Vom Ende der Vergeltung: Warum das Nagelkreuz die Logik des Karfreitags neu erzählt

Karfreitag steht im Zeichen der Versöhnung: Bischöfin Dr. Beate Hofmann beleuchtet in ihrer aktuellen Predigt die tiefe Verbindung zwischen dem Karfreitagsgeschehen und der Arbeit der Nagelkreuzgemeinschaft. Vor dem Hintergrund, dass Kassel erst vor wenigen Wochen offiziell als neues Nagelkreuzzentrum in die weltweite Gemeinschaft von Coventry aufgenommen wurde, schlägt sie eine beeindruckende Brücke von der Geschichte der Zerstörung hin zu einer lebendigen Kultur des Friedens. Erfahren Sie hier, wie aus Ruinen Hoffnung wächst und was die Botschaft des Nagelkreuzes uns heute zu sagen hat.

Liebe Gemeinde,
seit fünf Monaten ist die Martinskirche jetzt Teil der internationalen Nagelkreuzgemeinschaft. Seit fünf Monaten steht das Nagelkreuz in jedem Gottesdienst auf unserem Altar und hält die Frage wach: Was heißt Versöhnung heute und hier?

Vielleicht haben Sie bei dieser Frage ganz persönliche Momente der Versöhnung vor Augen, zuhause in der Familie nach einem Streit, in der Politik, wenn nach einem heftigen Wahlkampf Parteien trotzdem miteinander reden und gemeinsam regieren müssen. Vielleicht haben Sie auch berühmte Handschlagmomente aus der großen Politik vor Augen, 1998 das Karfreitagsabkommen für Nordirland zwischen Protestanten und Katholiken z.B. oder das berühmte Handschlagfoto in Camp David 1978 mit dem israelischen Ministerpräsidenten Menachem Begin und dem ägyptischen Präsidenten Anwara as-Sadat, vermittelt vom US-Präsidenten Jimmy Carter.

Die Gründungsgeschichte des Nagelkreuzes schildert auch so einen Versöhnungsmoment. 1940 wurden Coventry und seine gotische Kathedrale durch deutsche Bomben zerstört. Richard Howard, der Dompropst fand beim Gang durch die Trümmer Nägel des Dachstuhls, formte sie zu einem Kreuz und befestigte sie an einer stehengebliebenen Wand. Daneben schrieb er die Worte: „Father, forgive“. Nicht „vergib ihnen“, sondern „vergib“. Das Nagelkreuzgebet, das daraus erwachsen ist und das wir vorhin gebetet haben, es erläutert das: Vergib, was durch Hass oder Gier, durch Teilnahmslosigkeit oder Gottvergessenheit in dieser Welt geschieht. Das heißt: Alle brauchen Vergebung, weil alle beigetragen haben zu diesem Konflikt.

Der heutige Predigttext aus dem 2. Korintherbrief erinnert uns an die theologische Basis unseres Nachdenkens über Versöhnung und er zeigt, wie Versöhnung und Vergebung zusammengehören:

„Aber das alles ist von Gott, der uns mit sich selber versöhnt hat durch Christus und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt. Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!“ (2.Kor 5,18-20)

In diesen wenigen Zeilen macht Paulus der Gemeinde in Korinth klar: Versöhnung ist nicht eine menschliche Leistung. Versöhnung geschieht durch Gott, ja, sie ist schon geschehen. In Christus hat Gott die Welt mit sich versöhnt. Gott nimmt uns an, steht weiter zu seiner Liebe zu uns und vergibt uns unsere Schuld, unsere Abkehr, unser Desinteresse.

Versöhnung, das ist ein Beziehungsgeschehen. Versöhnung heißt: „Ich weiß, was du Schlimmes getan hast, aber das soll uns nicht länger voneinander trennen.“ Versöhnung heißt nicht: „Es ist alles egal, Schwamm rüber.“ Versöhnung heißt: „Wir respektieren die Wunden, die wir uns zugefügt haben, aber wir wollen uns nicht weiter Schmerzen zufügen, sondern gemeinsam Zukunft gestalten. Unsere Beziehung soll auf andere Füße gestellt werden.“

Versöhnung ist ein Zustandswechsel: Aus Feindschaft wird Frieden, aus Leben in getrennten Welten wird Gemeinschaft. Diesen Raum der Versöhnung eröffnet Gott uns und lädt uns ein, hineinzutreten in diese andere Beziehung: in die Beziehung mit Gott, aber auch untereinander. Denn wer aus der Versöhnung Gottes lebt, der kann nicht weiter andere Menschen hassen.
Die Bitte „Lasst euch versöhnen mit Gott!“ bringt gut auf den Punkt, wie das beginnt. Diese Bitte bedrängt nicht, sondern sie lädt ein. Ja, Versöhnung ist darauf angewiesen, dass die Menschen sich bitten lassen. Versöhnung braucht innere Einsicht und Bejahung.

In den Passionserzählungen der Evangelien wird deutlich, wie Jesus selbst diesen Geist der Versöhnung lebt. Im Lukasevangelium, das wir vorhin gehört haben, sagt Jesus am Kreuz: „Vater, vergib ihnen.“ Nicht jeder hat diese Größe, in einem Moment großen Schmerzes denen zu vergeben, die diese Schmerzen zufügen. Aber die Erfahrung der Nagelkreuzbewegung zeigt: man kann hineinwachsen in eine Haltung, in der Versöhnung möglich wird und Vergeltung nicht mehr wichtig ist. In der Regel der Nagelkreuzgemeinschaft heißt es dazu:

„In Lobpreis, Klage und Fürbitte reden wir mit Gott. Christus lädt uns ein in die Gemeinschaft der Versöhnten. … Im Schweigen, in der Stille und im Hören auf Gott öffnen wir uns der Wirklichkeit Gottes. … Wir verbinden uns mit dem Leiden dieser Welt, mit den Verletzten, mit den Verfolgten, mit den Bedrängten und Missbrauchten . Wir wollen Fremdheit überwinden, Spannungen und Konflikte aushalten, Freude und Trauer teilen, und von eigenen Stärken und Schwächen sprechen lernen.“

Auch in der Kirche, auch in Nagelkreuzzentren begegnen sich Menschen mit ihren Beschränkungen, Eigenheiten und Verwundungen. Es kommt auch hier zu Spannungen und Konflikten. Die Nagelkreuzgemeinschaft hilft dabei, solche Konflikte auszuhalten und miteinander zu sprechen über das, was schwierig ist, was kränkt oder verletzt und sich dabei zuzuhören.

Solche Momente ereignen sich oft in alltäglichen Situationen, in einem Schulhof, wenn Streitschlichter dafür sorgen, dass Kinder sich gegenseitig zuhören und einen Konflikt klären. Oder wenn es in Familien oder Nachbarschaften oder Kirchengemeinden gelingt, die verschiedenen Perspektiven nebeneinander zu legen und sich gegenseitig zuzuhören. Das nimmt die Verletzungen nicht weg, es nimmt auch nicht alle Konfliktpunkte einfach weg, aber im Zuhören, in einer Haltung, die auch die Wunden des anderen sieht, öffnet sich ein Weg, anders miteinander umzugehen.
Meist steht am Anfang von solchen Versöhnungsprozessen jemand, der aus dem Geist der Versöhnung heraus den Mut hat, aus dem Kreislauf von Hass und Gewalt auszusteigen. Eine Geschichte, die mich besonders berührt hat, ist die von Gordon Wilson und dem „Geist von Enniskillen” aus Nordirland.

Am 8. November 1987 legten Gordon Wilson, ein methodistischer Diakon und Händler aus Enniskillen, einer Stadt in Nordirland, und seine 20-jährige Tochter Marie einen Kranz beim Remembrance-Day-Gottesdienst nieder, als eine IRA-Bombe explodierte. Marie starb in seinen Armen; ihre letzten Worte an ihn waren: „Daddy, I love you very much.” Nur Stunden später sagte Wilson in einem weltberühmten BBC-Interview: „Ich habe keine bösen Gefühle. Ich grolle niemandem … Ob sie hier auf Erden verurteilt werden oder nicht … das letzte Wort hat Gott. Ich vergebe ihnen.”

Seine Worte verhinderten wahrscheinlich protestantische Vergeltungsschläge. Die lokale Führung der protestantischen Terrorgruppen fühlte sich so beschämt, dass sie keine Racheakte verübte – ein seltener Fall in den Troubles. Wilson wurde zum Patron der später gegründeten Spirit of Enniskillen Trust, die bis heute junge Menschen aus Konfliktregionen zusammenbringt.
Bei dieser Erzählung musste ich an die Witwe von Charlie Kirk denken, die bei der Trauerfeier für ihren ermordeten Mann auch sehr klar sagte: „Ich vergebe dem Täter“. Wie wohltuend anders war das als die aufhetzende Botschaft, die der Präsident der USA aus diesem Mord abgeleitet hat.

Einen Einblick in Versöhnungsprozesse bietet auch das Parent-Circle Family Forum in Israel. Parents Circle – Families Forum (PCFF) ist eine gemeinsame israelisch-palästinensische Organisation von über 850 Familien, die durch den Nahostkonflikt Angehörige verloren haben. Seit 1995 engagieren sie sich für Versöhnung, Dialog und ein Ende der Gewalt, anstatt Rache zu üben. Sie führen Bildungsarbeit und interkulturelle Projekte durch. Die Mitglieder treffen sich zunächst in palästinensischen oder israelischen Gruppen. Ihre wichtigste Form der Friedensarbeit sind Dialog-Veranstaltungen: Je eine Person mit israelischem und palästinensischem Hintergrund, die Familienmitglieder in den Konflikten verloren haben, sprechen über ihre Erfahrungen und ihren Wunsch nach Ende der Gewalt.

Was genau geschieht da: PCFF öffnet einen Raum, in dem sich Menschen von beiden Seiten ihre persönlichen Geschichten von Schmerz und Verlust erzählen. Sie hören einander zu. Dadurch werden sie nicht gleich Freunde, aber sie sehen den Menschen im anderen, nicht nur den Feind. Und das verändert Beziehungen und durchbricht den Kreislauf von Angst, Gewalt und Entmenschlichung. Parents Circle – Families Forum ist vielleicht die einzige Organisation, die sich wünscht, auf keinen Fall Zuwachs zu bekommen, denn alle Mitglieder haben Angehörige im Konflikt verloren – und dennoch entschieden, dass Schmerz und Verlust nicht zur Quelle von Hass werden dürfen. Stattdessen suchen sie das Gespräch mit der „anderen Seite“, hören zu, erzählen ihre Geschichten und zeigen: Frieden wächst nicht aus Stärke, sondern aus Menschlichkeit.

Es hat mich beeindruckt, was die Organisation am 7. Oktober 2025, zwei Jahre nach dem grauenhaften Angriff der Hamas auf Israel und den Beginn des Ga-zakriegs gesagt hat:

„Heute, da sich ein kleines Fenster der Hoffnung öffnet, rufen wir erneut: Kehrt zur Menschlichkeit zurück und macht dies zum Wendepunkt. Diese zwei Jahre haben unseren Glauben nicht erschüttert, sondern gestärkt. Wir wissen, dass menschliche Verbundenheit stärker ist als Hass, dass Empathie selbst die tiefsten Gräben überbrücken kann und dass keine Familie – ob israelisch oder palästinensisch – das ertragen sollte, was wir ertragen haben. Beide Bevölkerungen müssen aufhören, sich gegenseitig Leid zuzufügen, und aufhören, das Leben in unserer Region zu betrachten, als müsse das Überleben des einen Volkes auf Kosten des anderen gehen. Die Menschlichkeit des anderen anzuerkennen bedeutet, das gleiche Recht aller – Palästinenser:innen wie Israelis – auf ein Leben in Würde, Sicherheit und Freiheit anzuerkennen.“

Das Nagelkreuz symbolisiert genau diesen Geist: Diese Nägel könnten nicht nur einen Dachstuhl zusammenhalten; sie sehen auch aus wie die Nägel, mit denen Christus ans Kreuz geschlagen wurde. Das ist die Botschaft, die für mich in diesem Kreuz steckt: Versöhnung, das geschieht, wenn Folterwerkzeuge zu einem Kreuz werden, statt Menschen zu quälen. Es ist genug gelitten und gestorben worden, ein für alle Mal. Christus hat den Kreislauf von Hass und Gewalt verlassen und den Raum der Versöhnung für uns eröffnet.

Darum ermöglicht die Versöhnung mit Gott die Versöhnung unter uns Menschen. Und darum ist der Friede Gottes auch die Wurzel unseres Engagements für den Frieden in der Welt. Christus stiftet uns an, aus Versöhnung zu leben und andere mit diesem Geist anzustecken.

Räume zu öffnen, dass Menschen sich begegnen, zuhören, verwandeln lassen vom Geist der Versöhnung, die Gott uns schenkt, das ist unsere Aufgabe als Christinnen und Christen. Wir lassen uns nicht entmutigen von der Gewalt und dem Hass, von dem scheinbaren Sieg der Stärkeren in dieser Welt. Wir glauben an die Kraft der Versöhnung und wir leben aus dieser Kraft.
Und der Friede Gottes, aus dem Frieden in unserer Welt wächst, er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Autorin: Bischöfin Dr. Beate Hoffmann, Kassel

In der Geografie des Schmerzes: Hanau und die Grammatik der Versöhnung

Wenn Trümmer der Vergangenheit auf die Wunden der Gegenwart treffen, entsteht ein Raum, der weit über die Grenzen einer hessischen Stadtkirchengemeinde hinausreicht. Am vergangenen Sonntag (22. März 2026) wurde der Evangelischen Stadtkirchengemeinde Hanau das Nagelkreuz von Coventry übergeben – ein Akt, der nicht nur die historische Zerstörung von 1945 reflektiert, sondern sich mutig den rassistischen Erschütterungen der jüngsten Zeit stellt. Lesen Sie hier, wie ein samoanisches Ritual, die Musik aus fünf Jahrhunderten und ein Gebet für die bedrohte Welt Hanau zu einem neuen Zentrum der internationalen Nagelkreuzgemeinschaft machten.

Dorf A, Dorf B und die „Finemat“: Eine Liturgie der Demut
Es ist ein archaisches Bild, das die Konfirmand:innen der Gemeinde im Festgottesdienst am 22. März 2026 in den Raum stellten: Wenn auf Samoa ein Konflikt zwischen Gemeinschaften schwelt, kniet der Chief des schuldigen Dorfes vor dem anderen nieder, verborgen unter einer schweren, oft mit roten Federn verzierten Grasmatte – der „Finemat“. In der unerbittlichen tropischen Hitze harrt er aus, ein Bild der totalen Prekarität und Demut, bis er ins Dorf gerufen wird. Dieser Ifoga-Ritus markiert den Nullpunkt, an dem Vergebung möglich wird und ein gemeinsames Mahl die Versöhnung besiegelt.

Dass dieses Ritual aus Anlass der Nagelkreuzübergabe in Hanau nachempfunden wurde, war kein bloßes exotisches Ornament. Es war charakteristisch für eine Feier, die an Internationalität und musikalischer Dichte kaum zu übertreffen war. Während das Ensemble „Hortus Hibernus“ mit einer nuancierten A-cappella-Kultur den Bogen von deutscher zu englischer Polyphonie spannte, wurde spürbar, dass Versöhnung hier nicht als wohlfeile Floskel, sondern als mühsame, klangvolle Arbeit verstanden wird.

Die Übergabe: Ein Prisma für das kirchliche Handeln
Canon Kate Massey aus Coventry überreichte das Nagelkreuz als sichtbares Zeichen der Zugehörigkeit zur weltweiten Gemeinschaft. In ihrer Predigt zeichnete sie das Bild der Versöhnung als ein „theologisches Prisma“, durch das alles kirchliche Handeln betrachtet, orientiert und evaluiert werden müsse. Für Hanau bedeutet dies eine feste Verankerung in einer Geschichte, die – wie die von Coventry – am 19. März 1945 in Schutt und Asche versank. Doch das Gedächtnis der Marienkirche, die kurz vor ihrer feierlichen Wiedereröffnung als „Marienkirche 2.0“ steht, reicht tiefer in die Gegenwart hinein.

Ein Moment der Verdichtung: Die bedrohte Welt in Hanau
Der vielleicht eindrücklichste Moment an diesem Sonntag war die Gestaltung der Fürbitten. Vor dem Hintergrund der Hanauer Geschichte – der weit zurückliegenden Zerstörung im Krieg ebenso wie der immer noch präsenten Wunden – weiteten sich die Gebete ins Globale. Es wurde für die Opfer von Krieg, Hass, Gewalt und Unterdrückung gebetet: in Israel und Gaza, im Iran, in Russland und der Ukraine, im Südsudan und schließlich mitten in Deutschland, in Hanau.

Plötzlich war die gesamte bedrohte Welt in der Stadtkirche präsent. In diesem Augenblick schien sich die Geografie des Leids an einem Ort zu verdichten. Das gemeinsame Singen von „Herr, gib uns deinen Frieden“ war hier kein rituelles Anhängsel, sondern ein existenzieller Aufschrei.

„Say their names“: Von Elisabeth Schmitz bis heute
Die Aufnahme in die Nagelkreuzgemeinschaft ist für Hanau die Konsequenz einer langjährigen Profilbildung. Das Erbe der Hanauerin Elisabeth Schmitz, die als mutige Stimme der Bekennenden Kirche bereits 1935 gegen die Judenverfolgung protestierte, bildet das ethische Fundament der Gemeinde.

Dieses Fundament wurde am 19. Februar 2020 erneut auf die Probe gestellt, als ein rassistisches Attentat die Stadt erschütterte. In Anlehnung an die Aktion „Say their names“ wurden im Gottesdienst die Namen der Opfer laut ausgesprochen: Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili Viorel Pӑun, Fatih Saraçoǧlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov.

In einer Geste radikaler christlicher Versöhnungsarbeit wurde auch Gabriele Rathjen gedacht. Als Mutter des Attentäters, die ebenfalls von ihrem Sohn erschossen wurde, steht ihre Nennung für die schmerzhafte Erkenntnis, dass Gewalt Kreise zieht, die auch die engsten Bindungen vernichten. Ihre Aufnahme in das Gedenken ist ein Zeugnis für den Anspruch der Gemeinde, keine Ausgrenzung zu reproduzieren, sondern die „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“ zu suchen, wie sie schon in der Hanauer Union von 1818 angelegt war.

Ausblick: Ein lebendiges Zentrum der Vielfalt
Die Stadtkirchengemeinde Hanau bringt eine reiche Praxis in die Nagelkreuzgemeinschaft ein: Vom interreligiösen Dialog zwischen Juden, Christen und Muslimen bis hin zu den internationalen „Gospel Services“, die gemeinsam mit afrikanischen Migrationsgemeinden gefeiert werden. Mit der Gründung eines eigenen Versöhnungsausschusses im Kirchenrat verstetigt die Gemeinde diesen Weg.

Wir heißen die Stadtkirchengemeinde Hanau herzlich in der unserer Gemeinschaft willkommen. Wir freuen uns darauf, wenn das neue Zentrum seine Arbeit auf der Mitgliederversammlung 2027 vorstellen wird. Hanau hat gezeigt: Versöhnung ist kein Zustand, sondern ein Prozess der ständigen Verdichtung von Geschichte, Gegenwart und Hoffnung.

Autor:innen: Antje Biller, Niels Faßbender

Jetzt anmelden: Young Reconcilers’ International Gathering 4. bis 7. August 2026 in Coventry

Du bist zwischen 18 und 25 und hast Lust auf internationale Begegnung, starke Gespräche und neue Perspektiven? Dann melde Dich an: Vom 4. bis 7. August 2026 findet in Coventry das Young Reconcilers’ International Gathering der Community of the Cross of Nails (CCN) statt – unter dem Motto: „Change yourself – Change the World.“

Beim Gathering kommen junge Erwachsene aus verschiedenen Ländern Europas zusammen, um sich über Glauben, Frieden, Gerechtigkeit und das Leben in herausfordernden Zeiten auszutauschen. Geplant sind gemeinsame Gebetszeiten und Gottesdienste, Workshops, Diskussionen, kreative Formate und Begegnungen mit anderen jungen Menschen aus dem CCN-Kontext – also kein trockener Vortrag, sondern ein lebendiges internationales Miteinander. In Planung sind u. a. eine Einführung in die Coventry-Story, ein interreligiöser Friedensweg durch Coventry, Workshops zu Vorurteilen, Dialog und Versöhnung sowie kreative Zugänge zum Versöhnungsgebet von Coventry.

Wichtig für Interessent:innen aus Europa (ohne UK und Irland):
Die Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland übernimmt für bis zu 10 Teilnehmende die Teilnahmegebühr und Unterkunft. Die Reisekosten müssen grundsätzlich selbst getragen werden. Wenn der Flug oder die Anreise finanziell schwierig ist, kann aber ggf. ein Zuschuss gewährt werden – niemand soll zuhause bleiben müssen, weil das Geld für die Reise fehlt.

Anmeldung ab sofort möglich!
Die Anmeldung ist nun offiziell freigeschaltet. Du kannst Dich direkt über die Website der Coventry Cathedral für das Gathering eintragen: https://www.coventrycathedral.org.uk/events/community-of-the-cross-of-nails-young-reconcilers-gathering

Weitere Informationen zu Programm, Unterkunft und organisatorischen Fragen folgen demnächst. Ein Infoflyer kann hier heruntergeladen und gerne weitergegeben werden. Bei Fragen schreibe gerne an jugendkonferenz@nagelkreuz.org.

Ein Freund ist von Bord gegangen – zum Tod von Peter Voigt

Die Nagelkreuzgemeinschaft trauert um Peter Voigt. Am 23. Februar 2026 ist unser Gründungsmitglied und guter Freund nach längerer Krankheit im Kreise seiner Familie friedlich eingeschlafen. Mit ihm verlieren wir einen engagierten Versöhner und eine Persönlichkeit, die unsere Gemeinschaft über Jahrzehnte geprägt hat. Viele von uns verlieren mit ihm zudem einen verlässlichen Weggefährten und persönlichen Freund.

Peters Verbindung zur Versöhnungsarbeit begann früh. Der Grund dafür liegt in einem Jahr, das für viele längst Geschichte ist und für ihn doch gegenwärtig blieb: 1959 reiste er mit der Kantorei der Hauptkirche St. Katharinen in Hamburg zu einer Konzertfahrt nach Großbritannien. Als erster deutscher Chor sangen die Hamburger damals vor dem Versöhnungsaltar in den Ruinen der zerstörten Kathedrale von Coventry. Auf dieser Reise begegneten die jungen Sänger nicht nur Offenheit, sondern auch Misstrauen und unverhüllter Distanz. Zur Begrüßung fielen Sätze wie: „Jetzt kommt ihr mit Stimmen vom Himmel und nicht mit Bomben vom Himmel.“ Solche Sätze vergisst man nicht. Die unmittelbare Begegnung mit den Wunden des Krieges – und zugleich mit dem Geist von Coventry – hat Peter tief berührt und nachhaltig geprägt.

Als am 3. Februar 1961 das Nagelkreuz aus Coventry an die Hauptkirche St. Katharinen übergeben wurde, war das ein historischer Tag: ein Zeichen der Vergebung zwischen ehemaligen Feinden fand seinen Ort in einer Kirche, die selbst die Zerstörung des Krieges erfahren hatte. Später übernahm Peter die Versöhnungsarbeit in seiner Heimatgemeinde und führte die Ideen der Nagelkreuzgemeinschaft dort mit großem Engagement weiter.

Seit der Gründung der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V. im Jahr 1992 gehörte er ganz selbstverständlich dem Leitungskreis an und half, den Verein durch seine ersten, nicht immer einfachen Jahre zu führen. In seinen Aufzeichnungen erinnerte er sich später mit leiser Ironie an die mitunter hitzigen Debatten jener Zeit und an die wechselnden Kassenführer.

Von 2004 bis 2015 übernahm er selbst das Amt des Schatzmeisters. Als Kaufmann, hauptberuflich in der Ölbranche tätig, kannte er sich mit Zahlen, Ordnung und Übersicht aus. Bemerkenswerter war vielleicht etwas anderes: Er machte aus den naturgemäß trockenen Beratungen zum Jahresetat keinen unerquicklich langen Pflichtteil. Mit hanseatischer Lakonie und sicherem Gespür für den Ton wurden diese Beratungen auf den Mitgliederversammlungen zu einem eigenen Ereignis. Viele erinnern sich daran bis heute mit einem Lächeln.

Neben seiner Tätigkeit im Vorstand lag Peter die Arbeit in Osteuropa besonders am Herzen. Durch zahlreiche Reisen zu den Zentren unserer osteuropäischen Partner unterstützte er in seiner ruhigen, pragmatischen Art tatkräftig den Aufbau unseres Netzwerks. Er tat dies ohne Pathos, aber mit Beharrlichkeit – und gerade darin lag seine Wirkung.

Als im Jahr 2024 schließlich auch die übrigen Hamburger Hauptkirchen ein Nagelkreuz erhielten, war das für Peter mehr als ein äußerer Erfolg. Es war eine Bestätigung – und wohl auch die Erfüllung dessen, woran er selbst ein Leben lang mitgearbeitet hatte: zu erleben, wie die Versöhnungsidee in seiner geliebten Heimatstadt weiterwuchs und Gestalt gewann.

Lieber Peter, Du hast einmal geschrieben, dass die Nagelkreuzgemeinschaft seit Jahrzehnten im Sinne der Versöhnung nach gewaltfreien Wegen der Konfliktlösung sucht. Du selbst hast diese Haltung ein Leben lang verkörpert. Nun hast Du Deine letzte große Reise angetreten. Wir blicken in tiefer Verbundenheit und großer Dankbarkeit auf die gemeinsame Zeit zurück. Wir wissen nicht, wie Du diesen Nachruf kommentiert hättest. In einem aber sind wir sicher: knapp, trocken, freundlich – und ohne jedes überflüssige Wort. Bestimmt hättest Du uns, trotz unserer Trauer, zum Schmunzeln gebracht. Wir werden Dein Andenken in Ehren halten. Tschüs, Peter!

Vorstand und Leitungskreis der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V.

Ein Brief aus den USA: Versöhnung in angespannten Zeiten

Viele von uns blicken mit Sorge auf die politische und gesellschaftliche Zuspitzung in den Vereinigten Staaten. Zugleich verbindet uns mit der amerikanischen Nagelkreuzgemeinschaft seit langem eine geistliche und praktische Weggemeinschaft: Nähe im Gebet, Aufmerksamkeit im Zuhören, Lernen voneinander – statt Urteilen aus der Ferne. Vor diesem Hintergrund haben wir Robert T. J. Childers, den Vorsitzenden der Nagelkreuzgemeinschaft in den USA, um eine persönliche Standortbestimmung gebeten: Wie wird die gegenwärtige Lage vor Ort erlebt? Was bedeutet Versöhnungsarbeit jetzt – und wovon lebt sie? Robert antwortet als Bürger und Christ – und als jemand, der selbst in Coventry gelebt hat. Seine Überlegungen führen von den Worten nach der Zerstörung der Kathedrale 1940 über das Vaterunser zu der Frage, wie Vergebung und Versöhnung in dunklen Zeiten nicht bloß „eine gute Geschichte“, sondern Evangelium bleiben. Zugleich bittet er um unser Gebet und unseren Rat.

 

Gnade sei mit euch und Friede von euren amerikanischen Brüdern und Schwestern in der Nagelkreuzgemeinschaft.

 

Es hat mich bewegt und mir das Herz erwärmt zu hören, dass ihr in euren Gebeten unserer Nagelkreuzgemeinschaft gedenkt – und zugleich unseres Landes –, während wir hier in den Vereinigten Staaten innere Spannungen und Bedrängnis erfahren. Gerne folge ich als Vorsitzender der Nagelkreuzgemeinschaft in den Vereinigten Staaten eurer Bitte und schreibe euch einige Gedanken zum Leben in Amerika in dieser Zeit. Die 1960er Jahre, mit Vietnamkrieg und Bürgerrechtsbewegung, waren in unserem Land überaus stürmische Jahre; damals war ich noch ein Kind und habe die Ereignisse, während sie geschahen, nicht in ihrer ganzen Bedeutung ermessen.

 

Sorge, Spaltung und Dunkelheit der Gegenwart

 

Heute aber bin ich erwachsen: Vater und Großvater, früher Jurist, heute anglikanischer Priester. Darum bin ich in Sorge um die Zukunft meiner Kinder und ihrer Kinder. Ich sorge mich um die Zukunft unserer verfassungsmäßigen Demokratie. Ich sorge mich um die, die verwundbar sind – um Witwen und Waisen, um Fremde und Heimatlose. Ich sorge mich um „einen von diesen meinen geringsten Brüdern“ (Matthäus 25,40), die durch das Handeln unserer gegenwärtigen Regierung Schaden nehmen.

 

Ich sorge mich um die Spaltungen, die sich auf nahezu allen Ebenen unseres Landes zeigen: in Familien, in Kirchen, in Gemeinden und weit darüber hinaus. Die meisten von uns kennen – je auf ihre Weise – Angst, Zorn, Erschöpfung, Verwirrung und Entfremdung. Viele haben sich in ihren „Stamm“ zurückgezogen, wo man sprechen kann, ohne Vergeltung fürchten zu müssen. Doch das schafft nur noch mehr Isolation und Polarisierung. Ausweichen scheint das verbreitetste Mittel zu sein, durch diese Zeit zu kommen. Es sind dunkle Tage in unserem Land, und ich fürchte, es wird schlimmer werden, ehe es besser wird.

 

Ich sage dies als Christ, der an Hoffnung, Erlösung und Auferstehung glaubt. Und doch musste ich in den letzten Monaten meinen Glauben vertiefen und mich mit ganzer Kraft an die Gnade und Gegenwart Christi halten, um hoffnungsvoll zu bleiben. Die Nagelkreuzgemeinschaft – geboren aus der Zeit nach der Bombardierung der Kathedrale im Jahr 1940 – und meine eigene Erfahrung, als Praktikant in der Kathedrale zu leben und zu arbeiten, sind mir durch mein erwachsenes Leben hindurch Quelle von Kraft und Inspiration gewesen.

 

Coventry als Maßstab: Vergebung statt Vergeltung

 

In den letzten Monaten, während ich darum rang, die Handlungen unserer jetzigen Regierung zu verstehen und auf sie zu antworten, habe ich unzählige Stunden damit verbracht, über die Worte von Provost Howard nach der Bombardierung der Kathedrale am 14. November 1940 nachzudenken, zu beten und Tagebuch zu führen. Kurz nach der Bombardierung fasste er den Entschluss, nicht nach Rache zu suchen, sondern um Vergebung und Versöhnung zu ringen – mit denen, die für diese Zerstörung verantwortlich waren. Am Weihnachtstag 1940 erklärte er, er versuche, alle Gedanken der Vergeltung zu bannen, um „in den Tagen nach diesem Streit eine freundlichere, einfachere – eine mehr dem Christkind ähnliche Welt“ zu schaffen.

 

Und dann sagte er in der Weihnachtssendung des BBC-Auslandsdienstes („Empire Broadcast“) von 1946 – im Gespräch mit einem römisch-katholischen Priester in Hamburg –: „Über das Christkind hinweg strecke ich meine Hand aus und lege sie in die deine, mein Bruder … [und spreche das Wort] Vergebung …“ Priester Mecklenburg antwortete: „Eure Botschaft von Vergebung und Neugeburt weckt ein Echo in meinem Herzen. ‚Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.‘ … Wenn wir nur Bitterkeit und Hass ausstoßen und neu anfangen könnten, dann, so glaube ich, können [wir] in Frieden und Brüderlichkeit zusammenleben.“ (Ruined and Rebuilt: The Story of Coventry Cathedral 1939–1962, Richard Howard, S. 106–107)

 

Provost Howards Worte waren mir Inspiration und Trost; schwer aber war, sie in mir selbst wahr werden zu lassen – als Teil meiner eigenen Gedanken, Worte und Taten. Wenn seine Geschichte und seine Erfahrung nach dem Bombardement von Coventry auf unsere Lage heute nicht anwendbar sind, dann ist Coventrys Geschichte nur eine gute Geschichte – keine Evangeliumsgeschichte.

 

Und doch weiß ich: Der Dienst der Versöhnung, der aus Coventry hervorgewachsen ist und aufgeblüht ist, ist heilig, evangeliumsgemäß und von bleibender Geltung. Wie also kann ich ihn verkörpern? Wie können wir – Christen, die Christus nachzufolgen suchen – diese Geschichte von Vergebung und Versöhnung zu unserer eigenen Geschichte machen?

 

Das tägliche Brot: Würde, Zusage, Aufrichtung

 

Für mich kam die Antwort durch Priester Mecklenburg, der sagte, Provost Howards „Botschaft von Vergebung und Neugeburt weckt ein Echo in meinem Herzen“. Und dieses Echo kam aus den Worten Jesu, der uns im Vaterunser beten lehrt. Bevor wir den Vater um Vergebung bitten, bitten wir um unser tägliches Brot. Gewiss: Das meint tägliche Nahrung und Stärkung. Aber ich glaube, Jesus lässt uns um mehr bitten als um Brot für den Leib.

 

Wie schwer muss das Beten in den Tagen nach der Bombardierung gewesen sein. In welch scheinbar hoffnungsloser Lage befanden sich Provost Howard und die Menschen von Coventry. Als er durch Trümmer und Ruinen der Kathedrale ging und betete, suchte er – so glaube ich – mehr als Brot.

 

Als die Angreifer Coventry vernichten wollten – die Stadt in Trümmer legen und ihre Bewohner auslöschen –, brauchte Provost Howard die Gewissheit, dass er, seine Stadt und ihre Menschen zählen. Er bat gewiss um sein tägliches Brot; aber er bat auch um das Brot der Liebe Gottes: dass der Lebensatem, den ihm der Schöpfer des Universums eingehaucht hat, aus ihm und aus seiner Stadt hervorleuchte. Er bat um die Gewissheit jener Würde, die ihm in der Taufe zugesprochen ist: dass er ein Kind Gottes ist.

 

Und – so glaube ich – er empfing dieses Brot; er wusste sich vergeben, mit Gott versöhnt. In dieser Erkenntnis konnte er seine „Feinde“ ansehen und in ihnen Kinder Gottes erkennen. Er begriff im Innersten: Wer sein tägliches Brot empfangen hat, kann es den anderen nicht vorenthalten. Von Gottes Liebe und Vergebung aufgerichtet und genährt, konnte er nicht anders, als seine Feinde zu lieben und ihnen zu vergeben. Vergebung zu verweigern hieße, das Geschenk zu mindern, das er empfangen hatte.

 

Die Hand ausstrecken: den Gegner als Mitmenschen sehen

 

Ich merke, dass ich weit ausgeholt habe: über die Gedanken und Gebete von Provost Howard – und dass ich dann gewagt habe zu deuten, wie er an den Ort der Vergebung und Versöhnung gelangte. Aber ich sage es offen: Ohne diese geistliche Übung, ohne diesen Weg im Gebet und im Nachsinnen, wäre ich – so glaube ich – längst vom Hass aufgezehrt und von Rachegedanken gegen manche meiner eigenen Brüder und Schwestern hier in Amerika beherrscht. Denn es drängt sich mir der Eindruck auf, dass die Absicht unserer gegenwärtigen Regierung dahin geht, alles zu beseitigen, was widerspricht oder im Wege steht: Menschen und Dinge, die ihren Vorhaben und ihrer Agenda nicht dienen, sollen abgeschafft und zerstört werden.

 

Nur im Gebet und in der Meditation, nur im stillen Nachdenken über Coventry und das Nagelkreuz, ist mir überhaupt erst möglich geworden, anzufangen, die, deren Politik, Maßnahmen und Überzeugungen ich widerstreite, als Mit-Kinder Gottes zu sehen. Mich meiner eigenen Würde und Menschlichkeit zu erinnern – und in dieser Wahrheit zu leben –, das gibt mir Raum und Mut, auf die zuzugehen und ihnen die Hand entgegenzustrecken, mit denen ich nicht einverstanden bin. Es ist ein Ringen, und ich bin unterwegs; ich bin nicht am Ziel. Aber ich glaube: Einen anderen Weg nach vorn gibt es nicht als den durch Liebe und Versöhnung.

 

Gebet und Versöhnung: Widerstand ohne Hass

 

Wenn mir in den vergangenen Monaten etwas klar geworden ist, dann dies: Ich kann keine Veränderung bei denen erwarten, mit denen ich nicht übereinstimme – und ich sollte nicht nach ihr suchen –, solange ich nicht im Gebet in mein eigenes Herz schaue und Gott bitte, mich zu verändern. Ich muss von Gottes Gnade und Liebe berührt und erneuert werden und dann bereit sein, dies mit allen zu teilen, die Gott mir begegnen lässt – besonders mit denen, die ich „Feinde“ nennen möchte.

 

Deutlich wird mir: Die Kernaufgabe der Versöhnung beginnt in uns selbst. Wir, die wir bekennen, Jesus nachzufolgen, müssen zuerst die eigene Erneuerung suchen, ehe wir denen begegnen, denen wir widersprechen. Gewiss: Ich habe für unser Land gebetet – und andere dazu ermutigt –, für unsere Verantwortlichen und für unsere Richter. Ich habe an die Gewählten geschrieben und meinen Widerspruch gegen die Maßnahmen der Regierung ausgesprochen. Wo Kandidaten angetreten sind, um republikanische Mandatsträger herauszufordern, habe ich Unterstützung gegeben und ermutigt. Und wir sind zu Kundgebungen und Demonstrationen gegangen gegen die ungeheuerlichsten Maßnahmen des Präsidenten.

 

Gebet, Protest und die Ausübung unseres Wahlrechts sind – so glaube ich – der wirksamste Weg, die Erosion unserer Demokratie aufzuhalten. Eure Gebete, meine lieben Brüder und Schwestern, sind wichtig und unentbehrlich. Betet für unsere Demokratie. Betet für unsere gewählten Amtsträger. Betet für unsere Richter. Betet, dass alle, die öffentliche Verantwortung tragen und im öffentlichen Dienst stehen, Mut und Kraft haben, ihrem Amtseid treu zu bleiben. Betet um Gerechtigkeit. Und betet um Frieden.

 

Ich bitte euch – ganz persönlich – um euren Rat: Wie kann man den autoritären Handlungen unserer gegenwärtigen Regierung friedlich widerstehen und dabei dem Glauben treu bleiben?

 

In großer Dankbarkeit und Liebe wünsche ich euch Gnade und Frieden.

 

Euer Freund in Christus

 

Robert T. J. Childers

Vorsitzender der Nagelkreuzgemeinschaft in den Vereinigten Staaten von Amerika

 

Redaktioneller Hinweis: Am Ende seines Textes bittet Robert T. J. Childers ausdrücklich um Rat. Diese Bitte greifen wir gerne auf: Wenn Sie – persönlich oder mit Ihrem Nagelkreuzzentrum – Gebete, Gedanken, Erfahrungen oder konkrete Hinweise teilen möchten, wie wir unsere Freunde in den USA in dieser Lage begleiten und unterstützen können, schreiben Sie uns  – entweder unten in der Kommentarfunktion oder per E-Mail an redaktion@nagelkreuz.org. Wir sammeln die Rückmeldungen, fassen sie zusammen und geben Robert T. J. Childers eine gebündelte Antwort. Außerdem berät der Vorstand der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V. auf seiner Sitzung am 27./28. Februar 2026, wie wir unsere Freunde weiter unterstützen können; auch dafür nehmen wir Ihr Feedback ausdrücklich mit.

Komm den Frieden wecken – Bericht von der Friedensdekade in Kiel

Quelle: Ökumenische FriedensDekade e. V.

„Komm den Frieden wecken“ – so lautete das Motto der diesjährigen ökumenischen Friedensdekade im November. Mit aktiver Beteiligung der Nagelkreuzgemeinschaft lief u. a. in Kiel ein volles Programm: Zahlreiche Gottesdienste, Friedensandachten sowie künstlerische, musikalische und auch politisch geprägte Veranstaltungen fanden statt. Der Weckruf erinnerte die Teilnehmenden an das Wesentliche: Angesichts der gegenwärtigen unfriedlichen Situation vor Ort und weltweit müssen wir darum ringen, „friedensfähiger“ zu werden und dürfen uns nicht allein mit „Kriegstüchtigkeit“ begnügen.

In der St. Nikolaikirche erzählte Pröpstin Almut Witt von der Entstehung des Nagelkreuzes vor 85 Jahren. Sie erinnerte an die historische Überreichung des ersten Nagelkreuzes an eine deutsche Stadt, das Provost Dick Howard am 15. September 1947 dem Kieler Propst Johannes Lorenzen übergab. Diese Geste war ein Weckruf, dass sich die einstigen Feinde vergeben und Brücken der Versöhnung bauen.

Versöhnung braucht Einsicht und Tatkraft

Leitungsteam der Theatergruppe. Foto: Nicola Runge

Die monatliche Friedensandacht vor dem Nagelkreuz betonte die andauernde Relevanz der Friedens- und Versöhnungsbotschaft: Das „Father forgive“ konfrontiert uns mit unserem Versagen und fordert uns auf, den Friedensbemühungen endlich Vorrang zu geben. Zum Abschluss beteten wir die Versöhnungslitanei von Coventry.

In einem weiteren Friedensgottesdienst erfuhr eine kleine Nachbildung der Skulptur „Reconciliation“ besondere Aufmerksamkeit. Das Werk der britischen Bildhauerin Josefina de Vasconcellos zeigt zwei knieende Gestalten, die sich sinnlich und ermutigend umarmen. Eine der Original-Skulpturen steht in der Ruine der Kathedrale von Coventry.

Das Motiv ist global präsent: Abgüsse stehen auch in Hiroshima, Belfast und bei der Kapelle der Versöhnung an der Berliner Mauer. Mehrere Miniaturen der Statue sind in Kiel verteilt. Im Jahr 2012 übergab der damalige Direktor des internationalen Versöhnungszentrums von Coventry, David Porter, ein Exemplar an die Sozialkirche in Kiel-Gaarden.

Die Symbolkraft der Statue wirkt bis heute: Erst vorletzte Woche erhielt auch Elke Büdenbender, die Frau des Bundespräsidenten, beim Besuch in Coventry eine solche Miniatur als Geschenk von Dean John Witcombe.

Junge Generation sorgt für Aufwachen

Erfreulich war die starke Beteiligung der jungen Generation an den mehr als 35 Veranstaltungen in Kiel. Eine Theatergruppe aus Kiel-Mettenhof ließ zu Beginn des Gottesdienstes in der Michaeliskirche ganz wörtlich einen Wecker klingeln, um alle aufzuwecken. In ihrem Theaterstück lösten die Jugendlichen einen Konflikt zwischen zwei Jugendzentren, der gewalttätig zu eskalieren drohte, auf friedliche Weise. Zu den Verantwortlichen für das Projekt gehörte die Jugendpädagogin Uta Birkenstock, die selbst schon 1992 als Schülerin an der ersten Begegnungsreise von Kiel nach Coventry teilgenommen hatte.

Das Ringen um die Erhaltung des Friedens

Skulptur “Reconciliation” als Miniatur. Foto: Nicola Runge

Das Politische Abendgespräch in der Kompassgemeinde Kiel-Altenholz trug die Überschrift „Den Frieden wecken – aus militärischer, politischer und evangelischer Sicht“. Drei Impulsgeber stellten ihre jeweiligen Perspektiven dar. In den folgenden Gruppengesprächen wurde fair gestritten. Die Teilnehmenden diskutierten etwa über diese Fragen: Wie stark muss eine Sicherheitsarchitektur auch die Sicherheitsbedürfnisse der gegnerischen Seite einbeziehen? Wie gefährdend ist eine militärische Bedrohung tatsächlich? Und: Hält die neue Friedensdenkschrift der EKD am Vorrang der Gewaltfreiheit fest?

Bonhoeffers fester Glaube

So gelungen die Veranstaltungen der Ökumenischen Friedensdekade in Kiel und anderswo auch waren: Die Gefährdungen weltweit sind real. Wir Christen sind nur eine kleine Stimme für die Bewahrung und Wiederherstellung des Friedens.

Mich bestärkt in diesen unruhigen Zeiten das Glaubensbekenntnis von Dietrich Bonhoeffer, das er 1942 aus der Gefängniszelle geschrieben hat: „Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will.“

 

Autor: Frieder Petersen, Pastor i.R.

Spendenaufruf: Hilfe für unser Nagelkreuzzentrum in der Ukraine

Evangelisch-lutherische Kirche in Odessa und Pastor Alexander Gross (Fotos: Gross)

Krieg ist in der Ukraine keine ferne Nachricht, sondern tägliche Wirklichkeit. In Odessa und den umliegenden Dörfern leisten lutherische Gemeinden unter schwierigsten Bedingungen soziale Notfallarbeit: Sie versorgen Alte, Kranke, Kinder und Familien mit Lebensmitteln, Medikamenten und konkreter Hilfe – oft als Einzige vor Ort. Die Berichte von Pastor Aleksander Gross, die wir auf unserer letzten Mitgliederversammlung gehört haben, machen deutlich, wie existenziell diese Unterstützung geworden ist. Für viele Menschen ist sie das Letzte, was bleibt. Deshalb bitten wir heute dringend um Ihre Unterstützung. Im folgenden Spendenaufruf erfahren Sie, wofür die Hilfe gebraucht wird, was konkret geplant ist – und wie Ihre Spende unmittelbar wirkt.

Liebe Mitglieder, liebe Freundinnen und Freunde der Nagelkreuzgemeinschaft!

Was heißt es, vom Nagelkreuz zu sprechen, wenn Krieg kein erinnerter Abgrund ist, sondern tägliche Wirklichkeit? Auf der Mitgliederversammlung vor gut zwei Wochen in Münster wurde diese Frage konkret. Im Gespräch mit einem Vertreter des Nagelkreuzzentrums in St. Petersburg und mit Pastor Aleksander Gross, der für die Gemeinden unseres Nagelkreuzzentrums in Odessa und den umliegenden Dörfern verantwortlich ist, hörten wir von Menschen, die bleiben, wo vieles zerbricht. Von Gemeinden, die helfen, obwohl ihnen selbst die Mittel fehlen.

Es war ein bewegender Nachmittag. Und am Ende stand bei vielen derselbe Gedanke: Wir dürfen das nicht nur hören. Wir wollen auch unterstützen. Darum bitten wir Sie heute um Ihre Unterstützung für die sozialdiakonische Arbeit der Lutherischen Kirche in Petrodolynske, Novogradkivka und Odessa. Sie gilt zwei Projekten, die exemplarisch zeigen, was Kirche dort heute bedeutet.

Wenn Hilfe zu den Menschen geht – und nicht umgekehrt

Gemeinde mit Sonntagsschule in Odessa (Foto: Gross)

Rund 1.260 Menschen werden von den lutherischen Gemeinden regelmäßig unterstützt – mit Lebensmitteln, mit dringend benötigten Medikamenten, mit praktischer Hilfe, mit Nähe. Die Hilfe wird nicht an einem zentralen Ort ausgegeben, sondern die Gemeinde geht zu den Menschen nach Hause. Für viele ist das entscheidend, um ihre Würde zu bewahren. Pastor Gross schreibt:

„Wir haben gute Beziehungen zu acht Dörfern in der Umgebung aufgebaut, wo wir mit Seniorinnen und Senioren, Kindern und Familien zusammenarbeiten. Wir haben ein weiteres Zentrum für Kinder aus problembelasteten Familien eröffnet. Aber insgesamt ist das Leben im letzten Jahr noch schwerer geworden.“ Warum unsere Hilfe so dringend ist: „Unter den älteren Menschen haben wir eine erhöhte Sterblichkeit beobachtet. Die Menschen können sich keine Medikamente mehr leisten und leben in ständiger Angst.“ Die Fürsorge ist für die Betroffenen oft das Letzte, was bleibt. Und sie steht auf dem Spiel.

Ein Gebäude, das mehr ist als Stein – die Kirche der Hoffnung

Ehemalige lutherische Kirche in Novogradkivka (Foto: Gross)

In Novogradkivka (Neuburg) soll ein Ort neu entstehen, dessen Geschichte selbst von Verlust und Überleben erzählt. Die lutherische Kirche von 1904 wurde 1933 beschlagnahmt, der Kirchturm abgerissen. Jahrzehntelang diente sie als Kulturhaus. Im Jahr 2000 wurde das denkmalgeschützte Gebäude dem Verfall preisgegeben. Jetzt soll daraus ein soziales Zentrum werden. Außen nach historischem Vorbild wieder aufgebaut, im Inneren mit drei Etagen für soziale Arbeit und Gemeindeleben: Sonntagsschule, Bethanien-Kinderzentrum für Kinder aus sozial benachteiligten Familien, mehr Platz für die Suppenküche, die seit fünf Jahren rund 30 Menschen in drei Dörfern versorgt. Außerdem eine Winterunterkunft für alleinstehende Rentnerinnen und Rentner. Denn in den Wintermonaten verdreifacht sich ihre Sterblichkeit – Armut, Kälte und fehlende Medikamente werden lebensbedrohlich.

Pastor Gross schreibt: „Mein größtes Problem ist derzeit, einen Ort zu finden, von wo aus wir unsere Sozialfürsorge organisieren können. Räume anzumieten ist unmöglich geworden – niemand vermietet für die Arbeit mit armen Menschen. Deshalb konzentriere ich mich darauf, den Wiederaufbau unserer Kirche aus den Trümmern der früheren Kirche zu organisieren.“ Diese Kirche soll „Kirche der Hoffnung“ heißen. Nicht als fromme Behauptung, sondern als Antwort auf eine Realität, die Hoffnung systematisch zerstört.

Warum Ihre Spende zählt

Ihre Spende wird zu Lebensmitteln für Menschen ohne Einkommen. Zu Medikamenten für Alte, die sonst darauf verzichten müssen. Zu einem Ort, an dem Kinder, Familien und Alte nicht vergessen werden. Und sie stärkt Gemeinden, die den Dienst der Versöhnung tun, während um sie herum Krieg herrscht. 100 % Ihrer Spenden gehen in die Ukraine.

Wenn Sie sich beteiligen möchten, nutzen Sie bitte diese Kontoverbindung:

Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V.

IBAN: DE 21 1009 0000 1736 7830 09

BIC: BEVODEBB

Berliner Volksbank

Verwendungszweck: Ukraine

Falls Sie eine Spendenbescheinigung wünschen, geben Sie im Verwendungszweck bitte zusätzlich Ihre Anschrift an. Egal, wie groß Ihre Spende ist – seien es nur ein paar warme Tage im Winter, ein Medikament: Ihre Gabe bedeutet für einen Menschen in der Ukraine ein Stück Sicherheit und Würde. Ich danke Ihnen – nicht nur für Ihre Gabe, auch dafür, dass Sie das Nagelkreuz nicht als Zeichen belassen, sondern als Auftrag verstehen.

Für den Vorstand und Leitungskreis der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V.

Ihr

Oliver Schuegraf

Vorsitzender

Leiten Sie diesen Spendenaufruf gerne weiter. Hier können Sie eine PDF-Version zum Versenden oder Ausdrucken herunterladen oder hier online lesen.

 

Drei neue Nagelkreuzzentren in sechs Tagen

Seit dem 26. Oktober stehen drei weitere Nagelkreuze in Deutschland. Foto: Karsten Socher

Eine Woche, drei Orte, drei Gottesdienste – und drei neue Nagelkreuze. Ende Oktober ist die deutsche Nagelkreuzgemeinschaft sichtbar gewachsen: Kassel, Frankfurt am Main und Stutensee-Weingarten gehören nun zu unserem weltweiten Versöhnungsnetzwerk. Canon Kate Massey und Richard Parker brachten die Kreuze persönlich von Coventry nach Deutschland. Die Liturgie der Übergabe war an allen drei Orten dieselbe. Alles andere nicht. In Kassel fiel die Aufnahme mit dem Jahrestag der Bombennacht von 1943 zusammen. In Frankfurt fand sie in der Alten Nikolaikirche am Römerberg statt, wenige Schritte von Paulskirche und Römer entfernt. In Stutensee-Weingarten stand die Erinnerung an die Bombardierung vom 2. Februar 1945 im Mittelpunkt, bei der Menschen in den Dörfern ebenso ums Leben kamen wie eine britische Bomberbesatzung. Entsprechend der Geschichte der Orte und Fragen, die dort gestellt werden, unterschieden sich Musik, Gebete und Worte. Was die drei Gottesdienste verband, war der öffentliche Empfang des Nagelkreuzes, verbunden mit einem feierlichen und würdigen Bekenntnis zu Frieden und Versöhnung.

Gottesdienst in der Martinskirche Kassel. Foto: Karsten Socher

Kassel: Aufnahme am Jahrestag der Bombennacht

Am 22. Oktober erhielt die Martinskirche Kassel ihr Nagelkreuz – am Jahrestag der Bombennacht von 1943, in der über 10.000 Menschen starben. Die Kirche wurde damals schwer getroffen, zerbrach mit der Stadt und wurde später zum zentralen Erinnerungsort. Der Tag der Übergabe verband so Vergangenheit und Gegenwart auf besondere Weise.

Der ökumenische Gottesdienst war reich an Musik, kunstvoll mitgestaltet von der Kantorei St. Martin unter der Leitung von Eckhard Manz. Johannes Brahms’ Motette „Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen“ ließ die Klage Hiobs hörbar werden. Wolf Biermanns „Wann ist denn endlich Frieden?“ stellte die Frage nach dem Ende der Gewalt mit scharfem Nachdruck. Choräle wie „Die Nacht ist vorgedrungen“ und „Freunde, dass der Mandelzweig“ gaben der Gemeinde Stimme für Hoffnung und Zukunft.

Kantorei St. Martin Kassel. Foto: Karsten Socher

Viele Mitwirkende prägten die Feier: Bischöfin Beate Hofmann, Stadtdekan Michael Glöckner, Pastoralreferent Stefan Ahr, Kirchenrat Hans Helmut Horn und Oberbürgermeister Sven Schoeller. Grußworte kamen von der Kulturplattform St. Martin und von der Nagelkreuzgemeinschaft. Die Predigt hielt Kate Massey.

Unter der Überschrift „Unser Weg nach Coventry“ sprach die Gemeinde selbst: Rafael Gleichmann, ein Konfirmand, erzählte von Streit und Versöhnung im Alltag. Prof. Ingrid Lübke, Kirchenvorsteherin, erinnerte an ihre Nachkriegskindheit und an Erfahrungen der Versöhnung mit Frankreich. Zwei Generationen, zwei Stimmen – beide machten deutlich, dass das Nagelkreuz nicht nur Zeichen, sondern Auftrag ist. Ihre Gedanken können Sie [hier] nachlesen.

Besonderer Bestandteil des Gottesdienstes war das Gedenken an die Bombennacht. Die Osanna-Glocke, die 1943 zerbrach und später neu gegossen wurde, erklang. Während ihres Läutens hielt die Gemeinde in Stille inne. Dass sie heute wieder läutet, ist ein starkes Zeichen: Zerstörung hat nicht das letzte Wort. Wie in Coventry wird Erinnerung hier selbst zum Beginn neuer Hoffnung.

Kate Massey, Antje Biller, Andrea Braunberger-Myers und Richard Parker (v.l.n.r.) in Frankfurt. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Die Martinskirche knüpft an das Erinnern auch Konsequenzen: Ökumenische und interreligiöse Gottesdienste, Engagement im Kirchenasyl, ein „Tisch für alle“ auf dem Martinsplatz, Veranstaltungen zum Tod von Walter Lübcke.

Frankfurt: Ein Nagelkreuz am Römerberg

Zwei Tage später wurde die Evangelische Sankt-Pauls-Gemeinde Frankfurt am Main in unsere Gemeinschaft aufgenommen. Ort der Feier war die Alte Nikolaikirche am Römerberg – ein Platz, an dem sich deutsche Geschichte wie unter einem Brennglas bündelt. 1933 wurden hier Bücher verbrannt, in den Bombennächten brannte die Altstadt, gleich nebenan die Paulskirche, Symbol der Demokratie. Inmitten dieses Gefüges steht die Nikolaikirche – seit Jahren täglich geöffnet, eine offene Stadtkirche im Strom der Stadt.

Die Liturgie nahm diesen Ort ernst. Die Versöhnungslitanei von Coventry wurde gebetet, wo Frankfurt seine eigenen Schuldgeschichten kennt. In ihrer Predigt spannte Pfarrerin Andrea Braunberger-Myers den Bogen vom einfachen Nagel – der verletzen kann, aber auch verbindet und trägt – zur Geschichte Coventrys und zu Jesaja 55: Gottes Wort kommt nicht leer zurück, sondern hat den Auftrag, Frieden und Versöhnung zu schaffen. Daraus leitete sie für die Evangelische Sankt-Pauls-Gemeinde Frankfurt am Main einen klaren Auftrag hier am Römerberg ab: Schuld benennen, Antisemitismus und Rassismus entgegentreten, für Menschenrechte einstehen und die demokratische Verantwortung der Paulskirche wachhalten. Den Wortlaut der Predigt können Sie [hier] nachlesen.“

Auch die Musik setzte Akzente. Charles Wesleys „Jesus, lover of my soul” aus dem 18. Jahrhundert sang von Zuflucht im Sturm – ein Bild, das sich in einer Stadt, die Krieg und Zerstörung erlebt hat, sofort erschließt. Am Ende erklang John Rutters „The Lord bless you and keep you”. Der alte Segensspruch Israels, neu vertont, wurde zu einer Zusage, die über den Gottesdienst hinausreichte. Gesungen wurde in deutscher und englischer Sprache – auch das ein starkes Symbol für die Verbundenheit über Völker und Nationen hinweg.

In Stutensee-Weingarten wurden gleich zwei Nagelkreuze übergeben. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Mit dem Kreuz von Coventry wurde die Sankt-Pauls-Gemeinde in dem bestätigt, was hier längst geschieht: Erinnerung an die Bombennächte und die verbrannten Bücher, Stolpersteinführungen, das Projekt „Beim Namen nennen“, das die Toten im Mittelmeer ins Gedächtnis ruft. Offene Kirche, tägliche Andachten, musikalische Vespern – mitten in der Stadt, im Gespräch mit ihrer Geschichte.

Stutensee-Weingarten: Zwei Kreuze für eine Region

Am 26. Oktober schließlich nahm der Evangelische Kooperationsraum Stutensee-Weingarten das Nagelkreuz in Empfang. Gefeiert wurde in der Michaeliskirche in Blankenloch, einem der Zentren des Zusammenschlusses mehrerer Gemeinden nördlich von Karlsruhe. Canon Kate Massey übergab gleich zwei Kreuze: eines bleibt in Blankenloch, das andere geht als Wandernagelkreuz nach Staffort.

Die Geschichte, die diesen Ort prägt, reicht zurück in die Nacht vom 2. Februar 1945. Eigentlich galt der Angriff Karlsruhe, doch durch verwehte Markierungen trafen die Bomben Staffort-Büchenau und umliegende Dörfer. Menschen starben, Häuser brannten, auch eine britische Bomberbesatzung kam ums Leben. Bis heute erinnert eine Gedenktafel an sie – Ausdruck einer Haltung, die nicht nur das eigene Leid im Blick behält, sondern auch das der anderen.

Gottesdienst in der Alten Nikolaikirche in Frankfurt a. M. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Diese Bereitschaft, an die ganze Geschichte zu erinnern, ist zum Markenzeichen der Gemeinden geworden. Sie pflegen seit Jahren Kontakte nach England, haben Pilgerfahrten nach Coventry unternommen und den Austausch mit Stafford gesucht. Versöhnung bleibt hier nicht abstrakt, sondern konkret: in Begegnungen über Grenzen hinweg, in Gedenkfeiern, die Opfer und Täter gleichermaßen benennen.

Darum war es folgerichtig, dass Stutensee-Weingarten ein Nagelkreuz erhielt. Pfarrer Holger Müller hatte die Verbindung zur Gemeinschaft schon länger als Einzelmitglied getragen. Nun ist aus der persönlichen Beziehung ein gemeinsames Zeichen geworden, das die ganze Region einschließt. Dass ein Kreuz bleibt und das andere wandert, macht sichtbar: Versöhnung ist nicht an einzelne Orte gebunden, sondern ein Projekt vieler Gruppen und Gemeinden.

Wachsende Gemeinschaft

Canon Kate Massey aus Coventry. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Mit Kassel, Frankfurt und Stutensee-Weingarten sind in nur einer Woche drei neue Nagelkreuzzentren hinzugekommen; in den vergangenen zwei Jahren waren es insgesamt neun. Das zeigt, wie lebendig die Botschaft des Nagelkreuzes in Deutschland ist – und wie vielfältig die Orte sind, an denen sie Gestalt gewinnt: von der Großstadtkirche bis zum Dorf, von historischen Erinnerungsstätten bis zu Gemeinden, die im Alltag Türen offenhalten.

Dass diese Orte nun Teil der Gemeinschaft sind, ist das Werk vieler: Pfarrerinnen und Kirchenvorsteher, Chöre und Ehrenamtliche, Gemeindeglieder, die Texte vorbereitet, Kerzen entzündet und Lieder gesungen haben. Sie alle tragen die Überzeugung, dass Hass und Gewalt nicht das letzte Wort haben dürfen – wie die vielen Menschen weltweit, die mit einem Nagelkreuz in ihren Kirchen und Herzen für Frieden und Versöhnung eintreten.

Auf der Mitgliederversammlung im November in Münster wird es Gelegenheit geben, die neuen Zentren kennenzulernen und erste persönliche Beziehungen mit den „Neuen“ zu knüpfen.

Autoren: Niels Faßbender, Christian Roß

 

Geschichte trifft Versöhnung: Regionaltreffen der Nagelkreuzzentren in Neuendettelsau 2025

Altarkreuz aus Stahl erinnert an die Muna in Neuendettelsau. Foto: Tobias Klein

Mitten in Neuendettelsau, einem kleinen fränkischen Ort mit großer kirchlicher Geschichte, trafen sich am 17. Mai 2025 die bayerischen Nagelkreuzzentren zu ihrem Regionaltreffen. Was diesen Tag besonders machte, war die eindrückliche Verbindung von Historie und Gegenwart: Auf dem Gelände, wo im Zweiten Weltkrieg eine Munitionsanstalt Bomben für Luftangriffe – wohl auch auf Coventry – produzierte, versammelten sich heute Christen, um für Frieden und Versöhnung zu arbeiten. Vertreterinnen und Vertreter aus Würzburg, Nürnberg, München, Dachau und Neuendettelsau kamen in der Augustana-Hochschule zusammen und erlebten einen Tag voller Austausch, Gedenken und gemeinsamer Inspiration. Bereits ein herzlicher Empfang am Vormittag stimmte die Teilnehmenden auf den intensiven Tag ein. In einer bewegenden Einleitung führte Dr. Janning Hoenen, Mitgastgeber aus Neuendettelsau, in die Geschichte des Treffensortes ein. Schon hier wurde deutlich, dass Neuendettelsau mehr ist als ein Dorf auf dem Land: Durch das Wirken von Pfarrer Wilhelm Löhe wuchs es im 19. Jahrhundert von einem unscheinbaren Dorf zu einem Zentrum des bayerischen Protestantismus mit globaler Wirkung – Sitz einer Diakonissenanstalt, Ausgangspunkt weltweiter Mission und heute Heimat von gleich zwei Nagelkreuzen. Diese besondere Mischung aus historischer Verantwortung und engagierter Versöhnungsarbeit prägte den ganzen Tag und weckte gespanntes Interesse auf das Programm.

Augustana-Hochschule Neuendettelsau

Nagelkreuz in der Campuskapelle. Foto: Tobias Klein

Den Auftakt bildete ein Besuch der Augustana-Hochschule, der theologischen Hochschule der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Im Konferenzraum der Campushochschule wurden wir von der Hochschulgemeinschaft empfangen. Dr. Hoenen hieß uns offiziell willkommen und spannte in seinem Vortrag den Bogen von der Gründung der Hochschule bis zur jüngsten Vergangenheit. Besonders nachhaltig beeindruckte seine Schilderung, wie tief Neuendettelsau in die Wirren des Zweiten Weltkriegs verstrickt war: Die Augustana steht nämlich auf dem Gelände einer ehemaligen Wehrmacht-Munitionsanstalt, kurz Muna, in der ab 1934 massenhaft Granaten und Bomben hergestellt wurden. Diese Waffen fanden vermutlich – in tragischer Ironie der Geschichte – auch beim Bombenkrieg gegen England Verwendung. Mit der Entmilitarisierung nach 1945 erfuhr das Areal jedoch eine völlige Umwidmung: 1947 beschloss die Landessynode die Gründung der Augustana-Hochschule als unabhängige theologische Lehrstätte in kirchlicher Trägerschaft. In den folgenden Jahren zog die Hochschule nach und nach in die ehemaligen Kasernen und Verwaltungsgebäude der Muna ein. Aus Orten der Zerstörung wurden Orte des Lernens: Wo einst Offiziershäuser und Truppenunterkünfte standen, entstanden Hörsäle, Wohnheime, Mensa und Verwaltung. 1966 wurde eine eigene Kapelle errichtet, deren großes Altarkreuz aus Stahl bewusst an die Vergangenheit des Geländes erinnert.

Beim Rundgang über den parkähnlichen Campus konnten wir diese Geschichte förmlich atmen. Zwischen alten Bunkerwällen und neuen Institutsgebäuden erläuterte uns Dr. Hoenen anschaulich die Funktionen der zentralen Gebäude. Ein Höhepunkt war der Besuch der Campuskapelle – dem spirituellen Herz der Hochschule. Dort steht heute eines der beiden Nagelkreuze von Neuendettelsau. Im Juni 2017 wurde die Augustana-Hochschule offiziell in die internationale Nagelkreuzgemeinschaft aufgenommen; in einem feierlichen Gottesdienst überreichte eine Delegation aus Coventry das Nagelkreuz für die Kapelle. Seither engagiert sich die Hochschule sichtbar für die Versöhnungsarbeit. Studierende und Dozierende gedenken hier jedes Jahr der Zerstörung Coventrys und beteiligen sich regelmäßig am Freitagsgebet für den Frieden.

Diakonissenanstalt Neuendettelsau (Diakoneo)

Nagelkreuz in der Diakonissenanstalt. Foto: Tobias Klein

Nach einem Mittagessen in der Mensa, das reichlich Gelegenheit zum persönlichen Austausch bot, führte unser Weg am frühen Nachmittag vom Campus hinüber zur traditionsreichen Diakonissenanstalt Neuendettelsau – heute bekannt als Diakoneo. Schwester Ruth Gänstaller, eine erfahrene Diakonisse, übernahm herzlich die Führung unserer Gruppe. Schon unterwegs blieb sie mit uns an bedeutungsvollen Stationen stehen: Unweit der Hochschule erinnert ein schlichter Gedenkstein an die Fremd- und Zwangsarbeiter, die in der Muna schuften mussten. Andächtig versammelten wir uns um dieses Mahnmal, während Schwester Ruth von den Schicksalen der Menschen berichtete, die in Neuendettelsau Zwangsarbeit leisten mussten – ein Kapitel, das dem Ort bis heute ins Gewissen schreibt. Wenige Schritte weiter erhob sich das historische Mutterhaus der Diakonissengemeinschaft. Hier, wo seit dem 19. Jahrhundert Diakonissen in Gemeinschaft lebten und wirkten, schauten wir in einen Innenhof voller Geschichte. Neuendettelsau war 1854 durch Pfarrer Wilhelm Löhe zur Keimzelle der bayerischen Diakonie geworden: Löhe gründete damals die erste Diakonissenanstalt in Bayern. Junge Frauen wurden in diesem „Mutterhaus“ zu Krankenschwestern und Fürsorgerinnen ausgebildet, um landauf, landab notleidenden Menschen beizustehen. Aus bescheidenen Anfängen wuchs in den folgenden Jahrzehnten ein umfangreiches Werk der Nächstenliebe. Heute – mehr als 170 Jahre später – zählt Diakoneo mit über 200 Einrichtungen und rund 10.000 Mitarbeitenden zu den größten diakonischen Trägern in Deutschland.

Doch auch die dunkelsten Stunden der deutschen Geschichte sind an Neuendettelsau nicht vorübergegangen – im Gegenteil: Gerade weil die Diakonissenanstalt einst eine der größten Heil- und Pflegeeinrichtungen für Menschen mit Behinderung im ganzen Reich war, hinterließ das NS-Regime hier tiefe Wunden. Schwester Ruth erzählte sichtlich bewegt von den Ereignissen der Jahre 1940/41: Unter dem zynischen Decknamen „Euthanasie“ wurden ab Herbst 1940 über 1.200 hilfsbedürftige Menschen aus Neuendettelsau und seinen Außenstellen in staatliche Heilanstalten deportiert. Von diesen wurden mehr als 800 in Tötungsanstalten wie Hartheim bei Linz ermordet; viele weitere starben unter den grausamen Bedingungen der Anstaltspsychiatrie. Besonders erschütternd ist, dass zu den ersten Opfern alle Bewohner jüdischen Glaubens zählten. Vor unseren Augen stand plötzlich das Bild der grauen Busse, in denen die Ordensschwestern ihre Schutzbefohlenen damals hilflos ziehen lassen mussten.

Erfahrungsaustauch beim Regionaltreffen

Regionaltreffen Bayern in Neuendettelsau. Foto: Tobias Klein

Nach diesem Gang durch die Geschichte empfing uns das Diakoneo-Zentrum mit offenen Armen. Bei Kaffee und hausgebackenem Kuchen kamen wir mit Schwestern, Mitarbeitenden und Gästen ins Gespräch. Hier, im modernen Begegnungsraum des Schwesternhauses, schlug die Stimmung des Tages einen hoffnungsvollen Bogen von der Vergangenheit in die Zukunft. Im Mittelpunkt stand nun die Nagelkreuzgemeinschaft als weltweites Netzwerk des Friedens. In einer angeregten Runde tauschten wir uns über die Erfahrungen unserer jeweiligen Nagelkreuzzentren aus. Gemeinsam schmiedeten wir Pläne für die weitere regionale Zusammenarbeit. So wurde beschlossen, das nächste Regionaltreffen in Nürnberg abzuhalten – ein Beschluss, der allgemein begrüßt wurde. Zugleich wurden Neuigkeiten aus der bayerischen Kirche bekannt: Mit großer Freude hörten wir, dass sogar das Landeskirchenamt in München erwägt, Nagelkreuzzentrum zu werden. Drei Vertreter:innen der Kirchenleitung verfolgten als Gäste unsere Diskussion – ein Zeichen dafür, welche Bedeutung die Versöhnungsarbeit inzwischen auf allen Ebenen gewinnt. In diesem Zusammenhang kam die Sprache auch auf eine mögliche Pilgerreise nach Coventry, der Geburtsstätte des Nagelkreuzes. Die Vorstellung, gemeinsam – Veteranen wie Neuinteressierte – nach Coventry zu reisen, um dort den Geist der Versöhnung unmittelbar zu erleben, begeisterte uns alle.

Als sich der Tag dem Ende zuneigte, versammelten wir uns noch einmal in der Kirche St. Laurentius, um den Abschluss in würdiger Weise zu begehen. St. Laurentius – eine helle, schlichte Kirche mitten im Diakoniegelände – beherbergt das zweite Nagelkreuz von Neuendettelsau. Jeden Freitag um Mittag findet hier ein öffentliches Nagelkreuzgebet statt; die Türen stehen allen offen, die mitbeten oder einfach einen Moment innehalten möchten. An diesem Abend aber erlebten wir eine Nagelkreuz-Andacht, die viele von uns tief bewegte. Besonders beeindruckend war das Versöhnungsgebet in einfacher Sprache, das hier in St. Laurentius üblich ist. Weil in der Gemeinde auch viele Menschen mit Behinderung mitfeiern, wird das berühmte Coventry-Gebet behutsam in klare, leicht verständliche Worte gefasst. So beteten wir gemeinsam – ohne Barrieren in Sprache oder Verständnis – die Bitten um Vergebung: „Dass Menschen andere wegen ihrer Hautfarbe nicht mögen. Vater, vergib.“ und „Dass wir uns nicht genug um Menschen kümmern, die ohne Heimat und auf der Flucht sind. Vater vergib.“ Jeder Satz war zugleich schlicht und kraftvoll.

Schließlich traten wir, erfüllt von den Eindrücken des Tages, die Heimreise an. Neuendettelsau hat uns an diesem Samstag gezeigt, dass es ein „Dorf mit globaler Wirkung“ geblieben ist: Einst Ausgangsort von Mission und Diakonie, dann gezeichnet von den Verirrungen der Geschichte, ist es heute ein lebendiger Doppel-Ort der Versöhnung. Sowohl die Augustana-Hochschule als auch Diakoneo tragen das Nagelkreuz als Symbol und Verpflichtung – in der akademischen Theologie wie im praktischen Dienst am Nächsten. Ihr gemeinsames Engagement strahlt weit über die Region hinaus.

Autor: Nagelkreuzgemeinschaft, mit Beiträgen von Tobias Klein, Judith Einsiedel und Dr. Janning Hoenen

 

Nagelkreuzsonntag 2025: „Schöpfer vergib“ – Liturgie aus Kanada

Am 29. September 2025 feiern Gemeinden weltweit den Internationalen Nagelkreuzsonntag. Die diesjährige Liturgie kommt aus Kanada und wurde von der Anglikanischen Kirche von Kanada vorbereitet. Alle Materialien – inklusive vollständiger Liturgie, Liedvorschläge und Hintergrundinformationen – stehen ab sofort zum Download bereit.

[Link zum Download]

Lizenz CC0 (gemeinfei, https://pxhere.com/en/photo/1359147)

Der Gottesdienst setzt gleich zu Beginn ein klares Zeichen: Er startet mit dem Versöhnungsgebet von Coventry – in einer kanadischen Fassung, in der statt „Vater, vergib“ die Worte „Schöpfer, vergib“ stehen. Diese Formulierung ist kein Zufall: Sie knüpft an die spirituelle Sprache indigener Christ\:innen an und macht deutlich, dass Versöhnung nicht nur zwischen Menschen, sondern auch mit der Schöpfung selbst geschieht.

Ein wichtiges Element ist die sog. „Landanerkennung“, die bewusst macht, auf welchem Boden die Bewohner Kanadas stehen und welche Geschichte er trägt. Die Liturgie gibt den Stimmen der „First Nations“, Inuit und Métis, Raum – in Lesungen, Gebeten und Liedern. Sie erinnert an das schwere Unrecht der „Residential Schools“, in denen Kinder von ihren Familien getrennt und ihrer Sprache und Kultur beraubt wurden. Gleichzeitig lädt sie dazu ein, Schritte der Heilung, Gerechtigkeit und Hoffnung zu gehen. Biblische Texte werden mit Symbolhandlungen, Gebeten und Liedern verbunden, die vom Weg aus Schuld und Schmerz hin zu einem neuen Miteinander erzählen. Liedvorschläge wie „Draw the Circle Wide“ oder „Let Us Build a House“ greifen das Thema Gemeinschaft, Offenheit und Versöhnung auf.

Der Gottesdienst endet mit dem Segen – doch „Schöpfer, vergib“ bleibt. Es ist die Stimme einer verletzten Welt: in Coventry unter den Bomben, in kanadischen Dörfern, deren Geschichte von Gewalt und Verlust gezeichnet ist, und überall dort, wo Menschen einander das Leben schwer machen. Dieses Gebet trägt die Erinnerung an das Leid – und die Sehnsucht, dass Gerechtigkeit und Frieden einander begegnen.

Autor: Nagelkreuzgemeinschaft. Das komplette Vorbereitungsmaterial mit Liturgie, Liedvorschlägen und Hintergrundinformationen steht hier zum Download bereit.