am Freitagmittag um 13:00 Uhr. In Würzburg wird traditionell an jedem Freitagmittag für den Frieden gebetet – zeitgleich mit dem Gebet in der Ruine der Kathedrale von Coventry. Auch während des Katholikentags durften wir dieses Gebet in einer bis auf den letzten Platz gefüllten Marienkapelle feiern.

In seiner bewegenden Ansprache zur Bergpredigt (Mt 5, 1-12) lenkte Superintendent a. D. Klaus Majoress den Blick auf den Kern der christlichen Friedensbotschaft: Versöhnung beginnt mit einem radikalen Perspektivwechsel – sich zuerst in den Bruder oder die Schwester hineinzudenken und den Mut aufzubringen, den ersten Schritt zu tun. Getragen von stimmungsvoller Musik, dem gemeinsamen Sprechen des Versöhnungsgebets und nachdenklichen Wortbeiträgen entstand in der voll besetzten Bürgerkirche ein Moment spürbarer, tiefer Verbundenheit unter den Gläubigen.

An drei Abenden luden wir jeweils um 20:45 Uhr zu den „Gedanken zur Nacht“ auf den Wilhelm-Schwinn-Platz (Platz der Versöhnung) vor der Kirche St. Stephan ein. Auch wenn sich hier – im Vergleich zum lebhaften Standbetrieb tagsüber – eher kleinere, leisere Runden zusammenfanden, tat dies der Intensität keinen Abbruch. Im Gegenteil: Im bewussten Kontrast zum trubelig-belebten Katholikentags-Geschehen tat die gemeinsame Stille unendlich gut. Die kurzen Impulse zur Hoffnung und das anschließende Glockengeläut boten den Anwesenden einen behüteten, friedlichen Ausklang der ereignisreichen Tage. Am Samstagabend gedachten wir in diesem Rahmen zudem dankbar dem 100. Geburtstag des bedeutenden Theologen Jürgen Moltmann.

Versöhnungsgebet in der Marienkapelle. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Ein herzliches Dankeschön!

Der Katholikentag 2026 hat uns reich beschenkt. Wir haben uns selbst vom wechselhaften Wetter die Laune nicht verderben lassen und durften die Kraft unserer Gemeinschaft ganz real spüren. Ein unendlich großes Danke gilt allen Teamerinnen und Teamern für ihren flexiblen, unermüdlichen Einsatz am Stand und bei den Veranstaltungen – ihr wart großartig!

Wir verlassen Würzburg mit tiefen Erfahrungen, neuer Ermutigung und viel Hoffnung im Gepäck. Bis zum nächsten Wiedersehen – spätestens bei der Mitgliederversammlung oder auf dem kommenden Kirchentag in Düsseldorf 2027!

Autor:innen: Sigrid Mathes und Peter Boenisch, Berlin-Mariendorf

Schichten der Versöhnung – Klänge und Stimmen einer Chorpilgerschaft nach Coventry

Seit mehr als 30 Jahren ist der Evangelische Kirchenkreis Lüdenscheid-Plettenberg festes Glied der weltweiten Nagelkreuzgemeinschaft. Als musikalischer Botschafter dieser Partnerschaft reiste das Lüdenscheider Vokalensemble Ende April 2026 zu einer fünftägigen Pilgerschaft nach Coventry. Der mehrfach preisgekrönte, überregional renommierte Kammerchor hat seine Heimat an der Erlöserkirche in Lüdenscheid. Nun machten sich 17 Sängerinnen und Sänger gemeinsam auf den Weg zu den Wurzeln einer großen Erzählung.

Mittwoch, 29. April 2026. 09:00 Uhr Ankunft Birmingham Airport. Transfer nach Coventry. 10:30 Uhr Kaffee, Begrüßung und Überblick im St. Michael’s House.

Rudolf Mauersberger (1889-1971): „Wie liegt die Stadt so wüst“ – Ankunft in Coventry. Mauersbergers Trauermotette, geschrieben im Angesicht des zerstörten Dresdens, findet auch in den Ruinen der Kathedrale von Coventry ihre unmittelbare Resonanz. Ein musikalisches Aufarbeiten von Schmerz und Zerstörung.

Nagelkreuz in der Lady Chapel in der Kathedrale von Coventry. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Leo: „Ich bin Canon für Kunst und Versöhnung, dem besten Beruf auf der Welt.“ So werden wir von Canon Kate Massey zu einem Gespräch über Versöhnung in unserer Welt in Aufruhr begrüßt. Wir, das ist das Lüdenscheider Vokalensemble, das im Namen des Kirchenkreises Lüdenscheid-Plettenberg Coventry und dessen Kathedrale besucht. Coventry, der Ort, der 1940 das erste Opfer der massiven deutschen Luftangriffe in England wurde und dessen Kathedrale, wie große Teile der Stadt, weitgehend zerstört wurde. Coventry, wo Propst Howard nach der Zerstörung ein Kreuz aus verbrannten Dachbalken sah und dieses mit den Worten „Father Forgive“ hinter den Altar der ausgebrannten Kirche aufstellte. Coventry, wo nach dem Krieg die Nagelkreuzgesellschaft entstand, die sich für Versöhnung in der Welt einsetzt und zum Zeichen dazu Nagelkreuze an Friedens- und Versöhnungsprojekte in aller Welt verteilt.

Niels: Ankunft. Einatmen. Die Stadt empfängt uns nicht als Touristen, sondern mit einer überwältigenden Wärme und Offenheit. Man spürt sofort: Das hier ist kein gewöhnlicher Ort. Es ist ein Kraftzentrum, das jeden, der es betritt, sofort umfängt. Die Begegnungen mit alten Freund:innen fühlen sich an wie ein Heimkommen. Dass wir diesen Geist von Anfang an so tief spüren dürfen, verdanken wir einem engagierten Team: Richard Parker, Alice Farnhill und Kate Massey, die aus Coventry alles so wunderbar organisiert und begleitet haben, sowie Britta Däumer, die für den Kirchenkreis die inhaltliche Gestaltung und  Organisation der Reise verantwortet.

12:00 Uhr Litany of Reconciliation (Versöhnungsgebet), anschließend Mittagessen.

Leo: Passend dazu verteilt Niels am Anreisetag an jeden von uns ein kleines Säckchen mit einer Botschaft. Ich wähle „Raum zum Atmen“. In jedem dieser Säckchen finden wir einen kleinen Stein, der die Steine im Schuh auf unserer persönlichen Reise symbolisieren soll. Die Steine, die uns auf unserem Weg zwicken und piesacken. Diesen Stein halte ich den ganzen Besuch über bei mir und denke immer wieder über meine Steine im Schuh nach und unterhalte mich mit den anderen darüber. Im besten Fall sollten wir dem Stein einen Namen geben und einen Ort mit Resonanz finden, an dem wir ihn ablegen können, um uns mit uns selbst zu versöhnen.

 

Das Paradoxon der Klänge: Reconciliation in a devided world

Donnerstag, 30. April. 08:30 Morgengebet mit Holy Communion, dann stille Zeit in der Kathedrale.

Versöhnungsstatue von Josefina de Vasconcellos. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Johannes Brahms (1833-1897): „Warum ist das Licht gegeben den Mühseligen“ – Während wir im Workshop über die Zerrissenheit der Welt und die schmerzhaften Brücken der Versöhnung sprechen, fängt das „Warum“ unsere Sehnsucht ein.

Regina: Die Werke, besonders Mauersberger und Brahms, drücken die tiefe Parallelität zwischen Dresden und Coventry, zwischen Zerstörung und Friedenswillen aus. Das Singen der Musik wird spürbar und gibt Antwort. In der Ruine zu stehen bedeutet, das Grauen zu erleben, das aber mit Trost und Erbarmen zugedeckt wird. Und immer beides miteinander: Das zeigt auch das Bild – die Ruine Seite an Seite mit der neuen Kathedrale, das gleiche Licht, der gleiche Himmel darüber und über und neben den beiden Gestalten der Reconciliation, Stirn an Stirn. Menschen sitzen in der Ruine nachdenklich, staunend, dankend mitten dort, wo einmal das Kirchenschiff gewesen ist.

Niels: Am Vormittag stehen wir in der neuen Kathedrale. Ich war schon oft hier, kenne jede Ecke, jedes Kunstwerk. Und doch passiert das Unvorhersehbare: Die Sonne bricht durch und flutet das riesige Tauffenster von John Piper. Eine Farbgewalt, eine Leuchtkraft, die ich in dieser Intensität noch nie gesehen habe. Es reißt einen förmlich mit. Ich blicke mich um und sehe Tränen in den Augen. Dieser Ort arbeitet. Er wirkt tief in die Seele hinein. Menschen sind Wesen, die zuerst fühlen und dann dazwischen manchmal denken. Genau deshalb ist die Kunst – in unserem Fall die Musik des Vokalensembles – der direkteste Kanal für Versöhnung. Ein Kammerchor sucht unentwegt nach Harmonie. Dieses bewusste Aufeinander-Hören und gemeinsame Tragen des Klangs ist praktizierte Friedensarbeit.

09:15 Uhr Stadtführung mit Richard Parker.

Niels: Mitten in diese nachdenkliche Atmosphäre platzt der pure, gegenwärtige Lebensjubel der Stadt: Coventry City hat gerade den Aufstieg in die Premier League geschafft. Die ganze Stadt befindet sich in kollektiver Jubelstimmung, und überall wehen die hellblauen Flaggen der „Skyblues“ unter einem strahlenden, ebenso blauen Himmel. Welch faszinierender Kontrast zwischen historischer Tiefe und pulsierender Gegenwart.

13:00 Uhr Workshop: Was bedeutet es, Partner der Nagelkreuzgemeinschaft zu sein?

Ergebnisse der Arbeitsgruppen – Protokollfragmente vom Nachmittags-Workshop

AG 1: Dürfen wir in einer Welt voller Kriege überhaupt auf eine „Kultur des Friedens“ hoffen? Hoffnung ist kein Gefühl, sondern eine Praxis.

AG 2: Welchen ersten, kleinen Schritt könnte ich gehen, um den Kreislauf aus Bitterkeit zu unterbrechen? Zuhören. Den Stein im Schuh benennen.

AG 3: In welchen Momenten habe ich erlebt, dass Vielfalt uns nicht schwächt, sondern stärker macht? Im Chor. Wenn verschiedene Stimmen sich zu einem einzigen Akkord fügen.

 

16 Uhr Chorprobe. 17 Uhr Teezeremonie. 18 Uhr Gespräch mit Kate Massey.

Leo: „Zwischen Takt 96 und 97 sackt Ihr im Ton.“ So werden noch allerletzte Wackler aus der Generalprobe, getarnt als Konzert in der Erlöserkirche, für den letzten Feinschliff korrigiert.

Cream Tea. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Niels: Nachmittags tauchen wir erst einmal tief in die englische Lebensart ein und zelebrieren eine echte Cream-Tea-Zeremonie mit warmen Scones, Clotted Cream, Erdbeermarmelade und natürlich feinstem Tee. Anschließend Gespräch mit Kate Massey, Canon für Kunst und Versöhnung: Was für eine zerrissene Welt! Die Diskussionen fordern uns heraus. Als Mitglied des Vorstands der deutschen Nagelkreuzgemeinschaft spüre ich die Beunruhigung dieser schwierigen Zeiten, aber auch die ungemeine Notwendigkeit unserer Arbeit. Wir müssen in Zukunft regelmäßig Menschen nach Coventry bringen, damit sie das hier erleben. Man kann es nicht erklären.

Entschleunigung und Retreat

Freitag, 1. Mai. Ausflug der Gruppe nach Stratford-upon-Avon. Konzertvorbereitungen.

Heinrich Schütz (1585-1672): „Die mit Tränen säen“ – Ein Tag des Innehaltens und des persönlichen Rückzugs. Schütz’ Vertonung erinnert uns daran, dass Versöhnung oft mit Tränen und schmerzhafter Selbsterkenntnis beginnt  – aber die Verheißung in sich trägt, dass wir am Ende mit Freuden ernten werden.

Regina: Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen“… der Raum zwischen Menschen wird mit Gnade und Güte, mit Geborgenheit aufgehoben. Das Wissen um die Not und um die Suche wird in unserer Musik, unserem gemeinsamen Singen als Barmherzigkeit empfunden. Der Hall in der Kathedrale, spürbar wie ein Segen, gibt die Gewissheit.

St. Michael’s House. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Leo: Nach fünf Tagen ist das St. Michael’s House ein Zuhause für uns geworden. Von Anfang an haben wir uns herzlich willkommen gefühlt. Aber durch die gemeinsame Zeit, die wir dort mit Gesprächen, Proben und Gedanken verbracht haben, ist es uns richtig ans Herz gewachsen – ein kleines, vertrautes Domizil im Schatten der gigantischen Kathedrale.

Niels: Die Gruppe fährt nach Stratford, ich bleibe zurück. Ich suche kein Sightseeing, ich suche die Stille von Coventry. Ein persönliches Mini-Retreat. Ich sitze allein beim Morning Prayer, beim Versöhnungsgebet um 12 und beim Evening Prayer. Dass dann nur wenige Leute kommen – manchmal sind wir nur zu dritt oder zu fünft – ändert an der Intensität nichts. Ich schlage das Gebetsbuch auf. Da stehen diese kleinen roten Punkte im Text, die mich zwingen, mitten im Psalmvers innezuhalten. Pause. Atmen. Abends wird in aller Seelenruhe jedes einzelne Gebetsanliegen vorgelesen, das Menschen an die Kathedrale herangetragen haben. Egal, worum es geht. Es tut unendlich wohl zu wissen, dass sie das tun.

 

Resonanz und das Erbe der Zeitzeugen

Samstag, 2. Mai. 12:00 Uhr Versöhnungsgebet und großes Konzert des Vokalensembles in der Kathedrale. Danach Freizeit. 18:00 Uhr Abendessen im Turmeric Gold.

Kathedrale mit Tauffenster. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Bobo Chilcott (*1955): „God so loved the World“ – Am Mittag stehen wir endlich im großen Konzert in der Kathedrale. Chilcotts zeitgenössische, warm fließende Klänge weiten den Raum und bringen die englische Chortradition direkt zu Gehör. Ein Moment der puren, völkerverbindenden Liebe und Wärme.

Leo: Auftrittszeit. Nach dem Versöhnungsgebet singen wir unser Programm in der weiterhin für alle offenen Kirche. Keine großen Reden, kein Konzertrahmen, kein Einlass, nur die Musik und ihr Nachhall in diesem riesigen Klangkörper. Einige hören sie sich gezielt an, andere lassen sich von ihr auf ihrem Rundgang durch die Kirche begleiten. Draußen in den Ruinen wird ein Frühlingsfest gefeiert.

Niels: Das Konzert in der Kathedrale liegt hinter den Sänger:innen, die Anspannung fällt ab. Später sitzen wir in der mittelalterlichen Spon Street beim indischen Essen – was ja die eigentlich wahre britische Nationalküche ist – und trinken Bier im Pub. Und plötzlich bricht es sich mitten in der gelösten Stimmung Bahn: Das Gespräch dreht sich um Ost- und Westdeutschland. Wir merken erschrocken, wie viel unaufgearbeitete Bitterkeit, wie viel Redebedarf und wie viel echte Sehnsucht nach Versöhnung auch in unserer eigenen Heimat schlummert. Daran schließt sich die Mahnung von Kate an: Die Generation derjenigen, die all das hier noch aus erster Hand erlebt haben – die Zerstörung, den visionären Aufbau, die direkte Versöhnung nach dem Krieg – stirbt unaufhaltsam aus. Wir müssen verdammt gut aufpassen, dass Coventry für die Jugend nicht zu einem staubigen Mythos wird. Wir müssen jetzt darüber nachdenken und reden, wie wir dieses Erbe lebendig in die Zukunft tragen.

 

Ausklang: Ein geknüpftes Netz für die Zukunft

Sonntag, 3. Mai. 10:30 Uhr The Cathedral Eucharist (Gemeinsamer Festgottesdienst). Abreise.

Heinrich Schütz (1585-1672): „Verleih uns Frieden“ – Zum Abschluss der Reise wird der alte Flehruf nach Frieden gesungen. Schütz’ innige Vertonung begleitet uns als musikalisches Vermächtnis und als feste Absicht, das Erbe von Coventry lebendig mit in unsere Heimat zu nehmen.

Cathedral Chamber Choir und Vokalensemble ziehen gemeinsam in die Kathedrale ein. Foto: Martin Williams

Niels: Den krönenden Abschluss der Pilgerschaft bildete am Sonntagmorgen der feierliche Hauptgottesdienst in der voll besetzten Kathedrale von Coventry. Hier löste sich jedes Nebeneinander endgültig in einem tiefen Miteinander auf: Das Lüdenscheider Vokalensemble und der Coventry Cathedral Chamber Choir standen als eine einzige, gewaltige Chorgemeinschaft im Chorgestühl. Unter der abwechselnden, wunderbar harmonischen Leitung von Liam Condon (Assistant Director of Music in Coventry) und des Lüdenscheider Chorleiters Patrick Kampf wurde die Liturgie zu einem lebendigen Zeugnis gelebter Partnerschaft. Die Chöre gestalteten den Gottesdienst mit traditionellen englischen Kirchenliedern und brachten als glanzvollen Höhepunkt die strahlende Mendelssohn-Motette „Jauchzet dem Herrn alle Welt“ („Sing and be joyful unto God“) zu Gehör, an der Orgel festlich begleitet von Adam Heron. Nachdem der feierliche, anglikanische Glanz des Gottesdienstes verklungen war, setzte sich diese besondere Atmosphäre ganz informell beim herzlichen Kirchkaffee direkt vor dem großen Glasfenster fort. Bei lebendigen Gesprächen und echter Gastfreundschaft wurde spürbar, dass aus den gemeinsamen Klängen in diesen Tagen tiefe, bleibende Begegnungen erwachsen sind.

Regina: In der Kirche das Baptisteriumsfenster, in dem Licht strahlt, fast explodiert wie eine Stadt in Flammen – wie etwas, das neu geboren wird. Immer das Eine und das Andere und beides wahr. Coventry lehrt im Stein, in Glas, in seiner umarmenden Atmosphäre, über dem offenen Himmel der Ruine. Und wieder: Mauersberger, der Dresden betrauert, und Singen in einer Kathedrale, die Coventry betrauert. Eine Stadt reicht der anderen Stadt die Hand über Jahrzehnte hinweg durch Musik. Nicht das Grauen wegsingen, sondern es aushalten und dann spüren, wie sich etwas darüberlegt – unaufhaltsam, wie Erbarmen. Wir fühlen es in der Ruine: wir stehen, wir drehen uns, nehmen alles wahr und sind dabei still. Weil wir ahnen und wissen, weil die Atmosphäre und die Geschichte gestreichelt werden dürfen. Weil sie uns zeigen und weil sie den Weg zum Frieden, zur Verständigung, zur Versöhnung wissen und uns hinführen. Wir werden uns wiedersehen! Danke!

Leo: Was nehmen wir mit? Nach fünf intensiven Tagen bleibt für uns die Gewissheit, dass es mehr Menschen gibt, die an eine Welt in Frieden glauben. Dass der Weg dahin nicht ohne Versöhnung geht, und dass wir uns auch in unserem täglichen Leben immer wieder versöhnen müssen. Und die uns daran erinnern, dass Versöhnung, mag sie auch manchmal dem menschlichen Impuls zuwiderlaufen und vieles, aber nicht leicht, sein, Feindschaft und Hass immer vorzuziehen ist. Steine, persönliche Reise. Workshop Leitbild.

Niels: Versöhnung fordert uns heraus, gerade in Zeiten, in denen die Welt politisch zerrissen scheint. Der Versöhnungsforscher John Paul Lederach hat recht, wenn er sagt, dass wir uns nie wirklich auf die Arbeit der Versöhnung eingelassen haben, solange nicht unsere eigenen Freunde denken, wir hätten sie verraten. Wir müssen lernen, auf der Seite derer zu stehen, die an den Rand gedrängt werden – aber eben auch den Mut aufbringen, Brücken zu denen zu bauen, mit denen wir uns zutiefst uneins fühlen. Wie den vielen, die in diesem Jahr den Rechtsextremisten ihr Vertrauen und ihre Stimme geben werden. Welche Sorgen, welche Wunden treiben sie an? Wie können wir so mit ihnen ins Gespräch kommen, dass sie sich gehört fühlen und wir selbst auch Gehör finden? Nur wenn wir den Mut zu diesen schmerzhaften Brücken haben, brechen wir den Kreislauf der Bitterkeit.

Coventry hat uns verändert. Aus Fremden wurde eine Gemeinschaft. Aus Tönen wurde Musik. Die grauen Steine liegen jetzt irgendwo in den Nischen der Ruine. Aber die Jutesäckchen sind nicht leer. Sie sind voll mit Licht und Hoffnung.

Autoren: Leo Rolff, Regina Bahlo, Niels Faßbender

Zukunft hat der Mensch des Friedens – Versöhnung erleben mit dem Nagelkreuz in Würzburg!

Vom 13. bis 17. Mai 2026 wird Würzburg beim 104. Katholikentag in Deutschland zum Zentrum der Begegnung, und die Nagelkreuzgemeinschaft ist mittendrin. Unter dem Leitgedanken der Versöhnung laden wir alle ein, unsere Gemeinschaft an drei ganz unterschiedlichen Orten zu erleben. Hier findet man uns:

Informationsstand auf der Kirchenmeile

Unser zentraler Anlaufpunkt befindet sich auf der Kirchenmeile im Themenbereich „Ökumene“.

  • Ort: Stand LF-B-34, Dreikronenstraße (zwischen Elstergasse und „Am Dicken Turm“), direkt am Mainufer
  • Öffnungszeiten: Donnerstag 11:30–19:00 Uhr, Freitag 10:30–19:00 Uhr, Samstag 10:30–18:00 Uhr
  • Programm: Erfahren Sie mehr über die Geschichte von Coventry, basteln Sie eigene Nagelkreuze aus Draht oder nehmen Sie an unserem interaktiven Sprachen-Quiz zum Versöhnungsgebet teil.
  • Erreichbarkeit (ÖPNV): Haltestelle „Rathaus“ (Straßenbahnlinien 1, 3, 4, 5), von dort ein kurzer Fußweg über die Alte Mainbrücke zur Dreikronenstraße. Alternativ Haltestelle „Zeller Tor“ (Buslinien 7, 10).

Ökumenisches Friedensgebet

Jeden Freitagmittag wird in Würzburg für Frieden und Versöhnung gebetet – zeitgleich mit dem Gebet in der Ruine der Kathedrale von Coventry und natürlich auch während des Katholikentags – jede:r ist willkommen!

  • Versöhnungsgebet von Coventry, Musik, Wortbeiträge
  • Termin: Freitag, 15. Mai, 13:00–13:30 Uhr
  • Ort: Marienkapelle am Marktplatz (Bürgerkirche)
  • Mitwirkende: Pfr.in Antje Biller, Superintendet a. D. Klaus Majoress und Elisabeth Nikolai
  • Erreichbarkeit (ÖPNV): Haltestelle „Rathaus“ oder „Dom“ (Straßenbahnlinien 1, 3, 4, 5), unmittelbar am Marktplatz gelegen.

„Versöhnliches zur Nacht“

An drei Abenden laden wir zu einem besinnlichen Tagesabschluss ein. Im Mittelpunkt stehen Gedanken zur Hoffnung, Stille und das gemeinsame Glockengeläut.

  • Termine: Donnerstag, Freitag und Samstag (14.–16. Mai), jeweils 20:45–21:00 Uhr
  • Ort: Wilhelm-Schwinn-Platz (Platz der Versöhnung) vor der Kirche St. Stephan
  • Besonderheit am Samstag: Gedenken zum 100. Geburtstag des Theologen Jürgen Moltmann.
  • Erreichbarkeit (ÖPNV): Haltestelle „Sanderring“ (Straßenbahnlinien 1, 3, 4, 5), von dort ca. 3 Minuten Fußweg zum Wilhelm-Schwinn-Platz.

Wir freuen uns aufs Kennenlernen und Wiedersehen in Würzburg!

Vom Ende der Vergeltung: Warum das Nagelkreuz die Logik des Karfreitags neu erzählt

Karfreitag steht im Zeichen der Versöhnung: Bischöfin Dr. Beate Hofmann beleuchtet in ihrer aktuellen Predigt die tiefe Verbindung zwischen dem Karfreitagsgeschehen und der Arbeit der Nagelkreuzgemeinschaft. Vor dem Hintergrund, dass Kassel erst vor wenigen Wochen offiziell als neues Nagelkreuzzentrum in die weltweite Gemeinschaft von Coventry aufgenommen wurde, schlägt sie eine beeindruckende Brücke von der Geschichte der Zerstörung hin zu einer lebendigen Kultur des Friedens. Erfahren Sie hier, wie aus Ruinen Hoffnung wächst und was die Botschaft des Nagelkreuzes uns heute zu sagen hat.

Liebe Gemeinde,
seit fünf Monaten ist die Martinskirche jetzt Teil der internationalen Nagelkreuzgemeinschaft. Seit fünf Monaten steht das Nagelkreuz in jedem Gottesdienst auf unserem Altar und hält die Frage wach: Was heißt Versöhnung heute und hier?

Vielleicht haben Sie bei dieser Frage ganz persönliche Momente der Versöhnung vor Augen, zuhause in der Familie nach einem Streit, in der Politik, wenn nach einem heftigen Wahlkampf Parteien trotzdem miteinander reden und gemeinsam regieren müssen. Vielleicht haben Sie auch berühmte Handschlagmomente aus der großen Politik vor Augen, 1998 das Karfreitagsabkommen für Nordirland zwischen Protestanten und Katholiken z.B. oder das berühmte Handschlagfoto in Camp David 1978 mit dem israelischen Ministerpräsidenten Menachem Begin und dem ägyptischen Präsidenten Anwara as-Sadat, vermittelt vom US-Präsidenten Jimmy Carter.

Die Gründungsgeschichte des Nagelkreuzes schildert auch so einen Versöhnungsmoment. 1940 wurden Coventry und seine gotische Kathedrale durch deutsche Bomben zerstört. Richard Howard, der Dompropst fand beim Gang durch die Trümmer Nägel des Dachstuhls, formte sie zu einem Kreuz und befestigte sie an einer stehengebliebenen Wand. Daneben schrieb er die Worte: „Father, forgive“. Nicht „vergib ihnen“, sondern „vergib“. Das Nagelkreuzgebet, das daraus erwachsen ist und das wir vorhin gebetet haben, es erläutert das: Vergib, was durch Hass oder Gier, durch Teilnahmslosigkeit oder Gottvergessenheit in dieser Welt geschieht. Das heißt: Alle brauchen Vergebung, weil alle beigetragen haben zu diesem Konflikt.

Der heutige Predigttext aus dem 2. Korintherbrief erinnert uns an die theologische Basis unseres Nachdenkens über Versöhnung und er zeigt, wie Versöhnung und Vergebung zusammengehören:

„Aber das alles ist von Gott, der uns mit sich selber versöhnt hat durch Christus und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt. Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!“ (2.Kor 5,18-20)

In diesen wenigen Zeilen macht Paulus der Gemeinde in Korinth klar: Versöhnung ist nicht eine menschliche Leistung. Versöhnung geschieht durch Gott, ja, sie ist schon geschehen. In Christus hat Gott die Welt mit sich versöhnt. Gott nimmt uns an, steht weiter zu seiner Liebe zu uns und vergibt uns unsere Schuld, unsere Abkehr, unser Desinteresse.

Versöhnung, das ist ein Beziehungsgeschehen. Versöhnung heißt: „Ich weiß, was du Schlimmes getan hast, aber das soll uns nicht länger voneinander trennen.“ Versöhnung heißt nicht: „Es ist alles egal, Schwamm rüber.“ Versöhnung heißt: „Wir respektieren die Wunden, die wir uns zugefügt haben, aber wir wollen uns nicht weiter Schmerzen zufügen, sondern gemeinsam Zukunft gestalten. Unsere Beziehung soll auf andere Füße gestellt werden.“

Versöhnung ist ein Zustandswechsel: Aus Feindschaft wird Frieden, aus Leben in getrennten Welten wird Gemeinschaft. Diesen Raum der Versöhnung eröffnet Gott uns und lädt uns ein, hineinzutreten in diese andere Beziehung: in die Beziehung mit Gott, aber auch untereinander. Denn wer aus der Versöhnung Gottes lebt, der kann nicht weiter andere Menschen hassen.
Die Bitte „Lasst euch versöhnen mit Gott!“ bringt gut auf den Punkt, wie das beginnt. Diese Bitte bedrängt nicht, sondern sie lädt ein. Ja, Versöhnung ist darauf angewiesen, dass die Menschen sich bitten lassen. Versöhnung braucht innere Einsicht und Bejahung.

In den Passionserzählungen der Evangelien wird deutlich, wie Jesus selbst diesen Geist der Versöhnung lebt. Im Lukasevangelium, das wir vorhin gehört haben, sagt Jesus am Kreuz: „Vater, vergib ihnen.“ Nicht jeder hat diese Größe, in einem Moment großen Schmerzes denen zu vergeben, die diese Schmerzen zufügen. Aber die Erfahrung der Nagelkreuzbewegung zeigt: man kann hineinwachsen in eine Haltung, in der Versöhnung möglich wird und Vergeltung nicht mehr wichtig ist. In der Regel der Nagelkreuzgemeinschaft heißt es dazu:

„In Lobpreis, Klage und Fürbitte reden wir mit Gott. Christus lädt uns ein in die Gemeinschaft der Versöhnten. … Im Schweigen, in der Stille und im Hören auf Gott öffnen wir uns der Wirklichkeit Gottes. … Wir verbinden uns mit dem Leiden dieser Welt, mit den Verletzten, mit den Verfolgten, mit den Bedrängten und Missbrauchten . Wir wollen Fremdheit überwinden, Spannungen und Konflikte aushalten, Freude und Trauer teilen, und von eigenen Stärken und Schwächen sprechen lernen.“

Auch in der Kirche, auch in Nagelkreuzzentren begegnen sich Menschen mit ihren Beschränkungen, Eigenheiten und Verwundungen. Es kommt auch hier zu Spannungen und Konflikten. Die Nagelkreuzgemeinschaft hilft dabei, solche Konflikte auszuhalten und miteinander zu sprechen über das, was schwierig ist, was kränkt oder verletzt und sich dabei zuzuhören.

Solche Momente ereignen sich oft in alltäglichen Situationen, in einem Schulhof, wenn Streitschlichter dafür sorgen, dass Kinder sich gegenseitig zuhören und einen Konflikt klären. Oder wenn es in Familien oder Nachbarschaften oder Kirchengemeinden gelingt, die verschiedenen Perspektiven nebeneinander zu legen und sich gegenseitig zuzuhören. Das nimmt die Verletzungen nicht weg, es nimmt auch nicht alle Konfliktpunkte einfach weg, aber im Zuhören, in einer Haltung, die auch die Wunden des anderen sieht, öffnet sich ein Weg, anders miteinander umzugehen.
Meist steht am Anfang von solchen Versöhnungsprozessen jemand, der aus dem Geist der Versöhnung heraus den Mut hat, aus dem Kreislauf von Hass und Gewalt auszusteigen. Eine Geschichte, die mich besonders berührt hat, ist die von Gordon Wilson und dem „Geist von Enniskillen” aus Nordirland.

Am 8. November 1987 legten Gordon Wilson, ein methodistischer Diakon und Händler aus Enniskillen, einer Stadt in Nordirland, und seine 20-jährige Tochter Marie einen Kranz beim Remembrance-Day-Gottesdienst nieder, als eine IRA-Bombe explodierte. Marie starb in seinen Armen; ihre letzten Worte an ihn waren: „Daddy, I love you very much.” Nur Stunden später sagte Wilson in einem weltberühmten BBC-Interview: „Ich habe keine bösen Gefühle. Ich grolle niemandem … Ob sie hier auf Erden verurteilt werden oder nicht … das letzte Wort hat Gott. Ich vergebe ihnen.”

Seine Worte verhinderten wahrscheinlich protestantische Vergeltungsschläge. Die lokale Führung der protestantischen Terrorgruppen fühlte sich so beschämt, dass sie keine Racheakte verübte – ein seltener Fall in den Troubles. Wilson wurde zum Patron der später gegründeten Spirit of Enniskillen Trust, die bis heute junge Menschen aus Konfliktregionen zusammenbringt.
Bei dieser Erzählung musste ich an die Witwe von Charlie Kirk denken, die bei der Trauerfeier für ihren ermordeten Mann auch sehr klar sagte: „Ich vergebe dem Täter“. Wie wohltuend anders war das als die aufhetzende Botschaft, die der Präsident der USA aus diesem Mord abgeleitet hat.

Einen Einblick in Versöhnungsprozesse bietet auch das Parent-Circle Family Forum in Israel. Parents Circle – Families Forum (PCFF) ist eine gemeinsame israelisch-palästinensische Organisation von über 850 Familien, die durch den Nahostkonflikt Angehörige verloren haben. Seit 1995 engagieren sie sich für Versöhnung, Dialog und ein Ende der Gewalt, anstatt Rache zu üben. Sie führen Bildungsarbeit und interkulturelle Projekte durch. Die Mitglieder treffen sich zunächst in palästinensischen oder israelischen Gruppen. Ihre wichtigste Form der Friedensarbeit sind Dialog-Veranstaltungen: Je eine Person mit israelischem und palästinensischem Hintergrund, die Familienmitglieder in den Konflikten verloren haben, sprechen über ihre Erfahrungen und ihren Wunsch nach Ende der Gewalt.

Was genau geschieht da: PCFF öffnet einen Raum, in dem sich Menschen von beiden Seiten ihre persönlichen Geschichten von Schmerz und Verlust erzählen. Sie hören einander zu. Dadurch werden sie nicht gleich Freunde, aber sie sehen den Menschen im anderen, nicht nur den Feind. Und das verändert Beziehungen und durchbricht den Kreislauf von Angst, Gewalt und Entmenschlichung. Parents Circle – Families Forum ist vielleicht die einzige Organisation, die sich wünscht, auf keinen Fall Zuwachs zu bekommen, denn alle Mitglieder haben Angehörige im Konflikt verloren – und dennoch entschieden, dass Schmerz und Verlust nicht zur Quelle von Hass werden dürfen. Stattdessen suchen sie das Gespräch mit der „anderen Seite“, hören zu, erzählen ihre Geschichten und zeigen: Frieden wächst nicht aus Stärke, sondern aus Menschlichkeit.

Es hat mich beeindruckt, was die Organisation am 7. Oktober 2025, zwei Jahre nach dem grauenhaften Angriff der Hamas auf Israel und den Beginn des Ga-zakriegs gesagt hat:

„Heute, da sich ein kleines Fenster der Hoffnung öffnet, rufen wir erneut: Kehrt zur Menschlichkeit zurück und macht dies zum Wendepunkt. Diese zwei Jahre haben unseren Glauben nicht erschüttert, sondern gestärkt. Wir wissen, dass menschliche Verbundenheit stärker ist als Hass, dass Empathie selbst die tiefsten Gräben überbrücken kann und dass keine Familie – ob israelisch oder palästinensisch – das ertragen sollte, was wir ertragen haben. Beide Bevölkerungen müssen aufhören, sich gegenseitig Leid zuzufügen, und aufhören, das Leben in unserer Region zu betrachten, als müsse das Überleben des einen Volkes auf Kosten des anderen gehen. Die Menschlichkeit des anderen anzuerkennen bedeutet, das gleiche Recht aller – Palästinenser:innen wie Israelis – auf ein Leben in Würde, Sicherheit und Freiheit anzuerkennen.“

Das Nagelkreuz symbolisiert genau diesen Geist: Diese Nägel könnten nicht nur einen Dachstuhl zusammenhalten; sie sehen auch aus wie die Nägel, mit denen Christus ans Kreuz geschlagen wurde. Das ist die Botschaft, die für mich in diesem Kreuz steckt: Versöhnung, das geschieht, wenn Folterwerkzeuge zu einem Kreuz werden, statt Menschen zu quälen. Es ist genug gelitten und gestorben worden, ein für alle Mal. Christus hat den Kreislauf von Hass und Gewalt verlassen und den Raum der Versöhnung für uns eröffnet.

Darum ermöglicht die Versöhnung mit Gott die Versöhnung unter uns Menschen. Und darum ist der Friede Gottes auch die Wurzel unseres Engagements für den Frieden in der Welt. Christus stiftet uns an, aus Versöhnung zu leben und andere mit diesem Geist anzustecken.

Räume zu öffnen, dass Menschen sich begegnen, zuhören, verwandeln lassen vom Geist der Versöhnung, die Gott uns schenkt, das ist unsere Aufgabe als Christinnen und Christen. Wir lassen uns nicht entmutigen von der Gewalt und dem Hass, von dem scheinbaren Sieg der Stärkeren in dieser Welt. Wir glauben an die Kraft der Versöhnung und wir leben aus dieser Kraft.
Und der Friede Gottes, aus dem Frieden in unserer Welt wächst, er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Autorin: Bischöfin Dr. Beate Hoffmann, Kassel

Gedenktafel für Johannes Rau in der Gemarker Kirche

Foto: Johannes Liebmann, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=531389

Wenn sich am 27. Januar 2026 der Todestag von Johannes Rau zum zwanzigsten Mal jährt, erinnert sich die Republik an einen Landesvater und Bundespräsidenten. In seinem Geburtsort Wuppertal-Barmen, im Nagelkreuzzentrum Gemarker Kirche, galt das Gedenken am Sonntag, den 25. Januar, nicht dem Amtsträger, sondern dem Gemeindeglied und Menschen. Es geschah an einem Ort, an dem die Verpflichtung von Coventry – „Father Forgive“ – greifbare Wirklichkeit geworden ist. Hier stehen keine Symbole, hier begegnen sich Nachbarn – ohne Zaun.

Wer den Hof betritt, findet sich in einem einzigartigen Ensemble wieder: Die Gemarker Kirche, auf deren Abendmahlstisch das Nagelkreuz steht, ist durch einen offenen Platz mit der Bergischen Synagoge verbunden. Dass die Synagoge, deren Vorgängerbau 1938 brannte, ausgerechnet hier errichtet wurde – Wand an Wand mit dem Ort der Barmer Theologischen Erklärung von 1934 – verdankt sich historischer Verantwortung: Die Evangelische Kirche überließ der Jüdischen Gemeinde das Grundstück.

Das Nagelkreuz korrespondiert mit einer Umgebung von dialektischer Dichte. Ein Geflecht aus Schuld, Verantwortung und Neuanfang. In diesen historischen Boden wurde nun, zwei Jahrzehnte nach dem Tod des Altbundespräsidenten, eine weitere Schicht gefügt: Eine Gedenktafel für Johannes Rau.

Chor der Wuppertaler Synagoge. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Kein Gottesdienst für einen Helden

Die Veranstaltung war mehr als ein routinierter Akt der Erinnerung. Sie war eine Vergewisserung über das, was diesen Ort im Innersten zusammenhält. Pfarrer Frank Schulte stellte zu Beginn des Gottesdienstes eine protestantische Weiche: Wir feiern nicht zu Ehren Raus, sondern zu Ehren Gottes. Eine Unterscheidung, die dem reformierten Geist des Ortes ebenso entsprach wie der Haltung des Verstorbenen.

In seiner Predigt über die Begegnung am Jakobsbrunnen (Johannes 4) tat Schulte das theologisch Notwendige: Er erinnerte an die jüdische Identität Jesu und das bleibende Heilsversprechen für das Judentum. Das leitende Motiv war das „Getragensein“. Wenn später das Lied „Ich wünscht’, dass einer mit mir geht“ erklang, war dies der musikalische Widerhall eines Lebensmottos, das Rau prägte: „Teneo, quia teneor“ – ich halte, weil ich gehalten werde.

Dieses Wort ist keine fromme Floskel. Es ist eine Haltung, die unserem Auftrag der Versöhnung tief verwandt ist. Sie markiert die Grenze der Machbarkeit und ist ein Gegenentwurf zu jedem politischen Machbarkeitswahn. Rau wusste: Wer nicht gehalten wird, muss sich an seiner eigenen Macht festhalten – und wird früher oder später hart.

Heimat als Ort der ungeschützten Menschlichkeit

Wie sehr er diesen Ort nicht als politische Bühne, sondern als spirituelle Heimat empfand, wurde in den Grußworten deutlich. Leonid Goldberg, Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde Wuppertal, zeichnete die große Linie: Dass die Bergische Synagoge als einzige weltweit von zwei Staatspräsidenten – Rau und Katsav – eingeweiht wurde, bleibt das Verdienst von Johannes Rau.

Werner Jacken vom Freundeskreis der Neuen Synagoge e.V. holte den Landesvater vom diplomatischen Parkett zurück in die unmittelbare Nachbarschaft. Er erzählte von einem Johannes Rau, der kurz vor einem Termin im Rathaus noch im Café vorbeischaute, weil er ein menschliches Bedürfnis lieber „bei euch“ erledigen wollte als auf dem Behördenflur. Man darf über diese Anekdote schmunzeln. Aber ihr Kern ist ernst: Heimat ist dort, wo die Maske des Amtes fällt. Es ist der Ort, an dem man nicht „Exzellenz“ ist, sondern Nachbar. Diese Beiläufigkeit des Vertrauens ist das schönste Denkmal, das man einer Gemeinde setzen kann.

Sigrid Runkel (rechts) enthüllt die Gedenktafel. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Eine architektonische Teschuwa

Die Enthüllung der Tafel fand im „Café Komma“ statt, jenem Ort der Begegnung, den Rau mit initiierte. Hier verdichtet sich die Symbolik. Die Tafel hängt in Sichtweite zu der Gedenktafel für Peter Beier, den 1996 verstorbenen Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland.

Es ist eine Nachbarschaft von tiefer Logik: Beier war es, der vor seinem Tod den entscheidenden Schritt zur Übereignung des Grundstücks tat. Rau flankierte dies politisch. Dass Kirche und Synagoge heute zusammenstehen, ist eine architektonische Teschuwa – eine Umkehr, die Stein geworden ist. Die Barmer Erklärung von 1934 hatte zum Schicksal der Juden geschwiegen; der heutige Ort schreit es heraus: Wir gehören zusammen.

Die Tafel als Stachel

Dass Vertreter der Nagelkreuzzentren aus Lüdenscheid-Plettenberg und Witten-Annen anwesend waren, unterstrich: Wuppertal ist Teil unserer gemeinschaftlichen Verantwortung. Als Vertreter des Vorstands der Nagelkreuzgemeinschaft durfte ich darauf hinweisen, dass eine solche Tafel zweischneidig ist. Sie kann Dekoration sein – oder ein Stachel. Das Grußwort des Vorstands der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V. können Sie hier nachlesen.

Raus Motto „Versöhnen statt Spalten“ klingt heute, in Zeiten verrohter Debatten, radikaler denn je. Erinnerung, die es ernst meint, ist keine Ablage von Kränzen, sondern eine Zumutung für die Lebenden. Die Tafel erinnert an einen Mann, der Brücken baute, wo andere Gräben zogen. Sie fragt leise, aber beharrlich: Und was baut ihr?

Der Chor der Synagoge rahmte die Feier mit „Shalom Aleichem“. Wenn in einer Kirche hebräische Lieder erklingen, während man eines christlichen Bundespräsidenten gedenkt, der als Kind die Trümmer der alten Synagoge brennen sah, bekommt Geschichte ihre zweite Chance. Versöhnung ist hier kein fertiges Produkt, sondern Arbeit.

Johannes Rau hätte an diesem Vormittag nicht im Mittelpunkt stehen wollen. Aber dass er nun dort, im Café Komma, als stiller Gast anwesend bleibt – dort, wo Menschen reden, streiten und leben – das hätte ihm gefallen. Teneo, quia teneor. Wir halten die Erinnerung, weil sie uns Orientierung gibt.

Autor: Niels Faßbender

 

Komm den Frieden wecken – Bericht von der Friedensdekade in Kiel

Quelle: Ökumenische FriedensDekade e. V.

„Komm den Frieden wecken“ – so lautete das Motto der diesjährigen ökumenischen Friedensdekade im November. Mit aktiver Beteiligung der Nagelkreuzgemeinschaft lief u. a. in Kiel ein volles Programm: Zahlreiche Gottesdienste, Friedensandachten sowie künstlerische, musikalische und auch politisch geprägte Veranstaltungen fanden statt. Der Weckruf erinnerte die Teilnehmenden an das Wesentliche: Angesichts der gegenwärtigen unfriedlichen Situation vor Ort und weltweit müssen wir darum ringen, „friedensfähiger“ zu werden und dürfen uns nicht allein mit „Kriegstüchtigkeit“ begnügen.

In der St. Nikolaikirche erzählte Pröpstin Almut Witt von der Entstehung des Nagelkreuzes vor 85 Jahren. Sie erinnerte an die historische Überreichung des ersten Nagelkreuzes an eine deutsche Stadt, das Provost Dick Howard am 15. September 1947 dem Kieler Propst Johannes Lorenzen übergab. Diese Geste war ein Weckruf, dass sich die einstigen Feinde vergeben und Brücken der Versöhnung bauen.

Versöhnung braucht Einsicht und Tatkraft

Leitungsteam der Theatergruppe. Foto: Nicola Runge

Die monatliche Friedensandacht vor dem Nagelkreuz betonte die andauernde Relevanz der Friedens- und Versöhnungsbotschaft: Das „Father forgive“ konfrontiert uns mit unserem Versagen und fordert uns auf, den Friedensbemühungen endlich Vorrang zu geben. Zum Abschluss beteten wir die Versöhnungslitanei von Coventry.

In einem weiteren Friedensgottesdienst erfuhr eine kleine Nachbildung der Skulptur „Reconciliation“ besondere Aufmerksamkeit. Das Werk der britischen Bildhauerin Josefina de Vasconcellos zeigt zwei knieende Gestalten, die sich sinnlich und ermutigend umarmen. Eine der Original-Skulpturen steht in der Ruine der Kathedrale von Coventry.

Das Motiv ist global präsent: Abgüsse stehen auch in Hiroshima, Belfast und bei der Kapelle der Versöhnung an der Berliner Mauer. Mehrere Miniaturen der Statue sind in Kiel verteilt. Im Jahr 2012 übergab der damalige Direktor des internationalen Versöhnungszentrums von Coventry, David Porter, ein Exemplar an die Sozialkirche in Kiel-Gaarden.

Die Symbolkraft der Statue wirkt bis heute: Erst vorletzte Woche erhielt auch Elke Büdenbender, die Frau des Bundespräsidenten, beim Besuch in Coventry eine solche Miniatur als Geschenk von Dean John Witcombe.

Junge Generation sorgt für Aufwachen

Erfreulich war die starke Beteiligung der jungen Generation an den mehr als 35 Veranstaltungen in Kiel. Eine Theatergruppe aus Kiel-Mettenhof ließ zu Beginn des Gottesdienstes in der Michaeliskirche ganz wörtlich einen Wecker klingeln, um alle aufzuwecken. In ihrem Theaterstück lösten die Jugendlichen einen Konflikt zwischen zwei Jugendzentren, der gewalttätig zu eskalieren drohte, auf friedliche Weise. Zu den Verantwortlichen für das Projekt gehörte die Jugendpädagogin Uta Birkenstock, die selbst schon 1992 als Schülerin an der ersten Begegnungsreise von Kiel nach Coventry teilgenommen hatte.

Das Ringen um die Erhaltung des Friedens

Skulptur “Reconciliation” als Miniatur. Foto: Nicola Runge

Das Politische Abendgespräch in der Kompassgemeinde Kiel-Altenholz trug die Überschrift „Den Frieden wecken – aus militärischer, politischer und evangelischer Sicht“. Drei Impulsgeber stellten ihre jeweiligen Perspektiven dar. In den folgenden Gruppengesprächen wurde fair gestritten. Die Teilnehmenden diskutierten etwa über diese Fragen: Wie stark muss eine Sicherheitsarchitektur auch die Sicherheitsbedürfnisse der gegnerischen Seite einbeziehen? Wie gefährdend ist eine militärische Bedrohung tatsächlich? Und: Hält die neue Friedensdenkschrift der EKD am Vorrang der Gewaltfreiheit fest?

Bonhoeffers fester Glaube

So gelungen die Veranstaltungen der Ökumenischen Friedensdekade in Kiel und anderswo auch waren: Die Gefährdungen weltweit sind real. Wir Christen sind nur eine kleine Stimme für die Bewahrung und Wiederherstellung des Friedens.

Mich bestärkt in diesen unruhigen Zeiten das Glaubensbekenntnis von Dietrich Bonhoeffer, das er 1942 aus der Gefängniszelle geschrieben hat: „Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will.“

 

Autor: Frieder Petersen, Pastor i.R.

„Ein kostbarer Moment“ – Bundespräsident Steinmeier in Coventry

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Ehefrau Elke Büdenbender entzünden Kerzen in der Neuen Kathedrale (Foto: Bundesbildstelle/Guido Bergmann)

Der Besuch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Coventry war mehr als eine Station am Ende eines dreitägigen Staatsbesuchs im Vereinigten Königreich. Gerade durch seine Platzierung am Schluss gewann er besonderes Gewicht: ein bewusst gesetztes Innehalten an einem Ort, an dem europäische Geschichte in seltener Dichte erfahrbar ist – Schuld und Hoffnung, Zerstörung und Neubeginn liegen hier sichtbar ineinander verschränkt.

Bischöfin Sophie (2. v. l.), Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (3.v.l.), Elke Büdenbender (4. v. l.) und Dean John (5. v. l.) vor dem Wandteppich ‘Christi in der Herrlichkeit’. (Foto: Bundesbildstelle/Guido Bergmann)

Der Staatsbesuch stand im Zeichen der Bemühungen um eine Erneuerung der deutsch-britischen Partnerschaft. Er fiel in eine Phase, in der nach Jahren der Distanz infolge des Brexits politische, kulturelle und zivilgesellschaftliche Beziehungen neu justiert werden. Empfänge auf Schloss Windsor, Gespräche mit Regierung und Parlament, die Rede im Westminster Palace – all dies markierte die politische Ebene eines Besuchs, der deutlich nach vorn gerichtet war. Dass Coventry den Abschluss bildete, ergänzte diesen Zukunftsblick um eine notwendige historische Erdung: Zukunft ohne Erinnerung bleibt leer.

Coventry: Tiefpunkt und Wendepunkt

Coventry steht – wie der Bundespräsident selbst formulierte – für ein doppeltes Symbol: für den Tiefpunkt der deutsch-britischen Beziehungen und zugleich für deren Wendepunkt. In den Ruinen der 1940 zerstörten Kathedrale wird Schuld weder relativiert noch Leid gegeneinander aufgerechnet. Zugleich erinnert dieser Ort daran, dass hier schon wenige Jahre nach dem Krieg ein anderer Ton angeschlagen wurde: nicht der der Vergeltung, sondern der der Versöhnung.

Gedenken in der Ruine der Kathedrale von Coventry. (Foto: Bundesbildstelle/Guido Bergmann)

Diese Spannung prägte den Besuch. Der Bundespräsident legte einen Kranz am aus Trümmersteinen errichteten Altar in der Ruine nieder – ein schlichtes, aber sprechendes Zeichen des Gedenkens an die Zerstörung, die deutsche Bomben über die Stadt gebracht hatten. Der Dekan der Kathedrale, Dean John Witcombe, beschreibt diesen Moment als „poignant“, als besonders eindrücklich. Mit Blick auf den Bundespräsidenten schreibt er:

„To stand in the ruins with any of our many German visitors is a poignant experience, but especially so with the President.“ – „Mit jedem unserer vielen deutschen Gäste in den Ruinen zu stehen, ist eine eindrückliche Erfahrung – aber mit dem Bundespräsidenten in besonderer Weise.“

Zeichen, die verbinden

Unmittelbar im Anschluss führte der Weg vom Altar der Ruinen zur Skulptur „Choir of Survivors“ des Dresdner Künstlers Helmut Heinze – ein Geschenk der Frauenkirche Dresden zum goldenen Jubiläum der neuen Kathedrale von Coventry. Die Skulptur erinnert an die Opfer der Luftangriffe auf Dresden und verknüpft diese Erinnerung bewusst mit der Geschichte Coventrys. Dean John beschreibt sie

„as a memorial to those killed in Dresden, uniting us in remembrance of the loss suffered on all sides in war – a sign of reconciliation.“ – „als Denkmal für die in Dresden Getöteten, das uns vereint im Erinnern an das Leid, das der Krieg auf allen Seiten hinterlassen hat – ein Zeichen der Versöhnung.“

Die weltweite Gemeinschaft des Nagelkreuzes

Beim anschließenden Besuch in der neuen Kathedrale begegnete der Bundespräsident einem der ursprünglichen Nagelkreuze – geformt aus Nägeln des brennenden Dachstuhls der zerstörten Kathedrale. Dean John erläuterte, dass Repliken dieser Kreuze heute in der Justizvollzugsanstalt Würzburg gefertigt und an neue Mitglieder der Nagelkreuzgemeinschaft überreicht werden. Er erinnert:

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im John Laing Centre beim Austausch mit britischen und deutschen Schülerinnen und Schülern beim Besuch der Kathedrale von Coventry. (Foto: Bundesbildstelle/Guido Bergmann)

„This community unites almost 300 centres across the world in the work of reconciliation: healing the wounds of history; learning to live with difference and celebrate diversity; building a culture of peace.“ – „Diese Gemeinschaft vereint weltweit nahezu 300 Zentren in der Versöhnungsarbeit: in der Heilung der Wunden der Geschichte, im Lernen, mit Unterschieden zu leben und Vielfalt zu feiern, sowie im Aufbau einer Kultur des Friedens.“

Bereits in seiner Rede vor dem britischen Parlament in London hatte der Bundespräsident die heutige deutsch-britische Freundschaft als „ein Geschenk der Versöhnung“ bezeichnet.

Elke Büdenkender, Dean John und Bundespräsident Frank Walter Steinmeier (v.l.n.r.). (Foto: Coventry Cathedral)

Gebet als gelebte Theologie

Seinen geistlichen Mittelpunkt fand der Besuch in einem kurzen Versöhnungsgottesdienst. Gebete verschiedener Traditionen kamen zu Wort. Auch hier war die Symbolik bewusst gewählt: Dean John betete das Vaterunser auf Deutsch – eine Praxis, die er nach eigenen Worten bei besonderen Anlässen pflegt. Er schreibt dazu:

„I led the Lord’s Prayer in the German language … as a sign of the reconciliation won for us in Christ, which unites us in prayer for a better future for all.“ – „Ich habe das Vaterunser in deutscher Sprache gebetet … als Zeichen der in Christus für uns errungenen Versöhnung, die uns im Gebet zu einer Hoffnung auf eine bessere Zukunft für alle vereint.“

Mehr als ein politischer Besuch

Der Bundespräsident reiste nach Coventry, um in den Ruinen der Kathedrale einen Kranz niederzulegen und an einem Gedenk- und Versöhnungsgottesdienst teilzunehmen – an einem Ort, der daran erinnert, dass Frieden nicht selbstverständlich ist und Versöhnung keine abgeschlossene Geschichte kennt.

Dass der Bundespräsident diesen Ort aufsuchte, verlieh einer Haltung öffentliche Geltung, die die Nagelkreuzgemeinschaft seit 1947 prägt: Erinnerung und Zukunft müssen zusammen gedacht werden, und Versöhnung beginnt mit dem Blick auf die Wahrheit der Geschichte.

Autor: Niels Faßbender mit einem Beitrag von John Witcombe, Dean of Coventry

Erinnerung muss wecken! Grußwort zur Enthüllung der Gedenktafel für Johannes Rau

Grußwort von Vorstandsmitglied Niels Faßbender. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft.

Gedenktafeln laufen Gefahr, Patina anzusetzen – nicht nur aus Bronze, sondern auch im Geiste. Sie hängen an Wänden und schweigen. Doch am 25. Januar 2026, bei der Enthüllung der Tafel für Johannes Rau im Nagelkreuzzentrum Gemarker Kirche in Wuppertal, ging es um das genaue Gegenteil: um eine Erinnerung, die spricht, fordert und manchmal auch stört. Wie dicht die Atmosphäre an diesem besonderen Ort zwischen Synagoge und Kirche war, lesen Sie in unserem ausführlichen Bericht zur Veranstaltung. Doch was bedeutet Johannes Raus Lebensmotto „Teneo, quia teneor“ („Ich halte, weil ich gehalten werde“) für uns als Nagelkreuzgemeinschaft heute? Ist es ein frommer Spruch für Sonntagsreden oder eine harte politische Währung in Zeiten der Spaltung? Niels Faßbender, Vorstandsmitglied der Nagelkreuzgemeinschaft, ging in seinem Grußwort der Frage nach, warum eine solche Tafel kein Heldendenkmal sein darf, sondern ein Stachel bleiben muss. Wir dokumentieren das Grußwort hier im Wortlaut.

Liebe Gemeinde,

heute bringt ihr eine Tafel an.

Name. Datum. Erinnerung.

Erinnerung an Johannes Rau.

Viele hier kennen ihn.

Nicht als Figur.

Sondern als Mensch:

nah, vertraut, widersprüchlich, verlässlich.

Viele von euch haben ihn nicht nur im Fernsehen gesehen,

sondern in dieser Gemeinde.

Im Café.

Nach dem Gottesdienst.

Einer, der manchmal einfach da war.

Einer, der Beziehungen hielt.

Ich spreche zu euch als jemand, der ihn nicht persönlich kannte.

Und doch stehe ich nicht fremd vor seinem Namen.

Weil dieser Ort eine Sprache spricht, die ich verstehe.

Eine Sprache der Wirklichkeit.

Eine Sprache aus Geschichte und Gegenwart.

Aus Glauben und Verantwortung.

Hier, direkt nebenan, steht die Synagoge.

Sie erinnert an die eine Wirklichkeit:

An Feuer.

An Zerstörung.

An das, was Menschen einander antun –

im Namen von Volk, Ordnung, „Notwendigkeit“.

Johannes Rau hat dafür Worte gefunden, die nichts beschönigen

und doch Zukunft wagen.

In der Knesset hat er gesagt:

„Ich bitte um Vergebung für das, was Deutsche getan haben.“

Ein Satz ohne Ausrede.

Ohne Selbstentlastung.

Versöhnung bedeutet nicht, alles zuzudecken.

Sondern: es anzusehen.

Und weist damit in die andere Wirklichkeit:

Der Hof, den man gemeinsam betritt.

Keine romantische Kulisse.

Ein Gegenüber.

Nähe, die nicht selbstverständlich ist.

Sondern gewollt. Gebaut.

Man könnte sagen:

Hier wird geübt, dass keine Ereignisse und Mächte

unser Gewissen ersetzen.

Dass wir nicht wieder anfangen dürfen, Menschen zu sortieren.

Dass wir lernen müssen, sie anzusehen.

Und dass Glauben immer auch heißt:

sich nicht abfinden mit dem, was „nun einmal so ist“.

Und ja: gerade heute ist das wieder brennend.

Kälte in den Worten.

Härte in den Debatten.

Gewalt gegen jüdisches Leben.

Und die gefährliche Gewöhnung daran.

„Nie wieder“ passiert nicht von allein.

Es braucht Orte, die standhalten.

Menschen, die nicht nur „Glaube“ sagen, sondern ihn üben.

Und Wege. Und Nachbarn.

In dieser Kirche steht auch das Nagelkreuz von Coventry.

Wir kennen seine Geschichte.

Wir kennen diese seltsame Logik:

Aus zerstörtem Metall wird ein Kreuz.

Aus Schutt wird eine Sprache.

Nicht „alles wird gut“.

Sondern: Wir hören nicht auf.

Auch das Nagelkreuz hat diese eine Wirklichkeit in sich:

Das Feuer.

Die Zerstörung.

Das, was Menschen einander antun –

im Namen von Nation, Rasse, Gott.

Und wie die Synagoge, die sich den Hof mit eurer Kirche teilt,

weist auch das Nagelkreuz in die andere Wirklichkeit:

Die, in der Glaube konkret wird.

Johannes Rau hat einmal gesagt –

fast wie eine Selbstbeschreibung,

aber eigentlich wie ein Programm:

„Versöhnen statt Spalten … bleibt meine Lebensmelodie.“

Das klingt freundlich.

Und ist in Wahrheit streng.

Denn „Versöhnen statt Spalten“ heißt:

Die eigene Seite nicht für unschuldig halten.

Den eigenen Anteil sehen.

Die eigene Kälte wahrnehmen.

Und trotzdem üben: Anstand. Geduld. Gespräch. Wahrhaftigkeit.

Nicht schweigen, wenn der Ton kippt.

Nicht zynisch werden, wenn man müde ist.

Nicht profitieren, wenn andere erniedrigt werden.

Nicht mitmachen, wenn Menschen gegeneinander hochgeputscht werden.

Versöhnung bleibt eine reale Möglichkeit –

solange wir daran arbeiten,

solange wir Christus vertrauen.

Und jetzt: Die Gedenktafel.

Eine Tafel ist ein Halt.

Sie sagt: Einer war da.

Er hat Spuren hinterlassen.

Er war mehr als die Summe seiner Ämter.

Und eine Tafel ist eine Zumutung.

Denn sie sagt auch: Jetzt seid ihr dran.

Erinnerung ist nie nur Rückblick.

Erinnerung ist Verantwortung.

Man kann einen Menschen ehren

und dabei den Schmerz der Welt vergessen.

Man kann „Erinnerung“ sagen

und meint doch: bequemes Gedenken.

Eine Tafel kann Dekoration werden.

Oder: ein Stachel.

Johannes Rau hat diesen Stachel nicht gemieden.

Er hat das Wort „Versöhnung“ nicht als Dekoration benutzt.

Er hat es mitten in den Raum gestellt.

Mitten in die Geschichte.

Mitten hinein in Schuld.

Mitten hinein in die Angst: dass es nie genug ist.

Johannes Rau hatte ein Motto: „Teneo, quia teneor.“

Ich halte, weil ich gehalten werde.

Das klingt schlicht.

Und es ist radikal.

Das ist keine Heldenformel.

Das ist ein Eingeständnis.

Denn wir halten ja oft gerade nicht.

Wir sind verletzlich.

Wir sind widersprüchlich.

Wir sind schneller gekränkt als klug.

Und schneller hart als gerecht.

Manchmal fehlt uns die Kraft zur Versöhnung.

Weil wir selbst zu wenig versöhnt sind.

Mit unserer Angst.

Mit unserer Schuld.

Mit unserer Unvollkommenheit.

„Ich halte, weil ich gehalten werde“ heißt dann auch:

Ich bin angewiesen.

Auf Zuwendung.

Auf Vergebung.

Auf Menschen, die bleiben, wenn ich schwierig werde.

Auf Gemeinschaft, die mich nicht verwechselt mit meinem schlechtesten Tag.

Und auf Gott.

Der nicht sagt: „Reiß dich zusammen.“

Sondern: „Komm.“

Und bleibt.

Gerade da, wo der Halt fehlt.

Ich halte nicht aus eigener Härte.

Nicht aus Überlegenheit.

Nicht aus moralischer Stärke.

Sondern aus einem Grund, der tiefer liegt als ich selbst.

Aus einem Gehaltensein.

Für mich ist das eine der Grundfesten meines Glaubens:

Getragen sein, so wie ich bin –

und darum tragfähig sein auch für andere, so wie sie sind.

Nicht als Herrschaft.

Nicht als Pose.

Als Gemeinde von Brüdern und Schwestern.

An diesem Ort erinnert die Tafel für Johannes Rau nicht nur an den Menschen,

der die Mitte gesucht hat.

Die Mitte zwischen Klarheit und Demut.

Zwischen Heimat und Welt.

Zwischen politischer Verantwortung und dem leisen Wissen:

Wir sind nicht Gott.

Hier, an diesem Ort, ruft uns die Tafel für Johannes Rau auch zur Entscheidung:

Erinnerung kann verhärten – oder öffnen.

Glaube kann betäuben – oder aufwecken.

Heimat kann abschotten – oder beheimaten.

Mit Blick auf Synagoge und Nagelkreuz entscheiden wir uns für die offene Form:

Für ein Gedenken, das nicht einschläfert.

Für einen Glauben, der Hände bekommt.

Für eine Versöhnung, die nicht spaltet, sondern mühsam verbindet.

Nicht groß.

Nicht heroisch.

Aber erfüllt.

Von Treue, Dankbarkeit und Glauben.

Friede sei mit uns!

Vielen Dank.

Autor: Niels Faßbender

 

„Darf ich das mitnehmen?“ – Wenn ein Kreuz einen Ort verändert und Menschen bewegt

Schulleiter Dr. Günter Beck-Mathieu darf „sein“ Nagelkreuz mitnehmen. Foto: Christian Herpich

Am Evangelischen Dag-Hammarskjöld-Gymnasium in Würzburg ging jetzt eine Ära zu Ende: Schulleiter Dr. Günter Beck-Mathieu wurde in den Ruhestand verabschiedet. Ein Jahr lang war an seiner Schule das [Würzburger Wandernagelkreuz] zusammen mit der Versöhnungsstatue zu Gast. In der Würdigung von Antje Biller zeigt sich, was dieses Zeichen der Versöhnung bewirkt: Es verändert einen Ort, prägt die Gemeinschaft und hinterlässt Spuren bei den Menschen – weit über das Jahr hinaus.

Mitten im damaligen Schuljahr, am 16. März 2023, nahm Oberstudiendirektor Dr. Günter Beck-Mathieu das Nagelkreuz und die Versöhnungsstatue für das Evangelische Dag-Hammarskjöld-Gymnasium in Empfang, das für ein Jahr Gastort der Würzburger Versöhnungszeichen sein würde.

Ein Kreuzweg in der sechsten Jahrgangsstufe, die Kathedrale von Coventry als Beispiel für moderne Kirchenarchitektur in der siebten Jahrgangsstufe, ein von den fünften Klassen vorbereitetes Freitagsgebet, aktuelle Adaptionen im Kunstunterricht der Oberstufe, ein spiritueller Tag für das Kollegium unter dem Motto „Versöhnung mit mir selbst“, das am Gedenktag der Bombardierung Coventrys von der ganzen Schule gebetete Versöhnungsgebet – und viele andere von „unserem Nagelkreuz“ inspirierte Aktionen fanden statt.

Als Schulleiter hatte Dr. Beck-Mathieu von der Würzburger Initiative an jenem Tag auch ein kleines Hufnagelkreuz überreicht bekommen, das seither seinen Platz auf dem imposanten Schreibtisch im Rektorat hatte. Zum Ende dieses Schuljahres nun wurde Dr. Beck-Mathieu in den Ruhestand verabschiedet. Das kleine Nagelkreuz wollte er gerne mitnehmen. Dieses Kreuz und die damit verbundenen Gedanken waren über das Jahr als Gastort hinaus zu wichtigen Begleitern geworden. Sie bringen prägnant auf den Punkt, wofür das Evangelische Gymnasium und sein scheidender Schulleiter stehen.

Im März 2023 wanderte das Würzburger Nagelkreuz ans Ev. Dag-Hammarskjöld-Gymnasium. Foto: Bärbel Thiele

Mit professioneller Schulsozialarbeit und Schulseelsorge wird seit jeher daran gearbeitet, Wunden der Geschichte zu heilen, die etliche schon der jüngsten Schüler:innen mitbringen. Auch Unterschiede gelten zu lassen und Vielfalt zu feiern gehört gewissermaßen zur Grundhaltung der Schule. Wie im Rest der Gesellschaft lebt am Dag-Hammarskjöld-Gymnasium eine Vielfalt der Traditionen, der Sprachen, der Religionen, der Stile. Zu feiern ist die Vielfalt an Ideen im Kollegium und in den Klassen, die Vielfalt an Meinungen in einer offenen Diskussionskultur, die Vielfalt an Talenten, die mit einem möglichst breiten Angebot gefördert wird.

In einer Kultur des Friedens und der Gerechtigkeit gelingt so etwas. Und diese beginnt mit der Art und Weise, wie ein Rektor seinen Schüler:innen begegnet, wie ein Vorgesetzter mit seinen Lehrkräften kommuniziert. Das prägt den Umgangston an einer Schule. Klar in der Sache, bedacht im Ausdruck, moderat im Ton, zurückhaltend in der Lautstärke – so ließen sich die Bausteine einer friedlichen, nach Gerechtigkeit suchenden Kultur beschreiben.

Das Nagelkreuz passt bestens zu Dr. Beck-Mathieu, und so bekam er das erbetene Schreibtischkreuz in der von Schüler:innen und Lehrkräften mit Musik, Geschenken und vielen Gute-Wünsche-Zetteln gestalteten Überraschungs-Abschiedsfeier in der Aula überreicht: „Ja, das dürfen Sie mitnehmen!“

Nach den Sommerferien wird ein neues Kreuz auf dem Schreibtisch im Rektorat stehen und auf eine neue Schulleitung warten, die sich hoffentlich genauso inspirieren lassen wird. Herrn Dr. Beck-Mathieu alles erdenklich Gute für den nächsten Abschnitt und für einen ereignisreichen, erfüllenden Ruhestand!

Autorin: Antje Biller

 

Geschichte trifft Versöhnung: Regionaltreffen der Nagelkreuzzentren in Neuendettelsau 2025

Altarkreuz aus Stahl erinnert an die Muna in Neuendettelsau. Foto: Tobias Klein

Mitten in Neuendettelsau, einem kleinen fränkischen Ort mit großer kirchlicher Geschichte, trafen sich am 17. Mai 2025 die bayerischen Nagelkreuzzentren zu ihrem Regionaltreffen. Was diesen Tag besonders machte, war die eindrückliche Verbindung von Historie und Gegenwart: Auf dem Gelände, wo im Zweiten Weltkrieg eine Munitionsanstalt Bomben für Luftangriffe – wohl auch auf Coventry – produzierte, versammelten sich heute Christen, um für Frieden und Versöhnung zu arbeiten. Vertreterinnen und Vertreter aus Würzburg, Nürnberg, München, Dachau und Neuendettelsau kamen in der Augustana-Hochschule zusammen und erlebten einen Tag voller Austausch, Gedenken und gemeinsamer Inspiration. Bereits ein herzlicher Empfang am Vormittag stimmte die Teilnehmenden auf den intensiven Tag ein. In einer bewegenden Einleitung führte Dr. Janning Hoenen, Mitgastgeber aus Neuendettelsau, in die Geschichte des Treffensortes ein. Schon hier wurde deutlich, dass Neuendettelsau mehr ist als ein Dorf auf dem Land: Durch das Wirken von Pfarrer Wilhelm Löhe wuchs es im 19. Jahrhundert von einem unscheinbaren Dorf zu einem Zentrum des bayerischen Protestantismus mit globaler Wirkung – Sitz einer Diakonissenanstalt, Ausgangspunkt weltweiter Mission und heute Heimat von gleich zwei Nagelkreuzen. Diese besondere Mischung aus historischer Verantwortung und engagierter Versöhnungsarbeit prägte den ganzen Tag und weckte gespanntes Interesse auf das Programm.

Augustana-Hochschule Neuendettelsau

Nagelkreuz in der Campuskapelle. Foto: Tobias Klein

Den Auftakt bildete ein Besuch der Augustana-Hochschule, der theologischen Hochschule der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Im Konferenzraum der Campushochschule wurden wir von der Hochschulgemeinschaft empfangen. Dr. Hoenen hieß uns offiziell willkommen und spannte in seinem Vortrag den Bogen von der Gründung der Hochschule bis zur jüngsten Vergangenheit. Besonders nachhaltig beeindruckte seine Schilderung, wie tief Neuendettelsau in die Wirren des Zweiten Weltkriegs verstrickt war: Die Augustana steht nämlich auf dem Gelände einer ehemaligen Wehrmacht-Munitionsanstalt, kurz Muna, in der ab 1934 massenhaft Granaten und Bomben hergestellt wurden. Diese Waffen fanden vermutlich – in tragischer Ironie der Geschichte – auch beim Bombenkrieg gegen England Verwendung. Mit der Entmilitarisierung nach 1945 erfuhr das Areal jedoch eine völlige Umwidmung: 1947 beschloss die Landessynode die Gründung der Augustana-Hochschule als unabhängige theologische Lehrstätte in kirchlicher Trägerschaft. In den folgenden Jahren zog die Hochschule nach und nach in die ehemaligen Kasernen und Verwaltungsgebäude der Muna ein. Aus Orten der Zerstörung wurden Orte des Lernens: Wo einst Offiziershäuser und Truppenunterkünfte standen, entstanden Hörsäle, Wohnheime, Mensa und Verwaltung. 1966 wurde eine eigene Kapelle errichtet, deren großes Altarkreuz aus Stahl bewusst an die Vergangenheit des Geländes erinnert.

Beim Rundgang über den parkähnlichen Campus konnten wir diese Geschichte förmlich atmen. Zwischen alten Bunkerwällen und neuen Institutsgebäuden erläuterte uns Dr. Hoenen anschaulich die Funktionen der zentralen Gebäude. Ein Höhepunkt war der Besuch der Campuskapelle – dem spirituellen Herz der Hochschule. Dort steht heute eines der beiden Nagelkreuze von Neuendettelsau. Im Juni 2017 wurde die Augustana-Hochschule offiziell in die internationale Nagelkreuzgemeinschaft aufgenommen; in einem feierlichen Gottesdienst überreichte eine Delegation aus Coventry das Nagelkreuz für die Kapelle. Seither engagiert sich die Hochschule sichtbar für die Versöhnungsarbeit. Studierende und Dozierende gedenken hier jedes Jahr der Zerstörung Coventrys und beteiligen sich regelmäßig am Freitagsgebet für den Frieden.

Diakonissenanstalt Neuendettelsau (Diakoneo)

Nagelkreuz in der Diakonissenanstalt. Foto: Tobias Klein

Nach einem Mittagessen in der Mensa, das reichlich Gelegenheit zum persönlichen Austausch bot, führte unser Weg am frühen Nachmittag vom Campus hinüber zur traditionsreichen Diakonissenanstalt Neuendettelsau – heute bekannt als Diakoneo. Schwester Ruth Gänstaller, eine erfahrene Diakonisse, übernahm herzlich die Führung unserer Gruppe. Schon unterwegs blieb sie mit uns an bedeutungsvollen Stationen stehen: Unweit der Hochschule erinnert ein schlichter Gedenkstein an die Fremd- und Zwangsarbeiter, die in der Muna schuften mussten. Andächtig versammelten wir uns um dieses Mahnmal, während Schwester Ruth von den Schicksalen der Menschen berichtete, die in Neuendettelsau Zwangsarbeit leisten mussten – ein Kapitel, das dem Ort bis heute ins Gewissen schreibt. Wenige Schritte weiter erhob sich das historische Mutterhaus der Diakonissengemeinschaft. Hier, wo seit dem 19. Jahrhundert Diakonissen in Gemeinschaft lebten und wirkten, schauten wir in einen Innenhof voller Geschichte. Neuendettelsau war 1854 durch Pfarrer Wilhelm Löhe zur Keimzelle der bayerischen Diakonie geworden: Löhe gründete damals die erste Diakonissenanstalt in Bayern. Junge Frauen wurden in diesem „Mutterhaus“ zu Krankenschwestern und Fürsorgerinnen ausgebildet, um landauf, landab notleidenden Menschen beizustehen. Aus bescheidenen Anfängen wuchs in den folgenden Jahrzehnten ein umfangreiches Werk der Nächstenliebe. Heute – mehr als 170 Jahre später – zählt Diakoneo mit über 200 Einrichtungen und rund 10.000 Mitarbeitenden zu den größten diakonischen Trägern in Deutschland.

Doch auch die dunkelsten Stunden der deutschen Geschichte sind an Neuendettelsau nicht vorübergegangen – im Gegenteil: Gerade weil die Diakonissenanstalt einst eine der größten Heil- und Pflegeeinrichtungen für Menschen mit Behinderung im ganzen Reich war, hinterließ das NS-Regime hier tiefe Wunden. Schwester Ruth erzählte sichtlich bewegt von den Ereignissen der Jahre 1940/41: Unter dem zynischen Decknamen „Euthanasie“ wurden ab Herbst 1940 über 1.200 hilfsbedürftige Menschen aus Neuendettelsau und seinen Außenstellen in staatliche Heilanstalten deportiert. Von diesen wurden mehr als 800 in Tötungsanstalten wie Hartheim bei Linz ermordet; viele weitere starben unter den grausamen Bedingungen der Anstaltspsychiatrie. Besonders erschütternd ist, dass zu den ersten Opfern alle Bewohner jüdischen Glaubens zählten. Vor unseren Augen stand plötzlich das Bild der grauen Busse, in denen die Ordensschwestern ihre Schutzbefohlenen damals hilflos ziehen lassen mussten.

Erfahrungsaustauch beim Regionaltreffen

Regionaltreffen Bayern in Neuendettelsau. Foto: Tobias Klein

Nach diesem Gang durch die Geschichte empfing uns das Diakoneo-Zentrum mit offenen Armen. Bei Kaffee und hausgebackenem Kuchen kamen wir mit Schwestern, Mitarbeitenden und Gästen ins Gespräch. Hier, im modernen Begegnungsraum des Schwesternhauses, schlug die Stimmung des Tages einen hoffnungsvollen Bogen von der Vergangenheit in die Zukunft. Im Mittelpunkt stand nun die Nagelkreuzgemeinschaft als weltweites Netzwerk des Friedens. In einer angeregten Runde tauschten wir uns über die Erfahrungen unserer jeweiligen Nagelkreuzzentren aus. Gemeinsam schmiedeten wir Pläne für die weitere regionale Zusammenarbeit. So wurde beschlossen, das nächste Regionaltreffen in Nürnberg abzuhalten – ein Beschluss, der allgemein begrüßt wurde. Zugleich wurden Neuigkeiten aus der bayerischen Kirche bekannt: Mit großer Freude hörten wir, dass sogar das Landeskirchenamt in München erwägt, Nagelkreuzzentrum zu werden. Drei Vertreter:innen der Kirchenleitung verfolgten als Gäste unsere Diskussion – ein Zeichen dafür, welche Bedeutung die Versöhnungsarbeit inzwischen auf allen Ebenen gewinnt. In diesem Zusammenhang kam die Sprache auch auf eine mögliche Pilgerreise nach Coventry, der Geburtsstätte des Nagelkreuzes. Die Vorstellung, gemeinsam – Veteranen wie Neuinteressierte – nach Coventry zu reisen, um dort den Geist der Versöhnung unmittelbar zu erleben, begeisterte uns alle.

Als sich der Tag dem Ende zuneigte, versammelten wir uns noch einmal in der Kirche St. Laurentius, um den Abschluss in würdiger Weise zu begehen. St. Laurentius – eine helle, schlichte Kirche mitten im Diakoniegelände – beherbergt das zweite Nagelkreuz von Neuendettelsau. Jeden Freitag um Mittag findet hier ein öffentliches Nagelkreuzgebet statt; die Türen stehen allen offen, die mitbeten oder einfach einen Moment innehalten möchten. An diesem Abend aber erlebten wir eine Nagelkreuz-Andacht, die viele von uns tief bewegte. Besonders beeindruckend war das Versöhnungsgebet in einfacher Sprache, das hier in St. Laurentius üblich ist. Weil in der Gemeinde auch viele Menschen mit Behinderung mitfeiern, wird das berühmte Coventry-Gebet behutsam in klare, leicht verständliche Worte gefasst. So beteten wir gemeinsam – ohne Barrieren in Sprache oder Verständnis – die Bitten um Vergebung: „Dass Menschen andere wegen ihrer Hautfarbe nicht mögen. Vater, vergib.“ und „Dass wir uns nicht genug um Menschen kümmern, die ohne Heimat und auf der Flucht sind. Vater vergib.“ Jeder Satz war zugleich schlicht und kraftvoll.

Schließlich traten wir, erfüllt von den Eindrücken des Tages, die Heimreise an. Neuendettelsau hat uns an diesem Samstag gezeigt, dass es ein „Dorf mit globaler Wirkung“ geblieben ist: Einst Ausgangsort von Mission und Diakonie, dann gezeichnet von den Verirrungen der Geschichte, ist es heute ein lebendiger Doppel-Ort der Versöhnung. Sowohl die Augustana-Hochschule als auch Diakoneo tragen das Nagelkreuz als Symbol und Verpflichtung – in der akademischen Theologie wie im praktischen Dienst am Nächsten. Ihr gemeinsames Engagement strahlt weit über die Region hinaus.

Autor: Nagelkreuzgemeinschaft, mit Beiträgen von Tobias Klein, Judith Einsiedel und Dr. Janning Hoenen