Erinnerung muss wecken! Grußwort zur Enthüllung der Gedenktafel für Johannes Rau

Grußwort von Vorstandsmitglied Niels Faßbender. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft.
Gedenktafeln laufen Gefahr, Patina anzusetzen – nicht nur aus Bronze, sondern auch im Geiste. Sie hängen an Wänden und schweigen. Doch am 25. Januar 2026, bei der Enthüllung der Tafel für Johannes Rau im Nagelkreuzzentrum Gemarker Kirche in Wuppertal, ging es um das genaue Gegenteil: um eine Erinnerung, die spricht, fordert und manchmal auch stört. Wie dicht die Atmosphäre an diesem besonderen Ort zwischen Synagoge und Kirche war, lesen Sie in unserem ausführlichen Bericht zur Veranstaltung. Doch was bedeutet Johannes Raus Lebensmotto „Teneo, quia teneor“ („Ich halte, weil ich gehalten werde“) für uns als Nagelkreuzgemeinschaft heute? Ist es ein frommer Spruch für Sonntagsreden oder eine harte politische Währung in Zeiten der Spaltung? Niels Faßbender, Vorstandsmitglied der Nagelkreuzgemeinschaft, ging in seinem Grußwort der Frage nach, warum eine solche Tafel kein Heldendenkmal sein darf, sondern ein Stachel bleiben muss. Wir dokumentieren das Grußwort hier im Wortlaut.
Liebe Gemeinde,
heute bringt ihr eine Tafel an.
Name. Datum. Erinnerung.
Erinnerung an Johannes Rau.
Viele hier kennen ihn.
Nicht als Figur.
Sondern als Mensch:
nah, vertraut, widersprüchlich, verlässlich.
Viele von euch haben ihn nicht nur im Fernsehen gesehen,
sondern in dieser Gemeinde.
Im Café.
Nach dem Gottesdienst.
Einer, der manchmal einfach da war.
Einer, der Beziehungen hielt.
Ich spreche zu euch als jemand, der ihn nicht persönlich kannte.
Und doch stehe ich nicht fremd vor seinem Namen.
Weil dieser Ort eine Sprache spricht, die ich verstehe.
Eine Sprache der Wirklichkeit.
Eine Sprache aus Geschichte und Gegenwart.
Aus Glauben und Verantwortung.
Hier, direkt nebenan, steht die Synagoge.
Sie erinnert an die eine Wirklichkeit:
An Feuer.
An Zerstörung.
An das, was Menschen einander antun –
im Namen von Volk, Ordnung, „Notwendigkeit“.
Johannes Rau hat dafür Worte gefunden, die nichts beschönigen
und doch Zukunft wagen.
In der Knesset hat er gesagt:
„Ich bitte um Vergebung für das, was Deutsche getan haben.“
Ein Satz ohne Ausrede.
Ohne Selbstentlastung.
Versöhnung bedeutet nicht, alles zuzudecken.
Sondern: es anzusehen.
Und weist damit in die andere Wirklichkeit:
Der Hof, den man gemeinsam betritt.
Keine romantische Kulisse.
Ein Gegenüber.
Nähe, die nicht selbstverständlich ist.
Sondern gewollt. Gebaut.
Man könnte sagen:
Hier wird geübt, dass keine Ereignisse und Mächte
unser Gewissen ersetzen.
Dass wir nicht wieder anfangen dürfen, Menschen zu sortieren.
Dass wir lernen müssen, sie anzusehen.
Und dass Glauben immer auch heißt:
sich nicht abfinden mit dem, was „nun einmal so ist“.
Und ja: gerade heute ist das wieder brennend.
Kälte in den Worten.
Härte in den Debatten.
Gewalt gegen jüdisches Leben.
Und die gefährliche Gewöhnung daran.
„Nie wieder“ passiert nicht von allein.
Es braucht Orte, die standhalten.
Menschen, die nicht nur „Glaube“ sagen, sondern ihn üben.
Und Wege. Und Nachbarn.
In dieser Kirche steht auch das Nagelkreuz von Coventry.
Wir kennen seine Geschichte.
Wir kennen diese seltsame Logik:
Aus zerstörtem Metall wird ein Kreuz.
Aus Schutt wird eine Sprache.
Nicht „alles wird gut“.
Sondern: Wir hören nicht auf.
Auch das Nagelkreuz hat diese eine Wirklichkeit in sich:
Das Feuer.
Die Zerstörung.
Das, was Menschen einander antun –
im Namen von Nation, Rasse, Gott.
Und wie die Synagoge, die sich den Hof mit eurer Kirche teilt,
weist auch das Nagelkreuz in die andere Wirklichkeit:
Die, in der Glaube konkret wird.
Johannes Rau hat einmal gesagt –
fast wie eine Selbstbeschreibung,
aber eigentlich wie ein Programm:
„Versöhnen statt Spalten … bleibt meine Lebensmelodie.“
Das klingt freundlich.
Und ist in Wahrheit streng.
Denn „Versöhnen statt Spalten“ heißt:
Die eigene Seite nicht für unschuldig halten.
Den eigenen Anteil sehen.
Die eigene Kälte wahrnehmen.
Und trotzdem üben: Anstand. Geduld. Gespräch. Wahrhaftigkeit.
Nicht schweigen, wenn der Ton kippt.
Nicht zynisch werden, wenn man müde ist.
Nicht profitieren, wenn andere erniedrigt werden.
Nicht mitmachen, wenn Menschen gegeneinander hochgeputscht werden.
Versöhnung bleibt eine reale Möglichkeit –
solange wir daran arbeiten,
solange wir Christus vertrauen.
Und jetzt: Die Gedenktafel.
Eine Tafel ist ein Halt.
Sie sagt: Einer war da.
Er hat Spuren hinterlassen.
Er war mehr als die Summe seiner Ämter.
Und eine Tafel ist eine Zumutung.
Denn sie sagt auch: Jetzt seid ihr dran.
Erinnerung ist nie nur Rückblick.
Erinnerung ist Verantwortung.
Man kann einen Menschen ehren
und dabei den Schmerz der Welt vergessen.
Man kann „Erinnerung“ sagen
und meint doch: bequemes Gedenken.
Eine Tafel kann Dekoration werden.
Oder: ein Stachel.
Johannes Rau hat diesen Stachel nicht gemieden.
Er hat das Wort „Versöhnung“ nicht als Dekoration benutzt.
Er hat es mitten in den Raum gestellt.
Mitten in die Geschichte.
Mitten hinein in Schuld.
Mitten hinein in die Angst: dass es nie genug ist.
Johannes Rau hatte ein Motto: „Teneo, quia teneor.“
Ich halte, weil ich gehalten werde.
Das klingt schlicht.
Und es ist radikal.
Das ist keine Heldenformel.
Das ist ein Eingeständnis.
Denn wir halten ja oft gerade nicht.
Wir sind verletzlich.
Wir sind widersprüchlich.
Wir sind schneller gekränkt als klug.
Und schneller hart als gerecht.
Manchmal fehlt uns die Kraft zur Versöhnung.
Weil wir selbst zu wenig versöhnt sind.
Mit unserer Angst.
Mit unserer Schuld.
Mit unserer Unvollkommenheit.
„Ich halte, weil ich gehalten werde“ heißt dann auch:
Ich bin angewiesen.
Auf Zuwendung.
Auf Vergebung.
Auf Menschen, die bleiben, wenn ich schwierig werde.
Auf Gemeinschaft, die mich nicht verwechselt mit meinem schlechtesten Tag.
Und auf Gott.
Der nicht sagt: „Reiß dich zusammen.“
Sondern: „Komm.“
Und bleibt.
Gerade da, wo der Halt fehlt.
Ich halte nicht aus eigener Härte.
Nicht aus Überlegenheit.
Nicht aus moralischer Stärke.
Sondern aus einem Grund, der tiefer liegt als ich selbst.
Aus einem Gehaltensein.
Für mich ist das eine der Grundfesten meines Glaubens:
Getragen sein, so wie ich bin –
und darum tragfähig sein auch für andere, so wie sie sind.
Nicht als Herrschaft.
Nicht als Pose.
Als Gemeinde von Brüdern und Schwestern.
An diesem Ort erinnert die Tafel für Johannes Rau nicht nur an den Menschen,
der die Mitte gesucht hat.
Die Mitte zwischen Klarheit und Demut.
Zwischen Heimat und Welt.
Zwischen politischer Verantwortung und dem leisen Wissen:
Wir sind nicht Gott.
Hier, an diesem Ort, ruft uns die Tafel für Johannes Rau auch zur Entscheidung:
Erinnerung kann verhärten – oder öffnen.
Glaube kann betäuben – oder aufwecken.
Heimat kann abschotten – oder beheimaten.
Mit Blick auf Synagoge und Nagelkreuz entscheiden wir uns für die offene Form:
Für ein Gedenken, das nicht einschläfert.
Für einen Glauben, der Hände bekommt.
Für eine Versöhnung, die nicht spaltet, sondern mühsam verbindet.
Nicht groß.
Nicht heroisch.
Aber erfüllt.
Von Treue, Dankbarkeit und Glauben.
Friede sei mit uns!
Vielen Dank.
Autor: Niels Faßbender


