Save the Date: Young Reconcilers’ International Gathering 4. bis 7. August 2026 in Coventry

Du bist zwischen 18 und 25 und hast Lust auf internationale Begegnung, starke Gespräche und neue Perspektiven?
Dann merk Dir jetzt schon den Termin: Vom 4. bis 7. August 2026 findet in Coventry das Young Reconcilers’ International Gathering der Community of the Cross of Nails (CCN) statt – unter dem Motto: „Change yourself – Change the World.“

Beim Gathering kommen junge Erwachsene aus verschiedenen Ländern Europas zusammen, um sich über Glauben, Frieden, Gerechtigkeit und das Leben in herausfordernden Zeiten auszutauschen. Geplant sind gemeinsame Gebetszeiten und Gottesdienste, Workshops, Diskussionen, kreative Formate und Begegnungen mit anderen jungen Menschen aus dem CCN-Kontext – also kein trockener Vortrag, sondern ein lebendiges internationales Miteinander. In Planung sind u. a. eine Einführung in die Coventry-Story, ein interreligiöser Friedensweg durch Coventry, Workshops zu Vorurteilen, Dialog und Versöhnung sowie kreative Zugänge zum Versöhnungsgebet von Coventry.

Wichtig für Interessent:innen aus Europa (ohne UK und Irland):
Die Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland übernimmt für bis zu 10 Teilnehmende die Teilnahmegebühr und Unterkunft. Die Reisekosten müssen grundsätzlich selbst getragen werden. Wenn der Flug oder die Anreise finanziell schwierig ist, kann aber ggf. ein Zuschuss gewährt werden – niemand soll zuhause bleiben müssen, weil das Geld für die Reise fehlt.
Die Anmeldung erfolgt direkt über coventrycathedral.org.uk. Der Link wird in Kürze freigeschaltet.

Weitere Informationen zu Programm, Unterkunft und organisatorischen Fragen folgen demnächst. Ein Infoflyer kann hier heruntergeladen und gerne weitergegeben werden.

Wenn Du Interesse hast: Termin vormerken, weitersagen und dranbleiben – wir melden uns bald mit den nächsten Infos!

Ein Freund ist von Bord gegangen – zum Tod von Peter Voigt

Die Nagelkreuzgemeinschaft trauert um Peter Voigt. Am 23. Februar 2026 ist unser Gründungsmitglied und guter Freund nach längerer Krankheit im Kreise seiner Familie friedlich eingeschlafen. Mit ihm verlieren wir einen engagierten Versöhner und eine Persönlichkeit, die unsere Gemeinschaft über Jahrzehnte geprägt hat. Viele von uns verlieren mit ihm zudem einen verlässlichen Weggefährten und persönlichen Freund.

Peters Verbindung zur Versöhnungsarbeit begann früh. Der Grund dafür liegt in einem Jahr, das für viele längst Geschichte ist und für ihn doch gegenwärtig blieb: 1959 reiste er mit der Kantorei der Hauptkirche St. Katharinen in Hamburg zu einer Konzertfahrt nach Großbritannien. Als erster deutscher Chor sangen die Hamburger damals vor dem Versöhnungsaltar in den Ruinen der zerstörten Kathedrale von Coventry. Auf dieser Reise begegneten die jungen Sänger nicht nur Offenheit, sondern auch Misstrauen und unverhüllter Distanz. Zur Begrüßung fielen Sätze wie: „Jetzt kommt ihr mit Stimmen vom Himmel und nicht mit Bomben vom Himmel.“ Solche Sätze vergisst man nicht. Die unmittelbare Begegnung mit den Wunden des Krieges – und zugleich mit dem Geist von Coventry – hat Peter tief berührt und nachhaltig geprägt.

Als am 3. Februar 1961 das Nagelkreuz aus Coventry an die Hauptkirche St. Katharinen übergeben wurde, war das ein historischer Tag: ein Zeichen der Vergebung zwischen ehemaligen Feinden fand seinen Ort in einer Kirche, die selbst die Zerstörung des Krieges erfahren hatte. Später übernahm Peter die Versöhnungsarbeit in seiner Heimatgemeinde und führte die Ideen der Nagelkreuzgemeinschaft dort mit großem Engagement weiter.

Seit der Gründung der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V. im Jahr 1992 gehörte er ganz selbstverständlich dem Leitungskreis an und half, den Verein durch seine ersten, nicht immer einfachen Jahre zu führen. In seinen Aufzeichnungen erinnerte er sich später mit leiser Ironie an die mitunter hitzigen Debatten jener Zeit und an die wechselnden Kassenführer.

Von 2004 bis 2015 übernahm er selbst das Amt des Schatzmeisters. Als Kaufmann, hauptberuflich in der Ölbranche tätig, kannte er sich mit Zahlen, Ordnung und Übersicht aus. Bemerkenswerter war vielleicht etwas anderes: Er machte aus den naturgemäß trockenen Beratungen zum Jahresetat keinen unerquicklich langen Pflichtteil. Mit hanseatischer Lakonie und sicherem Gespür für den Ton wurden diese Beratungen auf den Mitgliederversammlungen zu einem eigenen Ereignis. Viele erinnern sich daran bis heute mit einem Lächeln.

Neben seiner Tätigkeit im Vorstand lag Peter die Arbeit in Osteuropa besonders am Herzen. Durch zahlreiche Reisen zu den Zentren unserer osteuropäischen Partner unterstützte er in seiner ruhigen, pragmatischen Art tatkräftig den Aufbau unseres Netzwerks. Er tat dies ohne Pathos, aber mit Beharrlichkeit – und gerade darin lag seine Wirkung.

Als im Jahr 2024 schließlich auch die übrigen Hamburger Hauptkirchen ein Nagelkreuz erhielten, war das für Peter mehr als ein äußerer Erfolg. Es war eine Bestätigung – und wohl auch die Erfüllung dessen, woran er selbst ein Leben lang mitgearbeitet hatte: zu erleben, wie die Versöhnungsidee in seiner geliebten Heimatstadt weiterwuchs und Gestalt gewann.

Lieber Peter, Du hast einmal geschrieben, dass die Nagelkreuzgemeinschaft seit Jahrzehnten im Sinne der Versöhnung nach gewaltfreien Wegen der Konfliktlösung sucht. Du selbst hast diese Haltung ein Leben lang verkörpert. Nun hast Du Deine letzte große Reise angetreten. Wir blicken in tiefer Verbundenheit und großer Dankbarkeit auf die gemeinsame Zeit zurück. Wir wissen nicht, wie Du diesen Nachruf kommentiert hättest. In einem aber sind wir sicher: knapp, trocken, freundlich – und ohne jedes überflüssige Wort. Bestimmt hättest Du uns, trotz unserer Trauer, zum Schmunzeln gebracht. Wir werden Dein Andenken in Ehren halten. Tschüs, Peter!

Vorstand und Leitungskreis der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V.

Ein Brief aus den USA: Versöhnung in angespannten Zeiten

Viele von uns blicken mit Sorge auf die politische und gesellschaftliche Zuspitzung in den Vereinigten Staaten. Zugleich verbindet uns mit der amerikanischen Nagelkreuzgemeinschaft seit langem eine geistliche und praktische Weggemeinschaft: Nähe im Gebet, Aufmerksamkeit im Zuhören, Lernen voneinander – statt Urteilen aus der Ferne. Vor diesem Hintergrund haben wir Robert T. J. Childers, den Vorsitzenden der Nagelkreuzgemeinschaft in den USA, um eine persönliche Standortbestimmung gebeten: Wie wird die gegenwärtige Lage vor Ort erlebt? Was bedeutet Versöhnungsarbeit jetzt – und wovon lebt sie? Robert antwortet als Bürger und Christ – und als jemand, der selbst in Coventry gelebt hat. Seine Überlegungen führen von den Worten nach der Zerstörung der Kathedrale 1940 über das Vaterunser zu der Frage, wie Vergebung und Versöhnung in dunklen Zeiten nicht bloß „eine gute Geschichte“, sondern Evangelium bleiben. Zugleich bittet er um unser Gebet und unseren Rat.

 

Gnade sei mit euch und Friede von euren amerikanischen Brüdern und Schwestern in der Nagelkreuzgemeinschaft.

 

Es hat mich bewegt und mir das Herz erwärmt zu hören, dass ihr in euren Gebeten unserer Nagelkreuzgemeinschaft gedenkt – und zugleich unseres Landes –, während wir hier in den Vereinigten Staaten innere Spannungen und Bedrängnis erfahren. Gerne folge ich als Vorsitzender der Nagelkreuzgemeinschaft in den Vereinigten Staaten eurer Bitte und schreibe euch einige Gedanken zum Leben in Amerika in dieser Zeit. Die 1960er Jahre, mit Vietnamkrieg und Bürgerrechtsbewegung, waren in unserem Land überaus stürmische Jahre; damals war ich noch ein Kind und habe die Ereignisse, während sie geschahen, nicht in ihrer ganzen Bedeutung ermessen.

 

Sorge, Spaltung und Dunkelheit der Gegenwart

 

Heute aber bin ich erwachsen: Vater und Großvater, früher Jurist, heute anglikanischer Priester. Darum bin ich in Sorge um die Zukunft meiner Kinder und ihrer Kinder. Ich sorge mich um die Zukunft unserer verfassungsmäßigen Demokratie. Ich sorge mich um die, die verwundbar sind – um Witwen und Waisen, um Fremde und Heimatlose. Ich sorge mich um „einen von diesen meinen geringsten Brüdern“ (Matthäus 25,40), die durch das Handeln unserer gegenwärtigen Regierung Schaden nehmen.

 

Ich sorge mich um die Spaltungen, die sich auf nahezu allen Ebenen unseres Landes zeigen: in Familien, in Kirchen, in Gemeinden und weit darüber hinaus. Die meisten von uns kennen – je auf ihre Weise – Angst, Zorn, Erschöpfung, Verwirrung und Entfremdung. Viele haben sich in ihren „Stamm“ zurückgezogen, wo man sprechen kann, ohne Vergeltung fürchten zu müssen. Doch das schafft nur noch mehr Isolation und Polarisierung. Ausweichen scheint das verbreitetste Mittel zu sein, durch diese Zeit zu kommen. Es sind dunkle Tage in unserem Land, und ich fürchte, es wird schlimmer werden, ehe es besser wird.

 

Ich sage dies als Christ, der an Hoffnung, Erlösung und Auferstehung glaubt. Und doch musste ich in den letzten Monaten meinen Glauben vertiefen und mich mit ganzer Kraft an die Gnade und Gegenwart Christi halten, um hoffnungsvoll zu bleiben. Die Nagelkreuzgemeinschaft – geboren aus der Zeit nach der Bombardierung der Kathedrale im Jahr 1940 – und meine eigene Erfahrung, als Praktikant in der Kathedrale zu leben und zu arbeiten, sind mir durch mein erwachsenes Leben hindurch Quelle von Kraft und Inspiration gewesen.

 

Coventry als Maßstab: Vergebung statt Vergeltung

 

In den letzten Monaten, während ich darum rang, die Handlungen unserer jetzigen Regierung zu verstehen und auf sie zu antworten, habe ich unzählige Stunden damit verbracht, über die Worte von Provost Howard nach der Bombardierung der Kathedrale am 14. November 1940 nachzudenken, zu beten und Tagebuch zu führen. Kurz nach der Bombardierung fasste er den Entschluss, nicht nach Rache zu suchen, sondern um Vergebung und Versöhnung zu ringen – mit denen, die für diese Zerstörung verantwortlich waren. Am Weihnachtstag 1940 erklärte er, er versuche, alle Gedanken der Vergeltung zu bannen, um „in den Tagen nach diesem Streit eine freundlichere, einfachere – eine mehr dem Christkind ähnliche Welt“ zu schaffen.

 

Und dann sagte er in der Weihnachtssendung des BBC-Auslandsdienstes („Empire Broadcast“) von 1946 – im Gespräch mit einem römisch-katholischen Priester in Hamburg –: „Über das Christkind hinweg strecke ich meine Hand aus und lege sie in die deine, mein Bruder … [und spreche das Wort] Vergebung …“ Priester Mecklenburg antwortete: „Eure Botschaft von Vergebung und Neugeburt weckt ein Echo in meinem Herzen. ‚Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.‘ … Wenn wir nur Bitterkeit und Hass ausstoßen und neu anfangen könnten, dann, so glaube ich, können [wir] in Frieden und Brüderlichkeit zusammenleben.“ (Ruined and Rebuilt: The Story of Coventry Cathedral 1939–1962, Richard Howard, S. 106–107)

 

Provost Howards Worte waren mir Inspiration und Trost; schwer aber war, sie in mir selbst wahr werden zu lassen – als Teil meiner eigenen Gedanken, Worte und Taten. Wenn seine Geschichte und seine Erfahrung nach dem Bombardement von Coventry auf unsere Lage heute nicht anwendbar sind, dann ist Coventrys Geschichte nur eine gute Geschichte – keine Evangeliumsgeschichte.

 

Und doch weiß ich: Der Dienst der Versöhnung, der aus Coventry hervorgewachsen ist und aufgeblüht ist, ist heilig, evangeliumsgemäß und von bleibender Geltung. Wie also kann ich ihn verkörpern? Wie können wir – Christen, die Christus nachzufolgen suchen – diese Geschichte von Vergebung und Versöhnung zu unserer eigenen Geschichte machen?

 

Das tägliche Brot: Würde, Zusage, Aufrichtung

 

Für mich kam die Antwort durch Priester Mecklenburg, der sagte, Provost Howards „Botschaft von Vergebung und Neugeburt weckt ein Echo in meinem Herzen“. Und dieses Echo kam aus den Worten Jesu, der uns im Vaterunser beten lehrt. Bevor wir den Vater um Vergebung bitten, bitten wir um unser tägliches Brot. Gewiss: Das meint tägliche Nahrung und Stärkung. Aber ich glaube, Jesus lässt uns um mehr bitten als um Brot für den Leib.

 

Wie schwer muss das Beten in den Tagen nach der Bombardierung gewesen sein. In welch scheinbar hoffnungsloser Lage befanden sich Provost Howard und die Menschen von Coventry. Als er durch Trümmer und Ruinen der Kathedrale ging und betete, suchte er – so glaube ich – mehr als Brot.

 

Als die Angreifer Coventry vernichten wollten – die Stadt in Trümmer legen und ihre Bewohner auslöschen –, brauchte Provost Howard die Gewissheit, dass er, seine Stadt und ihre Menschen zählen. Er bat gewiss um sein tägliches Brot; aber er bat auch um das Brot der Liebe Gottes: dass der Lebensatem, den ihm der Schöpfer des Universums eingehaucht hat, aus ihm und aus seiner Stadt hervorleuchte. Er bat um die Gewissheit jener Würde, die ihm in der Taufe zugesprochen ist: dass er ein Kind Gottes ist.

 

Und – so glaube ich – er empfing dieses Brot; er wusste sich vergeben, mit Gott versöhnt. In dieser Erkenntnis konnte er seine „Feinde“ ansehen und in ihnen Kinder Gottes erkennen. Er begriff im Innersten: Wer sein tägliches Brot empfangen hat, kann es den anderen nicht vorenthalten. Von Gottes Liebe und Vergebung aufgerichtet und genährt, konnte er nicht anders, als seine Feinde zu lieben und ihnen zu vergeben. Vergebung zu verweigern hieße, das Geschenk zu mindern, das er empfangen hatte.

 

Die Hand ausstrecken: den Gegner als Mitmenschen sehen

 

Ich merke, dass ich weit ausgeholt habe: über die Gedanken und Gebete von Provost Howard – und dass ich dann gewagt habe zu deuten, wie er an den Ort der Vergebung und Versöhnung gelangte. Aber ich sage es offen: Ohne diese geistliche Übung, ohne diesen Weg im Gebet und im Nachsinnen, wäre ich – so glaube ich – längst vom Hass aufgezehrt und von Rachegedanken gegen manche meiner eigenen Brüder und Schwestern hier in Amerika beherrscht. Denn es drängt sich mir der Eindruck auf, dass die Absicht unserer gegenwärtigen Regierung dahin geht, alles zu beseitigen, was widerspricht oder im Wege steht: Menschen und Dinge, die ihren Vorhaben und ihrer Agenda nicht dienen, sollen abgeschafft und zerstört werden.

 

Nur im Gebet und in der Meditation, nur im stillen Nachdenken über Coventry und das Nagelkreuz, ist mir überhaupt erst möglich geworden, anzufangen, die, deren Politik, Maßnahmen und Überzeugungen ich widerstreite, als Mit-Kinder Gottes zu sehen. Mich meiner eigenen Würde und Menschlichkeit zu erinnern – und in dieser Wahrheit zu leben –, das gibt mir Raum und Mut, auf die zuzugehen und ihnen die Hand entgegenzustrecken, mit denen ich nicht einverstanden bin. Es ist ein Ringen, und ich bin unterwegs; ich bin nicht am Ziel. Aber ich glaube: Einen anderen Weg nach vorn gibt es nicht als den durch Liebe und Versöhnung.

 

Gebet und Versöhnung: Widerstand ohne Hass

 

Wenn mir in den vergangenen Monaten etwas klar geworden ist, dann dies: Ich kann keine Veränderung bei denen erwarten, mit denen ich nicht übereinstimme – und ich sollte nicht nach ihr suchen –, solange ich nicht im Gebet in mein eigenes Herz schaue und Gott bitte, mich zu verändern. Ich muss von Gottes Gnade und Liebe berührt und erneuert werden und dann bereit sein, dies mit allen zu teilen, die Gott mir begegnen lässt – besonders mit denen, die ich „Feinde“ nennen möchte.

 

Deutlich wird mir: Die Kernaufgabe der Versöhnung beginnt in uns selbst. Wir, die wir bekennen, Jesus nachzufolgen, müssen zuerst die eigene Erneuerung suchen, ehe wir denen begegnen, denen wir widersprechen. Gewiss: Ich habe für unser Land gebetet – und andere dazu ermutigt –, für unsere Verantwortlichen und für unsere Richter. Ich habe an die Gewählten geschrieben und meinen Widerspruch gegen die Maßnahmen der Regierung ausgesprochen. Wo Kandidaten angetreten sind, um republikanische Mandatsträger herauszufordern, habe ich Unterstützung gegeben und ermutigt. Und wir sind zu Kundgebungen und Demonstrationen gegangen gegen die ungeheuerlichsten Maßnahmen des Präsidenten.

 

Gebet, Protest und die Ausübung unseres Wahlrechts sind – so glaube ich – der wirksamste Weg, die Erosion unserer Demokratie aufzuhalten. Eure Gebete, meine lieben Brüder und Schwestern, sind wichtig und unentbehrlich. Betet für unsere Demokratie. Betet für unsere gewählten Amtsträger. Betet für unsere Richter. Betet, dass alle, die öffentliche Verantwortung tragen und im öffentlichen Dienst stehen, Mut und Kraft haben, ihrem Amtseid treu zu bleiben. Betet um Gerechtigkeit. Und betet um Frieden.

 

Ich bitte euch – ganz persönlich – um euren Rat: Wie kann man den autoritären Handlungen unserer gegenwärtigen Regierung friedlich widerstehen und dabei dem Glauben treu bleiben?

 

In großer Dankbarkeit und Liebe wünsche ich euch Gnade und Frieden.

 

Euer Freund in Christus

 

Robert T. J. Childers

Vorsitzender der Nagelkreuzgemeinschaft in den Vereinigten Staaten von Amerika

 

Redaktioneller Hinweis: Am Ende seines Textes bittet Robert T. J. Childers ausdrücklich um Rat. Diese Bitte greifen wir gerne auf: Wenn Sie – persönlich oder mit Ihrem Nagelkreuzzentrum – Gebete, Gedanken, Erfahrungen oder konkrete Hinweise teilen möchten, wie wir unsere Freunde in den USA in dieser Lage begleiten und unterstützen können, schreiben Sie uns  – entweder unten in der Kommentarfunktion oder per E-Mail an redaktion@nagelkreuz.org. Wir sammeln die Rückmeldungen, fassen sie zusammen und geben Robert T. J. Childers eine gebündelte Antwort. Außerdem berät der Vorstand der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V. auf seiner Sitzung am 27./28. Februar 2026, wie wir unsere Freunde weiter unterstützen können; auch dafür nehmen wir Ihr Feedback ausdrücklich mit.

Komm den Frieden wecken – Bericht von der Friedensdekade in Kiel

Quelle: Ökumenische FriedensDekade e. V.

„Komm den Frieden wecken“ – so lautete das Motto der diesjährigen ökumenischen Friedensdekade im November. Mit aktiver Beteiligung der Nagelkreuzgemeinschaft lief u. a. in Kiel ein volles Programm: Zahlreiche Gottesdienste, Friedensandachten sowie künstlerische, musikalische und auch politisch geprägte Veranstaltungen fanden statt. Der Weckruf erinnerte die Teilnehmenden an das Wesentliche: Angesichts der gegenwärtigen unfriedlichen Situation vor Ort und weltweit müssen wir darum ringen, „friedensfähiger“ zu werden und dürfen uns nicht allein mit „Kriegstüchtigkeit“ begnügen.

In der St. Nikolaikirche erzählte Pröpstin Almut Witt von der Entstehung des Nagelkreuzes vor 85 Jahren. Sie erinnerte an die historische Überreichung des ersten Nagelkreuzes an eine deutsche Stadt, das Provost Dick Howard am 15. September 1947 dem Kieler Propst Johannes Lorenzen übergab. Diese Geste war ein Weckruf, dass sich die einstigen Feinde vergeben und Brücken der Versöhnung bauen.

Versöhnung braucht Einsicht und Tatkraft

Leitungsteam der Theatergruppe. Foto: Nicola Runge

Die monatliche Friedensandacht vor dem Nagelkreuz betonte die andauernde Relevanz der Friedens- und Versöhnungsbotschaft: Das „Father forgive“ konfrontiert uns mit unserem Versagen und fordert uns auf, den Friedensbemühungen endlich Vorrang zu geben. Zum Abschluss beteten wir die Versöhnungslitanei von Coventry.

In einem weiteren Friedensgottesdienst erfuhr eine kleine Nachbildung der Skulptur „Reconciliation“ besondere Aufmerksamkeit. Das Werk der britischen Bildhauerin Josefina de Vasconcellos zeigt zwei knieende Gestalten, die sich sinnlich und ermutigend umarmen. Eine der Original-Skulpturen steht in der Ruine der Kathedrale von Coventry.

Das Motiv ist global präsent: Abgüsse stehen auch in Hiroshima, Belfast und bei der Kapelle der Versöhnung an der Berliner Mauer. Mehrere Miniaturen der Statue sind in Kiel verteilt. Im Jahr 2012 übergab der damalige Direktor des internationalen Versöhnungszentrums von Coventry, David Porter, ein Exemplar an die Sozialkirche in Kiel-Gaarden.

Die Symbolkraft der Statue wirkt bis heute: Erst vorletzte Woche erhielt auch Elke Büdenbender, die Frau des Bundespräsidenten, beim Besuch in Coventry eine solche Miniatur als Geschenk von Dean John Witcombe.

Junge Generation sorgt für Aufwachen

Erfreulich war die starke Beteiligung der jungen Generation an den mehr als 35 Veranstaltungen in Kiel. Eine Theatergruppe aus Kiel-Mettenhof ließ zu Beginn des Gottesdienstes in der Michaeliskirche ganz wörtlich einen Wecker klingeln, um alle aufzuwecken. In ihrem Theaterstück lösten die Jugendlichen einen Konflikt zwischen zwei Jugendzentren, der gewalttätig zu eskalieren drohte, auf friedliche Weise. Zu den Verantwortlichen für das Projekt gehörte die Jugendpädagogin Uta Birkenstock, die selbst schon 1992 als Schülerin an der ersten Begegnungsreise von Kiel nach Coventry teilgenommen hatte.

Das Ringen um die Erhaltung des Friedens

Skulptur “Reconciliation” als Miniatur. Foto: Nicola Runge

Das Politische Abendgespräch in der Kompassgemeinde Kiel-Altenholz trug die Überschrift „Den Frieden wecken – aus militärischer, politischer und evangelischer Sicht“. Drei Impulsgeber stellten ihre jeweiligen Perspektiven dar. In den folgenden Gruppengesprächen wurde fair gestritten. Die Teilnehmenden diskutierten etwa über diese Fragen: Wie stark muss eine Sicherheitsarchitektur auch die Sicherheitsbedürfnisse der gegnerischen Seite einbeziehen? Wie gefährdend ist eine militärische Bedrohung tatsächlich? Und: Hält die neue Friedensdenkschrift der EKD am Vorrang der Gewaltfreiheit fest?

Bonhoeffers fester Glaube

So gelungen die Veranstaltungen der Ökumenischen Friedensdekade in Kiel und anderswo auch waren: Die Gefährdungen weltweit sind real. Wir Christen sind nur eine kleine Stimme für die Bewahrung und Wiederherstellung des Friedens.

Mich bestärkt in diesen unruhigen Zeiten das Glaubensbekenntnis von Dietrich Bonhoeffer, das er 1942 aus der Gefängniszelle geschrieben hat: „Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will.“

 

Autor: Frieder Petersen, Pastor i.R.

Spendenaufruf: Hilfe für unser Nagelkreuzzentrum in der Ukraine

Evangelisch-lutherische Kirche in Odessa und Pastor Alexander Gross (Fotos: Gross)

Krieg ist in der Ukraine keine ferne Nachricht, sondern tägliche Wirklichkeit. In Odessa und den umliegenden Dörfern leisten lutherische Gemeinden unter schwierigsten Bedingungen soziale Notfallarbeit: Sie versorgen Alte, Kranke, Kinder und Familien mit Lebensmitteln, Medikamenten und konkreter Hilfe – oft als Einzige vor Ort. Die Berichte von Pastor Aleksander Gross, die wir auf unserer letzten Mitgliederversammlung gehört haben, machen deutlich, wie existenziell diese Unterstützung geworden ist. Für viele Menschen ist sie das Letzte, was bleibt. Deshalb bitten wir heute dringend um Ihre Unterstützung. Im folgenden Spendenaufruf erfahren Sie, wofür die Hilfe gebraucht wird, was konkret geplant ist – und wie Ihre Spende unmittelbar wirkt.

Liebe Mitglieder, liebe Freundinnen und Freunde der Nagelkreuzgemeinschaft!

Was heißt es, vom Nagelkreuz zu sprechen, wenn Krieg kein erinnerter Abgrund ist, sondern tägliche Wirklichkeit? Auf der Mitgliederversammlung vor gut zwei Wochen in Münster wurde diese Frage konkret. Im Gespräch mit einem Vertreter des Nagelkreuzzentrums in St. Petersburg und mit Pastor Aleksander Gross, der für die Gemeinden unseres Nagelkreuzzentrums in Odessa und den umliegenden Dörfern verantwortlich ist, hörten wir von Menschen, die bleiben, wo vieles zerbricht. Von Gemeinden, die helfen, obwohl ihnen selbst die Mittel fehlen.

Es war ein bewegender Nachmittag. Und am Ende stand bei vielen derselbe Gedanke: Wir dürfen das nicht nur hören. Wir wollen auch unterstützen. Darum bitten wir Sie heute um Ihre Unterstützung für die sozialdiakonische Arbeit der Lutherischen Kirche in Petrodolynske, Novogradkivka und Odessa. Sie gilt zwei Projekten, die exemplarisch zeigen, was Kirche dort heute bedeutet.

Wenn Hilfe zu den Menschen geht – und nicht umgekehrt

Gemeinde mit Sonntagsschule in Odessa (Foto: Gross)

Rund 1.260 Menschen werden von den lutherischen Gemeinden regelmäßig unterstützt – mit Lebensmitteln, mit dringend benötigten Medikamenten, mit praktischer Hilfe, mit Nähe. Die Hilfe wird nicht an einem zentralen Ort ausgegeben, sondern die Gemeinde geht zu den Menschen nach Hause. Für viele ist das entscheidend, um ihre Würde zu bewahren. Pastor Gross schreibt:

„Wir haben gute Beziehungen zu acht Dörfern in der Umgebung aufgebaut, wo wir mit Seniorinnen und Senioren, Kindern und Familien zusammenarbeiten. Wir haben ein weiteres Zentrum für Kinder aus problembelasteten Familien eröffnet. Aber insgesamt ist das Leben im letzten Jahr noch schwerer geworden.“ Warum unsere Hilfe so dringend ist: „Unter den älteren Menschen haben wir eine erhöhte Sterblichkeit beobachtet. Die Menschen können sich keine Medikamente mehr leisten und leben in ständiger Angst.“ Die Fürsorge ist für die Betroffenen oft das Letzte, was bleibt. Und sie steht auf dem Spiel.

Ein Gebäude, das mehr ist als Stein – die Kirche der Hoffnung

Ehemalige lutherische Kirche in Novogradkivka (Foto: Gross)

In Novogradkivka (Neuburg) soll ein Ort neu entstehen, dessen Geschichte selbst von Verlust und Überleben erzählt. Die lutherische Kirche von 1904 wurde 1933 beschlagnahmt, der Kirchturm abgerissen. Jahrzehntelang diente sie als Kulturhaus. Im Jahr 2000 wurde das denkmalgeschützte Gebäude dem Verfall preisgegeben. Jetzt soll daraus ein soziales Zentrum werden. Außen nach historischem Vorbild wieder aufgebaut, im Inneren mit drei Etagen für soziale Arbeit und Gemeindeleben: Sonntagsschule, Bethanien-Kinderzentrum für Kinder aus sozial benachteiligten Familien, mehr Platz für die Suppenküche, die seit fünf Jahren rund 30 Menschen in drei Dörfern versorgt. Außerdem eine Winterunterkunft für alleinstehende Rentnerinnen und Rentner. Denn in den Wintermonaten verdreifacht sich ihre Sterblichkeit – Armut, Kälte und fehlende Medikamente werden lebensbedrohlich.

Pastor Gross schreibt: „Mein größtes Problem ist derzeit, einen Ort zu finden, von wo aus wir unsere Sozialfürsorge organisieren können. Räume anzumieten ist unmöglich geworden – niemand vermietet für die Arbeit mit armen Menschen. Deshalb konzentriere ich mich darauf, den Wiederaufbau unserer Kirche aus den Trümmern der früheren Kirche zu organisieren.“ Diese Kirche soll „Kirche der Hoffnung“ heißen. Nicht als fromme Behauptung, sondern als Antwort auf eine Realität, die Hoffnung systematisch zerstört.

Warum Ihre Spende zählt

Ihre Spende wird zu Lebensmitteln für Menschen ohne Einkommen. Zu Medikamenten für Alte, die sonst darauf verzichten müssen. Zu einem Ort, an dem Kinder, Familien und Alte nicht vergessen werden. Und sie stärkt Gemeinden, die den Dienst der Versöhnung tun, während um sie herum Krieg herrscht. 100 % Ihrer Spenden gehen in die Ukraine.

Wenn Sie sich beteiligen möchten, nutzen Sie bitte diese Kontoverbindung:

Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V.

IBAN: DE 21 1009 0000 1736 7830 09

BIC: BEVODEBB

Berliner Volksbank

Verwendungszweck: Ukraine

Falls Sie eine Spendenbescheinigung wünschen, geben Sie im Verwendungszweck bitte zusätzlich Ihre Anschrift an. Egal, wie groß Ihre Spende ist – seien es nur ein paar warme Tage im Winter, ein Medikament: Ihre Gabe bedeutet für einen Menschen in der Ukraine ein Stück Sicherheit und Würde. Ich danke Ihnen – nicht nur für Ihre Gabe, auch dafür, dass Sie das Nagelkreuz nicht als Zeichen belassen, sondern als Auftrag verstehen.

Für den Vorstand und Leitungskreis der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V.

Ihr

Oliver Schuegraf

Vorsitzender

Leiten Sie diesen Spendenaufruf gerne weiter. Hier können Sie eine PDF-Version zum Versenden oder Ausdrucken herunterladen oder hier online lesen.

 

Drei neue Nagelkreuzzentren in sechs Tagen

Seit dem 26. Oktober stehen drei weitere Nagelkreuze in Deutschland. Foto: Karsten Socher

Eine Woche, drei Orte, drei Gottesdienste – und drei neue Nagelkreuze. Ende Oktober ist die deutsche Nagelkreuzgemeinschaft sichtbar gewachsen: Kassel, Frankfurt am Main und Stutensee-Weingarten gehören nun zu unserem weltweiten Versöhnungsnetzwerk. Canon Kate Massey und Richard Parker brachten die Kreuze persönlich von Coventry nach Deutschland. Die Liturgie der Übergabe war an allen drei Orten dieselbe. Alles andere nicht. In Kassel fiel die Aufnahme mit dem Jahrestag der Bombennacht von 1943 zusammen. In Frankfurt fand sie in der Alten Nikolaikirche am Römerberg statt, wenige Schritte von Paulskirche und Römer entfernt. In Stutensee-Weingarten stand die Erinnerung an die Bombardierung vom 2. Februar 1945 im Mittelpunkt, bei der Menschen in den Dörfern ebenso ums Leben kamen wie eine britische Bomberbesatzung. Entsprechend der Geschichte der Orte und Fragen, die dort gestellt werden, unterschieden sich Musik, Gebete und Worte. Was die drei Gottesdienste verband, war der öffentliche Empfang des Nagelkreuzes, verbunden mit einem feierlichen und würdigen Bekenntnis zu Frieden und Versöhnung.

Gottesdienst in der Martinskirche Kassel. Foto: Karsten Socher

Kassel: Aufnahme am Jahrestag der Bombennacht

Am 22. Oktober erhielt die Martinskirche Kassel ihr Nagelkreuz – am Jahrestag der Bombennacht von 1943, in der über 10.000 Menschen starben. Die Kirche wurde damals schwer getroffen, zerbrach mit der Stadt und wurde später zum zentralen Erinnerungsort. Der Tag der Übergabe verband so Vergangenheit und Gegenwart auf besondere Weise.

Der ökumenische Gottesdienst war reich an Musik, kunstvoll mitgestaltet von der Kantorei St. Martin unter der Leitung von Eckhard Manz. Johannes Brahms’ Motette „Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen“ ließ die Klage Hiobs hörbar werden. Wolf Biermanns „Wann ist denn endlich Frieden?“ stellte die Frage nach dem Ende der Gewalt mit scharfem Nachdruck. Choräle wie „Die Nacht ist vorgedrungen“ und „Freunde, dass der Mandelzweig“ gaben der Gemeinde Stimme für Hoffnung und Zukunft.

Kantorei St. Martin Kassel. Foto: Karsten Socher

Viele Mitwirkende prägten die Feier: Bischöfin Beate Hofmann, Stadtdekan Michael Glöckner, Pastoralreferent Stefan Ahr, Kirchenrat Hans Helmut Horn und Oberbürgermeister Sven Schoeller. Grußworte kamen von der Kulturplattform St. Martin und von der Nagelkreuzgemeinschaft. Die Predigt hielt Kate Massey.

Unter der Überschrift „Unser Weg nach Coventry“ sprach die Gemeinde selbst: Rafael Gleichmann, ein Konfirmand, erzählte von Streit und Versöhnung im Alltag. Prof. Ingrid Lübke, Kirchenvorsteherin, erinnerte an ihre Nachkriegskindheit und an Erfahrungen der Versöhnung mit Frankreich. Zwei Generationen, zwei Stimmen – beide machten deutlich, dass das Nagelkreuz nicht nur Zeichen, sondern Auftrag ist. Ihre Gedanken können Sie [hier] nachlesen.

Besonderer Bestandteil des Gottesdienstes war das Gedenken an die Bombennacht. Die Osanna-Glocke, die 1943 zerbrach und später neu gegossen wurde, erklang. Während ihres Läutens hielt die Gemeinde in Stille inne. Dass sie heute wieder läutet, ist ein starkes Zeichen: Zerstörung hat nicht das letzte Wort. Wie in Coventry wird Erinnerung hier selbst zum Beginn neuer Hoffnung.

Kate Massey, Antje Biller, Andrea Braunberger-Myers und Richard Parker (v.l.n.r.) in Frankfurt. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Die Martinskirche knüpft an das Erinnern auch Konsequenzen: Ökumenische und interreligiöse Gottesdienste, Engagement im Kirchenasyl, ein „Tisch für alle“ auf dem Martinsplatz, Veranstaltungen zum Tod von Walter Lübcke.

Frankfurt: Ein Nagelkreuz am Römerberg

Zwei Tage später wurde die Evangelische Sankt-Pauls-Gemeinde Frankfurt am Main in unsere Gemeinschaft aufgenommen. Ort der Feier war die Alte Nikolaikirche am Römerberg – ein Platz, an dem sich deutsche Geschichte wie unter einem Brennglas bündelt. 1933 wurden hier Bücher verbrannt, in den Bombennächten brannte die Altstadt, gleich nebenan die Paulskirche, Symbol der Demokratie. Inmitten dieses Gefüges steht die Nikolaikirche – seit Jahren täglich geöffnet, eine offene Stadtkirche im Strom der Stadt.

Die Liturgie nahm diesen Ort ernst. Die Versöhnungslitanei von Coventry wurde gebetet, wo Frankfurt seine eigenen Schuldgeschichten kennt. In ihrer Predigt spannte Pfarrerin Andrea Braunberger-Myers den Bogen vom einfachen Nagel – der verletzen kann, aber auch verbindet und trägt – zur Geschichte Coventrys und zu Jesaja 55: Gottes Wort kommt nicht leer zurück, sondern hat den Auftrag, Frieden und Versöhnung zu schaffen. Daraus leitete sie für die Evangelische Sankt-Pauls-Gemeinde Frankfurt am Main einen klaren Auftrag hier am Römerberg ab: Schuld benennen, Antisemitismus und Rassismus entgegentreten, für Menschenrechte einstehen und die demokratische Verantwortung der Paulskirche wachhalten. Den Wortlaut der Predigt können Sie [hier] nachlesen.“

Auch die Musik setzte Akzente. Charles Wesleys „Jesus, lover of my soul” aus dem 18. Jahrhundert sang von Zuflucht im Sturm – ein Bild, das sich in einer Stadt, die Krieg und Zerstörung erlebt hat, sofort erschließt. Am Ende erklang John Rutters „The Lord bless you and keep you”. Der alte Segensspruch Israels, neu vertont, wurde zu einer Zusage, die über den Gottesdienst hinausreichte. Gesungen wurde in deutscher und englischer Sprache – auch das ein starkes Symbol für die Verbundenheit über Völker und Nationen hinweg.

In Stutensee-Weingarten wurden gleich zwei Nagelkreuze übergeben. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Mit dem Kreuz von Coventry wurde die Sankt-Pauls-Gemeinde in dem bestätigt, was hier längst geschieht: Erinnerung an die Bombennächte und die verbrannten Bücher, Stolpersteinführungen, das Projekt „Beim Namen nennen“, das die Toten im Mittelmeer ins Gedächtnis ruft. Offene Kirche, tägliche Andachten, musikalische Vespern – mitten in der Stadt, im Gespräch mit ihrer Geschichte.

Stutensee-Weingarten: Zwei Kreuze für eine Region

Am 26. Oktober schließlich nahm der Evangelische Kooperationsraum Stutensee-Weingarten das Nagelkreuz in Empfang. Gefeiert wurde in der Michaeliskirche in Blankenloch, einem der Zentren des Zusammenschlusses mehrerer Gemeinden nördlich von Karlsruhe. Canon Kate Massey übergab gleich zwei Kreuze: eines bleibt in Blankenloch, das andere geht als Wandernagelkreuz nach Staffort.

Die Geschichte, die diesen Ort prägt, reicht zurück in die Nacht vom 2. Februar 1945. Eigentlich galt der Angriff Karlsruhe, doch durch verwehte Markierungen trafen die Bomben Staffort-Büchenau und umliegende Dörfer. Menschen starben, Häuser brannten, auch eine britische Bomberbesatzung kam ums Leben. Bis heute erinnert eine Gedenktafel an sie – Ausdruck einer Haltung, die nicht nur das eigene Leid im Blick behält, sondern auch das der anderen.

Gottesdienst in der Alten Nikolaikirche in Frankfurt a. M. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Diese Bereitschaft, an die ganze Geschichte zu erinnern, ist zum Markenzeichen der Gemeinden geworden. Sie pflegen seit Jahren Kontakte nach England, haben Pilgerfahrten nach Coventry unternommen und den Austausch mit Stafford gesucht. Versöhnung bleibt hier nicht abstrakt, sondern konkret: in Begegnungen über Grenzen hinweg, in Gedenkfeiern, die Opfer und Täter gleichermaßen benennen.

Darum war es folgerichtig, dass Stutensee-Weingarten ein Nagelkreuz erhielt. Pfarrer Holger Müller hatte die Verbindung zur Gemeinschaft schon länger als Einzelmitglied getragen. Nun ist aus der persönlichen Beziehung ein gemeinsames Zeichen geworden, das die ganze Region einschließt. Dass ein Kreuz bleibt und das andere wandert, macht sichtbar: Versöhnung ist nicht an einzelne Orte gebunden, sondern ein Projekt vieler Gruppen und Gemeinden.

Wachsende Gemeinschaft

Canon Kate Massey aus Coventry. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Mit Kassel, Frankfurt und Stutensee-Weingarten sind in nur einer Woche drei neue Nagelkreuzzentren hinzugekommen; in den vergangenen zwei Jahren waren es insgesamt neun. Das zeigt, wie lebendig die Botschaft des Nagelkreuzes in Deutschland ist – und wie vielfältig die Orte sind, an denen sie Gestalt gewinnt: von der Großstadtkirche bis zum Dorf, von historischen Erinnerungsstätten bis zu Gemeinden, die im Alltag Türen offenhalten.

Dass diese Orte nun Teil der Gemeinschaft sind, ist das Werk vieler: Pfarrerinnen und Kirchenvorsteher, Chöre und Ehrenamtliche, Gemeindeglieder, die Texte vorbereitet, Kerzen entzündet und Lieder gesungen haben. Sie alle tragen die Überzeugung, dass Hass und Gewalt nicht das letzte Wort haben dürfen – wie die vielen Menschen weltweit, die mit einem Nagelkreuz in ihren Kirchen und Herzen für Frieden und Versöhnung eintreten.

Auf der Mitgliederversammlung im November in Münster wird es Gelegenheit geben, die neuen Zentren kennenzulernen und erste persönliche Beziehungen mit den „Neuen“ zu knüpfen.

Autoren: Niels Faßbender, Christian Roß

 

Geschichte trifft Versöhnung: Regionaltreffen der Nagelkreuzzentren in Neuendettelsau 2025

Altarkreuz aus Stahl erinnert an die Muna in Neuendettelsau. Foto: Tobias Klein

Mitten in Neuendettelsau, einem kleinen fränkischen Ort mit großer kirchlicher Geschichte, trafen sich am 17. Mai 2025 die bayerischen Nagelkreuzzentren zu ihrem Regionaltreffen. Was diesen Tag besonders machte, war die eindrückliche Verbindung von Historie und Gegenwart: Auf dem Gelände, wo im Zweiten Weltkrieg eine Munitionsanstalt Bomben für Luftangriffe – wohl auch auf Coventry – produzierte, versammelten sich heute Christen, um für Frieden und Versöhnung zu arbeiten. Vertreterinnen und Vertreter aus Würzburg, Nürnberg, München, Dachau und Neuendettelsau kamen in der Augustana-Hochschule zusammen und erlebten einen Tag voller Austausch, Gedenken und gemeinsamer Inspiration. Bereits ein herzlicher Empfang am Vormittag stimmte die Teilnehmenden auf den intensiven Tag ein. In einer bewegenden Einleitung führte Dr. Janning Hoenen, Mitgastgeber aus Neuendettelsau, in die Geschichte des Treffensortes ein. Schon hier wurde deutlich, dass Neuendettelsau mehr ist als ein Dorf auf dem Land: Durch das Wirken von Pfarrer Wilhelm Löhe wuchs es im 19. Jahrhundert von einem unscheinbaren Dorf zu einem Zentrum des bayerischen Protestantismus mit globaler Wirkung – Sitz einer Diakonissenanstalt, Ausgangspunkt weltweiter Mission und heute Heimat von gleich zwei Nagelkreuzen. Diese besondere Mischung aus historischer Verantwortung und engagierter Versöhnungsarbeit prägte den ganzen Tag und weckte gespanntes Interesse auf das Programm.

Augustana-Hochschule Neuendettelsau

Nagelkreuz in der Campuskapelle. Foto: Tobias Klein

Den Auftakt bildete ein Besuch der Augustana-Hochschule, der theologischen Hochschule der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Im Konferenzraum der Campushochschule wurden wir von der Hochschulgemeinschaft empfangen. Dr. Hoenen hieß uns offiziell willkommen und spannte in seinem Vortrag den Bogen von der Gründung der Hochschule bis zur jüngsten Vergangenheit. Besonders nachhaltig beeindruckte seine Schilderung, wie tief Neuendettelsau in die Wirren des Zweiten Weltkriegs verstrickt war: Die Augustana steht nämlich auf dem Gelände einer ehemaligen Wehrmacht-Munitionsanstalt, kurz Muna, in der ab 1934 massenhaft Granaten und Bomben hergestellt wurden. Diese Waffen fanden vermutlich – in tragischer Ironie der Geschichte – auch beim Bombenkrieg gegen England Verwendung. Mit der Entmilitarisierung nach 1945 erfuhr das Areal jedoch eine völlige Umwidmung: 1947 beschloss die Landessynode die Gründung der Augustana-Hochschule als unabhängige theologische Lehrstätte in kirchlicher Trägerschaft. In den folgenden Jahren zog die Hochschule nach und nach in die ehemaligen Kasernen und Verwaltungsgebäude der Muna ein. Aus Orten der Zerstörung wurden Orte des Lernens: Wo einst Offiziershäuser und Truppenunterkünfte standen, entstanden Hörsäle, Wohnheime, Mensa und Verwaltung. 1966 wurde eine eigene Kapelle errichtet, deren großes Altarkreuz aus Stahl bewusst an die Vergangenheit des Geländes erinnert.

Beim Rundgang über den parkähnlichen Campus konnten wir diese Geschichte förmlich atmen. Zwischen alten Bunkerwällen und neuen Institutsgebäuden erläuterte uns Dr. Hoenen anschaulich die Funktionen der zentralen Gebäude. Ein Höhepunkt war der Besuch der Campuskapelle – dem spirituellen Herz der Hochschule. Dort steht heute eines der beiden Nagelkreuze von Neuendettelsau. Im Juni 2017 wurde die Augustana-Hochschule offiziell in die internationale Nagelkreuzgemeinschaft aufgenommen; in einem feierlichen Gottesdienst überreichte eine Delegation aus Coventry das Nagelkreuz für die Kapelle. Seither engagiert sich die Hochschule sichtbar für die Versöhnungsarbeit. Studierende und Dozierende gedenken hier jedes Jahr der Zerstörung Coventrys und beteiligen sich regelmäßig am Freitagsgebet für den Frieden.

Diakonissenanstalt Neuendettelsau (Diakoneo)

Nagelkreuz in der Diakonissenanstalt. Foto: Tobias Klein

Nach einem Mittagessen in der Mensa, das reichlich Gelegenheit zum persönlichen Austausch bot, führte unser Weg am frühen Nachmittag vom Campus hinüber zur traditionsreichen Diakonissenanstalt Neuendettelsau – heute bekannt als Diakoneo. Schwester Ruth Gänstaller, eine erfahrene Diakonisse, übernahm herzlich die Führung unserer Gruppe. Schon unterwegs blieb sie mit uns an bedeutungsvollen Stationen stehen: Unweit der Hochschule erinnert ein schlichter Gedenkstein an die Fremd- und Zwangsarbeiter, die in der Muna schuften mussten. Andächtig versammelten wir uns um dieses Mahnmal, während Schwester Ruth von den Schicksalen der Menschen berichtete, die in Neuendettelsau Zwangsarbeit leisten mussten – ein Kapitel, das dem Ort bis heute ins Gewissen schreibt. Wenige Schritte weiter erhob sich das historische Mutterhaus der Diakonissengemeinschaft. Hier, wo seit dem 19. Jahrhundert Diakonissen in Gemeinschaft lebten und wirkten, schauten wir in einen Innenhof voller Geschichte. Neuendettelsau war 1854 durch Pfarrer Wilhelm Löhe zur Keimzelle der bayerischen Diakonie geworden: Löhe gründete damals die erste Diakonissenanstalt in Bayern. Junge Frauen wurden in diesem „Mutterhaus“ zu Krankenschwestern und Fürsorgerinnen ausgebildet, um landauf, landab notleidenden Menschen beizustehen. Aus bescheidenen Anfängen wuchs in den folgenden Jahrzehnten ein umfangreiches Werk der Nächstenliebe. Heute – mehr als 170 Jahre später – zählt Diakoneo mit über 200 Einrichtungen und rund 10.000 Mitarbeitenden zu den größten diakonischen Trägern in Deutschland.

Doch auch die dunkelsten Stunden der deutschen Geschichte sind an Neuendettelsau nicht vorübergegangen – im Gegenteil: Gerade weil die Diakonissenanstalt einst eine der größten Heil- und Pflegeeinrichtungen für Menschen mit Behinderung im ganzen Reich war, hinterließ das NS-Regime hier tiefe Wunden. Schwester Ruth erzählte sichtlich bewegt von den Ereignissen der Jahre 1940/41: Unter dem zynischen Decknamen „Euthanasie“ wurden ab Herbst 1940 über 1.200 hilfsbedürftige Menschen aus Neuendettelsau und seinen Außenstellen in staatliche Heilanstalten deportiert. Von diesen wurden mehr als 800 in Tötungsanstalten wie Hartheim bei Linz ermordet; viele weitere starben unter den grausamen Bedingungen der Anstaltspsychiatrie. Besonders erschütternd ist, dass zu den ersten Opfern alle Bewohner jüdischen Glaubens zählten. Vor unseren Augen stand plötzlich das Bild der grauen Busse, in denen die Ordensschwestern ihre Schutzbefohlenen damals hilflos ziehen lassen mussten.

Erfahrungsaustauch beim Regionaltreffen

Regionaltreffen Bayern in Neuendettelsau. Foto: Tobias Klein

Nach diesem Gang durch die Geschichte empfing uns das Diakoneo-Zentrum mit offenen Armen. Bei Kaffee und hausgebackenem Kuchen kamen wir mit Schwestern, Mitarbeitenden und Gästen ins Gespräch. Hier, im modernen Begegnungsraum des Schwesternhauses, schlug die Stimmung des Tages einen hoffnungsvollen Bogen von der Vergangenheit in die Zukunft. Im Mittelpunkt stand nun die Nagelkreuzgemeinschaft als weltweites Netzwerk des Friedens. In einer angeregten Runde tauschten wir uns über die Erfahrungen unserer jeweiligen Nagelkreuzzentren aus. Gemeinsam schmiedeten wir Pläne für die weitere regionale Zusammenarbeit. So wurde beschlossen, das nächste Regionaltreffen in Nürnberg abzuhalten – ein Beschluss, der allgemein begrüßt wurde. Zugleich wurden Neuigkeiten aus der bayerischen Kirche bekannt: Mit großer Freude hörten wir, dass sogar das Landeskirchenamt in München erwägt, Nagelkreuzzentrum zu werden. Drei Vertreter:innen der Kirchenleitung verfolgten als Gäste unsere Diskussion – ein Zeichen dafür, welche Bedeutung die Versöhnungsarbeit inzwischen auf allen Ebenen gewinnt. In diesem Zusammenhang kam die Sprache auch auf eine mögliche Pilgerreise nach Coventry, der Geburtsstätte des Nagelkreuzes. Die Vorstellung, gemeinsam – Veteranen wie Neuinteressierte – nach Coventry zu reisen, um dort den Geist der Versöhnung unmittelbar zu erleben, begeisterte uns alle.

Als sich der Tag dem Ende zuneigte, versammelten wir uns noch einmal in der Kirche St. Laurentius, um den Abschluss in würdiger Weise zu begehen. St. Laurentius – eine helle, schlichte Kirche mitten im Diakoniegelände – beherbergt das zweite Nagelkreuz von Neuendettelsau. Jeden Freitag um Mittag findet hier ein öffentliches Nagelkreuzgebet statt; die Türen stehen allen offen, die mitbeten oder einfach einen Moment innehalten möchten. An diesem Abend aber erlebten wir eine Nagelkreuz-Andacht, die viele von uns tief bewegte. Besonders beeindruckend war das Versöhnungsgebet in einfacher Sprache, das hier in St. Laurentius üblich ist. Weil in der Gemeinde auch viele Menschen mit Behinderung mitfeiern, wird das berühmte Coventry-Gebet behutsam in klare, leicht verständliche Worte gefasst. So beteten wir gemeinsam – ohne Barrieren in Sprache oder Verständnis – die Bitten um Vergebung: „Dass Menschen andere wegen ihrer Hautfarbe nicht mögen. Vater, vergib.“ und „Dass wir uns nicht genug um Menschen kümmern, die ohne Heimat und auf der Flucht sind. Vater vergib.“ Jeder Satz war zugleich schlicht und kraftvoll.

Schließlich traten wir, erfüllt von den Eindrücken des Tages, die Heimreise an. Neuendettelsau hat uns an diesem Samstag gezeigt, dass es ein „Dorf mit globaler Wirkung“ geblieben ist: Einst Ausgangsort von Mission und Diakonie, dann gezeichnet von den Verirrungen der Geschichte, ist es heute ein lebendiger Doppel-Ort der Versöhnung. Sowohl die Augustana-Hochschule als auch Diakoneo tragen das Nagelkreuz als Symbol und Verpflichtung – in der akademischen Theologie wie im praktischen Dienst am Nächsten. Ihr gemeinsames Engagement strahlt weit über die Region hinaus.

Autor: Nagelkreuzgemeinschaft, mit Beiträgen von Tobias Klein, Judith Einsiedel und Dr. Janning Hoenen

 

Nagelkreuzsonntag 2025: „Schöpfer vergib“ – Liturgie aus Kanada

Am 29. September 2025 feiern Gemeinden weltweit den Internationalen Nagelkreuzsonntag. Die diesjährige Liturgie kommt aus Kanada und wurde von der Anglikanischen Kirche von Kanada vorbereitet. Alle Materialien – inklusive vollständiger Liturgie, Liedvorschläge und Hintergrundinformationen – stehen ab sofort zum Download bereit.

[Link zum Download]

Lizenz CC0 (gemeinfei, https://pxhere.com/en/photo/1359147)

Der Gottesdienst setzt gleich zu Beginn ein klares Zeichen: Er startet mit dem Versöhnungsgebet von Coventry – in einer kanadischen Fassung, in der statt „Vater, vergib“ die Worte „Schöpfer, vergib“ stehen. Diese Formulierung ist kein Zufall: Sie knüpft an die spirituelle Sprache indigener Christ\:innen an und macht deutlich, dass Versöhnung nicht nur zwischen Menschen, sondern auch mit der Schöpfung selbst geschieht.

Ein wichtiges Element ist die sog. „Landanerkennung“, die bewusst macht, auf welchem Boden die Bewohner Kanadas stehen und welche Geschichte er trägt. Die Liturgie gibt den Stimmen der „First Nations“, Inuit und Métis, Raum – in Lesungen, Gebeten und Liedern. Sie erinnert an das schwere Unrecht der „Residential Schools“, in denen Kinder von ihren Familien getrennt und ihrer Sprache und Kultur beraubt wurden. Gleichzeitig lädt sie dazu ein, Schritte der Heilung, Gerechtigkeit und Hoffnung zu gehen. Biblische Texte werden mit Symbolhandlungen, Gebeten und Liedern verbunden, die vom Weg aus Schuld und Schmerz hin zu einem neuen Miteinander erzählen. Liedvorschläge wie „Draw the Circle Wide“ oder „Let Us Build a House“ greifen das Thema Gemeinschaft, Offenheit und Versöhnung auf.

Der Gottesdienst endet mit dem Segen – doch „Schöpfer, vergib“ bleibt. Es ist die Stimme einer verletzten Welt: in Coventry unter den Bomben, in kanadischen Dörfern, deren Geschichte von Gewalt und Verlust gezeichnet ist, und überall dort, wo Menschen einander das Leben schwer machen. Dieses Gebet trägt die Erinnerung an das Leid – und die Sehnsucht, dass Gerechtigkeit und Frieden einander begegnen.

Autor: Nagelkreuzgemeinschaft. Das komplette Vorbereitungsmaterial mit Liturgie, Liedvorschlägen und Hintergrundinformationen steht hier zum Download bereit.

 

Ein Nagel, der hält – Predigt zur Aufnahme der Sankt-Pauls-Gemeinde Frankfurt am Main in die Nagelkreuzgemeinschaft

Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Am 24. Oktober 2025 hat Pfarrerin Andrea Braunberger-Myers in der Alten Nikolaikirche am Römerberg, Frankfurt am Main, im Festgottesdienst zur Übergabe des Nagelkreuzes von Coventry an die Evangelische Sankt-Pauls-Gemeinde gepredigt. Ausgangspunkt der Predigt ist ein einfacher Nagel: ein Gegenstand, der verletzen kann – und der, einmal eingeschlagen, trägt, hält und verbindet. Von dort schlägt die Predigt den Bogen nach Coventry 1940, zur Entstehung des Nagelkreuzes und zur Bitte „Vater, vergib“, bis hin zu Jesaja 55. Sie versteht die Aufnahme in die Nagelkreuzgemeinschaft als öffentlich ausgesprochene Verpflichtung: zur Erinnerung an die Kriege, die von Deutschland ausgingen, zum Eintreten gegen Antisemitismus und Rassismus heute, zur Verteidigung der Menschenwürde und zur Wachhaltung demokratischer Verantwortung – in unmittelbarer Nähe der Paulskirche. Eine Zusammenfassung der Gottesdienste in Frankfurt, Kassel und Stutensee-Weingarten und Hintergründe zur Aufnahme der neuen Nagelkreuzzentren finden Sie [klick-hier] auf unserer Seite. Nachfolgend dokumentieren wir die Predigt.

Dear Canon Kate Massey, dear Richard Parker, our honored guests from Coventry,

liebe Gäste aus der Nagelkreuzgemeinschaft, und alle zusammen: Liebe Gemeinde!

Ich habe Ihnen meine Nägelbox mitgebracht. Normalerweise steht sie im Schrank bei Hammer und Zange und Schraubenzieher. Eine kleine Kiste voller Nägel, alle aus Metall, länger, kürzer, dicker, dünner – je nachdem, was man halt so braucht, um etwas festzunageln. Manche Nägel sind sehr spitz, andere etwas stumpfer. Alle noch unbenutzt, unverbogen und ohne Rost. Wenn ich einen Nagel in der Hand halte, weiß ich: Das ist ein Nagel, weil ein Nagel eben so aussieht – kleiner metallener Kopf, langer Schaft. Aber richtig Sinn macht ein Nagel erst, wenn er benutzt wird, wenn man ihn in die Hand nimmt und mit dem Hammer in die Wand schlägt. Möglichst ohne sich zu verletzten. Denn so ein Hammerschlag auf den Daumen oder Zeigefinger tut höllisch weh. Überhaupt, an so einem unscheinbaren Nagel kann man sich schwer verletzen: Sind Sie schon einmal barfuß in einen Nagel getreten? Oder haben sich einen Nagel versehentlich in die Hand getrieben? Oder Sie haben sich an einem rostigen alten Nagel gerissen und eine Blutvergiftung riskiert? Das sind Verletzungen, mit denen man lange zu tun hat. So ein Nagel kann ein gefährliches Instrument, ja eine Waffe sein.

Ist der Nagel aber erst einmal in die Wand oder die Tür oder ein Brett geschlagen, dann ist er ein unverzichtbarer Bestandteil des Ganzen. Ein Nagel mit Öse befestigt das Bild an der Wand. Ein oder mehrere Nägel halten das Regal oder den Schrank oder das Bett zusammen. Am Nagel in der Werkstatt hängt der Gartenkittel oder die Säge oder der Wasserschlauch. So ein Nagel ist deshalb seit Jahrtausenden ein äußerst nützliches Utensil, das Halt gibt, zusammenhält und für Ordnung sorgt.

14./15. November 1940: Die deutsche Wehrmacht bombardiert das mittelenglische Coventry. Weite Teile der historischen Altstadt fallen den Angriffen zum Opfer. Auch die gotische Kathedrale St. Michael. Unmittelbar nach der Zerstörung von Stadt und Kathedrale setzt das Domkapitel in Coventry auf Versöhnung statt Vergeltung. Das hätte auch anders kommen können: Bis heute rufen leider auch Geistliche aller Religionen zum Krieg auf, um Rache auszuüben und nationale oder religiöse Interessen zu verfolgen.

Anders 1940 an der Kathedrale von Coventry: Aus drei mittelalterlichen Zimmermannsnägeln, die verbrannt im Schutt der zerstörten Ruine gefunden wurden, formte man ein Kreuz – das ursprüngliche Nagelkreuz von Coventry, als Symbol der Hoffnung und des Glaubens in Unheilszeiten. Denn das ist es schon immer gewesen, das Kreuz, Symbol der Hoffnung und des Glaubens! Seit jenem Tag in Jerusalem, als Jesus Christus an einem Kreuz starb und zumindest einer der Evangelisten, Lukas, als letzte Worte Jesu überliefert (Lukas 23,14): „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Und mehr noch, viel mehr: Drei Tage später erstand Jesus von den Toten und gehört seitdem zu den Lebenden. Das sprach sich erst langsam, tastend, zögernd herum, dann immer schneller und kräftiger: Jesus lebt und wir, die wir zu ihm gehören, mit ihm! Das Kreuz wurde das Symbol der Christenheit, weltweit bekannt und erkannt. Wenn tagtäglich Touristen unsere Alte Nikolaikirche durch die offene Tür betreten, erkennen sie mit einem Blick zum Altar, wo sie sind, nämlich in einer christlichen Kirche. Das Kreuz zeigt es ihnen.

Dompropst Howard ließ 1940 die Worte Father, forgive („Vater, vergib“) in die Ruinen des gotischen Chores der Kathedrale einmeißeln. „Vater, vergib“: Diese Worte stellen heute den Kern der Versöhnungslitanei von Coventry dar, auf die sich alle Mitglieder der Nagelkreuzgemeinschaft verpflichtet haben – und wir als Paulsgemeinde ab heute auch. Wir haben das Gebet eben schon gehört und mitgebetet. Es ist zukünftig in der Nagelkreuzecke an der Südwestseite unserer Kirche nachzulesen und gerne mitzubeten.

Jedes Kreuz, auch das Nagelkreuz, orientiert sich am Kreuz Jesu Christi. Der Gedanke der Vergebung und der Versöhnung im Namen Gottes aber stammt aus der hebräischen Bibel und ist viele hundert Jahre älter, nachzulesen etwa im Buch des Propheten Jesaja – Jesaja 55,6-13: „Suchet den Herrn, solange er zu finden ist; ruft ihn an, solange er nahe ist. Der Gottlose lasse von seinem Wege und der Übeltäter von seinen Gedanken und bekehre sich zum Herrn, so wird er sich seiner erbarmen, und zu unserm Gott, denn bei ihm ist viel Vergebung. Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr, sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken. Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt sie wachsen, dass sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen, so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende. Denn ihr sollt in Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden. Berge und Hügel sollen vor euch her frohlocken mit Jauchzen und alle Bäume auf dem Felde in die Hände klatschen. Es sollen Zypressen statt Dornen wachsen und Myrten statt Nesseln. Und dem Herrn soll es zum Ruhm geschehen und zum ewigen Zeichen, das nicht vergehen wird.“ (Lutherübersetzung 2017)

Eine große Friedensvision, die die ganze Welt umfasst – auch die Ukraine, den Sudan und Israel und Palästina und ihre Nachbarländer! Eine Welt, in der die Waffen endgültig schweigen, in der alle genug zum Leben haben, in der die Natur buchstäblich jubelt vor Freude und die Menschen sich vom Wort Gottes ernähren. Genau darum geht es in der Nagelkreuzgemeinschaft, die inzwischen weltweit über 300 Zentren zählt und in dieser Woche in Deutschland um drei weitere Zentren wächst. Und darauf wollen wir uns verpflichten, wenn wir heute als St. Paulsgemeinde in Frankfurt der Nagelkreuzgemeinschaft beitreten: auf ein ehrliches Gedenken in Frankfurt an die Kriege, die Deutschland verursacht und blutig gegen andere geführt hat, auf das Eintreten gegen Antisemitismus und Rassismus heute, auf den mitfühlenden Blick gegenüber leidenden Menschen, auf Standhaftigkeit, wenn Menschenrechte verletzt werden, auf das ständige Erinnern an die schon 1848 in unserer Frankfurter Paulskirche formulierten demokratischen Regeln des Zusammenlebens.

Deshalb: Vater, vergib!

Also nicht um der eigenen Ehre willen, sondern „zum Ruhm und zur Ehre Gottes, und zum ewigen Zeichen, das nicht vergehen wird.“ (Jesaja 55, 13) Das sog. Stuttgarter Schuldbekenntnis, dessen 80. Jahrestag wir am letzten Wochenende begangen haben, war 1945 ein erster und aus heutiger Sicht unzureichender Versuch, das Versagen der Ev. Kirche im Widerstand gegen den Nationalsozialismus zu benennen und zu bekennen. Der erste Kirchenpräsident unserer Ev. Landeskirche in Hessen und Nassau, Martin Niemöller, hat daran mitgewirkt. Er hat auch diese Alte Nikolaikirche nach ihrer Sanierung von Kriegsschäden im Januar 1949 wieder eingeweiht. Im Stuttgarter Schuldbekenntnis heißt es u.a.: „…wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“ Und ja, das alles müssen wir leider bis heute lernen, als Christen und Christinnen in Frankfurt und in Deutschland und in der weiten Welt: genauer hinsehen, Schuld mutiger bekennen, treuer und stetiger beten, fröhlicher glauben, vorbehaltloser lieben.

Deshalb: Vater, vergib!

Das Nagelkreuz von Coventry soll uns hier an diesem Ort ab jetzt stetige Erinnerung und Mahnung, auch Aufforderung dazu sein, für heutige und zukünftige Generationen. Daran machen wir uns fest wie an einem professionell in die Wand geschlagenen Nagel, der Halt gibt und ordnet und zusammenhält. Und Gottes Wort in Jesus Christus, das wir hören und beten und tun, wird nicht leer zu uns zurückkommen. Sondern ihm wird gelingen, wozu Gott es gesandt hat, zu Frieden und Versöhnung.

Deshalb: Vater, vergib!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Autorin: Andrea Braunberger-Myers, Pfarrerin

 

Was Versöhnung bedeutet – zwei Stimmen aus Kassel

Rafael Gleichmann. Foto: Karsten Socher

Zwei Stimmen, zwei Generationen, zwei Blickwinkel: Der eine erzählt aus der Erfahrung des Alltags – von Streit, Missverständnissen und der manchmal schwierigen Suche nach einem neuen Anfang. Die andere spricht mit der Erinnerung an Krieg und Zerstörung und mit der Hoffnung auf eine friedlichere Welt. Bei der Nagelkreuzübergabe in Kassel berichteten Konfirmand Rafael Gleichmann und Kirchenvorstandsmitglied Prof. Ingrid Lübke im Gedenk- und Festgottesdienst, was sie sich unter Versöhnung vorstellen. Gemeinsam zeigen beide Texte, dass Versöhnung weder abstrakt noch fern ist, sondern mitten in unserem Leben geschieht – heute, hier und jetzt. Anschließend sind ihre Texte dokumentiert. Einen Bericht über die Nagelkreuzübergabe finden Sie [klick-hier].

Rafael Gleichmann

Streiten mag ich gar nicht und ich bin auch nicht der Typ dafür. Aber manchmal passiert es einfach. Ein falsches Wort, oder ein blöder Blick – und schon ist schlechte Stimmung. Das ist nicht schön und ich fühle mich auch nicht gut dabei.

Dann möchte man sich wieder vertragen, aber das ist manchmal ganz schön schwierig. Die Sichtweisen und Standpunkte sind dann vielleicht verschieden, man muss aber zueinander finden oder Kompromisse schließen. Dazu muss man miteinander reden. Oder manchmal redet man eine gewisse Zeit nicht miteinander und plötzlich sieht die Welt ganz anders aus. Das Problem ist gar nicht mehr so wichtig und man kann es mit wenigen Sätzen klären.

Versöhnung heißt für mich, den ersten Schritt zu machen – oder wenigstens offen zu sein, wenn der andere ihn macht. Das ist gar nicht so einfach. Ich glaube, Versöhnung bedeutet nicht, dass man alles vergisst oder so tut, als wäre nichts passiert. Es heißt eher, dass man bereit ist zuzuhören, zu verstehen und loszulassen. Und vielleicht lernt man dabei sogar etwas über sich selbst. Zum Beispiel, dass man Fehler zugeben kann. Oder dass man jemanden wirklich gern hat – trotz allem.

Ich finde, die Welt wäre viel besser, wenn mehr Menschen sich versöhnen könnten. So wie Kinder und Jugendliche könnten auch Erwachsene, Religionen und sogar Länder aufeinander zugehen. Man muss nicht beste Freunde werden, aber dem Gegenüber respektvoll zu begegnen, wäre gut für alle Menschen. Es gäbe weniger Krieg und mehr Frieden.

Versöhnung ist kein Zeichen von Schwäche. Im Gegenteil – es zeigt Stärke. Und vielleicht auch ein bisschen Mut.

Ingrid Lübke. Foto: Karsten Socher

Ingrid Lübke

Trotz Zerstörung der Kathedrale und vieler Toter und Verletzter starteten Menschen in Coventry nach dem Zweiten Weltkrieg ein Zeichen der Versöhnung in Zusammenarbeit mit Kirchen, Schulen und Städten in vielen Ländern Europas und weltweit. Soll Versöhnung immer erst nach kriegerischen und gewalttätigen Auseinandersetzungen ein Thema sein? Nein. Ich plädiere für Versöhnung heute und jetzt.

Als mitten im Zweiten Weltkrieg Geborene habe ich konkret erfahren, was Krieg für uns Menschen bedeutet. Diese Erlebnisse ließen mich zur Einsicht kommen, dass Konflikte nicht mit Gewalt, sondern in Diskussionen, Verhandlungen und mit Kompromissen ausgetragen werden können und müssen. In den 1950er Jahren konnte ich als Jugendliche an Projekten der Versöhnung in Frankreich mitwirken. So konnte – leider erst über den Gräbern – die Ideologie überwunden werden, und es entstand eine Basis für ein friedlicheres Europa mit vielen versöhnten Staaten und Kulturen.

Unterschiedliche Positionen von Menschen, Machthabern oder Staaten und Institutionen führen immer wieder zu Konflikten, denen wir uns nicht entziehen dürfen. Als Christin setze ich mich dafür ein, den Konflikten nicht konfliktscheu aus dem Wege zu gehen. Wir sollten jedoch dazu beitragen, sie im Austausch der Meinungen und mit gegenseitigem Respekt für unterschiedliche Positionen und Forderungen, ohne Gewalt, im Sinne der Bergpredigt zu lösen. Es ist oft nicht leicht, dem „Schwarz-Weiß-Denken“ oder der vereinfachenden Zuordnung des Konflikts auf einen Sündenbock zu begegnen. Aber Konflikte mit militärischer Gewalt lösen zu wollen, diese Strategie lehne ich ab, weil sie mit der Tötung unzähliger, oft unschuldiger Menschen verbunden ist und bei der atomaren Bewaffnung zu unvorhersehbaren Zerstörungen auf unserem Planeten führt.

Nicht militärische Aufrüstung, sondern Friedensarbeit zum Erhalt guter Lebensbedingungen für alle Menschen auf unserer in ihrer Existenz bedrohten Erde – das bewegt meinen Glauben, meine Hoffnung und mein Handeln. Im Sinne der Nagelkreuzgemeinschaft gibt es für Versöhnung und Frieden immer wieder neue Anstöße, in Kassel und weltweit.