Was Erinnern mit Versöhnung zu tun hat – Regionaltreffen Bayern in Nürnberg

Wie kann die Erinnerung an vergangenes Unrecht helfen, Frieden und Versöhnung in der Gegenwart zu gestalten? Beim bayerischen Regionaltreffen der Nagelkreuzgemeinschaft am 18. April 2026 in Nürnberg stellte sich diese Frage den Teilnehmenden an historischen Orten, im gemeinsamen Gebet und bei der Vorstellung eines deutsch-tschechischen Schülerprojekts in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg.

Wer durch die Nürnberger Altstadt geht, begegnet der Geschichte auf Schritt und Tritt. Denkmäler und Gedenktafeln, Hinweise an Hauswänden und Plakate für Ausstellungen erinnern an Ereignisse, die sich hinter den vertrauten Fassaden der Stadt verbergen. Immer wieder geht es um Verfolgung und Gewalt, um Krieg, Zerstörung und den Umgang mit der Vergangenheit.

So liegt etwa der Hauptmarkt, auf dem alljährlich der berühmte Christkindlesmarkt stattfindet, auf dem Gelände des ehemaligen jüdischen Viertels. Im Jahr 1349 wurden dort mit Billigung Kaiser Karls IV. Hunderte jüdische Menschen ermordet und das Viertel zerstört. Jahrhunderte später wurde Nürnberg zur Stadt der Reichsparteitage, auf denen das nationalsozialistische Regime seine Macht inszenierte. Die Geschichte der Stadt wirft Fragen auf, die weit über Nürnberg hinausreichen.

Was bedeutet es, sich dieser Geschichte zu erinnern? Und was folgt daraus für eine Gemeinschaft, die sich der Versöhnung verpflichtet weiß?

Begegnung und Gebet in einer geschichtsträchtigen Stadt

Diesen Fragen gingen die Teilnehmenden des bayerischen Regionaltreffens der Nagelkreuzgemeinschaft nach. Aus Lagerlechfeld, Dachau, München, Günzburg, Weißenburg, Neuendettelsau, Nürnberg und Würzburg waren Mitglieder und Vertreterinnen und Vertreter der Nagelkreuzzentren angereist. Gastgeberin war die evangelische Wilhelm-Löhe-Schule, die zum internationalen Netzwerk der „International Cross of Nails Schools“ (ICONS) gehört. Mitausrichter war das Nürnberger Nagelkreuzzentrum St. Sebald.

Foto: Mark Meinhard

Schon zu Beginn des Treffens kam die gegenwärtige Weltlage zur Sprache. Kriege, Gewalt und die Gefährdung des Friedens verleihen der Frage nach Versöhnung neue Dringlichkeit. In Nürnberg verband sich diese Sorge um die Gegenwart mit der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit.

Ein besonderer Ort dafür war die Sebalduskirche. Sie entging im Zweiten Weltkrieg der vollständigen Zerstörung, wurde jedoch schwer beschädigt. Kirchenschmuck und liturgisches Gerät hatte man rechtzeitig in Sicherheit gebracht. Bis Dach, Gewölbe und Chor wiederhergestellt waren, vergingen zwölf Jahre nach Kriegsende.

Aus dieser Zeit sind Berichte junger Nürnberger überliefert, die ihre Konfirmation noch in den Ruinen der Kirche feierten. Sie erinnern daran, wie lange die Zerstörungen des Krieges das Leben der Menschen prägten – auch ihren kirchlichen Alltag.

Vor diesem Hintergrund erhielt das mittägliche Versöhnungsgebet von Coventry besonderes Gewicht. Es lenkt den Blick nicht nur auf das Unrecht, das Menschen einander zufügen, sondern schließt die Betenden ausdrücklich in die Frage nach Schuld und Verantwortung ein. Gerade darin unterscheidet sich Versöhnungsarbeit von einer Erinnerung, die ausschließlich auf die Verfehlungen anderer zurückblickt.

Flossenbürg: Erinnerungsarbeit einer neuen Generation

Wie die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit heute aussehen kann, zeigte ein Projekt zweier ICON-Schulen: des Paul-Distelbarth-Gymnasiums in Obersulm und der Wilhelm-Löhe-Schule in Nürnberg.

Gemeinsam mit einer tschechischen Gruppe verbrachten Schülerinnen und Schüler zweieinhalb Tage in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. In einem theaterpädagogischen Workshop beschäftigten sie sich mit der Geschichte des Konzentrationslagers und den dort begangenen Verbrechen.

Dabei richtete sich der Blick nicht allein auf die Zeit des Nationalsozialismus. Die Jugendlichen befassten sich ebenso mit dem unzureichenden Umgang mit diesen Verbrechen in der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Zur Geschichte des Unrechts gehört schließlich auch die Frage, wie später darüber gesprochen wurde – und worüber man lange schwieg.

Einige Schülerinnen waren eigens aus Obersulm zum Regionaltreffen angereist, um ihre Eindrücke und Erfahrungen vorzustellen. Damit rückte neben der historischen Erinnerung eine weitere Frage in den Mittelpunkt: Was verändert sich, wenn junge Menschen aus Deutschland und Tschechien gemeinsam auf diese Vergangenheit blicken?

Das Projekt machte deutlich, dass Erinnerungsarbeit nicht beim Wissen über historische Ereignisse stehen bleiben muss. Sie kann Menschen miteinander ins Gespräch bringen, unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven sichtbar machen und dazu anregen, die eigene Haltung zu überdenken.

Foto: Antje Biller

Was aus der Erinnerung folgt

Die Geschichte Nürnbergs, das Gebet in St. Sebald und die Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler in Flossenbürg führten beim Regionaltreffen auf unterschiedliche Weise zu derselben Frage: Wie kann die Erinnerung an vergangene

s Unrecht für die Zukunft fruchtbar werden?

Für die Nagelkreuzgemeinschaft ist damit eine zweite, nicht weniger schwierige Frage verbunden: Unter welchen Voraussetzungen können Vergebung und Versöhnung gelingen?

Beides lässt sich nicht einfach aus der Kenntnis der Geschichte ableiten. Erinnerung allein schafft noch keinen Frieden. Aber ohne die Bereitschaft, Unrecht wahrzunehmen und Verantwortung zu benennen, bleibt auch das Reden von Versöhnung unverbindlich.

Dass die Teilnehmenden diesen Fragen nachgingen, war vielleicht der wichtigste Ertrag des Treffens. Denn sie betreffen nicht nur die Vergangenheit Nürnbergs oder Flossenbürgs, sondern ebenso den Umgang mit den Konflikten unserer Gegenwart.

Das nächste Regionaltreffen Bayern ist für den Frühsommer 2027 als Online-Treffen vorgesehen.

Bericht: Hans Maletius, Antje Biller

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