Vier Nagelkreuze, vier Geschichten – Die Nagelkreuzgemeinschaft wächst in Berlin, Stade, Bremen und Hannover
Eine weitere Gemeinde in Berlin, Stade, Bremen und Hannover gehören seit Ende Oktober zur internationalen Nagelkreuzgemeinschaft. Zwischen dem 29. Oktober und dem 1. November 2026 wurden dort vier Nagelkreuze aus Coventry übergeben. Mit der Bremischen Evangelischen Kirche wurde erstmals eine ganze Landeskirche in die Gemeinschaft aufgenommen. Die neuen Mitglieder bringen unterschiedliche Erfahrungen und eine zum Teil jahrzehntelange Geschichte der Friedens- und Versöhnungsarbeit mit.
Vier Tage, vier Orte, vier neue Nagelkreuzzentren: Ende Oktober und Anfang November ist die Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland erneut gewachsen. Reverend Canon Kate Massey, amtierende Dekanin der Kathedrale von Coventry, reiste nach Berlin, Stade, Bremen und Hannover, um die Kreuze persönlich zu übergeben. Die vier Gottesdienste verband das öffentliche Bekenntnis zum Dienst an Frieden und Versöhnung. Was die neuen Zentren in die Gemeinschaft einbringen, hat seine eigenen Geschichten.
Berlin: Eine Verbindung nach Coventry, die weit zurückreicht

Die Zwölf-Apostel-Kirche im Berliner Stadtteil Schöneberg. Foto: A. Savin / Wikimedia Commons, Lizenz Freie Kunst
Die Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde in Berlin-Schöneberg hat eine besondere Verbindung nach Coventry. Sie reicht zurück zu ihrem früheren Pfarrer Adolf Kurtz, der von 1922 bis 1948 in der Gemeinde wirkte. Kurtz gehörte der Bekennenden Kirche an und setzte sich während der nationalsozialistischen Herrschaft für verfolgte Menschen ein, darunter insbesondere Christen jüdischer Herkunft.
1939 gab er den Anstoß zur Gründung einer deutschen evangelischen Gemeinde in Oxford, deren Pfarrer er nach dem Krieg wurde. 1949 lud ihn Dompropst Richard Howard zu einem Gottesdienst in die zerstörte Kathedrale von Coventry ein. Ein Jahr später gründete Kurtz dort eine weitere deutsche Auslandsgemeinde. Bis zu seiner Emeritierung 1962 engagierte er sich für die deutsch-englische Verständigung und die Versöhnungsarbeit von Coventry.
Diese Geschichte war für die Zwölf-Apostel-Gemeinde ein wesentlicher Beweggrund, sich der Nagelkreuzgemeinschaft anzuschließen. Bereits 2023 beschloss der Gemeindekirchenrat, die Aufnahme zu beantragen. Im November 2025 reisten Vertreter der Gemeinde nach Coventry und besuchten dort die Orte, mit denen Adolf Kurtz verbunden gewesen war.
Auch das heutige Gemeindeleben ist von der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Fragen geprägt. Die Gemeinde engagiert sich im interreligiösen Dialog, unterstützt mit einer Lebensmittelausgabe Menschen in schwierigen Lebensverhältnissen und versteht sich als Ort, an dem unterschiedliche Überzeugungen miteinander ins Gespräch kommen können. In ihrer Selbstdarstellung betont sie die Verantwortung, sich für Gerechtigkeit, Frieden und den Zusammenhalt der Gesellschaft einzusetzen.
Am Donnerstag, 29. Oktober, wurde das Nagelkreuz in einem Festgottesdienst übergeben. Die Predigt hielt Kate Massey. An der Feier beteiligten sich unter anderem Superintendent Michael Raddatz, Pfarrer Burkhard Bornemann, Diakon Bernd Muskat und Dr. Janning Hoenen aus dem Leitungskreis der Nagelkreuzgemeinschaft. Die musikalische Gestaltung übernahm Kantorin Hyelin Hur. Mit der Aufnahme ist Zwölf Apostel nun das neunte Berliner Nagelkreuzzentrum.
Stade: Versöhnungsarbeit im Alltag der Gemeinde

Blick in den Innenraum der St.-Wilhadi-Kirche in Stade. Foto: Wikiwal / Commons, CC BY-SA 3.0
In Stade begann der Weg zur Nagelkreuzgemeinschaft Ende 2021. Der Kirchenvorstand von St. Wilhadi beschäftigte sich damals erstmals mit ihren Zielen. Im folgenden Frühjahr bildete sich eine Arbeitsgruppe aus Mitgliedern der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinden St. Wilhadi und St. Cosmae. Ihr Anliegen war es, die Gedanken der Nagelkreuzgemeinschaft in das Leben der Gemeinden hineinzutragen und daraus eigene Angebote zu entwickeln.
Eine erste Möglichkeit bot das tägliche Mittagsgebet in St. Wilhadi. Seit dem Frühjahr 2022 wird dort freitags das Versöhnungsgebet von Coventry gesprochen. Die Gruppe organisierte außerdem einen Begegnungsabend mit muslimischen Frauen und lädt seit 2024 regelmäßig zu politischen Abendandachten ein.
Dabei richtet sie den Blick auch auf Krisen und Konflikte, die selten im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen. Ebenso beschäftigt sie sich mit dem gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland. Respekt, Gleichberechtigung, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit gehören ausdrücklich zu den Anliegen, für die die Gruppe eintreten möchte.
Die Erinnerung an die nationalsozialistische Vergangenheit ist in St. Wilhadi unmittelbar gegenwärtig. Drei Stelen auf dem Kirchengelände tragen die Namen von Menschen aus Stadt und Landkreis Stade, die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wurden. Das benachbarte Gemeindehaus erinnert an Pastor Behrens, der selbst nationalsozialistischer Hetze ausgesetzt war.

Übergabe des Nagelkreuzes in Stade. Foto: Henning Menzel
Im Mai 2025 reisten sechs Mitglieder der Nagelkreuzgruppe zur Pilgrimage nach Coventry. In ihrem anschließenden Bericht beschäftigen sie sich eingehend mit den drei Aufgaben der Gemeinschaft. Besonders eindrücklich schildern sie die Bedeutung von Erzählungen und persönlichen Begegnungen: Wer Versöhnung sucht, muss bereit sein, zuzuhören, das Leid anderer wahrzunehmen und sich mit Erfahrungen auseinanderzusetzen, die den eigenen widersprechen können.
Mit der Übergabe des Nagelkreuzes am Reformationstag, dem 31. Oktober, fand die mehrjährige Vorbereitung ihren Abschluss. Der Festgottesdienst in St. Wilhadi bildete zugleich den Schlusspunkt des Regionaltreffens Nord, dessen Teilnehmende sich am Vortag unter anderem mit Verfolgung und Widerstand während des Nationalsozialismus beschäftigt hatten. Die Festpredigt hielt Regionalbischöfin Sabine Preuschoff. An der Gestaltung waren neben Kate Massey auch Superintendent Dr. Marc Wischnowsky, Pastorin Ann-Katrin Hamsch und Mitglieder der Stader Nagelkreuzgruppe beteiligt.
Bremen: Versöhnung mitten in der Stadt
Mit der Bremischen Evangelischen Kirche gehört erstmals eine ganze Landeskirche zur internationalen Nagelkreuzgemeinschaft. Der Gedanke dazu entstand bereits vor mehreren Jahren. Die damaligen Friedensbeauftragten Jasper von Legat und Andreas Hamburg hatten die Initiative ergriffen, ein Nagelkreuz nach Bremen zu holen. Im Mai 2022 unterstützte der Bremer Kirchentag das Vorhaben mit seiner Erklärung für den Frieden.

Der St. Petri-Dom in Bremen zur blauen Stunde. Foto: Matthias Süßen / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0
Die Landeskirche hat dafür ein Konzept entwickelt, das die Versöhnungsarbeit an möglichst vielen Orten verankern soll. Zwei Nagelkreuze sind vorgesehen. Eines soll 2027 dauerhaft in die Stufen vor dem St. Petri-Dom eingelassen werden, zwischen den beiden Haupteingängen. Der Standort ist bewusst gewählt: Hier, zwischen Rathaus und Parlament, gehen täglich Menschen vorbei, die den Dom vielleicht nie betreten würden. Ein zweites Kreuz soll künftig durch die Gemeinden und Einrichtungen der Landeskirche wandern. Es kann in Kindertagesstätten, im Konfirmandenunterricht, in der Erwachsenenbildung und bei besonderen Veranstaltungen eingesetzt werden.
Für Bremen verbindet sich die Arbeit mit der Erinnerung an die eigene Geschichte. Während des Zweiten Weltkriegs war die Hansestadt ein bedeutender Standort der nationalsozialistischen Rüstungsindustrie. Zugleich wurde sie selbst bei zahlreichen Luftangriffen schwer zerstört; mehr als 4.000 Menschen verloren dabei ihr Leben. Die Auseinandersetzung mit dieser Vergangenheit gehört ebenso zum Bremer Konzept wie die Verantwortung angesichts heutiger Kriege und gesellschaftlicher Konflikte.
Wie nahe diese Fragen beieinanderliegen, zeigte der Festgottesdienst am 1. November im St. Petri-Dom. Pastor Andreas Hamburg, Friedensbeauftragter der Landeskirche, hatte Trümmerteile einer Kampfdrohne aus der Ukraine mitgebracht. Wie kann man angesichts solcher Waffen und des Leids, das sie verursachen, von Versöhnung sprechen? Niemand könne von den Menschen, die durch Krieg und Gewalt Angehörige verloren haben, Vergebung verlangen, gab Hamburg zu bedenken. Wo Versöhnung dennoch gelingt, sei sie ein Geschenk.

Der ukrainische Frauenchor Gloria UA gestaltete den Festgottesdienst zur Übergabe des Nagelkreuzes im Bremer St. Petri-Dom am 1. November 2026 musikalisch mit. Foto: Henning Menzel
Auch Bürgermeister Andreas Bovenschulte griff diese Frage in seinem Grußwort auf. Die Bereitschaft zur Versöhnung bedeute keineswegs, auf das Recht zur Verteidigung gegen Gewalt zu verzichten. Sie halte vielmehr die Möglichkeit offen, nach dem Ende der Gewalt wieder Wege der Verständigung zu finden.
Kate Massey sprach in ihrer Predigt über die zunehmende Gewalt und Spaltung in der Welt und über die Verantwortung der Kirchen. Sie erinnerte an die Entscheidungen, vor denen die deutschen Kirchen während der nationalsozialistischen Herrschaft gestanden hatten. Auch heute stelle sich die Frage, wie Christen auf Krieg, Ungerechtigkeit und gesellschaftliche Polarisierung antworten. Ihre Zuversicht gründete sie auf das Vertrauen, dass Versöhnung Gottes Werk ist, an dem Menschen mitwirken dürfen.
An dem Gottesdienst nahmen unter anderem Kirchenpräsident Dr. Bernd Kuschnerus und Landesbischof Dr. Oliver Schuegraf, Vorsitzender der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland, teil. Der ukrainische Frauenchor Gloria UA bereicherte die Feier musikalisch. Die weitere Nagelkreuzarbeit in Bremen wird Pastorin Inge Kuschnerus koordinieren. Bereits jetzt ist vorgesehen, das Versöhnungsgebet von Coventry regelmäßig in das Freitagsmittagsgebet des Doms aufzunehmen.
Hannover: Erinnerung und internationale Verständigung

Der Innenraum der Marktkirche Hannover. Foto: Dguendel / Wikimedia Commons, CC BY 4.0
Die Marktkirche Hannover wurde in der Nacht vom 8. auf den 9. Oktober 1943 durch einen britischen Luftangriff weitgehend zerstört. Als der Architekt Dieter Oesterlen sie nach dem Krieg wiederaufbaute, stellte er die mittelalterliche Raumgestalt wieder her, verzichtete jedoch auf spätere Ausschmückungen und ließ Spuren der Geschichte sichtbar. Am 22. Juli 1952 wurde die wiederaufgebaute Kirche ihrer Gemeinde übergeben.
Nur drei Tage später begann in Hannover die zweite Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes. Es war eine der ersten großen internationalen kirchlichen Begegnungen in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Zum Präsidenten wurde der hannoversche Landesbischof Hanns Lilje gewählt, der sich in den Nachkriegsjahren für die Wiederaufnahme internationaler kirchlicher Beziehungen eingesetzt hatte.
Die Marktkirchengemeinde sieht sich dieser Geschichte verpflichtet. Seit dem Deutschen Evangelischen Kirchentag 1983 finden in der Kirche regelmäßig Friedensgebete statt. Jedes Jahr wird hier an die Opfer des Atombombenabwurfs auf Hiroshima erinnert. Die Städtepartnerschaften Hannovers mit Hiroshima und dem englischen Bristol bieten darüber hinaus Anknüpfungspunkte für internationale Begegnungen und Verständigung.
Auch gegenwärtige Konflikte beschäftigen die Gemeinde. Sie unterstützt Menschen aus der Ukraine und pflegt Verbindungen in das vom Krieg betroffene Land. Jugendliche setzen sich mit der nationalsozialistischen Vergangenheit auseinander, unter anderem bei Besuchen der Gedenkstätte Bergen-Belsen. Hinzu kommen das Engagement in der Wohnungslosenhilfe und der interreligiöse Dialog.
Als Marktkirchenpastor Marc Blessing im Mai 2026 an einer Pilgrimage nach Coventry teilnahm, stellte er die Geschichte seiner Gemeinde unter die Überschrift „From Destruction to Reconciliation“ – von der Zerstörung zur Versöhnung. Er beschrieb den Weg der Marktkirche von der mittelalterlichen Stadtkirche über die Zerstörung und den Wiederaufbau bis zu ihrer heutigen Friedensarbeit. Für die Gemeinde ist die Aufnahme in die Nagelkreuzgemeinschaft eine Fortsetzung dieses Weges und zugleich die Möglichkeit, neue internationale Beziehungen zu knüpfen.
Am Sonntagabend, 1. November, wurde das Nagelkreuz im Rahmen eines festlichen Evensongs übergeben. Landesbischof Ralf Meister, Landesbischof Dr. Oliver Schuegraf, Kate Massey und Marc Blessing gehörten zu den Mitwirkenden. Die musikalische Gestaltung lag beim Bachchor Hannover unter Leitung von Christian Rohrbach und Organist Matthias Flierl. Auf dem Programm stand unter anderem das „Agnus Dei“ aus Benjamin Brittens *War Requiem*, einem Werk, das die Erinnerung an die Opfer des Krieges mit der Bitte um Frieden verbindet.
Was die neuen Zentren verbindet

Nagelkreuz in Bremen. Foto: Matthias Dembski
Die vier neuen Zentren haben ihre Arbeit für Frieden und Versöhnung lange vor der Übergabe ihrer Nagelkreuze begonnen. In Stade hat sich eine kleine Gruppe über Jahre mit den Aufgaben der Gemeinschaft auseinandergesetzt. In Hannover reicht die Friedensarbeit Jahrzehnte zurück. Berlin greift mit Adolf Kurtz eine Verbindung auf, die bis in die Anfänge der Versöhnungsarbeit von Coventry reicht. Und Bremen hat ein Konzept entwickelt, das die Arbeit für Frieden und Versöhnung in einer ganzen Landeskirche verankern will.
Mit der Aufnahme kommen neue Beziehungen hinzu. Die Gemeinden bringen ihre Erfahrungen in die internationale Nagelkreuzgemeinschaft ein und können zugleich von Menschen lernen, die sich an anderen Orten mit ähnlichen Fragen beschäftigen.
Auch in Coventry stand am Anfang kein fertiges Programm. Nach der Zerstörung der Kathedrale durch deutsche Bomben am 14. November 1940 entschieden sich Menschen, aus der Erfahrung des Krieges andere Konsequenzen zu ziehen als Hass und Vergeltung. Aus dieser Entscheidung ist über Jahrzehnte ein weltweites Netz von Kirchen und Einrichtungen entstanden, die sich der Versöhnung verpflichtet wissen.
Die vier Übergaben dieses Herbstes gehören zu dieser Geschichte. Und die Arbeit, die in Berlin, Stade, Bremen und Hannover längst begonnen hat, geht weiter.
Autor: Niels Faßbender



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