Nachrichten der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V. zur Mittel- & Osteuropakonferenz

Die Hoffnung auf Veränderung wachhalten – ein Besuch in Odessa

St. Paul in Odessa ist seit etlichen Jahren Teil der weltweiten Nagelkreuzgemeinschaft und dient als unser regionales Nagelkreuzzentrum in der Ukraine. Im vergangenen Jahr hatten wir Pfarrer Aleksander Gross – Pastor der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche in der Ukraine (DELKU) und Präsident ihrer Synode – als Gast auf unserer Mitgliederversammlung in Münster. Am Ende des Wochenendes lud er Canon Kate Massey von der Kathedrale in Coventry und mich nach Odessa ein. Vom 9. bis 11. Juni hatten wir die Gelegenheit, über die Republik Moldau in die Ukraine zu reisen und einen Einblick in das Leben und Wirken der drei Gemeinden von Pastor Aleksander zu bekommen. Die Fülle an Eindrücken in so kurzer Zeit lässt sich kaum in Worte fassen, doch einige Schlaglichter möchte ich gerne teilen:

Schaut man genauer hin, ist die Realität sichtbar. Foto: Ben Wagner

In Odessa kann man den Krieg auf den ersten Blick fast vergessen. Wir durften eine wunderschöne, lebendige und überraschend resiliente Stadt bei großartigem Wetter kennenlernen: beeindruckende Gebäude und Plätze, die keiner europäischen Großstadt nachstehen, Geschäfte aller Couleur, Straßenmusiker für die Stimmung sowie volle Cafés und Kneipen. Doch schaut man genauer hin, wird die Realität sichtbar: Gerade in Hafennähe sind viele Fenster mit Holzbrettern vernagelt. Auch in den Mauern von St. Paul – der historischen lutherischen Kirche Odessas und unserem Nagelkreuzzentrum – sieht man Risse, die durch Druckwellen und Bodenerschütterungen entstanden sind.

Die durch einen russischen Luftangriff 2023 zerstörte Kuppel der Verklärungskathedrale, Bischofssitz der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche, ist hingegen bereits wiederhergestellt; ein demoliertes Ziffernblatt des Westturms erinnert jedoch noch an die Treffer. Und die nächtliche Ausgangssperre macht unmissverständlich deutlich, dass wir uns in einem Land befinden, das täglich mit Bomben und Drohnen überzogen wird. In der Nacht waren die Warnsirenen zu hören und einmal auch die Abschüsse von Drohnen auf ihrem Weg Richtung Hafen.

Müdigkeit, Gelassenheit und schwere Schicksale

„Einfach weiterleben. Immer nach vorne schauen“ – ein Gemeindeglied im Gespräch mit Canon Kate. Foto: Ben Wagner

Die Menschen leben mit dem Krieg – und sie sind müde. Dennoch lassen sich das viele nicht sofort anmerken. Wir haben für den Moment eine erstaunliche Fassung erlebt. „Einfach weiterleben. Immer nach vorne schauen“, fasste es ein Gemeindeglied zusammen. Ganz andere Geschichten und Erfahrungen hörten wir allerdings, als wir kurz mit Mitarbeitenden aus verschiedensten Gemeinden der DELKU ins Gespräch kamen, die gerade an einer Fortbildung für Klinische Seelsorge teilnahmen: Eine Gemeinde hat ihr Kirchgebäude bei einem russischen Angriff verloren, andere berichteten, wie sie ihre Heimat in den besetzten Gebieten verlassen mussten.

Vergebung mitten im Krieg?

In der St. Paulskirche steht das Nagelkreuz auf einem Seitenaltar. Der Künstler Tobias Kammer, der beim Wiederaufbau zwischen 2005 und 2010 den Innenraum neu gestaltet hat, hat auch das Altarbild mit den Worten „Vater, vergib“ an der Wand hinter dem Nagelkreuzaltar auf Deutsch und Ukrainisch geschaffen. Genau dieses Versöhnungsgebet von Coventry haben wir in einem schlichten Gottesdienst gemeinsam mit der Gemeinde gebetet.

Und damit auch die Gebetszeile: „Den Hass, der Nation von Nation trennt, Volk von Volk, Klasse von Klasse. Vater, vergib.“

Nach dem Gottesdienst entspannten sich lebhafte Diskussionen. Foto: Ben Wagner

Nach dem Gottesdienst saßen wir noch zusammen und es entspannen sich lebhafte Diskussionen – zum Teil so dynamisch, dass unser Übersetzer kaum nachkam. Vergeben mitten im Krieg – wie soll das gehen? Wie sollen wir den Russen vergeben angesichts dessen, was sie uns seit über zwei Jahren antun? Andere warfen ein: Hass darf nicht das letzte Wort haben. Wir müssen unsere Herzen offenhalten. Eines Tages nach dem Krieg, wenn das Unrecht eingestanden ist, müssen wir wieder miteinander auskommen. Jesus hat uns aufgetragen, einander zu lieben. Auch diese Stimmen haben wir gehört.

Zeichen der Hoffnung setzen

 

Oliver Schuegraf und Kate Massey in Odessa. Foto: Ben Wagner

In der Tat gibt es Situationen, in denen die Worte Versöhnung und Vergebung nur schwer über die Lippen kommen. Gerade als Außenstehender sollte man nicht vorschnell davon sprechen – und Vergebung von anderen einzufordern, steht uns erst recht nicht zu. Canon Kate und ich hatten daher lange überlegt, ob wir das Versöhnungsgebet von Coventry überhaupt in den Gottesdienst aufnehmen sollten. Aber wir wurden dazu ermutigt. Denn wir haben auch erfahren, wie wichtig es ist, wenigstens die Hoffnung auf Veränderung wachzuhalten. Es ist entscheidend daran zu erinnern, dass bei Gott Dinge möglich sind, die wir uns im Moment kaum zu erträumen wagen. Und vielleicht war es ein zartes Hoffnungszeichen, als eine englische Priesterin und ein deutscher Pfarrer gemeinsam in St. Paul über die Geschichte Coventrys predigten und ihre Dankbarkeit für die heutige deutsch-britische Freundschaft zum Ausdruck brachten.

Diakonie und gelebte Nächstenliebe

Die DELKU hat sich seit Beginn des Krieges stark verändert. Sie wird nicht mehr primär als Kirche für deutschsprachige Christinnen und Christen wahrgenommen, sondern versteht sich als Weggemeinschaft mit allen Menschen in der Ukraine. Das konnten wir bei unserem Besuch in den beiden Landgemeinden Nowohradkywka und Petrodolynske erleben, in denen Aleksander Gross ebenfalls als Pastor wirkt.

Die beiden Gemeinden haben beeindruckende diakonische Angebote entfaltet, die der gesamten Dorfbevölkerung zugutekommen. In Petrodolynske stellt die Gemeinde Wohnungen für Binnenflüchtlinge zur Verfügung. Hier hatte die deutsche Nagelkreuzgemeinschaft bereits zu Beginn des russischen Angriffskrieges finanziell beim Herrichten und Dämmen der Räume geholfen. Zudem verteilt die Gemeinde aktuell Care-Pakete an Hilfsbedürftige. So werden gerade ältere Menschen erreicht, die ihre Häuser nicht mehr verlassen können – und Zeit für ein persönliches Gespräch bleibt dabei auch. (Über die in der Sowjetzeit verfallene Kirche von Nowohradkywka, die von der DELKU wiederaufgebaut werden soll, ist in einem eigenen Bericht mehr zu lesen.)

Die Bitte der Menschen vor Ort

Die Menschen sehnen sich nach Frieden. Foto: Ben Wagner

Die Menschen sehnen sich nach Frieden. So schnell wie möglich sollen die Waffen schweigen und Friedensverhandlungen beginnen – diese Botschaft wurde uns immer wieder mitgegeben. Für alle, mit denen wir gesprochen haben, müssen diese Verhandlungen jedoch zu einem gerechten Frieden führen. Ein Zustand, bei dem die Ukraine große Teile ihres Landes verliert, wäre kein Friede; der Aggressor hätte am Ende gesiegt. Das darf nicht geschehen.

Und immer wieder wurde uns ans Herz gelegt: Vergesst die Schülerinnen und Schüler nicht, die ihren Unterricht immer wieder in unterirdischen Schutzräumen fortsetzen müssen. Vergesst die Menschen nicht, die in den besetzten Gebieten leben. Vergesst uns alle nicht, habt Anteil an unserem Leid und betet für die Ukraine und ihre Menschen.

Autor: Oliver Schuegraf

Bitte unterstützen Sie unser Partnerzentrum und die Menschen in der Ukraine weiterhin durch Ihre Solidarität und Ihr Gebet. Ihre Hilfe stärkt die Hoffnung sowie das Engagement für Gerechtigkeit und Frieden vor Ort. Da die diakonische Arbeit und der Wiederaufbau weiterhin dringend Unterstützung benötigen, zählt jede Spende. Jeder Euro wird ohne Abzüge direkt an das Nagelkreuzzentrum in Odessa weitergereicht:

  • Empfänger: Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V.
  • IBAN: DE 21 1009 0000 1736 7830 09
  • BIC: BEVODEBB
  • Institut: Berliner Volksbank
  • Verwendungszweck: Ukraine (Für Spendenbescheinigungen bitte Anschrift angeben)

Uhland Spahlinger zur Situation in der Ukraine

Zur Situation in der Ukraine erreichten uns vor wenigen Wochen einige persönliche Zeilen des amtierenden Bischof der Ev.-Luth. Kirche der Ukraine. Angesichts der aktuellen Entwicklungen eine Momentaufnahme, die schon fast wieder überholt ist: Um zu verstehen, warum die Eskalation der politischen Situation in der Ukraine, vor allem in Kiew, so ungewöhnlich ist, muss man zuerst wissen, dass die Menschen im Land gewöhnlich sehr geduldig und abwartend sind: Sie erwarten nicht viel von ihrer Obrigkeit. Zudem ist Ukraine, verallgemeinernd gesagt, im Blick auf die Anbindung an die EU geteilt nach Ost und West. Auslöser der aktuellen Demonstrationen war nach meiner Einschätzung zum einen die Haltung von Präsident Janukovich, der schlussendlich ‚die russische Karte‘ gespielt hat, obwohl er zuvor relativ deutliche andere Signale gesendet hatte. Zum anderen war es der Ausbruch von Gewalt seitens der Sicherheitskräfte gegen friedliche Demonstranten Ende November (“sie schlagen Kinder!”), die gewaltsame Räumung der Barrikaden Mitte Dezember. Zusätzlich angefacht wurden die Proteste durch den brutalen Angriff auf die Journalistin Tetjana Schornowil.
Ich kenne die Stadtgeographie zwischen Chreshatik, Maidan und dem Präsidentenpalast gut; die Berichte, die ich in der elektronischen Ausgabe der englischsprachigen “Kyiv Post”, aber auch etwa in ZEIT online gelesen habe, scheinen mir ein realistisches Bild zu zeichnen: Es ist der wuchtigste und für die Regierung gefährlichste Ausbruch von Protest seit der “orangenen Revolution”.
In einer hierarchisch strukturierten Gesellschaft wie der der Ukraine ist auch ganz klar, dass sich die Proteste auf die Hauptstadt konzentrieren. Die Provinz wird kaum wahrgenommen. Und natürlich ist – das wissen alle – Kiew das alte Symbol für die Macht und den Glanz der Ukraine (Taufe der Kiewer Rus 988), bevor dann die Herrscher gen Norden und Nordosten (Nowgorod und Moskau) abwanderten.
Der englische Botschafter sagte mir einmal sinngemäß über die politische Lage: Wer Kiew hat, hat das Land, wer Kiew verliert, verliert das Land.
Von Odessa aus (hier ist es ganz ruhig) ist schwer zu beurteilen, ob z.B. Regierungskräfte als Provokateure auftreten, um die friedlichen Demonstranten zu diskreditieren. Sicher ist, dass ganz unterschiedliche Menschen mit ganz unterschiedlichen persönlichen oder Gruppenzielen (darunter z.B. auch nationalistische Kräfte – aber das scheint mir eine Minderheit zu sein) an den Demonstrationen beteiligt sind. Die oppositionellen Kräfte schwächen sich gegenseitig dadurch, dass sie nur das ‚Gegen Janukowitsch’ einigt, nicht aber die Formulierung eigener gemeinsamer Ziele. Das Misstrauen der einen gegen die anderen ist groß und die Kunst des politischen Kompromisses als Handlungsgrundlage ist in der Kultur des Landes nicht eingeübt. Unsere evangelisch-lutherische St. Katharinenkirche Kiew liegt in unmittelbarer Nähe zum Präsidentenpalast; Pastor Ralf Haska, der dort Dienst tut, berichtete mir von verstopften Straßen, von schwerbewaffneten Sicherheitskräften und davon, dass es zeitweise unmöglich war, etwa mit dem Auto aus dem Viertel herauszukommen. Die Gemeinde lädt zu Friedensgebeten, zum Verweilen und zum Ausruhen ein; Tee, belegte Brote und Suppe sind bei Minusgraden sowohl bei Demonstranten wie bei Sicherheitskräften willkommen.

5 Jahre in Odessa gehen zu Ende

Pfarrer Uland Spahlinger, bisher Bischof der Ev.-Luth. Kirche Ukraine, wird wie geplant nach 5 Jahren Tätigkeit in Odessa und in der Ukraine das Amt erstmals in die Hände eines Geistlichen übergeben, der im Land geboren und aufgewachsen ist. Spahlinger, der auch Einzelmitglied unserer Gemeinschaft ist, wird zum 1. Mai eine neue Aufgabe als Dekan von Dinkelsbühl beginnen – wir wünschen ihm und seiner Frau Gottes Segen und Kraft für den Neuanfang!

Serge Maschewski wird Nachfolger von Uland Spahlinger

Die Synode der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche in der Ukraine (DELKU) hat am 22. Oktober 2013 Pfarrer Serge Maschewski (37 Jahre) zum neuen Bischof der Kirche gewählt – erstmalig ein Geistlicher, der im Land geboren und aufgewachsen ist.
Die DELKU geht auf die Aussiedler zurück, die von Zarin Katharina II. Mitte des 18. Jahrhunderts ins Land gerufen wurden. In Odessa fand bereits 1801 der erste evangelische Gottesdienst statt, die Gemeinde zählte zeitweise über 10.000 Mitglieder. Heute zählt die DELKU in rund 30 Gemeinden etwas über 3.000 evangelische Christen. Bis zur Einführung ins Amt im Frühjahr 2014 wird der aus Bayern entsendete Pfarrer Uland Spahlinger das Bischofsamt weiter ausüben. Beiden gelten unsere Grüße und Segenswünsche!