Nachrichten aus Coventry.

Schichten der Versöhnung – Klänge und Stimmen einer Chorpilgerschaft nach Coventry

Seit mehr als 30 Jahren ist der Evangelische Kirchenkreis Lüdenscheid-Plettenberg festes Glied der weltweiten Nagelkreuzgemeinschaft. Als musikalischer Botschafter dieser Partnerschaft reiste das Lüdenscheider Vokalensemble Ende April 2026 zu einer fünftägigen Pilgerschaft nach Coventry. Der mehrfach preisgekrönte, überregional renommierte Kammerchor hat seine Heimat an der Erlöserkirche in Lüdenscheid. Nun machten sich 17 Sängerinnen und Sänger gemeinsam auf den Weg zu den Wurzeln einer großen Erzählung.

Mittwoch, 29. April 2026. 09:00 Uhr Ankunft Birmingham Airport. Transfer nach Coventry. 10:30 Uhr Kaffee, Begrüßung und Überblick im St. Michael’s House.

Rudolf Mauersberger (1889-1971): „Wie liegt die Stadt so wüst“ – Ankunft in Coventry. Mauersbergers Trauermotette, geschrieben im Angesicht des zerstörten Dresdens, findet auch in den Ruinen der Kathedrale von Coventry ihre unmittelbare Resonanz. Ein musikalisches Aufarbeiten von Schmerz und Zerstörung.

Nagelkreuz in der Lady Chapel in der Kathedrale von Coventry. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Leo: „Ich bin Canon für Kunst und Versöhnung, dem besten Beruf auf der Welt.“ So werden wir von Canon Kate Massey zu einem Gespräch über Versöhnung in unserer Welt in Aufruhr begrüßt. Wir, das ist das Lüdenscheider Vokalensemble, das im Namen des Kirchenkreises Lüdenscheid-Plettenberg Coventry und dessen Kathedrale besucht. Coventry, der Ort, der 1940 das erste Opfer der massiven deutschen Luftangriffe in England wurde und dessen Kathedrale, wie große Teile der Stadt, weitgehend zerstört wurde. Coventry, wo Propst Howard nach der Zerstörung ein Kreuz aus verbrannten Dachbalken sah und dieses mit den Worten „Father Forgive“ hinter den Altar der ausgebrannten Kirche aufstellte. Coventry, wo nach dem Krieg die Nagelkreuzgesellschaft entstand, die sich für Versöhnung in der Welt einsetzt und zum Zeichen dazu Nagelkreuze an Friedens- und Versöhnungsprojekte in aller Welt verteilt.

Niels: Ankunft. Einatmen. Die Stadt empfängt uns nicht als Touristen, sondern mit einer überwältigenden Wärme und Offenheit. Man spürt sofort: Das hier ist kein gewöhnlicher Ort. Es ist ein Kraftzentrum, das jeden, der es betritt, sofort umfängt. Die Begegnungen mit alten Freund:innen fühlen sich an wie ein Heimkommen. Dass wir diesen Geist von Anfang an so tief spüren dürfen, verdanken wir einem engagierten Team: Richard Parker, Alice Farnhill und Kate Massey, die aus Coventry alles so wunderbar organisiert und begleitet haben, sowie Britta Däumer, die für den Kirchenkreis die inhaltliche Gestaltung und  Organisation der Reise verantwortet.

12:00 Uhr Litany of Reconciliation (Versöhnungsgebet), anschließend Mittagessen.

Leo: Passend dazu verteilt Niels am Anreisetag an jeden von uns ein kleines Säckchen mit einer Botschaft. Ich wähle „Raum zum Atmen“. In jedem dieser Säckchen finden wir einen kleinen Stein, der die Steine im Schuh auf unserer persönlichen Reise symbolisieren soll. Die Steine, die uns auf unserem Weg zwicken und piesacken. Diesen Stein halte ich den ganzen Besuch über bei mir und denke immer wieder über meine Steine im Schuh nach und unterhalte mich mit den anderen darüber. Im besten Fall sollten wir dem Stein einen Namen geben und einen Ort mit Resonanz finden, an dem wir ihn ablegen können, um uns mit uns selbst zu versöhnen.

 

Das Paradoxon der Klänge: Reconciliation in a devided world

Donnerstag, 30. April. 08:30 Morgengebet mit Holy Communion, dann stille Zeit in der Kathedrale.

Versöhnungsstatue von Josefina de Vasconcellos. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Johannes Brahms (1833-1897): „Warum ist das Licht gegeben den Mühseligen“ – Während wir im Workshop über die Zerrissenheit der Welt und die schmerzhaften Brücken der Versöhnung sprechen, fängt das „Warum“ unsere Sehnsucht ein.

Regina: Die Werke, besonders Mauersberger und Brahms, drücken die tiefe Parallelität zwischen Dresden und Coventry, zwischen Zerstörung und Friedenswillen aus. Das Singen der Musik wird spürbar und gibt Antwort. In der Ruine zu stehen bedeutet, das Grauen zu erleben, das aber mit Trost und Erbarmen zugedeckt wird. Und immer beides miteinander: Das zeigt auch das Bild – die Ruine Seite an Seite mit der neuen Kathedrale, das gleiche Licht, der gleiche Himmel darüber und über und neben den beiden Gestalten der Reconciliation, Stirn an Stirn. Menschen sitzen in der Ruine nachdenklich, staunend, dankend mitten dort, wo einmal das Kirchenschiff gewesen ist.

Niels: Am Vormittag stehen wir in der neuen Kathedrale. Ich war schon oft hier, kenne jede Ecke, jedes Kunstwerk. Und doch passiert das Unvorhersehbare: Die Sonne bricht durch und flutet das riesige Tauffenster von John Piper. Eine Farbgewalt, eine Leuchtkraft, die ich in dieser Intensität noch nie gesehen habe. Es reißt einen förmlich mit. Ich blicke mich um und sehe Tränen in den Augen. Dieser Ort arbeitet. Er wirkt tief in die Seele hinein. Menschen sind Wesen, die zuerst fühlen und dann dazwischen manchmal denken. Genau deshalb ist die Kunst – in unserem Fall die Musik des Vokalensembles – der direkteste Kanal für Versöhnung. Ein Kammerchor sucht unentwegt nach Harmonie. Dieses bewusste Aufeinander-Hören und gemeinsame Tragen des Klangs ist praktizierte Friedensarbeit.

09:15 Uhr Stadtführung mit Richard Parker.

Niels: Mitten in diese nachdenkliche Atmosphäre platzt der pure, gegenwärtige Lebensjubel der Stadt: Coventry City hat gerade den Aufstieg in die Premier League geschafft. Die ganze Stadt befindet sich in kollektiver Jubelstimmung, und überall wehen die hellblauen Flaggen der „Skyblues“ unter einem strahlenden, ebenso blauen Himmel. Welch faszinierender Kontrast zwischen historischer Tiefe und pulsierender Gegenwart.

13:00 Uhr Workshop: Was bedeutet es, Partner der Nagelkreuzgemeinschaft zu sein?

Ergebnisse der Arbeitsgruppen – Protokollfragmente vom Nachmittags-Workshop

AG 1: Dürfen wir in einer Welt voller Kriege überhaupt auf eine „Kultur des Friedens“ hoffen? Hoffnung ist kein Gefühl, sondern eine Praxis.

AG 2: Welchen ersten, kleinen Schritt könnte ich gehen, um den Kreislauf aus Bitterkeit zu unterbrechen? Zuhören. Den Stein im Schuh benennen.

AG 3: In welchen Momenten habe ich erlebt, dass Vielfalt uns nicht schwächt, sondern stärker macht? Im Chor. Wenn verschiedene Stimmen sich zu einem einzigen Akkord fügen.

 

16 Uhr Chorprobe. 17 Uhr Teezeremonie. 18 Uhr Gespräch mit Kate Massey.

Leo: „Zwischen Takt 96 und 97 sackt Ihr im Ton.“ So werden noch allerletzte Wackler aus der Generalprobe, getarnt als Konzert in der Erlöserkirche, für den letzten Feinschliff korrigiert.

Cream Tea. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Niels: Nachmittags tauchen wir erst einmal tief in die englische Lebensart ein und zelebrieren eine echte Cream-Tea-Zeremonie mit warmen Scones, Clotted Cream, Erdbeermarmelade und natürlich feinstem Tee. Anschließend Gespräch mit Kate Massey, Canon für Kunst und Versöhnung: Was für eine zerrissene Welt! Die Diskussionen fordern uns heraus. Als Mitglied des Vorstands der deutschen Nagelkreuzgemeinschaft spüre ich die Beunruhigung dieser schwierigen Zeiten, aber auch die ungemeine Notwendigkeit unserer Arbeit. Wir müssen in Zukunft regelmäßig Menschen nach Coventry bringen, damit sie das hier erleben. Man kann es nicht erklären.

Entschleunigung und Retreat

Freitag, 1. Mai. Ausflug der Gruppe nach Stratford-upon-Avon. Konzertvorbereitungen.

Heinrich Schütz (1585-1672): „Die mit Tränen säen“ – Ein Tag des Innehaltens und des persönlichen Rückzugs. Schütz’ Vertonung erinnert uns daran, dass Versöhnung oft mit Tränen und schmerzhafter Selbsterkenntnis beginnt  – aber die Verheißung in sich trägt, dass wir am Ende mit Freuden ernten werden.

Regina: Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen“… der Raum zwischen Menschen wird mit Gnade und Güte, mit Geborgenheit aufgehoben. Das Wissen um die Not und um die Suche wird in unserer Musik, unserem gemeinsamen Singen als Barmherzigkeit empfunden. Der Hall in der Kathedrale, spürbar wie ein Segen, gibt die Gewissheit.

St. Michael’s House. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Leo: Nach fünf Tagen ist das St. Michael’s House ein Zuhause für uns geworden. Von Anfang an haben wir uns herzlich willkommen gefühlt. Aber durch die gemeinsame Zeit, die wir dort mit Gesprächen, Proben und Gedanken verbracht haben, ist es uns richtig ans Herz gewachsen – ein kleines, vertrautes Domizil im Schatten der gigantischen Kathedrale.

Niels: Die Gruppe fährt nach Stratford, ich bleibe zurück. Ich suche kein Sightseeing, ich suche die Stille von Coventry. Ein persönliches Mini-Retreat. Ich sitze allein beim Morning Prayer, beim Versöhnungsgebet um 12 und beim Evening Prayer. Dass dann nur wenige Leute kommen – manchmal sind wir nur zu dritt oder zu fünft – ändert an der Intensität nichts. Ich schlage das Gebetsbuch auf. Da stehen diese kleinen roten Punkte im Text, die mich zwingen, mitten im Psalmvers innezuhalten. Pause. Atmen. Abends wird in aller Seelenruhe jedes einzelne Gebetsanliegen vorgelesen, das Menschen an die Kathedrale herangetragen haben. Egal, worum es geht. Es tut unendlich wohl zu wissen, dass sie das tun.

 

Resonanz und das Erbe der Zeitzeugen

Samstag, 2. Mai. 12:00 Uhr Versöhnungsgebet und großes Konzert des Vokalensembles in der Kathedrale. Danach Freizeit. 18:00 Uhr Abendessen im Turmeric Gold.

Kathedrale mit Tauffenster. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Bobo Chilcott (*1955): „God so loved the World“ – Am Mittag stehen wir endlich im großen Konzert in der Kathedrale. Chilcotts zeitgenössische, warm fließende Klänge weiten den Raum und bringen die englische Chortradition direkt zu Gehör. Ein Moment der puren, völkerverbindenden Liebe und Wärme.

Leo: Auftrittszeit. Nach dem Versöhnungsgebet singen wir unser Programm in der weiterhin für alle offenen Kirche. Keine großen Reden, kein Konzertrahmen, kein Einlass, nur die Musik und ihr Nachhall in diesem riesigen Klangkörper. Einige hören sie sich gezielt an, andere lassen sich von ihr auf ihrem Rundgang durch die Kirche begleiten. Draußen in den Ruinen wird ein Frühlingsfest gefeiert.

Niels: Das Konzert in der Kathedrale liegt hinter den Sänger:innen, die Anspannung fällt ab. Später sitzen wir in der mittelalterlichen Spon Street beim indischen Essen – was ja die eigentlich wahre britische Nationalküche ist – und trinken Bier im Pub. Und plötzlich bricht es sich mitten in der gelösten Stimmung Bahn: Das Gespräch dreht sich um Ost- und Westdeutschland. Wir merken erschrocken, wie viel unaufgearbeitete Bitterkeit, wie viel Redebedarf und wie viel echte Sehnsucht nach Versöhnung auch in unserer eigenen Heimat schlummert. Daran schließt sich die Mahnung von Kate an: Die Generation derjenigen, die all das hier noch aus erster Hand erlebt haben – die Zerstörung, den visionären Aufbau, die direkte Versöhnung nach dem Krieg – stirbt unaufhaltsam aus. Wir müssen verdammt gut aufpassen, dass Coventry für die Jugend nicht zu einem staubigen Mythos wird. Wir müssen jetzt darüber nachdenken und reden, wie wir dieses Erbe lebendig in die Zukunft tragen.

 

Ausklang: Ein geknüpftes Netz für die Zukunft

Sonntag, 3. Mai. 10:30 Uhr The Cathedral Eucharist (Gemeinsamer Festgottesdienst). Abreise.

Heinrich Schütz (1585-1672): „Verleih uns Frieden“ – Zum Abschluss der Reise wird der alte Flehruf nach Frieden gesungen. Schütz’ innige Vertonung begleitet uns als musikalisches Vermächtnis und als feste Absicht, das Erbe von Coventry lebendig mit in unsere Heimat zu nehmen.

Cathedral Chamber Choir und Vokalensemble ziehen gemeinsam in die Kathedrale ein. Foto: Martin Williams

Niels: Den krönenden Abschluss der Pilgerschaft bildete am Sonntagmorgen der feierliche Hauptgottesdienst in der voll besetzten Kathedrale von Coventry. Hier löste sich jedes Nebeneinander endgültig in einem tiefen Miteinander auf: Das Lüdenscheider Vokalensemble und der Coventry Cathedral Chamber Choir standen als eine einzige, gewaltige Chorgemeinschaft im Chorgestühl. Unter der abwechselnden, wunderbar harmonischen Leitung von Liam Condon (Assistant Director of Music in Coventry) und des Lüdenscheider Chorleiters Patrick Kampf wurde die Liturgie zu einem lebendigen Zeugnis gelebter Partnerschaft. Die Chöre gestalteten den Gottesdienst mit traditionellen englischen Kirchenliedern und brachten als glanzvollen Höhepunkt die strahlende Mendelssohn-Motette „Jauchzet dem Herrn alle Welt“ („Sing and be joyful unto God“) zu Gehör, an der Orgel festlich begleitet von Adam Heron. Nachdem der feierliche, anglikanische Glanz des Gottesdienstes verklungen war, setzte sich diese besondere Atmosphäre ganz informell beim herzlichen Kirchkaffee direkt vor dem großen Glasfenster fort. Bei lebendigen Gesprächen und echter Gastfreundschaft wurde spürbar, dass aus den gemeinsamen Klängen in diesen Tagen tiefe, bleibende Begegnungen erwachsen sind.

Regina: In der Kirche das Baptisteriumsfenster, in dem Licht strahlt, fast explodiert wie eine Stadt in Flammen – wie etwas, das neu geboren wird. Immer das Eine und das Andere und beides wahr. Coventry lehrt im Stein, in Glas, in seiner umarmenden Atmosphäre, über dem offenen Himmel der Ruine. Und wieder: Mauersberger, der Dresden betrauert, und Singen in einer Kathedrale, die Coventry betrauert. Eine Stadt reicht der anderen Stadt die Hand über Jahrzehnte hinweg durch Musik. Nicht das Grauen wegsingen, sondern es aushalten und dann spüren, wie sich etwas darüberlegt – unaufhaltsam, wie Erbarmen. Wir fühlen es in der Ruine: wir stehen, wir drehen uns, nehmen alles wahr und sind dabei still. Weil wir ahnen und wissen, weil die Atmosphäre und die Geschichte gestreichelt werden dürfen. Weil sie uns zeigen und weil sie den Weg zum Frieden, zur Verständigung, zur Versöhnung wissen und uns hinführen. Wir werden uns wiedersehen! Danke!

Leo: Was nehmen wir mit? Nach fünf intensiven Tagen bleibt für uns die Gewissheit, dass es mehr Menschen gibt, die an eine Welt in Frieden glauben. Dass der Weg dahin nicht ohne Versöhnung geht, und dass wir uns auch in unserem täglichen Leben immer wieder versöhnen müssen. Und die uns daran erinnern, dass Versöhnung, mag sie auch manchmal dem menschlichen Impuls zuwiderlaufen und vieles, aber nicht leicht, sein, Feindschaft und Hass immer vorzuziehen ist. Steine, persönliche Reise. Workshop Leitbild.

Niels: Versöhnung fordert uns heraus, gerade in Zeiten, in denen die Welt politisch zerrissen scheint. Der Versöhnungsforscher John Paul Lederach hat recht, wenn er sagt, dass wir uns nie wirklich auf die Arbeit der Versöhnung eingelassen haben, solange nicht unsere eigenen Freunde denken, wir hätten sie verraten. Wir müssen lernen, auf der Seite derer zu stehen, die an den Rand gedrängt werden – aber eben auch den Mut aufbringen, Brücken zu denen zu bauen, mit denen wir uns zutiefst uneins fühlen. Wie den vielen, die in diesem Jahr den Rechtsextremisten ihr Vertrauen und ihre Stimme geben werden. Welche Sorgen, welche Wunden treiben sie an? Wie können wir so mit ihnen ins Gespräch kommen, dass sie sich gehört fühlen und wir selbst auch Gehör finden? Nur wenn wir den Mut zu diesen schmerzhaften Brücken haben, brechen wir den Kreislauf der Bitterkeit.

Coventry hat uns verändert. Aus Fremden wurde eine Gemeinschaft. Aus Tönen wurde Musik. Die grauen Steine liegen jetzt irgendwo in den Nischen der Ruine. Aber die Jutesäckchen sind nicht leer. Sie sind voll mit Licht und Hoffnung.

Autoren: Leo Rolff, Regina Bahlo, Niels Faßbender

Ein Dienst im Zeichen der Versöhnung: Dean John Witcombe tritt in den Ruhestand

Nach fast 13 Jahren wird The Very Reverend John Witcombe am 17. Mai 2026 zum letzten Mal den Gottesdienst in der Kathedrale von Coventry leiten und Ende des Monats in den Ruhestand treten. Für die Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V. ist dies ein Moment des Innehaltens, um auf ein außergewöhnliches Wirken zurückzublicken und von Herzen Danke zu sagen. John Witcombe hat unsere weltweite Gemeinschaft in dieser Zeit maßgeblich geprägt – nicht als ferner Repräsentant, sondern als ein zugewandter Spiritus rector, der die Versöhnungsarbeit mit Leidenschaft und Verstand vorangetrieben hat.

Oliver Schuegraf, Vorsitzender der deutschen Nagelkreuzgemeinschaft, würdigt die Arbeit von John Witcombe im Namen des Vorstandes: „John hat ein großes Herz und ein tiefes Verständnis für die weltweite Dimension der Nagelkreuzgemeinschaft. Es ist ihm auf beeindruckende Weise gelungen, in den unterschiedlichsten geographischen und kulturellen Kontexten ein Botschafter für die Versöhnung im Geiste Coventry zu sein. Er ist ein treuer und immer anregender Begleiter der deutschen Nagelkreuzgemeinschaft gewesen und uns durch viele Besuche freundschaftlich verbunden.“

Der Weg von John Witcombe nach Coventry war geprägt von Vielseitigkeit und einer tiefen theologischen Reflexion, die immer auch die gesellschaftliche Realität im Blick behielt. Nach seinem Jurastudium in Cambridge und einem Auslandsjahr in Manhattan führte ihn sein Weg zur Theologie. Seit seiner Priesterweihe im Jahr 1985 diente er an verschiedenen Stationen der Church of England – von der Gemeindearbeit in ehemaligen Bergbauregionen bis hin zur Ausbildung künftiger Geistlicher als Dekan des St. John’s College in Nottingham.

Im Januar 2013 trat er sein Amt als Dean of Coventry an. In einer Stadt, die für die Zerstörung des Krieges, aber eben auch für die Kraft der Vergebung steht, fand er seine Berufung darin, die Botschaft von Versöhnung und Frieden in die heutige Zeit zu übersetzen.

Struktur und Gemeinschaft

Unter der Leitung von Dean John ist das weltweite Netzwerk der Nagelkreuzgemeinschaft auf fast 300 Partner angewachsen. Er verknüpfte dabei die historische Bedeutung des Nagelkreuzes konsequent mit den aktuellen Herausforderungen unserer Gesellschaft. Sein Verständnis von einer offenen Kirche zeigte sich in sehr praktischen Entscheidungen: Er schaffte die Eintrittsgebühren für die Kathedrale ab, um diesen Ort der Stille und Versöhnung für alle Menschen zugänglich zu machen.

Während des Jahres als Kulturhauptstadt Großbritanniens (2021) positionierte er die Kathedrale als lebendigen Ort der Künste, der Menschen unterschiedlichster Hintergründe zusammenführte. Zudem rief er das „Investors in Hope“-Programm ins Leben, um die Zukunft der Kathedrale und ihrer Versöhnungsarbeit finanziell abzusichern. Doch sein eigentliches Erbe sind die Beziehungen, die er geknüpft hat. Mit seinem Humor, seiner Nahbarkeit und seiner Überzeugung, dass Versöhnung kein statisches Ziel, sondern ein fortwährender Prozess ist, hat er die deutsch-britische Freundschaft innerhalb unseres Netzwerks nachhaltig gestärkt.

Menschliche Nähe und Solidarität in der Krise

Was John Witcombe über seine Ämter hinaus auszeichnet, ist seine großartige menschliche Nähe. Wer ihm begegnet, spürt seine Aufgeschlossenheit und sein echtes Interesse am Gegenüber. Er besitzt die Gabe, auch in komplexen Situationen persönliche Worte zu finden. Für ihn war das Nagelkreuz nie nur ein Symbol, sondern gelebte Praxis im konstruktiven Dialog. Er hat uns gezeigt, dass Versöhnung dort beginnt, wo man einander wirklich zuhört und Brücken baut. Wer Gottesdient mit ihm gefeiert hat, hat gespürt: Gott ist anwesend.

Viele deutsche Mitglieder kennen ihn persönlich von Pilgerfahrten nach Coventry oder von seinen zahlreichen Besuchen in Deutschland. Ob bei Nagelkreuzübergaben, Jubiläen oder seinen Predigten – etwa 2025 in Dresden – seine Worte blieben hängen, weil sie authentisch waren.

Sein Einsatz für den Frieden zeigte sich besonders eindrücklich angesichts der aktuellen Krisen in Europa. Seine Reise in die Ukraine 2024 war weit mehr als eine diplomatische Geste. Es war ein Zeichen der Solidarität, das den Menschen vor Ort in einer Zeit tiefster Verzweiflung Mut und Hoffnung schenkte. Er brachte die Botschaft von Coventry direkt an die Orte, an denen die Wunden der Gegenwart am tiefsten sind – ein Engagement, das weltweit mit großem Respekt wahrgenommen wurde.

Abschied und Wiedersehen in Darmstadt

Im November wird Dean John anlässlich des 60. Jubiläums der Nagelkreuzübergabe am 7. und 8. November 2026 noch einmal nach Darmstadt kommen. Dies wird eine wunderbare Gelegenheit sein, ihn persönlich zu erleben und sich in einem feierlichen Rahmen von ihm zu verabschieden. Wir laden alle Mitglieder und Freunde der Nagelkreuzgemeinschaft herzlich ein, diesen Moment mit uns zu teilen.

Wir danken John Witcombe für seinen unermüdlichen Einsatz, seinen Humor und seine tiefe Überzeugung. Für seinen neuen Lebensabschnitt, den er gemeinsam mit seiner Frau Ricarda und der Familie verbringen wird, wünschen wir ihm Gottes reichen Segen.

Für Vorstand und Leitungskreis der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V.: Niels Faßbender

Jetzt anmelden: Young Reconcilers’ International Gathering 4. bis 7. August 2026 in Coventry

Du bist zwischen 18 und 25 und hast Lust auf internationale Begegnung, starke Gespräche und neue Perspektiven? Dann melde Dich an: Vom 4. bis 7. August 2026 findet in Coventry das Young Reconcilers’ International Gathering der Community of the Cross of Nails (CCN) statt – unter dem Motto: „Change yourself – Change the World.“

Beim Gathering kommen junge Erwachsene aus verschiedenen Ländern Europas zusammen, um sich über Glauben, Frieden, Gerechtigkeit und das Leben in herausfordernden Zeiten auszutauschen. Geplant sind gemeinsame Gebetszeiten und Gottesdienste, Workshops, Diskussionen, kreative Formate und Begegnungen mit anderen jungen Menschen aus dem CCN-Kontext – also kein trockener Vortrag, sondern ein lebendiges internationales Miteinander. In Planung sind u. a. eine Einführung in die Coventry-Story, ein interreligiöser Friedensweg durch Coventry, Workshops zu Vorurteilen, Dialog und Versöhnung sowie kreative Zugänge zum Versöhnungsgebet von Coventry.

Wichtig für Interessent:innen aus Europa (ohne UK und Irland):
Die Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland übernimmt für bis zu 10 Teilnehmende die Teilnahmegebühr und Unterkunft. Die Reisekosten müssen grundsätzlich selbst getragen werden. Wenn der Flug oder die Anreise finanziell schwierig ist, kann aber ggf. ein Zuschuss gewährt werden – niemand soll zuhause bleiben müssen, weil das Geld für die Reise fehlt.

Anmeldung ab sofort möglich!
Die Anmeldung ist nun offiziell freigeschaltet. Du kannst Dich direkt über die Website der Coventry Cathedral für das Gathering eintragen: https://www.coventrycathedral.org.uk/events/community-of-the-cross-of-nails-young-reconcilers-gathering

Weitere Informationen zu Programm, Unterkunft und organisatorischen Fragen folgen demnächst. Ein Infoflyer kann hier heruntergeladen und gerne weitergegeben werden. Bei Fragen schreibe gerne an jugendkonferenz@nagelkreuz.org.

„Ein kostbarer Moment“ – Bundespräsident Steinmeier in Coventry

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Ehefrau Elke Büdenbender entzünden Kerzen in der Neuen Kathedrale (Foto: Bundesbildstelle/Guido Bergmann)

Der Besuch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Coventry war mehr als eine Station am Ende eines dreitägigen Staatsbesuchs im Vereinigten Königreich. Gerade durch seine Platzierung am Schluss gewann er besonderes Gewicht: ein bewusst gesetztes Innehalten an einem Ort, an dem europäische Geschichte in seltener Dichte erfahrbar ist – Schuld und Hoffnung, Zerstörung und Neubeginn liegen hier sichtbar ineinander verschränkt.

Bischöfin Sophie (2. v. l.), Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (3.v.l.), Elke Büdenbender (4. v. l.) und Dean John (5. v. l.) vor dem Wandteppich ‘Christi in der Herrlichkeit’. (Foto: Bundesbildstelle/Guido Bergmann)

Der Staatsbesuch stand im Zeichen der Bemühungen um eine Erneuerung der deutsch-britischen Partnerschaft. Er fiel in eine Phase, in der nach Jahren der Distanz infolge des Brexits politische, kulturelle und zivilgesellschaftliche Beziehungen neu justiert werden. Empfänge auf Schloss Windsor, Gespräche mit Regierung und Parlament, die Rede im Westminster Palace – all dies markierte die politische Ebene eines Besuchs, der deutlich nach vorn gerichtet war. Dass Coventry den Abschluss bildete, ergänzte diesen Zukunftsblick um eine notwendige historische Erdung: Zukunft ohne Erinnerung bleibt leer.

Coventry: Tiefpunkt und Wendepunkt

Coventry steht – wie der Bundespräsident selbst formulierte – für ein doppeltes Symbol: für den Tiefpunkt der deutsch-britischen Beziehungen und zugleich für deren Wendepunkt. In den Ruinen der 1940 zerstörten Kathedrale wird Schuld weder relativiert noch Leid gegeneinander aufgerechnet. Zugleich erinnert dieser Ort daran, dass hier schon wenige Jahre nach dem Krieg ein anderer Ton angeschlagen wurde: nicht der der Vergeltung, sondern der der Versöhnung.

Gedenken in der Ruine der Kathedrale von Coventry. (Foto: Bundesbildstelle/Guido Bergmann)

Diese Spannung prägte den Besuch. Der Bundespräsident legte einen Kranz am aus Trümmersteinen errichteten Altar in der Ruine nieder – ein schlichtes, aber sprechendes Zeichen des Gedenkens an die Zerstörung, die deutsche Bomben über die Stadt gebracht hatten. Der Dekan der Kathedrale, Dean John Witcombe, beschreibt diesen Moment als „poignant“, als besonders eindrücklich. Mit Blick auf den Bundespräsidenten schreibt er:

„To stand in the ruins with any of our many German visitors is a poignant experience, but especially so with the President.“ – „Mit jedem unserer vielen deutschen Gäste in den Ruinen zu stehen, ist eine eindrückliche Erfahrung – aber mit dem Bundespräsidenten in besonderer Weise.“

Zeichen, die verbinden

Unmittelbar im Anschluss führte der Weg vom Altar der Ruinen zur Skulptur „Choir of Survivors“ des Dresdner Künstlers Helmut Heinze – ein Geschenk der Frauenkirche Dresden zum goldenen Jubiläum der neuen Kathedrale von Coventry. Die Skulptur erinnert an die Opfer der Luftangriffe auf Dresden und verknüpft diese Erinnerung bewusst mit der Geschichte Coventrys. Dean John beschreibt sie

„as a memorial to those killed in Dresden, uniting us in remembrance of the loss suffered on all sides in war – a sign of reconciliation.“ – „als Denkmal für die in Dresden Getöteten, das uns vereint im Erinnern an das Leid, das der Krieg auf allen Seiten hinterlassen hat – ein Zeichen der Versöhnung.“

Die weltweite Gemeinschaft des Nagelkreuzes

Beim anschließenden Besuch in der neuen Kathedrale begegnete der Bundespräsident einem der ursprünglichen Nagelkreuze – geformt aus Nägeln des brennenden Dachstuhls der zerstörten Kathedrale. Dean John erläuterte, dass Repliken dieser Kreuze heute in der Justizvollzugsanstalt Würzburg gefertigt und an neue Mitglieder der Nagelkreuzgemeinschaft überreicht werden. Er erinnert:

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im John Laing Centre beim Austausch mit britischen und deutschen Schülerinnen und Schülern beim Besuch der Kathedrale von Coventry. (Foto: Bundesbildstelle/Guido Bergmann)

„This community unites almost 300 centres across the world in the work of reconciliation: healing the wounds of history; learning to live with difference and celebrate diversity; building a culture of peace.“ – „Diese Gemeinschaft vereint weltweit nahezu 300 Zentren in der Versöhnungsarbeit: in der Heilung der Wunden der Geschichte, im Lernen, mit Unterschieden zu leben und Vielfalt zu feiern, sowie im Aufbau einer Kultur des Friedens.“

Bereits in seiner Rede vor dem britischen Parlament in London hatte der Bundespräsident die heutige deutsch-britische Freundschaft als „ein Geschenk der Versöhnung“ bezeichnet.

Elke Büdenkender, Dean John und Bundespräsident Frank Walter Steinmeier (v.l.n.r.). (Foto: Coventry Cathedral)

Gebet als gelebte Theologie

Seinen geistlichen Mittelpunkt fand der Besuch in einem kurzen Versöhnungsgottesdienst. Gebete verschiedener Traditionen kamen zu Wort. Auch hier war die Symbolik bewusst gewählt: Dean John betete das Vaterunser auf Deutsch – eine Praxis, die er nach eigenen Worten bei besonderen Anlässen pflegt. Er schreibt dazu:

„I led the Lord’s Prayer in the German language … as a sign of the reconciliation won for us in Christ, which unites us in prayer for a better future for all.“ – „Ich habe das Vaterunser in deutscher Sprache gebetet … als Zeichen der in Christus für uns errungenen Versöhnung, die uns im Gebet zu einer Hoffnung auf eine bessere Zukunft für alle vereint.“

Mehr als ein politischer Besuch

Der Bundespräsident reiste nach Coventry, um in den Ruinen der Kathedrale einen Kranz niederzulegen und an einem Gedenk- und Versöhnungsgottesdienst teilzunehmen – an einem Ort, der daran erinnert, dass Frieden nicht selbstverständlich ist und Versöhnung keine abgeschlossene Geschichte kennt.

Dass der Bundespräsident diesen Ort aufsuchte, verlieh einer Haltung öffentliche Geltung, die die Nagelkreuzgemeinschaft seit 1947 prägt: Erinnerung und Zukunft müssen zusammen gedacht werden, und Versöhnung beginnt mit dem Blick auf die Wahrheit der Geschichte.

Autor: Niels Faßbender mit einem Beitrag von John Witcombe, Dean of Coventry

14. November 1940 – Gedenken in Coventry und Münster

Foto: Tim Wagner

Am 14. November 2025 fanden in Coventry und in Münster zwei miteinander verbundene Ereignisse statt: In Coventry erinnerte die Stadt an die Zerstörung von 1940. In Münster versammelte sich die Nagelkreuzgemeinschaft zu ihrer Mitgliederversammlung – im Wissen, dass uns Geschichte, Auftrag und Hoffnung mit Coventry verbinden. Canon Kate Massey, an der Kathedrale verantwortlich für Arts and Reconciliation, war an diesem Abend bei uns in Münster.

Am 14. November 1940 wurde Coventry in einer einzigen Nacht schwer zerstört. Viele Menschen verloren ihr Leben, die alte Kathedrale brannte aus, und die Stadt trug über Jahrzehnte die Spuren dieser Verwundung. 85 Jahre später erinnert Coventry an dieses Ereignis – nicht nur mit Trauer, sondern auch mit der Haltung, die dort geboren wurde: Versöhnung statt Vergeltung.

Auch wir haben uns in Münster diesem Gedenken angeschlossen: Wir erinnern die Opfer, die Toten und die Verwundeten. Wir denken an die Familien, deren Leben von dieser Nacht gezeichnet wurde. Und wir erinnern an die Bereitschaft der Menschen in Coventry, trotz des erlittenen Unrechts die Hand auszustrecken.

Dass ausgerechnet von dort – aus den Ruinen einer zerstörten Stadt – ein Zeichen der Versöhnung in die Welt ging, bleibt für uns Verpflichtung und Geschenk zugleich. Es erinnert uns daran, wie wichtig ein ehrliches Erinnern ist: ohne Verharmlosung, ohne Schuldverschiebung, ohne einfache Deutungen.

In Münster haben wir diesem Geist Raum gegeben: Mit Stille, Gebet und dem gemeinsamen Ruf nach Frieden. Wir haben unsere eigene Verantwortung benannt – für eine Erinnerung, die der Wahrheit verpflichtet bleibt; für eine Haltung, die Hass und Feindbilder nicht verstärkt; für ein Miteinander, das Unterschiede nicht gegeneinander ausspielt.

Unsere jüngsten Nagelkreuzzentren haben an diesem Abend mit uns eine Kerze entzündet. Sie alle haben in den vergangenen Monaten Coventry auf einer Pilgerreise besucht und sind dort dem Ort begegnet, an dem alles begann. Das wäre nicht möglich, wenn nicht Menschen in Coventry nach 1940 den Mut gefunden hätten, Frieden zu suchen statt Vergeltung. Ihr Zeichen erinnert uns daran, dass dieser Weg weitergeht – hinein in unsere Städte und Gemeinden und in eine Gegenwart, die den Frieden nicht weniger dringend braucht.

Wir gedenken gemeinsam mit Coventry. Wir danken für die ausgestreckte Hand von damals. Und wir erneuern unseren Auftrag, heute Wege der Versöhnung zu gehen – über Grenzen hinweg, im Bewusstsein unserer Geschichte und im Vertrauen auf den Frieden, den Gott verheißen hat.

Autor: Niels Faßbender

Unterwegs in Richtung Versöhnung – Pilgerfahrt nach Coventry

Die Teilnehmer:innen der Pilgerfahrt noch Coventry. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Vom 27. bis 30. Mai 2025 fand die diesjährige Frühjahrs-Pilgerfahrt zur Kathedrale von Coventry statt – mit Teilnehmer:innen aus der Kirchengemeinde Stade, den Stadtkirchengemeinden Kassel und Hanau, der [Link->Stadtkirche Darmstadt] und der [Link->Stadtkirche Pforzheim] sowie aus Gemeinden in Brisbane (Australien), Los Angeles, Bristol und von der Organisation „Embrace the Middle East“. Leitungskreismitglied Christian Roß berichtet von einer intensiven Reise mit geistlichen Impulsen, Gesprächen über Versöhnung und vielen Begegnungen an einem Ort, der für unsere Gemeinschaft eine besondere Bedeutung hat.

Unsere Reisegruppe aus der Region Südwest ist bereits am Montagnachmittag in Coventry angekommen, und wir haben beim Abendessen erste Kontakte mit einer Pfarrerin aus Australien geknüpft. Den etwas verregneten Dienstag nutzten wir zu einem Besuch in Coventrys Transportmuseum, das die Geschichte Coventrys als Mobilitätszentrum erzählt und Einblicke in die Produktion von Fahrrädern und Autos gibt. Natürlich sind auch die Zerstörung und der Wiederaufbau der Stadt ein wichtiges Thema innerhalb des Museums – das hat uns auf die Tage in der Kathedrale eingestimmt.

Am Dienstagabend startete die Pilgrimage mit der Begrüßung, einem gemeinsamen Abendessen und einer Komplet. Im Laufe der kommenden Tage gab es ein dichtes und inspirierendes Programm. Es begann jeweils früh morgens um 8.30 Uhr mit dem Morgengebet und der Abendmahlsfeier.

Am Mittwoch erhielten wir eine Führung durch die Ruine der alten Kathedrale und durch die neue Kathedrale – in einer deutschsprachigen und einer englischsprachigen Gruppe. Wir lernten die besondere Architektur des Ensembles auf dem Kathedralhügel kennen und erfuhren viel über die Geschichte des Ortes, seine Kunstwerke und die ihnen innewohnende Geschichte von Tod und Auferstehung, von Zerstörung, Versöhnung und Wiederaufbau.

Dean John ging in seinem Vortrag zunächst auf die Versöhnungsarbeit an der Kathedrale ein, erläuterte ihre Grundsätze, Werte und Haltungen und stellte einige konkrete Versöhnungsprojekte und Initiativen der Kathedrale vor.

Es war beeindruckend zu sehen, wie die Kathedrale ausgehend von ihrer Geschichte von Zerstörung und Wiederaufbau ihre tägliche Arbeit lebt. Es wurde deutlich, welch transformative Kraft und kreative Energie aus der Ausrichtung auf diese Geschichte erwächst. Inspirierend war auch, mit welcher inneren Haltung alle Mitarbeiter:innen an der Kathedrale sich der Arbeit widmen. Deutlich spürbar war für uns alle der erste Grundsatz „Hospitality – Gastfreundschaft“, der alle Aktivitäten der Kathedrale als wichtigster Wert prägt – dicht gefolgt von Spiritualität und Gebet.

Auf die Vorstellung der Arbeit der Kathedrale folgte ein Gespräch über die biblischen Grundlagen der Versöhnungsarbeit und darüber, was Versöhnung eigentlich bedeutet. Es entspann sich auch eine Diskussion darüber, ob wir in der Nagelkreuzgemeinschaft eigentlich Pazifisten sein sollten oder uns als Friedensstifter betrachten. Dean John erklärte seine Haltung dazu: Friedensstifter zu sein, aber kein Pazifist – wie er es schon in seiner bemerkenswerten Predigt nach der Reise nach Odessa ausgeführt hatte. Auch diese Haltung begründete er aus der Geschichte und der Erfahrung der Kathedrale heraus.

Inhaltliche Arbeit an Versöhnungsthemen. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Schließlich war nachmittags Platz für die Vorstellung der anwesenden Gemeinden und Werke, bevor der Tag mit einer gemeinsam gesungenen Komplet in deutscher Sprache nach lutherischer Tradition in der Kapelle „Christ the Servant“ endete.

Ein besonderer Dank sei schon hier den beiden Interns Constanze und Alwine ausgesprochen, die alles kompetent ins Deutsche bzw. Englische übersetzt haben, sodass auch Menschen, die im Englischen nicht so fit sind, gut folgen konnten.

Der Donnerstagmorgen war dem Schulnetzwerk ICONS gewidmet, und Alwine gab uns Einblicke in die Arbeit und die Programme, die Schulen im Versöhnungsnetzwerk zur Verfügung gestellt werden. Außerdem erfuhren wir Näheres zur Struktur, Organisation und Arbeit der weltweiten Nagelkreuzgemeinschaft von der Koordinatorin Alice Farnhill.

Mittags besuchten wir gemeinsam den Festgottesdienst zum Himmelfahrtstag in der Kathedrale.

Der Nachmittag war einem Pilgerweg über den Hilltop gewidmet, auf dem wir über Fragen von Krieg und Frieden und unsere Arbeit der Versöhnung anhand verschiedener Stationen meditiert haben. Wir besuchten gemeinsam mit dem Canon für Worship und Welcome, Nitano Muller, die Überreste der mittelalterlichen Abtei, die Trinitatiskirche, die Ruine der alten Kathedrale und endeten wiederum in der neuen Kathedrale.

Am Abend hatten wir dann noch die Gelegenheit, bei einer Probe der Glöckner im Turm der alten Kathedrale zuzuschauen. Das war etwas ganz Besonderes, denn die neun Glocken werden von Hand geläutet – und das auf eine sehr spezielle Art, die nur in England gepflegt wird. Eine Gruppe aus sieben Personen – vom Jugendalter bis ins Rentenalter – probte verschiedene Melodien und Läuteschemata. Ein besonderes Erlebnis!

Der Abschluss am Freitag war konkreten Fallstudien in der Versöhnungsarbeit gewidmet und wurde von David Porter geleitet, der lange Zeit Canon of Reconciliation in Coventry war. Auf beeindruckende Weise haben wir hier Versöhnungsarbeit im Kleinen wie im Großen besprochen: „Act local, think global“ – das war eine wichtige Erkenntnis dieses Vormittags. Mit einem gemeinsamen Mittagessen und der Verabschiedung endete eine intensive und inspirierende Zeit an der Kathedrale.

Neben dem umfangreichen Programm der Pilgrimage war natürlich auch der Austausch unter den Teilnehmer:innen in den Pausen, beim gemeinsamen Essen oder abends im Pub ein wertvoller Teil der Woche in Coventry!

Unsere Südwest-Reisegruppe ist erst am Samstag zurückgeflogen, sodass wir am Freitag noch Zeit für den Besuch der Herbert Art Gallery hatten und am Samstagvormittag noch das große Event mit vielen historischen Oldtimern in der Stadt erleben konnten. Hier wurden bei bestem Wetter auf allen Plätzen der Innenstadt und sogar innerhalb der Ruinen der Kathedrale private Oldtimer ausgestellt. Auch das versteht die Kathedrale unter Gastfreundschaft!

Ein Interview mit Teilnehmer Ingo Mörl lesen sie hier. Die nächste Pilgrimage findet vom 12. bis 15. November 2025 statt. Für Bewerber um ein Nagelkreuz ist die Teilnahme obligatorisch.

Autor: Christian Roß

 

Feierliche Einführung von Kate Massey als Canon for Arts and Reconciliation in Coventry

Am 15.06. wurde Kate Massey von Bischöfin Sophie als neue Canon for Arts and Reconciliation in Coventry eingeführt. Foto: Frank Herzog

Ein besonderer Tag für Coventry – und ein bewegender Moment für die internationale Nagelkreuzgemeinschaft: Am Sonntag, dem 15. Juni 2025, wurde Kate Massey im Rahmen eines festlichen Choral Evensong in ihr neues Amt als Canon for Arts and Reconciliation an der Kathedrale von Coventry eingeführt. Die lichtdurchflutete Kirche, selbst ein Symbol für Hoffnung, Wandel und Neuanfang, bot den würdigen Rahmen für diese Einführung. Menschen aus Kathedrale, Stadt und Nagelkreuzgemeinschaft waren gekommen, um mitzufeiern. In der feierlichen Atmosphäre war die Geschichte des Ortes spürbar – ebenso wie das Vertrauen, das Kate für ihre neue Aufgabe entgegengebracht wird.

Von der Ärztin zur Versöhnerin – Kate Masseys Weg

Kate Massey bringt einen Lebensweg mit, der Brüche kennt – und gerade dadurch eine besondere Tiefe entfaltet. Ursprünglich arbeitete sie als Ärztin in der Psychiatrie, bevor sie ihre geistliche Berufung in der Kirche fand. 2011 wurde sie in der Kathedrale von Coventry zur Priesterin geweiht. Zuvor war sie im National Health Service (NHS) tätig. Seit 2015 war sie Pfarrerin (Vicar) in Stockingford im Norden der Diözese Coventry. Die Verbindung zur Kathedrale blieb dabei stets lebendig: 2022 wurde sie zur Ehrendomkapitularin (Honorary Canon) ernannt – eine Auszeichnung für ihre Nähe zur Kathedrale und ihr Engagement für deren Versöhnungsarbeit.

Ein zentrales Anliegen ihres Wirkens ist die Stärkung von Frauen in der Kirche. Über siebeneinhalb Jahre gestaltete sie als Dean of Women’s Ministry die Förderung von Frauen im kirchlichen Dienst in der Diözese Coventry mit. Seit 2019 ist sie außerdem Vorsitzende der National Association of Diocesan Advisers in Women’s Ministry (NADAWM) – dem landesweiten Netzwerk kirchlicher Frauenbeauftragter. Ihr Anliegen war nie Repräsentation allein, sondern die Transformation von Strukturen: hin zu Gleichwürdigkeit, Teilhabe und geistlicher Tiefe – auch im Miteinander der Geschlechter.

Für Kate Massey gehören Gerechtigkeit und Versöhnung untrennbar zusammen. Versöhnung meint für sie nicht nur das Brückenbauen zwischen Völkern und Religionen, sondern auch innerhalb der Kirche – zwischen Generationen, Lebenswirklichkeiten, Perspektiven. Ihre Erfahrungen als Ärztin, Pfarrerin und Frauenbeauftragte haben sie dafür sensibilisiert, wie tief Konflikte und Ausschlüsse wirken – und wie heilsam es ist, wenn Gemeinschaft gelingt.

Derzeit arbeitet sie an einer Promotion (Ph.D.) über Versöhnung – inspiriert von der Geschichte und Gegenwart der Kathedrale von Coventry. Ihr Weg verbindet analytischen Verstand mit Empathie, geistlicher Klarheit und einem kreativen Blick für das Kommende – beste Voraussetzungen, um der Versöhnungsarbeit von Coventry neue Impulse zu geben.

Als Canon for Arts and Reconciliation übernimmt Kate Massey nun eine zentrale Rolle an der Kathedrale. Das Amt – einzigartig in seiner Verbindung von Kunst, Theologie und Friedensarbeit – umfasst die Leitung und Weiterentwicklung der kulturellen und versöhnenden Arbeit der Kathedrale. Sie wird die verschiedenen Teams koordinieren, neue Projekte anstoßen und mit Partner*innen weltweit zusammenarbeiten – insbesondere innerhalb der internationalen Nagelkreuzgemeinschaft.

Sie tritt die Nachfolge von Mary Gregory an, die das Amt seit 2022 innehatte und Ende 2024 zur Regionalbischöfin von Reading ernannt wurde.

Feierliche Amtseinführung im Kreise von Kolleg*innen, Freund*innen und Familie. Foto: Frank Herzog

Feierlicher Auftakt: Choral Evensong in der Kathedrale

In einem feierlichen Choral Evensong wurde Kate Massey in ihr Amt eingeführt. Für die musikalische Gestaltung sorgte der Kathedralchor unter der Leitung von Rachel Mahon – festlich, würdig und mit jener Prise anglikanisch-britischer „Pomp and Circumstances“, die aus jedem Gottesdienst ein Fest macht.

Bischöfin Sophie Jelley, die neue Diözesanbischöfin von Coventry, hielt die Predigt. Mit großer Wertschätzung zeichnete sie Kate Masseys Lebensweg nach – von der Medizin in die Theologie, von der Seelsorge zur strukturellen Veränderungsarbeit. Sie würdigte ihren Einsatz für Gerechtigkeit und Teilhabe und stellte die Bedeutung der Versöhnungsarbeit der Kathedrale klar in den Mittelpunkt.

Auch Kate Masseys Familie war Teil der Feier: Ihr Ehemann Liam und die drei Töchter Niamh, Erin und Anna waren anwesend. Ein besonders persönlicher Moment war, als Tochter Erin eine der Schriftlesungen übernahm. Neben zahlreichen Vertreter*innen der Kathedrale und der internationalen Nagelkreuzgemeinschaft waren auch enge Freundinnen und Freunde gekommen – ein Ausdruck gelebter Verbundenheit.

Zum Abschluss erklang der Hymnus „Praise to the Lord, the Almighty“ – ein Lied, das Kate sich ausdrücklich gewünscht hatte. Die ursprünglich deutsche Komposition und Dichtung („Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“) gehört auch in England zu den bekanntesten und beliebtesten Kirchenliedern. Dass sie an diesem Nachmittag in Coventry erklang, war ein eindrucksvolles Zeichen dafür, wie geistliche Traditionen über Ländergrenzen hinweg verbinden.

Glück- und Segenswünsche von Niels Faßbender im Namen der deutschen Nagelkreuzgemeinschaft Foto: Frank Herzog

Glückwünsche und Geschenke zum Amtsantritt

Nach dem Gottesdienst setzten sich die Feierlichkeiten bei einem Empfang fort, der von herzlicher Begegnung und internationaler Gemeinschaft geprägt war. Mitglieder der Kathedrale und der Nagelkreuzgemeinschaft nutzten die Gelegenheit, Kate Massey persönlich zu gratulieren.

„Als deutsche Nagelkreuzgemeinschaft sind wir dankbar, diesen Weg der Versöhnung gemeinsam gehen zu dürfen. Liebe Kate, Du trittst ein Amt an, das reich an Geschichte und voller Hoffnung ist. Wir freuen uns auf Deine Stimme, Deine Sichtweise, Deine Schritte, und wir werden Dich begleiten. Gott segne Dich und Deinen Dienst“ lautete die Grußbotschaft von Niels Faßbender, der für den Vorstand der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V. zusammen mit seinem Ehemann Frank Herzog nach Coventry gereist war. Mit einem Augenzwinkern überreichten die beiden drei symbolische Geschenke:

Erstens ein T-Shirt mit dem Aufdruck des Nagelkreuzes – ein Hinweis darauf, dass Versöhnung nicht nur in liturgischem Gewand von der Kanzel aus wirkt, sondern dort, wo Menschen einander im Alltag begegnen – auf der Straße, im Gespräch, im Zusammenleben.

Zweitens eine Flasche „Würzburger Domherr“ – ein Wein aus der Stadt, in deren Gefängnis die Nagelkreuze für Coventry gefertigt und von dort aus in die Welt gebracht werden. Der Wein steht für geteilte Mahlzeiten, Zuhören und Lebensfreude. Sein Name – „Domherr“, also „Canon“ – erinnert an Zeiten, in denen kirchliche Entscheidungen ausschließlich von Männern getroffen wurden. Heute verweist er auf Kates bisherige Arbeit für Frauen und ihr neues Amt als „Domfrau“ – und damit zugleich darauf, dass Wandel möglich ist.

Drittens ein kleines Schild mit der Aufschrift „Versöhnung ist…“ – eine Einladung, nachzudenken, zuzuhören und miteinander ins Gespräch zu kommen – auch über Sprachgrenzen hinweg. Das englischsprachige Original hatte Mary Gregory im vergangenen Jahr nach Deutschland gegeben. Nun kam eine deutsche Version zurück – als Zeichen gegenseitiger Verbundenheit und des Willens, die Bedeutung von Versöhnung gemeinsam weiterzudenken, offen und auf Augenhöhe.

In ihren Dankesworten zeigte sich Kate Massey sichtlich bewegt von der Wertschätzung und den Erwartungen, mit denen sie willkommen geheißen wurde. Die Nagelkreuzgemeinschaft – in Deutschland und weltweit – freut sich auf die Zusammenarbeit. Möge Gottes Segen Kate auf jedem Schritt begleiten, während sie ihre Stimme für Versöhnung und Frieden erhebt. Alles Gute, Kate, und herzlich willkommen in unserer Gemeinschaft!

Autor: Niels Faßbender

 

Zwischen Friedensstiftern und Oldtimern – Interview mit Ingo Mörl über seine Pilgerfahrt nach Coventry

Ingo Mörl. Foto: Ev. Dekanat Darmstadt

Im Mai 2025 nahm Ingo Mörl aus Mühltal bei Darmstadt an der Frühjahrs-Pilgerfahrt zur Kathedrale von Coventry teil – gemeinsam mit einer Gruppe aus der Region Südwest und weiteren Teilnehmenden aus drei Kontinenten (darüber berichten wir [Link->hier]). Die Tage in Coventry haben ihn tief bewegt. Nach der Rückkehr entschloss er sich, Einzelmitglied unserer Gemeinschaft zu werden. Im Interview berichtet er, was ihn an der Pilgrimage besonders berührt hat, wie sein persönlicher Weg der Versöhnung aussieht, und warum Coventry für ihn mehr ist als ein geschichtsträchtiger Ort.

Hallo Ingo, möchtest Du Dich kurz vorstellen?

Mein Name ist Ingo Mörl, und ich bin 66 Jahre alt. Ich wohne in Mühltal in der Nähe von Darmstadt. Bis zum November 2024 war ich seit 1984 beim Evangelischen Dekanat Darmstadt (Land) beschäftigt – zunächst in der Kinder- und Jugendarbeit, später in der Erwachsenen- und Familienbildung (Dipl. Rel. Päd.; Magister Artium). Ich bin verheiratet, habe zwei Töchter und drei Enkel. Meine Frau ist noch berufstätig und arbeitet als Gemeindepädagogin in Eberstadt.

Wie bzw. wann hast Du erstmals bewusst vom Nagelkreuz gehört?

Die Nagelkreuzarbeit kenne ich schon viele Jahre, weil ich immer regelmäßig zum Brandnachtgottesdienst am 11. September in die Stadtkirche Darmstadt gehe – ein jährlicher Gottesdienst zur Erinnerung an den verheerenden Bombenangriff im Jahr 1944. In den 80er Jahren war ich in der Friedensbewegung aktiv; damals ging es um die sogenannte NATO-Nachrüstung und die russische Bedrohung durch die SS-20-Raketen.

Warum hast Du an der Pilgrimage teilgenommen?

Ich habe viele Jahre lang deutsch-französische und deutsch-polnische Jugendbegegnungen organisiert. Von 1986 bis zum Fall der Mauer gehörten auch Begegnungen zwischen ost- und westdeutschen Jugendlichen dazu. Später, in der Erwachsenenbildung, standen Studienfahrten zu protestantischen Minderheiten in Europa auf dem Programm. Aufgewachsen in direkter Nachbarschaft von Wiesbaden-Erbenheim, dem heutigen Headquarter der USA für Europa und Afrika, ist mir auch der Kontakt zu Amerikanern nicht fremd.

Hattest Du bestimmte Erwartungen? Und wenn ja, wurden sie erfüllt?

Neuen Erfahrungen begegne ich immer mit niedrigen Erwartungen – aber ich bin neugierig und höre meinem Gegenüber gespannt zu. Ich bin tief beeindruckt von der Arbeit in Coventry. Sie ist keineswegs nur rückwärtsgewandte Erinnerungsarbeit, sondern sucht auch nach neuen Ansätzen der Versöhnungsarbeit in Konflikten unter Jugendlichen und Erwachsenen. Ich bin gespannt auf die Mitgliederversammlung in Münster.

Was hat Dir besonders gut gefallen bzw. Dich beeindruckt? Oder im Gegenteil?

Da könnte ich vieles nennen: das Oldtimer-Treffen in der Kathedrale oder das Transportmuseum – so etwas hatte ich gar nicht erwartet, und deswegen war ich ja auch nicht hingefahren. Besonders beeindruckt war ich von dem Vortrag von Dean John und seiner Feststellung: Wir sind keine Pazifisten, sondern Friedensstifter. Darüber würde ich gerne weiter nachdenken.

Hast Du etwas zur Gruppe bzw. den anderen Teilnehmenden aus insgesamt drei Erdteilen zu bemerken?

Beeindruckt war ich auch von der Versöhnungsarbeit in Australien mit den Aborigines und der Arbeit in Irland. Von mehrfachen Besuchen kenne ich die Arbeit von Iona in Schottland und Corrymeela in Irland. Dass Menschen eine so weite Reise auf sich nehmen, zeigt einmal mehr die auratische Ausstrahlung der Ruinen der Kathedrale in Coventry. Ich fühlte mich oftmals an den Disibodenberg (Hildegard von Bingen) erinnert.

Geht es weiter mit Dir und dem Nagelkreuz?

Ich habe meinen Antrag auf Mitgliedschaft abgesendet. Ich danke Christian Roß sehr für die Organisation der Fahrt nach Coventry und dafür, dass er nach dem Weggang von Pfarrer Knodt an der Stadtkirche in Darmstadt den Fortgang dieser wichtigen Arbeit gesichert hat. Ich fühle mich gut angekommen. Versöhnungsarbeit spielte in meiner Herkunftsfamilie eine große Rolle. Hier trafen Wehrmacht und Widerstand, Protestanten und Katholiken, Sozialdemokraten und Konservative, Hessen, Sudetendeutsche und Westpreußen aufeinander. Deswegen halte ich auch Kreisau in Polen und die Ideen des Kreisauer Kreises für einen sehr wichtigen Ort des Nachdenkens.

Die Fragen stellten die Mitreisenden Doris Hartwich und Gernot Härdt, Nagelkreuzzentrum Pforzheim/Stadtkirche, und Christian Roß, Nagelkreuzzentrum Stadtkirche Darmstadt.

 

Canon Mary Gregory wird Bischöfin in Reading

Mary Gregory. Foto: Diocese of Oxford

Mary Gregory, Domkapitularin für Kunst und Versöhnung an der Kathedrale von Coventry, wird Bischöfin in Reading in der Diözese Oxford der Kirche von England. König Charles III. hat der Ernennung am 27. November 2024 zugestimmt. Die neue Bischöfin wird im Frühjahr 2025 in ihr Amt eingeführt werden.

Seit 2022 ist Mary „Canon Residentiary for Arts and Reconciliation“ an der Kathedrale von Coventry. Viele Mitglieder und Freund:innen unserer Gemeinschaft haben Mary auf Pilgerfahrten nach Coventry kennengelernt und in ihr Herz geschlossen. Zuletzt war sie im November 2024 zur Übergabe der Nagelkreuze an die Hamburger Hauptkirchen bei uns in Deutschland. U. a. hielt sie die Predigt im Festgottesdienst zur Übergabe der Kreuze.

Im Namen der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V. hat Vorsitzender Dr. Oliver Schuegraf Mary herzlich zu ihrer Ernennung gratuliert. „Für uns ist es traurig, dass sie bald nicht mehr die Versöhnungsarbeit der Kathedrale von Coventry mitgestalten und prägen wird“, so Schuegraf. „Wir werden ihre theologischen und praktischen Impulse, ihre Kreativität und ihre zugewandte Persönlichkeit sehr vermissen. Auf all diese Fähigkeiten und Eigenschaften darf sich nun ihre neue Diözese freuen und ich bin mir sicher, dass all dies ihrem neuen Dienst zugutekommen wird. Wir wünschen Canon Mary Gottes Segen und alles erdenklich Gute für ihre neuen Aufgaben.“

Mary wuchs im ländlichen Leicestershire und Lincolnshire auf, bevor sie an der Universität Birmingham Englisch studierte. Nach ihrem Abschluss arbeitete sie zehn Jahre als Strafvollzugsbeamtin und zuletzt als Gefängnisdirektorin. Sie war an einer Untersuchung der Vorfälle im Maze-Gefängnis in Nordirland beteiligt, wodurch ihr Interesse an Versöhnungsarbeit geweckt wurde. Mary studierte Theologie in Birmingham und Durham. Thema ihrer Masterarbeit war das Verhältnis von Evangelium und Kunst. In ihrer Dissertation befasste sie sich mit der kulturellen Aneignung des Holocaust in Auschwitz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Ihr Vikariat und ihre erste Amtszeit verbrachte sie in der Diözese Sheffield, wo sie 2006 zur Priesterin geweiht wurde und u. a. als Dekanin für Frauenarbeit tätig war. 2015 wurde Mary zur Team-Rektorin mehrerer Gemeinden der Diözese Leicester ernannt. Ab 2020 war sie auch als Diözesanbeauftragte für die ländliche Mission tätig, bis sie 2022 nach Coventry kam.

Autor: Niels Faßbender

 

„Mir fällt kein Ort ein, an dem ich gerade lieber wäre“ – Eine Freiwillige berichtet aus Coventry

Foto: Sabrina Gröschel

Jährlich leisten junge Frauen oder Männer als Freiwillige des Nagelkreuzzentrums Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) einen zwölfmonatigen Friedensdienst an der Kathedrale von Coventry. Die Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V. unterstützt diese Arbeit u. a. mit einem jährlichen finanziellen Zuschuss von zurzeit 4.000 €. Seit September 2023 ist Lea Rischmüller aus Hildesheim in Coventry. Vor einiger Zeit hat sie an Aktion Sühnezeichen über ihren Aufenthalt berichtet. Wir freuen uns, ihre ersten Eindrücke auch hier abdrucken zu können.

Ich bin Lea Rischmüller, 19 Jahre alt und mein Weg zu ASF hat eigentlich in Weston-super-Mare angefangen, der englischen Partnerstadt meiner Heimatstadt Hildesheim. Wann immer ich hier jemandem davon erzähle, schaue ich in entsetzte Gesichter – die Stadt ist wohl nicht unbedingt für ihre Schönheit bekannt. Aber dorthin habe ich mit 14 einen Austausch gemacht und hatte seitdem so ein Gefühl, dass ich gerne mal eine längere Zeit in Großbritannien verbringen würde. Auch wenn ich als unabhängige kleine Schwester natürlich gerne behaupten würde, dass ich selbst das Konzept Freiwilligendienst für mich entdeckt hätte, war es wohl meine große Schwester, durch die ich darauf gestoßen bin. Ich interessiere mich außerdem sehr für Politik und Geschichte, also habe ich mich im Herbst letzten Jahres bei mehreren Freiwilligendienstorganisationen beworben, die Projekte in der politischen bzw. historischen Bildungsarbeit und in Großbritannien anbieten. Der Bewerbungsprozess hatte mich schon in ein, zwei mittelschwere persönliche Krisen gestürzt, als im Februar 2023 das Angebot von ASF kam, dass ich mit ihnen einen Freiwilligendienst in der Kathedrale von Coventry in England machen könnte. Das hat sich direkt ziemlich richtig angefühlt, ich habe den unterzeichneten Vertrag abgeschickt und mich gefreut. Mit dem großen Muffensausen musste ich dann hauptsächlich in der Woche vor meiner Ausreise fertig werden. Ich weiß noch genau, wie ich krank in meinem Bett lag und mich selbst ganz wehleidig gefragt habe, warum ich überhaupt jemals nach England wollte, obwohl das ja unendlich weit weg ist; was passiert, wenn ich dort krank werde und sich niemand um mich kümmert; und mir eingeredet habe, dass ich nicht mal ein paar Tage in Coventry überstehen werde. So drehte sich die Gedankenspirale in mir abwärts, aber egal, wie sehr ich mich in meinem vermeintlichen Leid gesuhlt habe, für einen Rückzieher war es eh zu spät. Am 4. September 2023 saß ich letztendlich doch mit meinen zwei Koffern und meinem Rucksack im Zug auf dem Weg zum Vorbereitungsseminar.

Hilltop – Ausgangspunkt der „Coventry Story”

Die Seminartage in Krakau und London waren aufregend und cool, aber vor allem auch zu viel. Zu viele neue Menschen, zu viele Eindrücke und zu viel Realisation, dass dieses Auslandsjahr, was ich mir so lange in meinem Kopf ausgemalt habe, jetzt wirklich passiert. Zehn Tage später sind meine Mitfreiwillige Blanka und ich dann entsprechend übermüdet und überfordert in Coventry angekommen. Dort wurden wir sehr nett von Alice, der Zuständigen für Freiwillige in der Kathedrale, empfangen und in ihrem kleinen roten Fiat einzeln (für drei Menschen und vier Koffer war leider nicht genug Platz) vom Bahnhof zu unserer Wohnung gebracht. Was genau wir in den ersten Tagen gemacht haben, verschwimmt ein bisschen in meinen Erinnerungen, aber wir wurden auf jeden Fall sehr vielen Mitarbeitenden an der Kathedrale vorgestellt und haben versucht, uns in den Gebäuden und Fluren zurechtzufinden. Ich habe mich ein bisschen gefühlt wie am Tag der offenen Tür an meiner weiterführenden Schule und war mir sehr sicher, dass ich mich regelmäßig verlaufen werde.

Foto: Nosipho Radebe

Rückblickend betrachtet ist es aber gar nicht so kompliziert: Ich verbringe den Großteil meiner Zeit auf „Hilltop“, einem Hügel mitten im Stadtzentrum, auf dem alle Gebäude der Kathedrale liegen. Dort befindet sich auch Dewis Lodge, ein verwinkelter Hausteil, der seit Jahren von immer wechselnden Freiwilligen, Praktikanten, Orgelschülerinnen und jetzt eben Blanka und mir bewohnt wird. Jeden Morgen laufe ich dann links eine schmale Kopfsteinpflastergasse hinauf, die sich vor allem bei Nässe als ernstzunehmende Gefahr für Leib und Leben entpuppt, und sehe als erstes die Ruinen der alten Kathedrale. Die wurde zerstört, als Coventry 1940 von der Luftwaffe zerbombt wurde. Anstatt sie wieder aufzubauen oder die noch stehenden Wände komplett abzureißen wurde direkt an die alten Mauern 1962 eine neue Kathedrale gebaut. Mein liebstes Gebäude ist aber St. Michael’s House direkt nebenan, dort sind die Büros vom Events- und vom CCN-Team, also den Teams, denen ich hauptsächlich zugeteilt bin. Mittwochs und donnerstags arbeite ich mit Alice für die „Community of the Cross of Nails“ (CCN), eine internationale Gemeinschaft christlicher Kirchen, die aus dem Versöhnungsgedanken nach der Zerstörung der alten Kathedrale entstanden ist. Der damalige Propst hat, anstatt Rache zu schwören, angefangen, Kontakt mit anderen zerstörten Städten und Kirchen vorrangig in Deutschland zu knüpfen. Diesen wurde dann irgendwann Kreuze aus Dachnägeln des eingefallenen Kirchendachs als Symbol der Verbundenheit überreicht und somit hat sich die „Coventry Story“, wie sie hier genannt wird, als Inspiration für Friedens- und Versöhnungsarbeit etabliert. Ein großer Teil der Arbeit der CCN ist es, Pilgerreisen nach Coventry anzubieten. In meiner Zeit hier habe ich deswegen schon eine Gruppe aus den Hamburger Hauptkirchen und eine aus verschiedenen Kirchen nahe Karlsruhe mitbetreut, die Seminare und Führungen zur Geschichte der Stadt und zur Versöhnungsarbeit bekommen haben. Ansonsten designe ich an meinen CCN-Tagen zum Beispiel den Newsletter oder bearbeite Anfragen aus Partnergemeinden.

Schottischer Volkstanz unterm Nagelkreuz

Montags, dienstags und freitags bin ich wiederum beim Arts-&-Events-Team, was abgesehen von mir aus Georgia, Molly und Tim besteht. Die drei sind Mitte zwanzig und nutzen die Räume der alten und neuen Kathedrale für alle möglichen Events. Manche sind monatlich angesetzt, wie zum Beispiel Filmscreenings, Yoga-Stunden oder das „Let’s chill: Baby-Hangout“.

Weihnachtliches Fotoshooting mit dem Eventsteam
Foto: Sarah Scouller

Bei letzterem können Eltern mit ihren Babys einen Vormittag lang auf einer großen Spielmatte vor dem Buntglasfenster in der neuen Kathedrale spielen (klang auch nach einem etwas komischen Konzept für mich, aber die Kinder scheinen unter dem Licht vom Fenster und so in der Ruhe der Kirche sehr gut entspannen zu können). Und dann stehen immer wechselnde Veranstaltungen an, die teilweise vom Team selbst und teilweise von externen Veranstaltern ausgerichtet werden. Seit ich hier bin, gab es schon ein Herbstfest in den Ruinen, mehrere klassische Konzerte und Kunstausstellungen, einen großen Flohmarkt, ein Wein-Tasting und vieles mehr. Das Spektrum des Möglichen ist auf jeden Fall breit, was mich anfangs auf jeden Fall positiv überrascht bis ein bisschen verwirrt hat. Dass eine Kirche für so viele Veranstaltungen genutzt wird, die wenig bis gar nichts mit Gott oder Glauben zu tun haben, kannte ich von zuhause nicht in dem Ausmaß. Wobei es auch hier natürlich Grenzen gibt: alles, was mit Halloween oder ähnlich ketzerischen Festen zu tun hat, ist zum Beispiel Tabu. Da jede Woche unterschiedliche Veranstaltungen anstehen, habe ich keinen festen Arbeitsablauf. An Tagen mit Events helfe ich vorher meistens beim Getränke einkaufen, Stühle stellen, dekorieren, Bar aufbauen oder sonstigen Vorbereitungen. Die Arbeit bei den Veranstaltungen an sich besteht dann manchmal aus Tickets kontrollieren, Getränke und Snacks verkaufen und selbst mitmachen, manchmal auch nur aus Toiletten zeigen und im Hintergrund bereitstehen, falls die Veranstalter:innen Probleme haben. Mein Highlight bis jetzt war auf jeden Fall das Step-into-Christmas-Weekend (die Elton-John-Referenz habe ich erst sehr spät verstanden) am ersten Adventswochenende. Freitagabends ging es mit einem Ceilidh los, das ist ein schottisch-irischer Volkstanz. Dafür haben wir die Kathedrale von allen Stühlen befreit, es kam eine traditionelle Band und eine Ansagerin und man hat in Paaren verschiedene Tänze beigebracht bekommen. Wir haben Glühwein und Mince Pies verkauft, immer abwechselnd selbst mitgetanzt und die Stimmung war super.

Verantwortung übernehmen

Am Samstag hatten wir dann einen vollen Tag mit zwei Vorführungen des Weihnachtsfilms „Nativity!“, der in Coventry spielt und teilweise in den Ruinen gedreht wurde, und einem kleinen Weihnachtsmarkt mit lokalen Hersteller:innen von Schmuck, Weihnachtskarten, Deko etc. in der Kathedrale. Darber habe ich mich am meisten gefreut, denn es war mein erstes kleines Projekt, die Stände dafür auszuwählen. Man konnte sich online bewerben, ich habe mir die Bewerbungen angeschaut, die besten ausgewählt und mit den Standbetreiber:innen über alle Details gemailt. Das klingt jetzt vielleicht nicht so weltbewegend, aber das war das erste Mal, dass ich die Hauptverantwortung für etwas hatte und die Stände an dem Tag dann in echt zu sehen, war ein sehr cooles Gefühl.

Step-into-Christmas-Weihnachtsmarkt
Foto: Lea Rischmüller

Was allerdings auch zu meinem Arbeitsalltag gehört, ist, dass ich an Tagen ohne Veranstaltungen noch oft ins Büro komme, ohne zu wissen, was ich heute zu tun habe. Ich gestalte dann Poster, bastele Deko, suche Fotos oder Videos für Social Media raus, recherchiere für anstehende Events und mache (elementar wichtiger Freiwilligen-Job!) Tee für alle. Hin und wieder sitze ich auch nur da, unterhalte mich mit den anderen und warte, bis es wieder etwas für mich zu tun gibt. An manchen Tagen stört mich das gar nicht, an anderen komme ich mir dadurch ein bisschen wie die nutzlose Praktikantin vor. Wahrscheinlich gehört das auch teilweise zur Position einer Freiwilligen dazu, aber ich hoffe trotzdem, dass ich in der Zukunft noch mehr feste Aufgaben bekomme, an denen ich arbeiten kann, ohne auf meine Kolleg:innen angewiesen zu sein.

Generell bin ich aber sehr glücklich mit meinem Projekt. Das Arbeitsumfeld ist total herzlich, ich fühle mich nicht unter Druck gesetzt, falls ich irgendeine Aufgabe noch nie gemacht habe und mich erstmal einfinden muss und ich freue mich über jede Zeit mit meinen Kolleg:innen. Ob wir nur im Büro sitzen, gemeinsam Mittagspause machen, bei den Events an der Bar stehen, vorher zusammen kochen und essen oder außerhalb der Arbeit etwas unternehmen – ich habe sie einfach sehr gerne um mich und sie sind eine große Stütze für mich.

Heiligabend bei Wildfremden im Wohnzimmer

Das mag bis jetzt nicht so rüberkommen, aber ich gebe mir tatsächlich Mühe, mir auch ein bisschen ein Leben außerhalb der Kathedrale aufzubauen. Jeden Donnerstagabend singe ich daher im Chor der Warwick Universität und fühle mich seit der ersten Probe sehr wohl dort. Die Gruppe besteht zum einen aus Rentner:innen, mit denen ich in den Pausen sehr gerne einen kleinen Plausch halte, und zum anderen natürlich aus Student:innen, von denen manche mehr und manche weniger offen für Menschen von außerhalb sind. Ich gebe auf jeden Fall mein Bestes, aufgeschlossen zu sein, auf die Leute um mich herum zuzugehen und zum Beispiel im Fall von Amélie hat das sehr gut geklappt.

Foto: Lea Rischmüller

Sie studiert im ersten Semester englische Literatur, singt genauso wie ich 2. Sopran, und seitdem wir das erste Mal in einer Probe nebeneinandersaßen, verbringen wir auch außerhalb des Chores sehr viel Zeit zusammen. Irgendwann hat sie mich sogar eingeladen, über Weihnachten zu ihr und ihrer Familie nach Worcester zu kommen und genau das ist jetzt der Plan. Ich hatte sowieso das Gefühl, dass ich nicht wie meine Mitfreiwilligen für die Feiertage nach Hause fliegen, sondern das so als Teil meines Auslandsjahres hier erleben will, und besser als bei der Familie einer Freundin könnte ich es mir nicht vorstellen. Ob ich das immer noch so cool finde, wenn ich Heiligabend bei wildfremden Eltern im Wohnzimmer sitze, weiß ich nicht, aber das werde ich jetzt wohl herausfinden.

„Get in the bin!“ und Pride-Ohrringe

Ein zusätzlicher Punkt, der für mein Auslandsjahr hier gesprochen hat, war, dass ich Lust hatte, den ganzen Tag eine andere Sprache, am liebsten Englisch, zu sprechen. Über zu wenig Englisch kann ich mich hier auf jeden Fall nicht beschweren, ich kann mich ja anders als andere ASF-Freiwillige nicht mal mit meiner Mitfreiwilligen, die aus Polen kommt, auf Deutsch unterhalten. Dementsprechend denke ich im Alltag gar nicht mehr so viel über den Sprachenunterschied nach und gebe einfach mein Bestes, mich verständlich auszudrücken. Nur wenn jemand beispielsweise ironische Kommentare macht oder meine Kolleg:innen in schnelle Schlagabtausche über irgendwelche englischen Serien oder Bücher geraten, muss ich mein wissendes Gesicht auflegen, ohne wirklich etwas zu verstehen. Dann sitze ich daneben, versuche nachzuvollziehen, was sie meinen und höre manchmal auch nur sehr interessiert zu, welche Sprüche und Redewendungen sie so benutzen. Einer meiner Favoriten stammt aus Georgias Wortschatz. Wenn sie geschockt von dem ist, was ihr jemand erzählt oder etwas gar nicht glauben kann, kommt immer ein sehr empörtes „get in the bin!“ von ihr. Ich würde an der Stelle vielleicht mit „als ob“ oder „das kann doch nicht wahr sein“ reagieren, aber „get in the bin“ trifft das Gefühl viel besser, finde ich. Einen weiteren Favoriten habe ich das erste Mal bei Mary gehört. Sie ist hier Kanonikerin, trägt Pride-Ohrringe, hat ein eigenes Andachtsformat eingeführt, in dem sie sich dem christlichen Glauben über Kunst und Musik nähert und ist einfach die coolste Geistliche, die ich je getroffen habe. Wenn ich eine Aufgabe für sie erledige oder ihr einen Gefallen tue, bedankt sie sich manchmal nicht nur, sondern sagt „You’re a star!“. Und was soll ich sagen, wenn Mary das zu mir sagt, fühle ich mich jedes Mal wie die wertvollste Person der Welt.

Erster Besuch von zuhause
Foto: Nosipho Radebe

Ich hoffe, es kommt rüber, dass ich hier eine sehr gute Zeit habe und mich grundsätzlich wirklich wohl fühle. Trotzdem gibt es auch regelmäßig Tage, an denen ich mich sehr allein fühle, vor allem wenn ich gerade lange mit jemandem zuhause telefoniert habe oder nachdem meine beste Freundin und ihre Mutter, mit denen ich eine sehr tolle Woche hier hatte, wieder abgereist waren. Ich fühle mich dann räumlich, aber auch emotional so weit weg von allen, die ich vermisse, dass ich richtig traurig werde. Wahrscheinlich wird mich dieses Gefühl auch in den nächsten Monaten weiter begleiten, faktisch bin ich ja auch ziemlich weit weg und ziemlich allein.

Immer wenn ich allerdings darüber nachdenke, ob es die richtige Entscheidung war, nach Coventry zu kommen, fällt mir kein Ort ein, an dem ich gerade lieber wäre. Es fühlt sich total richtig an, hier zu sein und ich bin sehr froh, dass sich die krank im Bett liegende und panikschiebende Lea Ende August nicht dazu entschieden hat, die Idee mit dem Freiwilligendienst in England doch noch spontan über Bord zu werfen!

Ich möchte mich abschließend beim Internationalen Jugendfreiwilligendienst (IJFD), bei der Evangelischen Landeskirche Hannovers, bei der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e.V. und bei der Kathedrale von Coventry für die Unterstützung meines Dienstes bedanken. Natürlich geht auch ein sehr großes Danke an meine ASF-Pat:innen – und Chapeau, wenn Sie nicht schon nach der Hälfte dieses Berichtes das Lesen aufgegeben haben!

Autorin: Lea Rischmüller