Schichten der Versöhnung – Klänge und Stimmen einer Chorpilgerschaft nach Coventry

Seit mehr als 30 Jahren ist der Evangelische Kirchenkreis Lüdenscheid-Plettenberg festes Glied der weltweiten Nagelkreuzgemeinschaft. Als musikalischer Botschafter dieser Partnerschaft reiste das Lüdenscheider Vokalensemble Ende April 2026 zu einer fünftägigen Pilgerschaft nach Coventry. Der mehrfach preisgekrönte, überregional renommierte Kammerchor hat seine Heimat an der Erlöserkirche in Lüdenscheid. Nun machten sich 17 Sängerinnen und Sänger gemeinsam auf den Weg zu den Wurzeln einer großen Erzählung.

Mittwoch, 29. April 2026. 09:00 Uhr Ankunft Birmingham Airport. Transfer nach Coventry. 10:30 Uhr Kaffee, Begrüßung und Überblick im St. Michael’s House.

Rudolf Mauersberger (1889-1971): „Wie liegt die Stadt so wüst“ – Ankunft in Coventry. Mauersbergers Trauermotette, geschrieben im Angesicht des zerstörten Dresdens, findet auch in den Ruinen der Kathedrale von Coventry ihre unmittelbare Resonanz. Ein musikalisches Aufarbeiten von Schmerz und Zerstörung.

Leo: „Ich bin Canon für Kunst und Versöhnung, dem besten Beruf auf der Welt.“ So werden wir von Canon Kate Massey zu einem Gespräch über Versöhnung in unserer Welt in Aufruhr begrüßt. Wir, das ist das Lüdenscheider Vokalensemble, das im Namen des Kirchenkreises Lüdenscheid-Plettenberg Coventry und dessen Kathedrale besucht. Coventry, der Ort, der 1940 das erste Opfer der massiven deutschen Luftangriffe in England wurde und dessen Kathedrale, wie große Teile der Stadt, weitgehend zerstört wurde. Coventry, wo Propst Howard nach der Zerstörung ein Kreuz aus verbrannten Dachbalken sah und dieses mit den Worten „Father Forgive“ hinter den Altar der ausgebrannten Kirche aufstellte. Coventry, wo nach dem Krieg die Nagelkreuzgesellschaft entstand, die sich für Versöhnung in der Welt einsetzt und zum Zeichen dazu Nagelkreuze an Friedens- und Versöhnungsprojekte in aller Welt verteilt.

Niels: Ankunft. Einatmen. Die Stadt empfängt uns nicht als Touristen, sondern mit einer überwältigenden Wärme und Offenheit. Man spürt sofort: Das hier ist kein gewöhnlicher Ort. Es ist ein Kraftzentrum, das jeden, der es betritt, sofort umfängt. Die Begegnungen mit alten Freund:innen fühlen sich an wie ein Heimkommen. Dass wir diesen Geist von Anfang an so tief spüren dürfen, verdanken wir einem engagierten Team: Richard Parker, Alice Farnhill und Kate Massey, die aus Coventry alles so wunderbar organisiert und begleitet haben, sowie Britta Däumer, die für den Kirchenkreis die inhaltliche Gestaltung und  Organisation der Reise verantwortet.

12:00 Uhr Litany of Reconciliation (Versöhnungsgebet), anschließend Mittagessen.

Leo: Passend dazu verteilt Niels am Anreisetag an jeden von uns ein kleines Säckchen mit einer Botschaft. Ich wähle „Raum zum Atmen“. In jedem dieser Säckchen finden wir einen kleinen Stein, der die Steine im Schuh auf unserer persönlichen Reise symbolisieren soll. Die Steine, die uns auf unserem Weg zwicken und piesacken. Diesen Stein halte ich den ganzen Besuch über bei mir und denke immer wieder über meine Steine im Schuh nach und unterhalte mich mit den anderen darüber. Im besten Fall sollten wir dem Stein einen Namen geben und einen Ort mit Resonanz finden, an dem wir ihn ablegen können, um uns mit uns selbst zu versöhnen.

 

Das Paradoxon der Klänge: Reconciliation in a devided world

Donnerstag, 30. April. 08:30 Morgengebet mit Holy Communion, dann stille Zeit in der Kathedrale.

Johannes Brahms (1833-1897): „Warum ist das Licht gegeben den Mühseligen“ – Während wir im Workshop über die Zerrissenheit der Welt und die schmerzhaften Brücken der Versöhnung sprechen, fängt das „Warum“ unsere Sehnsucht ein.

Regina: Die Werke, besonders Mauersberger und Brahms, drücken die tiefe Parallelität zwischen Dresden und Coventry, zwischen Zerstörung und Friedenswillen aus. Das Singen der Musik wird spürbar und gibt Antwort. In der Ruine zu stehen bedeutet, das Grauen zu erleben, das aber mit Trost und Erbarmen zugedeckt wird. Und immer beides miteinander: Das zeigt auch das Bild – die Ruine Seite an Seite mit der neuen Kathedrale, das gleiche Licht, der gleiche Himmel darüber und über und neben den beiden Gestalten der Reconciliation, Stirn an Stirn. Menschen sitzen in der Ruine nachdenklich, staunend, dankend mitten dort, wo einmal das Kirchenschiff gewesen ist.

Niels: Am Vormittag stehen wir in der neuen Kathedrale. Ich war schon oft hier, kenne jede Ecke, jedes Kunstwerk. Und doch passiert das Unvorhersehbare: Die Sonne bricht durch und flutet das riesige Tauffenster von John Piper. Eine Farbgewalt, eine Leuchtkraft, die ich in dieser Intensität noch nie gesehen habe. Es reißt einen förmlich mit. Ich blicke mich um und sehe Tränen in den Augen. Dieser Ort arbeitet. Er wirkt tief in die Seele hinein. Menschen sind Wesen, die zuerst fühlen und dann dazwischen manchmal denken. Genau deshalb ist die Kunst – in unserem Fall die Musik des Vokalensembles – der direkteste Kanal für Versöhnung. Ein Kammerchor sucht unentwegt nach Harmonie. Dieses bewusste Aufeinander-Hören und gemeinsame Tragen des Klangs ist praktizierte Friedensarbeit.

09:15 Uhr Stadtführung mit Richard Parker.

Niels: Mitten in diese nachdenkliche Atmosphäre platzt der pure, gegenwärtige Lebensjubel der Stadt: Coventry City hat gerade den Aufstieg in die Premier League geschafft. Die ganze Stadt befindet sich in kollektiver Jubelstimmung, und überall wehen die hellblauen Flaggen der „Skyblues“ unter einem strahlenden, ebenso blauen Himmel. Welch faszinierender Kontrast zwischen historischer Tiefe und pulsierender Gegenwart.

13:00 Uhr Workshop: Was bedeutet es, Partner der Nagelkreuzgemeinschaft zu sein?

Ergebnisse der Arbeitsgruppen – Protokollfragmente vom Nachmittags-Workshop

AG 1: Dürfen wir in einer Welt voller Kriege überhaupt auf eine „Kultur des Friedens“ hoffen? Hoffnung ist kein Gefühl, sondern eine Praxis.

AG 2: Welchen ersten, kleinen Schritt könnte ich gehen, um den Kreislauf aus Bitterkeit zu unterbrechen? Zuhören. Den Stein im Schuh benennen.

AG 3: In welchen Momenten habe ich erlebt, dass Vielfalt uns nicht schwächt, sondern stärker macht? Im Chor. Wenn verschiedene Stimmen sich zu einem einzigen Akkord fügen.

 

16 Uhr Chorprobe. 17 Uhr Teezeremonie. 18 Uhr Gespräch mit Kate Massey.

Leo: „Zwischen Takt 96 und 97 sackt Ihr im Ton.“ So werden noch allerletzte Wackler aus der Generalprobe, getarnt als Konzert in der Erlöserkirche, für den letzten Feinschliff korrigiert.

Niels: Nachmittags tauchen wir erst einmal tief in die englische Lebensart ein und zelebrieren eine echte Cream-Tea-Zeremonie mit warmen Scones, Clotted Cream, Erdbeermarmelade und natürlich feinstem Tee. Anschließend Gespräch mit Kate Massey, Canon für Kunst und Versöhnung: Was für eine zerrissene Welt! Die Diskussionen fordern uns heraus. Als Mitglied des Vorstands der deutschen Nagelkreuzgemeinschaft spüre ich die Beunruhigung dieser schwierigen Zeiten, aber auch die ungemeine Notwendigkeit unserer Arbeit. Wir müssen in Zukunft regelmäßig Menschen nach Coventry bringen, damit sie das hier erleben. Man kann es nicht erklären.

Entschleunigung und Retreat

Freitag, 1. Mai. Ausflug der Gruppe nach Stratford-upon-Avon. Konzertvorbereitungen.

Heinrich Schütz (1585-1672): „Die mit Tränen säen“ – Ein Tag des Innehaltens und des persönlichen Rückzugs. Schütz’ Vertonung erinnert uns daran, dass Versöhnung oft mit Tränen und schmerzhafter Selbsterkenntnis beginnt  – aber die Verheißung in sich trägt, dass wir am Ende mit Freuden ernten werden.

Regina: Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen“… der Raum zwischen Menschen wird mit Gnade und Güte, mit Geborgenheit aufgehoben. Das Wissen um die Not und um die Suche wird in unserer Musik, unserem gemeinsamen Singen als Barmherzigkeit empfunden. Der Hall in der Kathedrale, spürbar wie ein Segen, gibt die Gewissheit.

Leo: Nach fünf Tagen ist das St. Michael’s House ein Zuhause für uns geworden. Von Anfang an haben wir uns herzlich willkommen gefühlt. Aber durch die gemeinsame Zeit, die wir dort mit Gesprächen, Proben und Gedanken verbracht haben, ist es uns richtig ans Herz gewachsen – ein kleines, vertrautes Domizil im Schatten der gigantischen Kathedrale.

Niels: Die Gruppe fährt nach Stratford, ich bleibe zurück. Ich suche kein Sightseeing, ich suche die Stille von Coventry. Ein persönliches Mini-Retreat. Ich sitze allein beim Morning Prayer, beim Versöhnungsgebet um 12 und beim Evening Prayer. Dass dann nur wenige Leute kommen – manchmal sind wir nur zu dritt oder zu fünft – ändert an der Intensität nichts. Ich schlage das Gebetsbuch auf. Da stehen diese kleinen roten Punkte im Text, die mich zwingen, mitten im Psalmvers innezuhalten. Pause. Atmen. Abends wird in aller Seelenruhe jedes einzelne Gebetsanliegen vorgelesen, das Menschen an die Kathedrale herangetragen haben. Egal, worum es geht. Es tut unendlich wohl zu wissen, dass sie das tun.

 

Resonanz und das Erbe der Zeitzeugen

Samstag, 2. Mai. 12:00 Uhr Versöhnungsgebet und großes Konzert des Vokalensembles in der Kathedrale. Danach Freizeit. 18:00 Uhr Abendessen im Turmeric Gold.

Bobo Chilcott (*1955): „God so loved the World“ – Am Mittag stehen wir endlich im großen Konzert in der Kathedrale. Chilcotts zeitgenössische, warm fließende Klänge weiten den Raum und bringen die englische Chortradition direkt zu Gehör. Ein Moment der puren, völkerverbindenden Liebe und Wärme.

Leo: Auftrittszeit. Nach dem Versöhnungsgebet singen wir unser Programm in der weiterhin für alle offenen Kirche. Keine großen Reden, kein Konzertrahmen, kein Einlass, nur die Musik und ihr Nachhall in diesem riesigen Klangkörper. Einige hören sie sich gezielt an, andere lassen sich von ihr auf ihrem Rundgang durch die Kirche begleiten. Draußen in den Ruinen wird ein Frühlingsfest gefeiert.

Niels: Das Konzert in der Kathedrale liegt hinter den Sänger:innen, die Anspannung fällt ab. Später sitzen wir in der mittelalterlichen Spon Street beim indischen Essen – was ja die eigentlich wahre britische Nationalküche ist – und trinken Bier im Pub. Und plötzlich bricht es sich mitten in der gelösten Stimmung Bahn: Das Gespräch dreht sich um Ost- und Westdeutschland. Wir merken erschrocken, wie viel unaufgearbeitete Bitterkeit, wie viel Redebedarf und wie viel echte Sehnsucht nach Versöhnung auch in unserer eigenen Heimat schlummert. Daran schließt sich die Mahnung von Kate an: Die Generation derjenigen, die all das hier noch aus erster Hand erlebt haben – die Zerstörung, den visionären Aufbau, die direkte Versöhnung nach dem Krieg – stirbt unaufhaltsam aus. Wir müssen verdammt gut aufpassen, dass Coventry für die Jugend nicht zu einem staubigen Mythos wird. Wir müssen jetzt darüber nachdenken und reden, wie wir dieses Erbe lebendig in die Zukunft tragen.

 

Ausklang: Ein geknüpftes Netz für die Zukunft

Sonntag, 3. Mai. 10:30 Uhr The Cathedral Eucharist (Gemeinsamer Festgottesdienst). Abreise.

Heinrich Schütz (1585-1672): „Verleih uns Frieden“ – Zum Abschluss der Reise wird der alte Flehruf nach Frieden gesungen. Schütz’ innige Vertonung begleitet uns als musikalisches Vermächtnis und als feste Absicht, das Erbe von Coventry lebendig mit in unsere Heimat zu nehmen.

Niels: Den krönenden Abschluss der Pilgerschaft bildete am Sonntagmorgen der feierliche Hauptgottesdienst in der voll besetzten Kathedrale von Coventry. Hier löste sich jedes Nebeneinander endgültig in einem tiefen Miteinander auf: Das Lüdenscheider Vokalensemble und der Coventry Cathedral Chamber Choir standen als eine einzige, gewaltige Chorgemeinschaft im Chorgestühl. Unter der abwechselnden, wunderbar harmonischen Leitung von Liam Condon (Assistant Director of Music in Coventry) und des Lüdenscheider Chorleiters Patrick Kampf wurde die Liturgie zu einem lebendigen Zeugnis gelebter Partnerschaft. Die Chöre gestalteten den Gottesdienst mit traditionellen englischen Kirchenliedern und brachten als glanzvollen Höhepunkt die strahlende Mendelssohn-Motette „Jauchzet dem Herrn alle Welt“ („Sing and be joyful unto God“) zu Gehör, an der Orgel festlich begleitet von Adam Heron. Nachdem der feierliche, anglikanische Glanz des Gottesdienstes verklungen war, setzte sich diese besondere Atmosphäre ganz informell beim herzlichen Kirchkaffee direkt vor dem großen Glasfenster fort. Bei lebendigen Gesprächen und echter Gastfreundschaft wurde spürbar, dass aus den gemeinsamen Klängen in diesen Tagen tiefe, bleibende Begegnungen erwachsen sind.

Regina: In der Kirche das Baptisteriumsfenster, in dem Licht strahlt, fast explodiert wie eine Stadt in Flammen – wie etwas, das neu geboren wird. Immer das Eine und das Andere und beides wahr. Coventry lehrt im Stein, in Glas, in seiner umarmenden Atmosphäre, über dem offenen Himmel der Ruine. Und wieder: Mauersberger, der Dresden betrauert, und Singen in einer Kathedrale, die Coventry betrauert. Eine Stadt reicht der anderen Stadt die Hand über Jahrzehnte hinweg durch Musik. Nicht das Grauen wegsingen, sondern es aushalten und dann spüren, wie sich etwas darüberlegt – unaufhaltsam, wie Erbarmen. Wir fühlen es in der Ruine: wir stehen, wir drehen uns, nehmen alles wahr und sind dabei still. Weil wir ahnen und wissen, weil die Atmosphäre und die Geschichte gestreichelt werden dürfen. Weil sie uns zeigen und weil sie den Weg zum Frieden, zur Verständigung, zur Versöhnung wissen und uns hinführen. Wir werden uns wiedersehen! Danke!

Leo: Was nehmen wir mit? Nach fünf intensiven Tagen bleibt für uns die Gewissheit, dass es mehr Menschen gibt, die an eine Welt in Frieden glauben. Dass der Weg dahin nicht ohne Versöhnung geht, und dass wir uns auch in unserem täglichen Leben immer wieder versöhnen müssen. Und die uns daran erinnern, dass Versöhnung, mag sie auch manchmal dem menschlichen Impuls zuwiderlaufen und vieles, aber nicht leicht, sein, Feindschaft und Hass immer vorzuziehen ist. Steine, persönliche Reise. Workshop Leitbild.

Niels: Versöhnung fordert uns heraus, gerade in Zeiten, in denen die Welt politisch zerrissen scheint. Der Versöhnungsforscher John Paul Lederach hat recht, wenn er sagt, dass wir uns nie wirklich auf die Arbeit der Versöhnung eingelassen haben, solange nicht unsere eigenen Freunde denken, wir hätten sie verraten. Wir müssen lernen, auf der Seite derer zu stehen, die an den Rand gedrängt werden – aber eben auch den Mut aufbringen, Brücken zu denen zu bauen, mit denen wir uns zutiefst uneins fühlen. Wie den vielen, die in diesem Jahr den Rechtsextremisten ihr Vertrauen und ihre Stimme geben werden. Welche Sorgen, welche Wunden treiben sie an? Wie können wir so mit ihnen ins Gespräch kommen, dass sie sich gehört fühlen und wir selbst auch Gehör finden? Nur wenn wir den Mut zu diesen schmerzhaften Brücken haben, brechen wir den Kreislauf der Bitterkeit.

Coventry hat uns verändert. Aus Fremden wurde eine Gemeinschaft. Aus Tönen wurde Musik. Die grauen Steine liegen jetzt irgendwo in den Nischen der Ruine. Aber die Jutesäckchen sind nicht leer. Sie sind voll mit Licht und Hoffnung.

Autoren: Leo Rolff, Regina Bahlo, Niels Faßbender

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