Komm den Frieden wecken – Bericht von der Friedensdekade in Kiel

Quelle: Ökumenische FriedensDekade e. V.

„Komm den Frieden wecken“ – so lautete das Motto der diesjährigen ökumenischen Friedensdekade im November. Mit aktiver Beteiligung der Nagelkreuzgemeinschaft lief u. a. in Kiel ein volles Programm: Zahlreiche Gottesdienste, Friedensandachten sowie künstlerische, musikalische und auch politisch geprägte Veranstaltungen fanden statt. Der Weckruf erinnerte die Teilnehmenden an das Wesentliche: Angesichts der gegenwärtigen unfriedlichen Situation vor Ort und weltweit müssen wir darum ringen, „friedensfähiger“ zu werden und dürfen uns nicht allein mit „Kriegstüchtigkeit“ begnügen.

In der St. Nikolaikirche erzählte Pröpstin Almut Witt von der Entstehung des Nagelkreuzes vor 85 Jahren. Sie erinnerte an die historische Überreichung des ersten Nagelkreuzes an eine deutsche Stadt, das Provost Dick Howard am 15. September 1947 dem Kieler Propst Johannes Lorenzen übergab. Diese Geste war ein Weckruf, dass sich die einstigen Feinde vergeben und Brücken der Versöhnung bauen.

Versöhnung braucht Einsicht und Tatkraft

Leitungsteam der Theatergruppe. Foto: Nicola Runge

Die monatliche Friedensandacht vor dem Nagelkreuz betonte die andauernde Relevanz der Friedens- und Versöhnungsbotschaft: Das „Father forgive“ konfrontiert uns mit unserem Versagen und fordert uns auf, den Friedensbemühungen endlich Vorrang zu geben. Zum Abschluss beteten wir die Versöhnungslitanei von Coventry.

In einem weiteren Friedensgottesdienst erfuhr eine kleine Nachbildung der Skulptur „Reconciliation“ besondere Aufmerksamkeit. Das Werk der britischen Bildhauerin Josefina de Vasconcellos zeigt zwei knieende Gestalten, die sich sinnlich und ermutigend umarmen. Eine der Original-Skulpturen steht in der Ruine der Kathedrale von Coventry.

Das Motiv ist global präsent: Abgüsse stehen auch in Hiroshima, Belfast und bei der Kapelle der Versöhnung an der Berliner Mauer. Mehrere Miniaturen der Statue sind in Kiel verteilt. Im Jahr 2012 übergab der damalige Direktor des internationalen Versöhnungszentrums von Coventry, David Porter, ein Exemplar an die Sozialkirche in Kiel-Gaarden.

Die Symbolkraft der Statue wirkt bis heute: Erst vorletzte Woche erhielt auch Elke Büdenbender, die Frau des Bundespräsidenten, beim Besuch in Coventry eine solche Miniatur als Geschenk von Dean John Witcombe.

Junge Generation sorgt für Aufwachen

Erfreulich war die starke Beteiligung der jungen Generation an den mehr als 35 Veranstaltungen in Kiel. Eine Theatergruppe aus Kiel-Mettenhof ließ zu Beginn des Gottesdienstes in der Michaeliskirche ganz wörtlich einen Wecker klingeln, um alle aufzuwecken. In ihrem Theaterstück lösten die Jugendlichen einen Konflikt zwischen zwei Jugendzentren, der gewalttätig zu eskalieren drohte, auf friedliche Weise. Zu den Verantwortlichen für das Projekt gehörte die Jugendpädagogin Uta Birkenstock, die selbst schon 1992 als Schülerin an der ersten Begegnungsreise von Kiel nach Coventry teilgenommen hatte.

Das Ringen um die Erhaltung des Friedens

Skulptur “Reconciliation” als Miniatur. Foto: Nicola Runge

Das Politische Abendgespräch in der Kompassgemeinde Kiel-Altenholz trug die Überschrift „Den Frieden wecken – aus militärischer, politischer und evangelischer Sicht“. Drei Impulsgeber stellten ihre jeweiligen Perspektiven dar. In den folgenden Gruppengesprächen wurde fair gestritten. Die Teilnehmenden diskutierten etwa über diese Fragen: Wie stark muss eine Sicherheitsarchitektur auch die Sicherheitsbedürfnisse der gegnerischen Seite einbeziehen? Wie gefährdend ist eine militärische Bedrohung tatsächlich? Und: Hält die neue Friedensdenkschrift der EKD am Vorrang der Gewaltfreiheit fest?

Bonhoeffers fester Glaube

So gelungen die Veranstaltungen der Ökumenischen Friedensdekade in Kiel und anderswo auch waren: Die Gefährdungen weltweit sind real. Wir Christen sind nur eine kleine Stimme für die Bewahrung und Wiederherstellung des Friedens.

Mich bestärkt in diesen unruhigen Zeiten das Glaubensbekenntnis von Dietrich Bonhoeffer, das er 1942 aus der Gefängniszelle geschrieben hat: „Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will.“

 

Autor: Frieder Petersen, Pastor i.R.

„Ein kostbarer Moment“ – Bundespräsident Steinmeier in Coventry

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Ehefrau Elke Büdenbender entzünden Kerzen in der Neuen Kathedrale (Foto: Bundesbildstelle/Guido Bergmann)

Der Besuch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Coventry war mehr als eine Station am Ende eines dreitägigen Staatsbesuchs im Vereinigten Königreich. Gerade durch seine Platzierung am Schluss gewann er besonderes Gewicht: ein bewusst gesetztes Innehalten an einem Ort, an dem europäische Geschichte in seltener Dichte erfahrbar ist – Schuld und Hoffnung, Zerstörung und Neubeginn liegen hier sichtbar ineinander verschränkt.

Bischöfin Sophie (2. v. l.), Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (3.v.l.), Elke Büdenbender (4. v. l.) und Dean John (5. v. l.) vor dem Wandteppich ‘Christi in der Herrlichkeit’. (Foto: Bundesbildstelle/Guido Bergmann)

Der Staatsbesuch stand im Zeichen der Bemühungen um eine Erneuerung der deutsch-britischen Partnerschaft. Er fiel in eine Phase, in der nach Jahren der Distanz infolge des Brexits politische, kulturelle und zivilgesellschaftliche Beziehungen neu justiert werden. Empfänge auf Schloss Windsor, Gespräche mit Regierung und Parlament, die Rede im Westminster Palace – all dies markierte die politische Ebene eines Besuchs, der deutlich nach vorn gerichtet war. Dass Coventry den Abschluss bildete, ergänzte diesen Zukunftsblick um eine notwendige historische Erdung: Zukunft ohne Erinnerung bleibt leer.

Coventry: Tiefpunkt und Wendepunkt

Coventry steht – wie der Bundespräsident selbst formulierte – für ein doppeltes Symbol: für den Tiefpunkt der deutsch-britischen Beziehungen und zugleich für deren Wendepunkt. In den Ruinen der 1940 zerstörten Kathedrale wird Schuld weder relativiert noch Leid gegeneinander aufgerechnet. Zugleich erinnert dieser Ort daran, dass hier schon wenige Jahre nach dem Krieg ein anderer Ton angeschlagen wurde: nicht der der Vergeltung, sondern der der Versöhnung.

Gedenken in der Ruine der Kathedrale von Coventry. (Foto: Bundesbildstelle/Guido Bergmann)

Diese Spannung prägte den Besuch. Der Bundespräsident legte einen Kranz am aus Trümmersteinen errichteten Altar in der Ruine nieder – ein schlichtes, aber sprechendes Zeichen des Gedenkens an die Zerstörung, die deutsche Bomben über die Stadt gebracht hatten. Der Dekan der Kathedrale, Dean John Witcombe, beschreibt diesen Moment als „poignant“, als besonders eindrücklich. Mit Blick auf den Bundespräsidenten schreibt er:

„To stand in the ruins with any of our many German visitors is a poignant experience, but especially so with the President.“ – „Mit jedem unserer vielen deutschen Gäste in den Ruinen zu stehen, ist eine eindrückliche Erfahrung – aber mit dem Bundespräsidenten in besonderer Weise.“

Zeichen, die verbinden

Unmittelbar im Anschluss führte der Weg vom Altar der Ruinen zur Skulptur „Choir of Survivors“ des Dresdner Künstlers Helmut Heinze – ein Geschenk der Frauenkirche Dresden zum goldenen Jubiläum der neuen Kathedrale von Coventry. Die Skulptur erinnert an die Opfer der Luftangriffe auf Dresden und verknüpft diese Erinnerung bewusst mit der Geschichte Coventrys. Dean John beschreibt sie

„as a memorial to those killed in Dresden, uniting us in remembrance of the loss suffered on all sides in war – a sign of reconciliation.“ – „als Denkmal für die in Dresden Getöteten, das uns vereint im Erinnern an das Leid, das der Krieg auf allen Seiten hinterlassen hat – ein Zeichen der Versöhnung.“

Die weltweite Gemeinschaft des Nagelkreuzes

Beim anschließenden Besuch in der neuen Kathedrale begegnete der Bundespräsident einem der ursprünglichen Nagelkreuze – geformt aus Nägeln des brennenden Dachstuhls der zerstörten Kathedrale. Dean John erläuterte, dass Repliken dieser Kreuze heute in der Justizvollzugsanstalt Würzburg gefertigt und an neue Mitglieder der Nagelkreuzgemeinschaft überreicht werden. Er erinnert:

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im John Laing Centre beim Austausch mit britischen und deutschen Schülerinnen und Schülern beim Besuch der Kathedrale von Coventry. (Foto: Bundesbildstelle/Guido Bergmann)

„This community unites almost 300 centres across the world in the work of reconciliation: healing the wounds of history; learning to live with difference and celebrate diversity; building a culture of peace.“ – „Diese Gemeinschaft vereint weltweit nahezu 300 Zentren in der Versöhnungsarbeit: in der Heilung der Wunden der Geschichte, im Lernen, mit Unterschieden zu leben und Vielfalt zu feiern, sowie im Aufbau einer Kultur des Friedens.“

Bereits in seiner Rede vor dem britischen Parlament in London hatte der Bundespräsident die heutige deutsch-britische Freundschaft als „ein Geschenk der Versöhnung“ bezeichnet.

Elke Büdenkender, Dean John und Bundespräsident Frank Walter Steinmeier (v.l.n.r.). (Foto: Coventry Cathedral)

Gebet als gelebte Theologie

Seinen geistlichen Mittelpunkt fand der Besuch in einem kurzen Versöhnungsgottesdienst. Gebete verschiedener Traditionen kamen zu Wort. Auch hier war die Symbolik bewusst gewählt: Dean John betete das Vaterunser auf Deutsch – eine Praxis, die er nach eigenen Worten bei besonderen Anlässen pflegt. Er schreibt dazu:

„I led the Lord’s Prayer in the German language … as a sign of the reconciliation won for us in Christ, which unites us in prayer for a better future for all.“ – „Ich habe das Vaterunser in deutscher Sprache gebetet … als Zeichen der in Christus für uns errungenen Versöhnung, die uns im Gebet zu einer Hoffnung auf eine bessere Zukunft für alle vereint.“

Mehr als ein politischer Besuch

Der Bundespräsident reiste nach Coventry, um in den Ruinen der Kathedrale einen Kranz niederzulegen und an einem Gedenk- und Versöhnungsgottesdienst teilzunehmen – an einem Ort, der daran erinnert, dass Frieden nicht selbstverständlich ist und Versöhnung keine abgeschlossene Geschichte kennt.

Dass der Bundespräsident diesen Ort aufsuchte, verlieh einer Haltung öffentliche Geltung, die die Nagelkreuzgemeinschaft seit 1947 prägt: Erinnerung und Zukunft müssen zusammen gedacht werden, und Versöhnung beginnt mit dem Blick auf die Wahrheit der Geschichte.

Autor: Niels Faßbender mit einem Beitrag von John Witcombe, Dean of Coventry

Erinnerung muss wecken! Grußwort zur Enthüllung der Gedenktafel für Johannes Rau

Grußwort von Vorstandsmitglied Niels Faßbender. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft.

Gedenktafeln laufen Gefahr, Patina anzusetzen – nicht nur aus Bronze, sondern auch im Geiste. Sie hängen an Wänden und schweigen. Doch am 25. Januar 2026, bei der Enthüllung der Tafel für Johannes Rau im Nagelkreuzzentrum Gemarker Kirche in Wuppertal, ging es um das genaue Gegenteil: um eine Erinnerung, die spricht, fordert und manchmal auch stört. Wie dicht die Atmosphäre an diesem besonderen Ort zwischen Synagoge und Kirche war, lesen Sie in unserem ausführlichen Bericht zur Veranstaltung. Doch was bedeutet Johannes Raus Lebensmotto „Teneo, quia teneor“ („Ich halte, weil ich gehalten werde“) für uns als Nagelkreuzgemeinschaft heute? Ist es ein frommer Spruch für Sonntagsreden oder eine harte politische Währung in Zeiten der Spaltung? Niels Faßbender, Vorstandsmitglied der Nagelkreuzgemeinschaft, ging in seinem Grußwort der Frage nach, warum eine solche Tafel kein Heldendenkmal sein darf, sondern ein Stachel bleiben muss. Wir dokumentieren das Grußwort hier im Wortlaut.

Liebe Gemeinde,

heute bringt ihr eine Tafel an.

Name. Datum. Erinnerung.

Erinnerung an Johannes Rau.

Viele hier kennen ihn.

Nicht als Figur.

Sondern als Mensch:

nah, vertraut, widersprüchlich, verlässlich.

Viele von euch haben ihn nicht nur im Fernsehen gesehen,

sondern in dieser Gemeinde.

Im Café.

Nach dem Gottesdienst.

Einer, der manchmal einfach da war.

Einer, der Beziehungen hielt.

Ich spreche zu euch als jemand, der ihn nicht persönlich kannte.

Und doch stehe ich nicht fremd vor seinem Namen.

Weil dieser Ort eine Sprache spricht, die ich verstehe.

Eine Sprache der Wirklichkeit.

Eine Sprache aus Geschichte und Gegenwart.

Aus Glauben und Verantwortung.

Hier, direkt nebenan, steht die Synagoge.

Sie erinnert an die eine Wirklichkeit:

An Feuer.

An Zerstörung.

An das, was Menschen einander antun –

im Namen von Volk, Ordnung, „Notwendigkeit“.

Johannes Rau hat dafür Worte gefunden, die nichts beschönigen

und doch Zukunft wagen.

In der Knesset hat er gesagt:

„Ich bitte um Vergebung für das, was Deutsche getan haben.“

Ein Satz ohne Ausrede.

Ohne Selbstentlastung.

Versöhnung bedeutet nicht, alles zuzudecken.

Sondern: es anzusehen.

Und weist damit in die andere Wirklichkeit:

Der Hof, den man gemeinsam betritt.

Keine romantische Kulisse.

Ein Gegenüber.

Nähe, die nicht selbstverständlich ist.

Sondern gewollt. Gebaut.

Man könnte sagen:

Hier wird geübt, dass keine Ereignisse und Mächte

unser Gewissen ersetzen.

Dass wir nicht wieder anfangen dürfen, Menschen zu sortieren.

Dass wir lernen müssen, sie anzusehen.

Und dass Glauben immer auch heißt:

sich nicht abfinden mit dem, was „nun einmal so ist“.

Und ja: gerade heute ist das wieder brennend.

Kälte in den Worten.

Härte in den Debatten.

Gewalt gegen jüdisches Leben.

Und die gefährliche Gewöhnung daran.

„Nie wieder“ passiert nicht von allein.

Es braucht Orte, die standhalten.

Menschen, die nicht nur „Glaube“ sagen, sondern ihn üben.

Und Wege. Und Nachbarn.

In dieser Kirche steht auch das Nagelkreuz von Coventry.

Wir kennen seine Geschichte.

Wir kennen diese seltsame Logik:

Aus zerstörtem Metall wird ein Kreuz.

Aus Schutt wird eine Sprache.

Nicht „alles wird gut“.

Sondern: Wir hören nicht auf.

Auch das Nagelkreuz hat diese eine Wirklichkeit in sich:

Das Feuer.

Die Zerstörung.

Das, was Menschen einander antun –

im Namen von Nation, Rasse, Gott.

Und wie die Synagoge, die sich den Hof mit eurer Kirche teilt,

weist auch das Nagelkreuz in die andere Wirklichkeit:

Die, in der Glaube konkret wird.

Johannes Rau hat einmal gesagt –

fast wie eine Selbstbeschreibung,

aber eigentlich wie ein Programm:

„Versöhnen statt Spalten … bleibt meine Lebensmelodie.“

Das klingt freundlich.

Und ist in Wahrheit streng.

Denn „Versöhnen statt Spalten“ heißt:

Die eigene Seite nicht für unschuldig halten.

Den eigenen Anteil sehen.

Die eigene Kälte wahrnehmen.

Und trotzdem üben: Anstand. Geduld. Gespräch. Wahrhaftigkeit.

Nicht schweigen, wenn der Ton kippt.

Nicht zynisch werden, wenn man müde ist.

Nicht profitieren, wenn andere erniedrigt werden.

Nicht mitmachen, wenn Menschen gegeneinander hochgeputscht werden.

Versöhnung bleibt eine reale Möglichkeit –

solange wir daran arbeiten,

solange wir Christus vertrauen.

Und jetzt: Die Gedenktafel.

Eine Tafel ist ein Halt.

Sie sagt: Einer war da.

Er hat Spuren hinterlassen.

Er war mehr als die Summe seiner Ämter.

Und eine Tafel ist eine Zumutung.

Denn sie sagt auch: Jetzt seid ihr dran.

Erinnerung ist nie nur Rückblick.

Erinnerung ist Verantwortung.

Man kann einen Menschen ehren

und dabei den Schmerz der Welt vergessen.

Man kann „Erinnerung“ sagen

und meint doch: bequemes Gedenken.

Eine Tafel kann Dekoration werden.

Oder: ein Stachel.

Johannes Rau hat diesen Stachel nicht gemieden.

Er hat das Wort „Versöhnung“ nicht als Dekoration benutzt.

Er hat es mitten in den Raum gestellt.

Mitten in die Geschichte.

Mitten hinein in Schuld.

Mitten hinein in die Angst: dass es nie genug ist.

Johannes Rau hatte ein Motto: „Teneo, quia teneor.“

Ich halte, weil ich gehalten werde.

Das klingt schlicht.

Und es ist radikal.

Das ist keine Heldenformel.

Das ist ein Eingeständnis.

Denn wir halten ja oft gerade nicht.

Wir sind verletzlich.

Wir sind widersprüchlich.

Wir sind schneller gekränkt als klug.

Und schneller hart als gerecht.

Manchmal fehlt uns die Kraft zur Versöhnung.

Weil wir selbst zu wenig versöhnt sind.

Mit unserer Angst.

Mit unserer Schuld.

Mit unserer Unvollkommenheit.

„Ich halte, weil ich gehalten werde“ heißt dann auch:

Ich bin angewiesen.

Auf Zuwendung.

Auf Vergebung.

Auf Menschen, die bleiben, wenn ich schwierig werde.

Auf Gemeinschaft, die mich nicht verwechselt mit meinem schlechtesten Tag.

Und auf Gott.

Der nicht sagt: „Reiß dich zusammen.“

Sondern: „Komm.“

Und bleibt.

Gerade da, wo der Halt fehlt.

Ich halte nicht aus eigener Härte.

Nicht aus Überlegenheit.

Nicht aus moralischer Stärke.

Sondern aus einem Grund, der tiefer liegt als ich selbst.

Aus einem Gehaltensein.

Für mich ist das eine der Grundfesten meines Glaubens:

Getragen sein, so wie ich bin –

und darum tragfähig sein auch für andere, so wie sie sind.

Nicht als Herrschaft.

Nicht als Pose.

Als Gemeinde von Brüdern und Schwestern.

An diesem Ort erinnert die Tafel für Johannes Rau nicht nur an den Menschen,

der die Mitte gesucht hat.

Die Mitte zwischen Klarheit und Demut.

Zwischen Heimat und Welt.

Zwischen politischer Verantwortung und dem leisen Wissen:

Wir sind nicht Gott.

Hier, an diesem Ort, ruft uns die Tafel für Johannes Rau auch zur Entscheidung:

Erinnerung kann verhärten – oder öffnen.

Glaube kann betäuben – oder aufwecken.

Heimat kann abschotten – oder beheimaten.

Mit Blick auf Synagoge und Nagelkreuz entscheiden wir uns für die offene Form:

Für ein Gedenken, das nicht einschläfert.

Für einen Glauben, der Hände bekommt.

Für eine Versöhnung, die nicht spaltet, sondern mühsam verbindet.

Nicht groß.

Nicht heroisch.

Aber erfüllt.

Von Treue, Dankbarkeit und Glauben.

Friede sei mit uns!

Vielen Dank.

Autor: Niels Faßbender

 

Spendenaufruf: Hilfe für unser Nagelkreuzzentrum in der Ukraine

Evangelisch-lutherische Kirche in Odessa und Pastor Alexander Gross (Fotos: Gross)

Krieg ist in der Ukraine keine ferne Nachricht, sondern tägliche Wirklichkeit. In Odessa und den umliegenden Dörfern leisten lutherische Gemeinden unter schwierigsten Bedingungen soziale Notfallarbeit: Sie versorgen Alte, Kranke, Kinder und Familien mit Lebensmitteln, Medikamenten und konkreter Hilfe – oft als Einzige vor Ort. Die Berichte von Pastor Aleksander Gross, die wir auf unserer letzten Mitgliederversammlung gehört haben, machen deutlich, wie existenziell diese Unterstützung geworden ist. Für viele Menschen ist sie das Letzte, was bleibt. Deshalb bitten wir heute dringend um Ihre Unterstützung. Im folgenden Spendenaufruf erfahren Sie, wofür die Hilfe gebraucht wird, was konkret geplant ist – und wie Ihre Spende unmittelbar wirkt.

Liebe Mitglieder, liebe Freundinnen und Freunde der Nagelkreuzgemeinschaft!

Was heißt es, vom Nagelkreuz zu sprechen, wenn Krieg kein erinnerter Abgrund ist, sondern tägliche Wirklichkeit? Auf der Mitgliederversammlung vor gut zwei Wochen in Münster wurde diese Frage konkret. Im Gespräch mit einem Vertreter des Nagelkreuzzentrums in St. Petersburg und mit Pastor Aleksander Gross, der für die Gemeinden unseres Nagelkreuzzentrums in Odessa und den umliegenden Dörfern verantwortlich ist, hörten wir von Menschen, die bleiben, wo vieles zerbricht. Von Gemeinden, die helfen, obwohl ihnen selbst die Mittel fehlen.

Es war ein bewegender Nachmittag. Und am Ende stand bei vielen derselbe Gedanke: Wir dürfen das nicht nur hören. Wir wollen auch unterstützen. Darum bitten wir Sie heute um Ihre Unterstützung für die sozialdiakonische Arbeit der Lutherischen Kirche in Petrodolynske, Novogradkivka und Odessa. Sie gilt zwei Projekten, die exemplarisch zeigen, was Kirche dort heute bedeutet.

Wenn Hilfe zu den Menschen geht – und nicht umgekehrt

Gemeinde mit Sonntagsschule in Odessa (Foto: Gross)

Rund 1.260 Menschen werden von den lutherischen Gemeinden regelmäßig unterstützt – mit Lebensmitteln, mit dringend benötigten Medikamenten, mit praktischer Hilfe, mit Nähe. Die Hilfe wird nicht an einem zentralen Ort ausgegeben, sondern die Gemeinde geht zu den Menschen nach Hause. Für viele ist das entscheidend, um ihre Würde zu bewahren. Pastor Gross schreibt:

„Wir haben gute Beziehungen zu acht Dörfern in der Umgebung aufgebaut, wo wir mit Seniorinnen und Senioren, Kindern und Familien zusammenarbeiten. Wir haben ein weiteres Zentrum für Kinder aus problembelasteten Familien eröffnet. Aber insgesamt ist das Leben im letzten Jahr noch schwerer geworden.“ Warum unsere Hilfe so dringend ist: „Unter den älteren Menschen haben wir eine erhöhte Sterblichkeit beobachtet. Die Menschen können sich keine Medikamente mehr leisten und leben in ständiger Angst.“ Die Fürsorge ist für die Betroffenen oft das Letzte, was bleibt. Und sie steht auf dem Spiel.

Ein Gebäude, das mehr ist als Stein – die Kirche der Hoffnung

Ehemalige lutherische Kirche in Novogradkivka (Foto: Gross)

In Novogradkivka (Neuburg) soll ein Ort neu entstehen, dessen Geschichte selbst von Verlust und Überleben erzählt. Die lutherische Kirche von 1904 wurde 1933 beschlagnahmt, der Kirchturm abgerissen. Jahrzehntelang diente sie als Kulturhaus. Im Jahr 2000 wurde das denkmalgeschützte Gebäude dem Verfall preisgegeben. Jetzt soll daraus ein soziales Zentrum werden. Außen nach historischem Vorbild wieder aufgebaut, im Inneren mit drei Etagen für soziale Arbeit und Gemeindeleben: Sonntagsschule, Bethanien-Kinderzentrum für Kinder aus sozial benachteiligten Familien, mehr Platz für die Suppenküche, die seit fünf Jahren rund 30 Menschen in drei Dörfern versorgt. Außerdem eine Winterunterkunft für alleinstehende Rentnerinnen und Rentner. Denn in den Wintermonaten verdreifacht sich ihre Sterblichkeit – Armut, Kälte und fehlende Medikamente werden lebensbedrohlich.

Pastor Gross schreibt: „Mein größtes Problem ist derzeit, einen Ort zu finden, von wo aus wir unsere Sozialfürsorge organisieren können. Räume anzumieten ist unmöglich geworden – niemand vermietet für die Arbeit mit armen Menschen. Deshalb konzentriere ich mich darauf, den Wiederaufbau unserer Kirche aus den Trümmern der früheren Kirche zu organisieren.“ Diese Kirche soll „Kirche der Hoffnung“ heißen. Nicht als fromme Behauptung, sondern als Antwort auf eine Realität, die Hoffnung systematisch zerstört.

Warum Ihre Spende zählt

Ihre Spende wird zu Lebensmitteln für Menschen ohne Einkommen. Zu Medikamenten für Alte, die sonst darauf verzichten müssen. Zu einem Ort, an dem Kinder, Familien und Alte nicht vergessen werden. Und sie stärkt Gemeinden, die den Dienst der Versöhnung tun, während um sie herum Krieg herrscht. 100 % Ihrer Spenden gehen in die Ukraine.

Wenn Sie sich beteiligen möchten, nutzen Sie bitte diese Kontoverbindung:

Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V.

IBAN: DE 21 1009 0000 1736 7830 09

BIC: BEVODEBB

Berliner Volksbank

Verwendungszweck: Ukraine

Falls Sie eine Spendenbescheinigung wünschen, geben Sie im Verwendungszweck bitte zusätzlich Ihre Anschrift an. Egal, wie groß Ihre Spende ist – seien es nur ein paar warme Tage im Winter, ein Medikament: Ihre Gabe bedeutet für einen Menschen in der Ukraine ein Stück Sicherheit und Würde. Ich danke Ihnen – nicht nur für Ihre Gabe, auch dafür, dass Sie das Nagelkreuz nicht als Zeichen belassen, sondern als Auftrag verstehen.

Für den Vorstand und Leitungskreis der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V.

Ihr

Oliver Schuegraf

Vorsitzender

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