Nachrichten der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V..

Geschichte trifft Versöhnung: Regionaltreffen der Nagelkreuzzentren in Neuendettelsau 2025

Altarkreuz aus Stahl erinnert an die Muna in Neuendettelsau. Foto: Tobias Klein

Mitten in Neuendettelsau, einem kleinen fränkischen Ort mit großer kirchlicher Geschichte, trafen sich am 17. Mai 2025 die bayerischen Nagelkreuzzentren zu ihrem Regionaltreffen. Was diesen Tag besonders machte, war die eindrückliche Verbindung von Historie und Gegenwart: Auf dem Gelände, wo im Zweiten Weltkrieg eine Munitionsanstalt Bomben für Luftangriffe – wohl auch auf Coventry – produzierte, versammelten sich heute Christen, um für Frieden und Versöhnung zu arbeiten. Vertreterinnen und Vertreter aus Würzburg, Nürnberg, München, Dachau und Neuendettelsau kamen in der Augustana-Hochschule zusammen und erlebten einen Tag voller Austausch, Gedenken und gemeinsamer Inspiration. Bereits ein herzlicher Empfang am Vormittag stimmte die Teilnehmenden auf den intensiven Tag ein. In einer bewegenden Einleitung führte Dr. Janning Hoenen, Mitgastgeber aus Neuendettelsau, in die Geschichte des Treffensortes ein. Schon hier wurde deutlich, dass Neuendettelsau mehr ist als ein Dorf auf dem Land: Durch das Wirken von Pfarrer Wilhelm Löhe wuchs es im 19. Jahrhundert von einem unscheinbaren Dorf zu einem Zentrum des bayerischen Protestantismus mit globaler Wirkung – Sitz einer Diakonissenanstalt, Ausgangspunkt weltweiter Mission und heute Heimat von gleich zwei Nagelkreuzen. Diese besondere Mischung aus historischer Verantwortung und engagierter Versöhnungsarbeit prägte den ganzen Tag und weckte gespanntes Interesse auf das Programm.

Augustana-Hochschule Neuendettelsau

Nagelkreuz in der Campuskapelle. Foto: Tobias Klein

Den Auftakt bildete ein Besuch der Augustana-Hochschule, der theologischen Hochschule der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Im Konferenzraum der Campushochschule wurden wir von der Hochschulgemeinschaft empfangen. Dr. Hoenen hieß uns offiziell willkommen und spannte in seinem Vortrag den Bogen von der Gründung der Hochschule bis zur jüngsten Vergangenheit. Besonders nachhaltig beeindruckte seine Schilderung, wie tief Neuendettelsau in die Wirren des Zweiten Weltkriegs verstrickt war: Die Augustana steht nämlich auf dem Gelände einer ehemaligen Wehrmacht-Munitionsanstalt, kurz Muna, in der ab 1934 massenhaft Granaten und Bomben hergestellt wurden. Diese Waffen fanden vermutlich – in tragischer Ironie der Geschichte – auch beim Bombenkrieg gegen England Verwendung. Mit der Entmilitarisierung nach 1945 erfuhr das Areal jedoch eine völlige Umwidmung: 1947 beschloss die Landessynode die Gründung der Augustana-Hochschule als unabhängige theologische Lehrstätte in kirchlicher Trägerschaft. In den folgenden Jahren zog die Hochschule nach und nach in die ehemaligen Kasernen und Verwaltungsgebäude der Muna ein. Aus Orten der Zerstörung wurden Orte des Lernens: Wo einst Offiziershäuser und Truppenunterkünfte standen, entstanden Hörsäle, Wohnheime, Mensa und Verwaltung. 1966 wurde eine eigene Kapelle errichtet, deren großes Altarkreuz aus Stahl bewusst an die Vergangenheit des Geländes erinnert.

Beim Rundgang über den parkähnlichen Campus konnten wir diese Geschichte förmlich atmen. Zwischen alten Bunkerwällen und neuen Institutsgebäuden erläuterte uns Dr. Hoenen anschaulich die Funktionen der zentralen Gebäude. Ein Höhepunkt war der Besuch der Campuskapelle – dem spirituellen Herz der Hochschule. Dort steht heute eines der beiden Nagelkreuze von Neuendettelsau. Im Juni 2017 wurde die Augustana-Hochschule offiziell in die internationale Nagelkreuzgemeinschaft aufgenommen; in einem feierlichen Gottesdienst überreichte eine Delegation aus Coventry das Nagelkreuz für die Kapelle. Seither engagiert sich die Hochschule sichtbar für die Versöhnungsarbeit. Studierende und Dozierende gedenken hier jedes Jahr der Zerstörung Coventrys und beteiligen sich regelmäßig am Freitagsgebet für den Frieden.

Diakonissenanstalt Neuendettelsau (Diakoneo)

Nagelkreuz in der Diakonissenanstalt. Foto: Tobias Klein

Nach einem Mittagessen in der Mensa, das reichlich Gelegenheit zum persönlichen Austausch bot, führte unser Weg am frühen Nachmittag vom Campus hinüber zur traditionsreichen Diakonissenanstalt Neuendettelsau – heute bekannt als Diakoneo. Schwester Ruth Gänstaller, eine erfahrene Diakonisse, übernahm herzlich die Führung unserer Gruppe. Schon unterwegs blieb sie mit uns an bedeutungsvollen Stationen stehen: Unweit der Hochschule erinnert ein schlichter Gedenkstein an die Fremd- und Zwangsarbeiter, die in der Muna schuften mussten. Andächtig versammelten wir uns um dieses Mahnmal, während Schwester Ruth von den Schicksalen der Menschen berichtete, die in Neuendettelsau Zwangsarbeit leisten mussten – ein Kapitel, das dem Ort bis heute ins Gewissen schreibt. Wenige Schritte weiter erhob sich das historische Mutterhaus der Diakonissengemeinschaft. Hier, wo seit dem 19. Jahrhundert Diakonissen in Gemeinschaft lebten und wirkten, schauten wir in einen Innenhof voller Geschichte. Neuendettelsau war 1854 durch Pfarrer Wilhelm Löhe zur Keimzelle der bayerischen Diakonie geworden: Löhe gründete damals die erste Diakonissenanstalt in Bayern. Junge Frauen wurden in diesem „Mutterhaus“ zu Krankenschwestern und Fürsorgerinnen ausgebildet, um landauf, landab notleidenden Menschen beizustehen. Aus bescheidenen Anfängen wuchs in den folgenden Jahrzehnten ein umfangreiches Werk der Nächstenliebe. Heute – mehr als 170 Jahre später – zählt Diakoneo mit über 200 Einrichtungen und rund 10.000 Mitarbeitenden zu den größten diakonischen Trägern in Deutschland.

Doch auch die dunkelsten Stunden der deutschen Geschichte sind an Neuendettelsau nicht vorübergegangen – im Gegenteil: Gerade weil die Diakonissenanstalt einst eine der größten Heil- und Pflegeeinrichtungen für Menschen mit Behinderung im ganzen Reich war, hinterließ das NS-Regime hier tiefe Wunden. Schwester Ruth erzählte sichtlich bewegt von den Ereignissen der Jahre 1940/41: Unter dem zynischen Decknamen „Euthanasie“ wurden ab Herbst 1940 über 1.200 hilfsbedürftige Menschen aus Neuendettelsau und seinen Außenstellen in staatliche Heilanstalten deportiert. Von diesen wurden mehr als 800 in Tötungsanstalten wie Hartheim bei Linz ermordet; viele weitere starben unter den grausamen Bedingungen der Anstaltspsychiatrie. Besonders erschütternd ist, dass zu den ersten Opfern alle Bewohner jüdischen Glaubens zählten. Vor unseren Augen stand plötzlich das Bild der grauen Busse, in denen die Ordensschwestern ihre Schutzbefohlenen damals hilflos ziehen lassen mussten.

Erfahrungsaustauch beim Regionaltreffen

Regionaltreffen Bayern in Neuendettelsau. Foto: Tobias Klein

Nach diesem Gang durch die Geschichte empfing uns das Diakoneo-Zentrum mit offenen Armen. Bei Kaffee und hausgebackenem Kuchen kamen wir mit Schwestern, Mitarbeitenden und Gästen ins Gespräch. Hier, im modernen Begegnungsraum des Schwesternhauses, schlug die Stimmung des Tages einen hoffnungsvollen Bogen von der Vergangenheit in die Zukunft. Im Mittelpunkt stand nun die Nagelkreuzgemeinschaft als weltweites Netzwerk des Friedens. In einer angeregten Runde tauschten wir uns über die Erfahrungen unserer jeweiligen Nagelkreuzzentren aus. Gemeinsam schmiedeten wir Pläne für die weitere regionale Zusammenarbeit. So wurde beschlossen, das nächste Regionaltreffen in Nürnberg abzuhalten – ein Beschluss, der allgemein begrüßt wurde. Zugleich wurden Neuigkeiten aus der bayerischen Kirche bekannt: Mit großer Freude hörten wir, dass sogar das Landeskirchenamt in München erwägt, Nagelkreuzzentrum zu werden. Drei Vertreter:innen der Kirchenleitung verfolgten als Gäste unsere Diskussion – ein Zeichen dafür, welche Bedeutung die Versöhnungsarbeit inzwischen auf allen Ebenen gewinnt. In diesem Zusammenhang kam die Sprache auch auf eine mögliche Pilgerreise nach Coventry, der Geburtsstätte des Nagelkreuzes. Die Vorstellung, gemeinsam – Veteranen wie Neuinteressierte – nach Coventry zu reisen, um dort den Geist der Versöhnung unmittelbar zu erleben, begeisterte uns alle.

Als sich der Tag dem Ende zuneigte, versammelten wir uns noch einmal in der Kirche St. Laurentius, um den Abschluss in würdiger Weise zu begehen. St. Laurentius – eine helle, schlichte Kirche mitten im Diakoniegelände – beherbergt das zweite Nagelkreuz von Neuendettelsau. Jeden Freitag um Mittag findet hier ein öffentliches Nagelkreuzgebet statt; die Türen stehen allen offen, die mitbeten oder einfach einen Moment innehalten möchten. An diesem Abend aber erlebten wir eine Nagelkreuz-Andacht, die viele von uns tief bewegte. Besonders beeindruckend war das Versöhnungsgebet in einfacher Sprache, das hier in St. Laurentius üblich ist. Weil in der Gemeinde auch viele Menschen mit Behinderung mitfeiern, wird das berühmte Coventry-Gebet behutsam in klare, leicht verständliche Worte gefasst. So beteten wir gemeinsam – ohne Barrieren in Sprache oder Verständnis – die Bitten um Vergebung: „Dass Menschen andere wegen ihrer Hautfarbe nicht mögen. Vater, vergib.“ und „Dass wir uns nicht genug um Menschen kümmern, die ohne Heimat und auf der Flucht sind. Vater vergib.“ Jeder Satz war zugleich schlicht und kraftvoll.

Schließlich traten wir, erfüllt von den Eindrücken des Tages, die Heimreise an. Neuendettelsau hat uns an diesem Samstag gezeigt, dass es ein „Dorf mit globaler Wirkung“ geblieben ist: Einst Ausgangsort von Mission und Diakonie, dann gezeichnet von den Verirrungen der Geschichte, ist es heute ein lebendiger Doppel-Ort der Versöhnung. Sowohl die Augustana-Hochschule als auch Diakoneo tragen das Nagelkreuz als Symbol und Verpflichtung – in der akademischen Theologie wie im praktischen Dienst am Nächsten. Ihr gemeinsames Engagement strahlt weit über die Region hinaus.

Autor: Nagelkreuzgemeinschaft, mit Beiträgen von Tobias Klein, Judith Einsiedel und Dr. Janning Hoenen

 

Ein Nagel, der hält – Predigt zur Aufnahme der Sankt-Pauls-Gemeinde Frankfurt am Main in die Nagelkreuzgemeinschaft

Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Am 24. Oktober 2025 hat Pfarrerin Andrea Braunberger-Myers in der Alten Nikolaikirche am Römerberg, Frankfurt am Main, im Festgottesdienst zur Übergabe des Nagelkreuzes von Coventry an die Evangelische Sankt-Pauls-Gemeinde gepredigt. Ausgangspunkt der Predigt ist ein einfacher Nagel: ein Gegenstand, der verletzen kann – und der, einmal eingeschlagen, trägt, hält und verbindet. Von dort schlägt die Predigt den Bogen nach Coventry 1940, zur Entstehung des Nagelkreuzes und zur Bitte „Vater, vergib“, bis hin zu Jesaja 55. Sie versteht die Aufnahme in die Nagelkreuzgemeinschaft als öffentlich ausgesprochene Verpflichtung: zur Erinnerung an die Kriege, die von Deutschland ausgingen, zum Eintreten gegen Antisemitismus und Rassismus heute, zur Verteidigung der Menschenwürde und zur Wachhaltung demokratischer Verantwortung – in unmittelbarer Nähe der Paulskirche. Eine Zusammenfassung der Gottesdienste in Frankfurt, Kassel und Stutensee-Weingarten und Hintergründe zur Aufnahme der neuen Nagelkreuzzentren finden Sie [klick-hier] auf unserer Seite. Nachfolgend dokumentieren wir die Predigt.

Dear Canon Kate Massey, dear Richard Parker, our honored guests from Coventry,

liebe Gäste aus der Nagelkreuzgemeinschaft, und alle zusammen: Liebe Gemeinde!

Ich habe Ihnen meine Nägelbox mitgebracht. Normalerweise steht sie im Schrank bei Hammer und Zange und Schraubenzieher. Eine kleine Kiste voller Nägel, alle aus Metall, länger, kürzer, dicker, dünner – je nachdem, was man halt so braucht, um etwas festzunageln. Manche Nägel sind sehr spitz, andere etwas stumpfer. Alle noch unbenutzt, unverbogen und ohne Rost. Wenn ich einen Nagel in der Hand halte, weiß ich: Das ist ein Nagel, weil ein Nagel eben so aussieht – kleiner metallener Kopf, langer Schaft. Aber richtig Sinn macht ein Nagel erst, wenn er benutzt wird, wenn man ihn in die Hand nimmt und mit dem Hammer in die Wand schlägt. Möglichst ohne sich zu verletzten. Denn so ein Hammerschlag auf den Daumen oder Zeigefinger tut höllisch weh. Überhaupt, an so einem unscheinbaren Nagel kann man sich schwer verletzen: Sind Sie schon einmal barfuß in einen Nagel getreten? Oder haben sich einen Nagel versehentlich in die Hand getrieben? Oder Sie haben sich an einem rostigen alten Nagel gerissen und eine Blutvergiftung riskiert? Das sind Verletzungen, mit denen man lange zu tun hat. So ein Nagel kann ein gefährliches Instrument, ja eine Waffe sein.

Ist der Nagel aber erst einmal in die Wand oder die Tür oder ein Brett geschlagen, dann ist er ein unverzichtbarer Bestandteil des Ganzen. Ein Nagel mit Öse befestigt das Bild an der Wand. Ein oder mehrere Nägel halten das Regal oder den Schrank oder das Bett zusammen. Am Nagel in der Werkstatt hängt der Gartenkittel oder die Säge oder der Wasserschlauch. So ein Nagel ist deshalb seit Jahrtausenden ein äußerst nützliches Utensil, das Halt gibt, zusammenhält und für Ordnung sorgt.

14./15. November 1940: Die deutsche Wehrmacht bombardiert das mittelenglische Coventry. Weite Teile der historischen Altstadt fallen den Angriffen zum Opfer. Auch die gotische Kathedrale St. Michael. Unmittelbar nach der Zerstörung von Stadt und Kathedrale setzt das Domkapitel in Coventry auf Versöhnung statt Vergeltung. Das hätte auch anders kommen können: Bis heute rufen leider auch Geistliche aller Religionen zum Krieg auf, um Rache auszuüben und nationale oder religiöse Interessen zu verfolgen.

Anders 1940 an der Kathedrale von Coventry: Aus drei mittelalterlichen Zimmermannsnägeln, die verbrannt im Schutt der zerstörten Ruine gefunden wurden, formte man ein Kreuz – das ursprüngliche Nagelkreuz von Coventry, als Symbol der Hoffnung und des Glaubens in Unheilszeiten. Denn das ist es schon immer gewesen, das Kreuz, Symbol der Hoffnung und des Glaubens! Seit jenem Tag in Jerusalem, als Jesus Christus an einem Kreuz starb und zumindest einer der Evangelisten, Lukas, als letzte Worte Jesu überliefert (Lukas 23,14): „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Und mehr noch, viel mehr: Drei Tage später erstand Jesus von den Toten und gehört seitdem zu den Lebenden. Das sprach sich erst langsam, tastend, zögernd herum, dann immer schneller und kräftiger: Jesus lebt und wir, die wir zu ihm gehören, mit ihm! Das Kreuz wurde das Symbol der Christenheit, weltweit bekannt und erkannt. Wenn tagtäglich Touristen unsere Alte Nikolaikirche durch die offene Tür betreten, erkennen sie mit einem Blick zum Altar, wo sie sind, nämlich in einer christlichen Kirche. Das Kreuz zeigt es ihnen.

Dompropst Howard ließ 1940 die Worte Father, forgive („Vater, vergib“) in die Ruinen des gotischen Chores der Kathedrale einmeißeln. „Vater, vergib“: Diese Worte stellen heute den Kern der Versöhnungslitanei von Coventry dar, auf die sich alle Mitglieder der Nagelkreuzgemeinschaft verpflichtet haben – und wir als Paulsgemeinde ab heute auch. Wir haben das Gebet eben schon gehört und mitgebetet. Es ist zukünftig in der Nagelkreuzecke an der Südwestseite unserer Kirche nachzulesen und gerne mitzubeten.

Jedes Kreuz, auch das Nagelkreuz, orientiert sich am Kreuz Jesu Christi. Der Gedanke der Vergebung und der Versöhnung im Namen Gottes aber stammt aus der hebräischen Bibel und ist viele hundert Jahre älter, nachzulesen etwa im Buch des Propheten Jesaja – Jesaja 55,6-13: „Suchet den Herrn, solange er zu finden ist; ruft ihn an, solange er nahe ist. Der Gottlose lasse von seinem Wege und der Übeltäter von seinen Gedanken und bekehre sich zum Herrn, so wird er sich seiner erbarmen, und zu unserm Gott, denn bei ihm ist viel Vergebung. Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr, sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken. Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt sie wachsen, dass sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen, so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende. Denn ihr sollt in Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden. Berge und Hügel sollen vor euch her frohlocken mit Jauchzen und alle Bäume auf dem Felde in die Hände klatschen. Es sollen Zypressen statt Dornen wachsen und Myrten statt Nesseln. Und dem Herrn soll es zum Ruhm geschehen und zum ewigen Zeichen, das nicht vergehen wird.“ (Lutherübersetzung 2017)

Eine große Friedensvision, die die ganze Welt umfasst – auch die Ukraine, den Sudan und Israel und Palästina und ihre Nachbarländer! Eine Welt, in der die Waffen endgültig schweigen, in der alle genug zum Leben haben, in der die Natur buchstäblich jubelt vor Freude und die Menschen sich vom Wort Gottes ernähren. Genau darum geht es in der Nagelkreuzgemeinschaft, die inzwischen weltweit über 300 Zentren zählt und in dieser Woche in Deutschland um drei weitere Zentren wächst. Und darauf wollen wir uns verpflichten, wenn wir heute als St. Paulsgemeinde in Frankfurt der Nagelkreuzgemeinschaft beitreten: auf ein ehrliches Gedenken in Frankfurt an die Kriege, die Deutschland verursacht und blutig gegen andere geführt hat, auf das Eintreten gegen Antisemitismus und Rassismus heute, auf den mitfühlenden Blick gegenüber leidenden Menschen, auf Standhaftigkeit, wenn Menschenrechte verletzt werden, auf das ständige Erinnern an die schon 1848 in unserer Frankfurter Paulskirche formulierten demokratischen Regeln des Zusammenlebens.

Deshalb: Vater, vergib!

Also nicht um der eigenen Ehre willen, sondern „zum Ruhm und zur Ehre Gottes, und zum ewigen Zeichen, das nicht vergehen wird.“ (Jesaja 55, 13) Das sog. Stuttgarter Schuldbekenntnis, dessen 80. Jahrestag wir am letzten Wochenende begangen haben, war 1945 ein erster und aus heutiger Sicht unzureichender Versuch, das Versagen der Ev. Kirche im Widerstand gegen den Nationalsozialismus zu benennen und zu bekennen. Der erste Kirchenpräsident unserer Ev. Landeskirche in Hessen und Nassau, Martin Niemöller, hat daran mitgewirkt. Er hat auch diese Alte Nikolaikirche nach ihrer Sanierung von Kriegsschäden im Januar 1949 wieder eingeweiht. Im Stuttgarter Schuldbekenntnis heißt es u.a.: „…wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“ Und ja, das alles müssen wir leider bis heute lernen, als Christen und Christinnen in Frankfurt und in Deutschland und in der weiten Welt: genauer hinsehen, Schuld mutiger bekennen, treuer und stetiger beten, fröhlicher glauben, vorbehaltloser lieben.

Deshalb: Vater, vergib!

Das Nagelkreuz von Coventry soll uns hier an diesem Ort ab jetzt stetige Erinnerung und Mahnung, auch Aufforderung dazu sein, für heutige und zukünftige Generationen. Daran machen wir uns fest wie an einem professionell in die Wand geschlagenen Nagel, der Halt gibt und ordnet und zusammenhält. Und Gottes Wort in Jesus Christus, das wir hören und beten und tun, wird nicht leer zu uns zurückkommen. Sondern ihm wird gelingen, wozu Gott es gesandt hat, zu Frieden und Versöhnung.

Deshalb: Vater, vergib!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Autorin: Andrea Braunberger-Myers, Pfarrerin

 

Was Versöhnung bedeutet – zwei Stimmen aus Kassel

Rafael Gleichmann. Foto: Karsten Socher

Zwei Stimmen, zwei Generationen, zwei Blickwinkel: Der eine erzählt aus der Erfahrung des Alltags – von Streit, Missverständnissen und der manchmal schwierigen Suche nach einem neuen Anfang. Die andere spricht mit der Erinnerung an Krieg und Zerstörung und mit der Hoffnung auf eine friedlichere Welt. Bei der Nagelkreuzübergabe in Kassel berichteten Konfirmand Rafael Gleichmann und Kirchenvorstandsmitglied Prof. Ingrid Lübke im Gedenk- und Festgottesdienst, was sie sich unter Versöhnung vorstellen. Gemeinsam zeigen beide Texte, dass Versöhnung weder abstrakt noch fern ist, sondern mitten in unserem Leben geschieht – heute, hier und jetzt. Anschließend sind ihre Texte dokumentiert. Einen Bericht über die Nagelkreuzübergabe finden Sie [klick-hier].

Rafael Gleichmann

Streiten mag ich gar nicht und ich bin auch nicht der Typ dafür. Aber manchmal passiert es einfach. Ein falsches Wort, oder ein blöder Blick – und schon ist schlechte Stimmung. Das ist nicht schön und ich fühle mich auch nicht gut dabei.

Dann möchte man sich wieder vertragen, aber das ist manchmal ganz schön schwierig. Die Sichtweisen und Standpunkte sind dann vielleicht verschieden, man muss aber zueinander finden oder Kompromisse schließen. Dazu muss man miteinander reden. Oder manchmal redet man eine gewisse Zeit nicht miteinander und plötzlich sieht die Welt ganz anders aus. Das Problem ist gar nicht mehr so wichtig und man kann es mit wenigen Sätzen klären.

Versöhnung heißt für mich, den ersten Schritt zu machen – oder wenigstens offen zu sein, wenn der andere ihn macht. Das ist gar nicht so einfach. Ich glaube, Versöhnung bedeutet nicht, dass man alles vergisst oder so tut, als wäre nichts passiert. Es heißt eher, dass man bereit ist zuzuhören, zu verstehen und loszulassen. Und vielleicht lernt man dabei sogar etwas über sich selbst. Zum Beispiel, dass man Fehler zugeben kann. Oder dass man jemanden wirklich gern hat – trotz allem.

Ich finde, die Welt wäre viel besser, wenn mehr Menschen sich versöhnen könnten. So wie Kinder und Jugendliche könnten auch Erwachsene, Religionen und sogar Länder aufeinander zugehen. Man muss nicht beste Freunde werden, aber dem Gegenüber respektvoll zu begegnen, wäre gut für alle Menschen. Es gäbe weniger Krieg und mehr Frieden.

Versöhnung ist kein Zeichen von Schwäche. Im Gegenteil – es zeigt Stärke. Und vielleicht auch ein bisschen Mut.

Ingrid Lübke. Foto: Karsten Socher

Ingrid Lübke

Trotz Zerstörung der Kathedrale und vieler Toter und Verletzter starteten Menschen in Coventry nach dem Zweiten Weltkrieg ein Zeichen der Versöhnung in Zusammenarbeit mit Kirchen, Schulen und Städten in vielen Ländern Europas und weltweit. Soll Versöhnung immer erst nach kriegerischen und gewalttätigen Auseinandersetzungen ein Thema sein? Nein. Ich plädiere für Versöhnung heute und jetzt.

Als mitten im Zweiten Weltkrieg Geborene habe ich konkret erfahren, was Krieg für uns Menschen bedeutet. Diese Erlebnisse ließen mich zur Einsicht kommen, dass Konflikte nicht mit Gewalt, sondern in Diskussionen, Verhandlungen und mit Kompromissen ausgetragen werden können und müssen. In den 1950er Jahren konnte ich als Jugendliche an Projekten der Versöhnung in Frankreich mitwirken. So konnte – leider erst über den Gräbern – die Ideologie überwunden werden, und es entstand eine Basis für ein friedlicheres Europa mit vielen versöhnten Staaten und Kulturen.

Unterschiedliche Positionen von Menschen, Machthabern oder Staaten und Institutionen führen immer wieder zu Konflikten, denen wir uns nicht entziehen dürfen. Als Christin setze ich mich dafür ein, den Konflikten nicht konfliktscheu aus dem Wege zu gehen. Wir sollten jedoch dazu beitragen, sie im Austausch der Meinungen und mit gegenseitigem Respekt für unterschiedliche Positionen und Forderungen, ohne Gewalt, im Sinne der Bergpredigt zu lösen. Es ist oft nicht leicht, dem „Schwarz-Weiß-Denken“ oder der vereinfachenden Zuordnung des Konflikts auf einen Sündenbock zu begegnen. Aber Konflikte mit militärischer Gewalt lösen zu wollen, diese Strategie lehne ich ab, weil sie mit der Tötung unzähliger, oft unschuldiger Menschen verbunden ist und bei der atomaren Bewaffnung zu unvorhersehbaren Zerstörungen auf unserem Planeten führt.

Nicht militärische Aufrüstung, sondern Friedensarbeit zum Erhalt guter Lebensbedingungen für alle Menschen auf unserer in ihrer Existenz bedrohten Erde – das bewegt meinen Glauben, meine Hoffnung und mein Handeln. Im Sinne der Nagelkreuzgemeinschaft gibt es für Versöhnung und Frieden immer wieder neue Anstöße, in Kassel und weltweit.

 

Regionaltreffen West: Ein Tag für Versöhnung und Erinnerung

Schattiger Sitzplatz auf den Spuren der Geschichte. Foto: Sigrun Stahr

Wie bringt man Menschen zusammen, die aus verschiedenen Regionen und konfessionellen Prägungen stammen – und doch dasselbe Ziel teilen? Das Regionaltreffen West am 14. Juni 2025 in Lemgo zeigte, wie das gelingen kann: mit offenen Gesprächen, historischem Bewusstsein und geistlicher Tiefe. Gastgeberin war die evangelische Kirchengemeinde St. Nicolai in Lemgo, selbst seit 1989 Nagelkreuzzentrum. Von Andacht bis Austausch war dieser Tag geprägt von Begegnung – mit Menschen, mit Geschichte und mit dem Geist der Versöhnung.

Eingeladen hatte die evangelische Kirchengemeinde St. Nicolai. In Lemgo begrüßte Sigrun Stahr, Mitglied des Kirchenvorstands von St. Nicolai, die Gäste aus mehreren Nagelkreuzzentren der Region West. Vertreter*innen aus Löhne-Mahnen, Wuppertal-Barmen und Lüdenscheid-Plettenberg waren angereist, um gemeinsam ins Gespräch zu kommen. Bereits bei der ersten Tasse Kaffee entspannten sich lebhafte Gespräche.

Bemerkenswert: An diesem Tisch kamen Christinnen und Christen aus drei verschiedenen evangelischen Landeskirchen zusammen – der rheinischen, der westfälischen und (als Gastgeber) der lippischen Landeskirche. Insbesondere in Lippe spielt die konfessionelle Prägung eine Rolle: Hier gibt es sowohl lutherische als auch reformierte Gemeinden; ein einheitliches „einfach evangelisch“ kennt man dort nicht.

Dennoch wurde schnell deutlich, wie viel die Nagelkreuz-Zentren trotz unterschiedlicher Traditionen verbindet. Alle eint der Einsatz für Frieden und Versöhnung über konfessionelle Grenzen hinweg. So geschieht in Lemgo vieles ökumenisch mit der katholischen Nachbargemeinde – beispielsweise ein Sozialer Mittagstisch für Bedürftige sowie eine gemeinsam von Kirche und Stadt getragene Flüchtlingshilfe. Dieses Miteinander ist Ausdruck gelebter Nächstenliebe und praktischer Versöhnungsarbeit vor Ort.

St. Nikolai in Lemgo. Foto: Sigrun Stahr

Geschichte, Gedenken und Gespräch

Pfarrer i. R. Heinz Wöltjen führte die Gruppe durch die imposante St.-Nicolai-Kirche, deren Mauern auf eine über 800-jährige Geschichte zurückblicken. Die gotische Hallenkirche am Marktplatz, um 1190 gegründet und bis 1375 erweitert, birgt zahlreiche Schätze aus Vergangenheit und Gegenwart. In einer Gebetsecke entdeckten die Gäste ein kostbares Marien-Relief aus dem Jahr 1260. An der Taufanlage sind steinerne Schrifttafeln angebracht, die die Bedeutung der Taufe erläutern und an die Reformationszeit erinnern. Pfarrer Wöltjen spannte den Bogen der Erzählungen von den mittelalterlichen Anfängen der Kirche über die Reformation bis hin zur Nagelkreuz-Gegenwart. Seit 1989 hängt an einer Säule vor der Orgel ein originales Nagelkreuz aus Coventry, das der damalige Pfarrer Helmut Begemann mitgebracht hatte. Darunter ist das Versöhnungsgebet von Coventry abgedruckt.

Zur Mittagsandacht um 12 Uhr kamen zusätzliche Besucher aus der Stadt in die Nicolaikirche. Dank der zentralen Lage unmittelbar neben dem Wochenmarkt werden hier jeden Samstag die Marktkunden durch Glockengeläut und ein Glockenspiel zu einem Moment der Besinnung eingeladen.

Nach einem Mittagsimbiss im Gemeindehaus brach die Gruppe zu einem besonderen Stadtrundgang auf. Superintendent Dr. Andreas Lange, selbst in Lemgo zuhause, ist seit langem der Geschichte der jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger der Stadt während der NS-Zeit auf der Spur. Er nahm die Teilnehmenden mit auf die historischen Spuren der Lemgoer Familie Gumpel, die einst ein großes Wäschegeschäft in Lemgo betrieben hatte. Anhand konkreter Orte schilderte Dr. Lange eindrücklich das Schicksal dieser Familie. Die drei Söhne der Gumpels konnten Lemgo noch rechtzeitig verlassen und entkamen so der Verfolgung durch die Nationalsozialisten.

Mitglieder der Region West. Foto: Andreas Lange

Der Vater der Familie starb wenige Jahre darauf eines natürlichen Todes; Mutter Rosalie Gumpel hingegen wurde deportiert – sie musste 1942 den Transport ins Ghetto Riga antreten und überlebte nicht. Die Gruppe machte Halt an der Stelle, wo einst die Lemgoer Synagoge stand. Das Gotteshaus war in der Pogromnacht im November 1938 in Brand gesteckt und zerstört worden. In der sommerlichen Hitze fanden die Besucher hier auf der niedrigen Außenmauer des Synagogengrundstücks einen schattigen Sitzplatz – ausgerechnet auf den letzten Überresten eines Ortes, der von Hass und Gewalt zeugt.

Austausch über Nagelkreuze und Gebetszeiten

Zurück im Gemeindehaus wurden die Teilnehmenden mit selbstgebackenem Kuchen empfangen – und nutzten die Gelegenheit für lebendigen Austausch. Besonderes Interesse galt den sogenannten „Wander-Nagelkreuzen“: Einige Zentren haben ein Nagelkreuz, das nicht an einem festen Standort steht, sondern auf Reisen geschickt wird. Dieses Wander-Nagelkreuz kann zeitweise zum Beispiel in Schulen, anderen Kirchen oder öffentlichen Einrichtungen aufgestellt werden, um den Versöhnungsgedanken bewusst in die Gesellschaft hineinzutragen. Ein solches Kreuz gibt es u. a. in Würzburg, Lüdenscheid-Plettenberg und Chemnitz.

Ein weiteres Thema war das regelmäßige Friedensgebet der Nagelkreuzgemeinschaft. Traditionell wird die Versöhnungslitanei von Coventry weltweit jeden Freitag um 12 Uhr britischer Zeit gebetet – zeitgleich mit dem Gebet in den Ruinen der alten Kathedrale von Coventry. Doch wie lassen sich möglichst viele Menschen für dieses Friedensritual erreichen? Die Runde diskutierte, ob man an kleineren Orten auch flexibel andere Zeiten wählen könne, um mehr Teilnehmende zu gewinnen. In Lemgo zum Beispiel ist das Gebet

Jüdische Geschichte in Lemgo. Foto: Sigrun Stahr

ein fester Bestandteil der Taizé-Andachten. Andere Nagelkreuzzentren integrieren das Versöhnungsgebet in bestehende Gottesdienstformen oder Andachten, je nach lokalen Gegebenheiten.

„Wir haben keine festen Regeln, nur eine gemeinsame Hoffnung, ein gemeinsames Ziel: die Versöhnung“, brachte Britta Däumer vom Nagelkreuzzentrum Lüdenscheid-Plettenberg und Mitglied des Leitungskreises es auf den Punkt. Jeder Ort geht seinen eigenen Weg – doch alle eint das Ziel: im Geist Jesu Christi an einer versöhnten Welt mitzubauen.

Zum nächsten Regionaltreffen West hat das Nagelkreuzzentrum Lüdenscheid-Plettenberg für 2026 eingeladen. Einzelheiten werden rechtzeitig bekannt gegeben.

Autorinnen: Sigrun Stahl, Nagelkreuzgemeinschaft

 

Pfingsten in Recklinghausen: Eine Hoffnung, die keine Bedingungen stellt

Die <Gastkirche> in Recklinghausen ist ein offener Ort. Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebenswegen kommen hier zusammen: Wohnungslose, Engagierte, Gläubige, Zweifelnde. Wer will, findet hier Gemeinschaft – im Alltag, im Gespräch, im Gottesdienst. Am Samstag vor Pfingsten, dem 7. Juni 2025, wurde die Gastkirche in die Nagelkreuzgemeinschaft aufgenommen.

Kleine Ausstellung und Gesprächsatmospäre in der Gastkirche. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Tagsüber war der kleine, mittelalterliche Kirchenraum geöffnet. Eine Ausstellung informierte über die Geschichte der Nagelkreuzgemeinschaft. Auch örtliche Friedensinitiativen stellten sich vor. Das geplante Friedensfest auf dem Oscar-Romero-Platz fiel zunächst weitgehend dem Regen zum Opfer. Am Abend füllte sich die gegenüberliegende, größere Gymnasialkirche bis auf den letzten Platz. Der Gottesdienst wurde von Pfarrer Ludger Ernsting und dem Gospelchor „Spirit of Joy“ feierlich gestaltet. Alice Farnhill überreichte das Nagelkreuz im Namen der Kathedrale von Coventry. Auch zwei Gäste aus dem niederländischen Breda waren anwesend – die Verbindung war bei der gemeinsamen Pilgrimage nach Coventry entstanden. Im Anschluss wurde das Kreuz in einer kleinen Prozession in die Gastkirche getragen. Später klang der Tag auf dem Oscar-Romero-Platz aus – mit Musik, Essen und Tanz. Menschen aus verschiedenen Zusammenhängen kamen ins Gespräch: Besucherinnen und Besucher der Kirche, Passanten, Gemeindemitglieder, Wohnungslose, Gäste aus der Stadtgesellschaft. Im Folgenden dokumentieren wir das Grußwort des Vorstands der deutschen Nagelkreuzgemeinschaft.

Liebe Recklinghäuserinnen und Recklinghäuser,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Gastkirchen-Gemeinde,

zu einem Friedensfest habt ihr eingeladen. Ein Fest des Friedens. Ich weiß nicht, ob es da im Moment etwas zu feiern gibt.

Ich denke an die Toten – in Gaza, in der Ukraine, im Mittelmeer.
An Trump, Nawrocki, Wilders. An den Brexit.
An Hass und Lügen in den sozialen Medien und in den Parlamenten,
an Hetze und Härte, die Grenzen ziehen –
zwischen Ost und West, arm und reich, deutsch und nicht deutsch, drinnen und draußen.

Ich denke an Kinder, die ausgeliefert waren. An ihre Wunden, die Gerechtigkeit schreien. An bohrende Fragen, die unbeantwortet bleiben.

Ich denke an den Mann, nach dem dieser Platz benannt ist, und die vielen anderen, die ermordet wurden, weil sie Gerechtigkeit und Frieden wollten.

An einen guten Freund. Verloren in Verschwörung und Wut.
An die, die nicht mehr fragen, was wahr ist, sondern nur noch: Was nützt mir das?

An die, die hungern.
An die, die sammeln.

An den Sommer. Und an die brennende Erde.

Ein Friedensfest also?
Doch. Bitte bleiben Sie!

Es gibt ja Kaffee. Und Kuchen. Stärkung.
Nicht nur leiblich: Auch mit Gottes Wort, Musik und Gebet.
Und Ermutigung. Und Hoffnung.

Grußwort von Niels Faßbender im Namen des Vorstands. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Und ein Nagelkreuz.
Ein Kreuz aus Trümmern.
Coventry, 1940. Eine Kathedrale in Flammen. 515 Tote.
Kein Zeichen von Macht.
Kein Denkmal der Sieger.

Ein Kreuz, aufgerichtet gegen den Hass:

„Father, forgive.“
Nicht: ihnen. Uns allen.
Dem, der warf. Und der, die weinte.
Dem, der zerstörte. Und der, die aufräumte.

Weihnachten, die Trümmer der Stadt noch warm von der Vernichtung,
der Probst der zerstörten Kathedrale im Radio:
Wir werden nicht hassen. Wir werden nicht heimzahlen. Wir werden bauen.
An einer Welt, die freundlicher ist. Christusähnlicher.
Weniger stolz. Weniger hart.

Aus dem Wort wurde Tat. Aus Schmerz wurde Sendung.
Menschen aus Coventry nahmen Nägel aus der Asche ihrer Kathedrale.
Banden daraus Kreuze. Brachten sie nach Kiel. Nach Dresden. Nach Münster.
Nicht nur die Nagelkreuze brachten sie. Sie brachten sich selbst.
Nicht um zu strafen, sondern um aufzubauen.
Nicht um zu fragen, wer Schuld hat,
sondern um zu sagen: Wir fangen neu an. Zusammen.

Dann kamen Deutsche nach England.
Nicht mit Entschuldigungen,
aber im Bewusstsein der Schuld.
Auch sie bauten mit. Hörten zu. Blieben.
Es wuchs Vertrauen. Und Freundschaft.

Eine neue Kathedrale entstand.
Und ein weltweites Netz. Ein Netz der Versöhnung.

Heute steht ein Nagelkreuz in über 260 Städten.
Nicht nur für Frieden zwischen England und Deutschland.
Sondern für Versöhnung überall, wo Menschen sich anfeinden, hassen, verletzen, töten.

In New York – zwischen Terror und Trauer.
In Südafrika – zwischen Schwarz und Weiß.
In Polen – zwischen verbrannter Erde und knospendem Mandelzweig.
In Israel und Palästina – zwischen Schwertern und Pflugscharen.
In Belfast – zwischen Schweigen und Sprechen.
In Berlin – zwischen Christen, Juden und Muslimen.

Und heute übergibt die Kathedrale von Coventry ein Nagelkreuz nach Recklinghausen.
An diesem Platz. An Gastkirche und Gasthaus.

Diese Altstadt hat der Krieg verschont. Brüche, Not, Verluste gibt es trotzdem.
Auch hier tragen Menschen Trümmer, Kummer, Schmerz, Verzweiflung, Sehnsucht.

Aber nicht allein.
Hier, in Gastkirche und Gasthaus, geschieht Tag für Tag, wofür das Nagelkreuz von Coventry steht.

Ich denke an die Menschen, die mit leeren Händen kommen – und mit einem warmen Frühstück empfangen werden.
Ich denke an die, die auf der Straße leben – und hier duschen, Wäsche waschen, Briefe empfangen.
Ich denke an die, die einsam sind – und hier Gemeinschaft finden.
An die, die trauern – und hier getröstet werden.

Volle Kirche zur feierlichen Übergabe. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Hier wird kein Evangelium verkündet, das nicht auch getan wird.
Kein Frieden gefeiert, der nicht auch gestiftet wird.

Die Gastkirche macht nicht „für“. Sie macht „mit“.
Mit Amnesty. Mit Pax Christi.
Und mit denen, von denen andere sich abwenden.

Ihr schweigt, wo man sonst schreit.
Gedenkt, wo man lieber vergisst.
Haltet Wache bei den Toten und den Lebenden.

Ihr glaubt: Gott ist für niemanden zu groß.
Gott ist nah.
Im Kleinen. Im Geringen. Im Jetzt.
Ihr glaubt an Gottes Frieden.
Ihr nehmt einander an. In diesem Glauben.
So wie Gott uns angenommen hat.

Wer diesen Ort betritt, spürt: Hier ist es nicht egal.
Nicht egal, was du erlebt hast.
Nicht egal, woran du leidest.
Nicht egal, ob du kommst.
Hier wird der Mensch nicht bemessen. Hier wird er gesehen.

Und das, liebe Freundinnen und Freunde, das ist Versöhnung:
Nicht das vielversprechende Wort. Sondern das kleine Brot.
Nicht die große Lösung. Sondern das geteilte Leben.
Nicht der billige Trost. Sondern die wertschätzende Zuwendung.

Versöhnung ist kein Widerspruch zur Wirklichkeit.
Denn sie entsteht aus Wahrheit.
Versöhnung schweigt nicht zur Schuld. Sie deckt nichts zu.
Versöhnung kennt das Zerbrochene und geht hindurch.
Die Wunde heilt, doch die Narbe bleibt.
In Coventry wuchs eine neue Kathedrale.
Nicht auf den Trümmern,
sondern an ihrer Seite.
Zerstörung und Hoffnung – untrennbar.

Wo ein Nagelkreuz steht,
arbeiten Menschen am Noch-Nicht,
vertrauen auf Gottes Verheißung,
glauben, dass Geschichte sich nicht wiederholen muss.
Dass Vielfalt kein Risiko, sondern ein Geschenk ist.
Dass wir nicht nur kriegstüchtig, sondern auch friedenstüchtig werden können.

Pfarrer Ludger Ernsting (links) und Alice Farnhill (rechts) mit dem Nagelkreuz vor seinem künftigen Standort. Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Versöhnung ist kein Zustand. Sondern bleibt ein Weg.
Ihr seid auf diesem Weg.
Hier ist kein Gedenkort für den Frieden – hier wird Frieden getan. Täglich.
Hier wird sichtbar: Gottes Reich ist keine Illusion.
So wächst Hoffnung. Wächst Versöhnung.

Ich wünsche euch, dass dieses Kreuz
euch tröstet, wenn ihr verzagt. Ihr seid nicht allein.
Dass es euch stärkt, wenn ihr müde seid. Wir beten für euch.
Dass es euch ruft, wenn ihr euch einrichtet. Ihr seid das Licht der Welt!
Und bei den Veränderungen, die auf eure Gemeinschaft zukommen:
Dass es euch Kurs, Kraft und Zuversicht gibt.
Dass es uns immer erinnert: Hass und Gewalt haben nicht das letzte Wort.
Fürchtet euch nicht.

Ihr erhaltet heute ein Nagelkreuz, weil ihr glaubt, lebt und bezeugt,
dass man die Wunden der Geschichte heilen kann.
Dass man mit Verschiedenheit leben und Vielfalt feiern kann.
Dass man eine Kultur der Gerechtigkeit und des Friedens aufbauen kann.

Liebe Gastkirche, liebes Gasthaus,
herzlich willkommen in der Nagelkreuzgemeinschaft.
Im Namen des Vorstands und des Leitungskreises der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V.:
Herzlichen Glückwunsch!

Lasst uns feiern, dass ihr bei uns seid. Lasst uns feiern, dass es euch gibt.
Lasst uns ein Fest des Friedens feiern!

Glück auf!

Autor: Niels Faßbender

 

Stabwechsel in Vorstand und Leitungskreis: Hoenen, Meinhardt und Menzel für Schmelz und Wolkenhauer

V. l. n. r.: Lothar Schmelz, Patrick Meinhardt, Karsten Wolkenhauer, Dr. Janning Hoenen (Zeichnung: OpenAI/ChatGPT)

Im Leitungskreis und im Vorstand der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V. hat es in den letzten Wochen einige personelle Veränderungen gegeben: Unser langjähriger Schatzmeister Lothar Schmelz hat seine Ämter niedergelegt, auch Karsten Wolkenhauer ist aus dem Leitungskreis ausgetreten. Neuer Schatzmeister ist Dr. Henning Menzel. In den Leitungskreis nachgerückt sind Dr. Janning Hoenen und Patrick Meinhardt. Gerne würdigen wir Lothars und Karstens Engagement für unseren Verein und stellen Ihnen „die Neuen“ vor.

Unser herzlicher Dank gilt zunächst unserem langjährigen Vorstandskollegen Lothar Schmelz, der zum 28. Februar 2025 sein Amt niedergelegt hat und aus dem Leitungskreis ausgeschieden ist. Seit 2011 gehörte Lothar dem Leitungskreis an, seit 2015 war er Mitglied des Vorstandes und unser Schatzmeister. Mit großem zeitlichen Engagement und enormer Expertise hat er die Verwaltung unserer Finanzen erheblich professionalisiert. Besonders geschätzt war seine offene und stets ansprechbare Art, mit der er weit über die eigentliche Mitgliederverwaltung hinaus eine persönliche Beziehung zu vielen Mitgliedern und Zentren unserer Gemeinschaft aufgebaut hat. Anerkennende Wort von Vorsitzendem Dr. Oliver Schuegraf: „Im Namen der ganzen Nagelkreuzgemeinschaft danke ich Lothar von ganzem Herzen. Persönlich bin ich dankbar für die intensive und vertrauensvolle Zusammenarbeit der letzten Jahre. Es war immer gut, Lothar an der Seite zu wissen.“ Lothar selbst verabschiedete sich mit herzlichen Worten: „Es waren sehr schöne Jahre, in denen ich viele freundliche und interessante Menschen kennenlernen durfte – diese Zeit möchte ich nicht missen. Allen Mitgliedern wünsche ich weiterhin weise Entscheidungen im Sinne von Frieden und Versöhnung, im Geist von Coventry.“

Auch Karsten Wolkenhauer verlässt den Leitungskreis, nachdem er zum Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Anhalt gewählt wurde. Er gehörte dem Leitungskreis seit mehreren Jahren an und engagierte sich besonders in den Bereichen Versöhnung, Erinnerungskultur und Öffentliche Theologie. Wir danken Karsten für seinen Einsatz und wünschen ihm Gottes Segen für das neue Amt.

Zum neuen Schatzmeister und Vorstandsmitglied wurde vom Leitungskreis Dr. Henning Menzel gewählt. Wir freuen uns sehr auf die Zusammenarbeit mit ihm. Auch ihm wünschen wir für seine verantwortungsvolle Aufgabe gutes Gelingen und Gottes Segen.

Neu in den Leitungskreis nachgerückt sind Dr. Janning Hoenen und Patrick Meinhardt. Janning ist Studierendenpfarrer an der Augustana-Hochschule in Neuendettelsau, der theologischen Hochschule der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Er war zuvor Gemeindepfarrer in Hof/Saale und Fürth sowie Studienleiter am Collegium Oecumenicum München. Internationaler Austausch und die Auseinandersetzung mit Vielfalt prägen sein Engagement, das er besonders jungen Menschen vermittelt. Janning ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder.

Patrick Meinhardt ist Vorsitzender des Gemeindekirchenrates und Lektor der Evangelischen Gemeinde am Gesundbrunnen in Berlin, einer der größten Gemeinden der Stadt. Beruflich war er Bundestagsabgeordneter der FDP und Politikchef eines großen Mittelstandsverbandes. Heute leitet er den Taxi- und Mietwagenverband Deutschland und betreibt eine Politik- und Strategieberatungsagentur. Außerdem engagiert er sich ehrenamtlich in verschiedenen nationalen und internationalen Verbänden. Sein Lebensmotto stammt von Frère Roger aus Taizé: „Liebe und zeige es durch dein Leben!“ Er wird künftig gemeinsam mit Felicitas Weileder Ansprechpartner für die Region Berlin sein.

Auch Janning und Patrick wünsche wir viel Freude, Tatkraft und Gottes Segen für ihr Engagement in unserer Nagelkreuzgemeinschaft.

Autor: Niels Faßbender

Mutig, stark, beherzt: Die Nagelkreuzgemeinschaft auf dem Kirchentag in Hannover

St. Clemens (Foto: Nagelkreuzgemeinschaft)

Wenn tausende Menschen in Hannover zusammenkommen, um unter dem Motto „mutig – stark – beherzt“ ihren Glauben zu leben, Fragen zu stellen und neue Wege zu suchen, ist auch die Nagelkreuzgemeinschaft mit dabei. Wir laden herzlich ein, unsere Arbeit kennenzulernen, mit uns ins Gespräch zu kommen und gemeinsam Zeichen der Versöhnung zu setzen – in einem Gottesdienst, an unserem Stand auf dem Markt der Möglichkeiten und bei einer Friedensaktion für Kinder und Familien.

Gottesdienst „Beten und Feiern unter dem Nagelkreuz

Donnerstag, 1. Mai 2025, 14:00 Uhr, Kirche St. Clemens

Im Mittelpunkt des Kirchentagsgottesdienstes der Nagelkreuzgemeinschaft steht die Geschichte von Josef und seinen Brüdern – eine biblische Erzählung über Schuld, Versöhnung und die befreiende Kraft, nicht im Hass stehenzubleiben. „Stehe ich denn an Gottes statt?“ – fragt Josef, als seine Brüder um Vergebung bitten. Wie können wir diese Frage heute für uns beantworten – „Mutig“ den Herausforderungen der Versöhnung ins Auge sehen, „stark“ sein im Vertrauen auf Gottes Zusage, dass Frieden möglich ist, „beherzt“ eine neue Zukunft wagen? Die Liturgie umfasst Lesung, Predigt, Musik und Stille. Das Glaubensbekenntnis von Seoul und das Versöhnungsgebet von Coventry geben dem Gottesdienst eine internationale Dimension. Anschließend besteht bei Gebäck und Getränken Gelegenheit zum Kennenlernen, Wiedersehen und Gespräch.

Foto: Kirchentag

Stand auf dem Markt der Möglichkeiten

Halle 5, Stand 5-J29 – täglich von 10:30 bis 18:30 Uhr

Die Nagelkreuzgemeinschaft präsentiert sich auf dem Kirchentag mit einem völlig neu gestalteten Stand – doppelt so groß wie in den vergangenen Jahren und offen für vielfältige Formen der Begegnung. Besucherinnen und Besucher erwartet ein Ort der Information, der Inspiration und des Mitmachens. Das Nagelkreuz und das Versöhnungsgebet von Coventry bilden den geistlichen Mittelpunkt. Auf Infotafeln werden die Geschichte und weltweite Wirkung unserer Gemeinschaft anschaulich gemacht. An zwei Touchscreens können Interessierte durch aktuelle Projekte und eine interaktive Landkarte aller Nagelkreuzzentren navigieren. Wer möchte, kann an einer kleinen Station ein eigenes Nagelkreuz basteln oder beim Gebetsquiz sprachliche Vielfalt spielerisch entdecken. Außerdem werden Besucherinnen und Besucher eingeladen, ein kurzes Videostatement zum Thema „Versöhnung ist…“ aufzunehmen – für unseren Social-Media-Kanal, als zeitgemäße Stimme des Friedens mitten im Trubel des Kirchentags. Das Standteam freut sich auf Gespräche, Fragen und neue Impulse – und auf alle, die neugierig sind darauf, was Versöhnung heute bedeuten kann.

Friedensaktion „Kraniche für Hiroshima“

Donnerstag, 1. Mai 2025, 11:00–12:00 Uhr, Zentrum Kinder und Familien, Maschstraße 22–24, EG Raum 2

Grafik: Michaeliskloster Hildesheim

Sadako, ein junges Mädchen aus Hiroshima, glaubte fest daran: Wenn sie 1000 Papierkraniche faltet, kann ihr Wunsch nach Heilung und Frieden in Erfüllung gehen. Ihre Geschichte wurde zu einem weltweiten Symbol – gegen Krieg und Gewalt, für Hoffnung und Versöhnung. Auch in Hannover, der Partnerstadt Hiroshimas, wollen wir ein Zeichen setzen: Gemeinsam mit dem Michaeliskloster Hildesheim, dem CVJM Hannover, dem Amt der EKD und der Nagelkreuzgemeinschaft laden wir Kinder, Familien und alle Interessierten ein, Kraniche zu falten.

11:00 Uhr: Kraniche falten mit Kindern und Erzählen von Sadakos Geschichte.

11:30 Uhr: Gemeinsamer Aufbruch zur Aegidienkirche.

11:45 Uhr: Gedenken an der Hiroshima-Glocke mit einem Nagelkreuzgebet in einfacher Sprache und einem Segen.

Ein niedrigschwelliges, liebevoll gestaltetes Angebot, das Kindern den Gedanken der Versöhnung kreativ und berührend nahebringt.

Haben wir ein Angebot übersehen? Haben Sie Fragen? Dann schreiben Sie uns gerne: redaktion@nagelkreuz.de. Wir freuen uns auf ein Kennenlernen oder ein Wiedersehen in Hannover.

 

Chemnitz 2025: Kulturhauptstadt und neues Nagelkreuzzentrum

Stadtkirche St. Jakobi in Chemnitz (Foto: Stephan Tischendorf)

Am 5. März 2025 wurde der evangelischen Stadtkirche St. Jakobi in Chemnitz das Nagelkreuz von Coventry übergeben. Der Gottesdienst fand am 80. Jahrestag des ersten großen Luftangriffs auf Chemnitz im Zweiten Weltkrieg statt. Die Übergabe des Nagelkreuzes wurde von John Witcombe (Dekan der Kathedrale von Coventry), Dr. Oliver Schuegraf (Vorsitzender der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V.) und Sachsens Landesbischof Tobias Bilz begleitet. Der Gottesdienst war Teil des städtischen Gedenkens, aber auch ein deutliches Signal der Vernetzung: Chemnitz ist nun offiziell Teil der internationalen Nagelkreuzgemeinschaft. Gleichzeitig ist Chemnitz 2025 Chemnitz eine der Europäischen Kulturhauptstädte – die Übergabe des Nagelkreuzes ein Blick zurück, nach vorn und in die Gegenwart. Drei Tage später, am 8. März, jährte sich der zweite Angriff – damals flogen über 700 britische Bomber einen weiteren schweren Angriff auf die Stadt. An diesem Gedenktag versammelten sich Mitglieder der Nagelkreuzgemeinschaft zum Regionaltreffen in Chemnitz.

Die evangelische Stadtkirche St. Jakobi – mitten im Chemnitzer Stadtzentrum wurde bei der Bombardierung von Chemnitz am 5. März 1945 schwer zerstört. Später wiederaufgebaut, ist sie heute ein lebendiger Gedenk- und Versöhnungsort. Jeden Freitag um 12 Uhr versammelt sich dort eine ökumenische Gemeinschaft zum Mittagsgebet und spricht das Versöhnungsgebet der Kathedrale von Coventry, darunter Gemeindeglieder ebenso wie Gäste und Touristen.

Jedes Jahr am 5. März begeht Chemnitz den Friedenstag, an dem an die Opfer der Kriegszerstörung von 1945 erinnert wird. Auch die St. Jakobikirche gestaltet diesen Gedenktag mit: Alljährlich findet an diesem Datum ein Friedensgottesdienst statt, der im Zeichen von Frieden und Versöhnung steht. Häufig wirken Kinder und Jugendliche daran mit – so musizieren etwa Chemnitzer Kindergruppen an diesem Tag in der Kirche und lesen Texte zum Thema Versöhnung und Frieden. Die Kirche öffnet sich der Stadtgesellschaft, um die Botschaft der Versöhnung lebendig zu halten.

Ökumenische Initiativgruppe – Versöhnungsarbeit in Chemnitz

Gedenkkreuz für den 05.03.1945 (Foto: Stephan Tischendorf)

Hinter der Aufnahme von Chemnitz in die Nagelkreuzgemeinschaft steht eine engagierte ökumenische Initiativgruppe. Seit knapp vier Jahren – erste Ansätze gab es sogar schon vor rund einem Jahrzehnt – arbeitet diese Gruppe in Chemnitz auf das Ziel hin, ein Nagelkreuzzentrum zu etablieren. Ihr gehören Christ:innen aus der evangelischen, katholischen und neuapostolischen Kirche an. Geleitet und begleitet wird die Initiative von den Gemeinderpfarrer:innen Dorothee Lücke und Stephan Tischendorf.

Die Chemnitzer Initiativgruppe verankert die Versöhnungsarbeit mitten in der Stadtgesellschaft. In den letzten Jahren organisierte sie zahlreiche Veranstaltungen an wechselnden Orten in Chemnitz. Dazu zählten unter anderem eine Podiumsdiskussion zum Thema „Hass im Internet“, eine Lesung mit einer Aktivistin gegen Prostitution, ein Grillabend, bei dem die Gedanken Desmond Tutus zum „vierfachen Versöhnungsweg“ vorgestellt wurden, sowie ein Erzählabend unter dem Motto „Erzähl mir von Versöhnung“. Auch den Nagelkreuzsonntag gestaltete die Gruppe in den letzten Jahren jeweils in unterschiedlichen Kirchen, um die Versöhnungsidee in verschiedene Stadtteile zu tragen.

Darüber hinaus lud die Initiativgruppe zu Gemeindeabenden ein, um gemeinsam über die einzelnen Bitten des Versöhnungsgebets ins Gespräch zu kommen. Nach einer Pilgerfahrt einer Chemnitzer Delegation nach Coventry im Mai 2024 berichteten die Teilnehmenden in einem Gemeindeabend mit über 40 Gästen aus verschiedenen Gemeinden begeistert von ihren Eindrücken. Auch aktuelle Themen greift die Gruppe auf: So organisierte sie im September 2024 einen Begegnungsabend mit syrischen Geflüchteten in Chemnitz und plante für November 2024 eine Gedenkveranstaltung am früheren Kaßberg-Gefängnis, um die lokale Erinnerungskultur mit der Versöhnungsarbeit zu verknüpfen.

Ein Nagelkreuz auf Wanderschaft: die Stele des Chemnitzer Nagelkreuzes

Das Chemnitzer Nagelkreuz soll künftig als Wanderkreuz immer wieder an anderen Stationen in der Stadt gezeigt werden. In St. Jakobi bleibt es sichtbar, auch wenn es gerade an einem anderen Ort ist: Dafür hat die Initiativgruppe eine Stele entwerfen lassen, die das Nagelkreuz als negatives Abbild zeigt: Zwei aufrechtstehende Holzbalken mit charakteristischen Aussparungen erzeugen den Umriss des Kreuzes als Form, die präsent bleibt, auch wenn das Kreuz selbst unterwegs ist.

Nagelkreuz und Stele in St. Jacobi (Foto: Michael Monzer)

Das Holz für die Stele stammt von einem Dresdner Betrieb, der gefällte Bäume aus der Stadtpflege weiterverarbeitet, statt sie zu verheizen. Aus verschiedenen Hölzern mit bekannter Herkunft entstand so die Stele für das Chemnitzer Wandernagelkreuz. Die beiden senkrechten Balken bestehen aus einem Apfelbaum aus der Region Tübingen, als Aufruf zur Versöhnung zwischen Ost und West. Das Holz ist nur grob bearbeitet, zeigt Stockflecken und bleibt in seiner Unvollkommenheit sichtbar.

Am Fuß der Apfelholz-Balken ist der Schriftzug „FATHER FORGIVE“ eingeschnitzt, von einem Mitglied der Chemnitzer Nagelkreuzinitiative, das ursprünglich aus Bayern stammt. Das Nagelkreuz selbst ruht auf einer kleinen abnehmbaren Konsole innerhalb der Stele. Deren Bodenplatte besteht aus einem weiteren Stück Holz einer Platane aus Dresden-Übigau, die dort gefällt werden musste. Die Holzplatte ist fest mit dem Kreuz verbunden und wird mit ihm zusammen durch Chemnitz „wandern“. Dresden ist einer der Orte, an denen die ersten Nagelkreuze in Deutschland übergeben wurden. Dem Gefühl mancher Chemnitzer, „abgehängter“ Landesteil zu sein, will die Stele bewusst etwas entgegensetzen: Ein „Stück Dresden“ bildet nun das Fundament des Chemnitzer Nagelkreuzes. So symbolisiert das Kreuz auch das Zusammenwachsen innerhalb Sachsens.

Nagelkreuz-Regionaltreffen 2025: Austausch in Chemnitz

Drei Tage nach der Nagelkreuzverleihung traf sich in Chemnitz die Region Mitte. 35 Teilnehmende aus fast allen Zentren sowie einige Einzelmitglieder waren zum Kennenlernen und zum Austausch angereist.

Der Tag begann in St. Jakobi mit einer Andacht von Pfarrer Stephan Tischendorf. Anschließend erläuterte Rico Weiß für die Initiativgruppe die Gestaltung des Nagelkreuzstandorts. Daran schloss Pfarrerin Dorothee Lücke eine kurze Kirchenführung an. Bei strahlendem Sonnenschein folgte eine Stadtführung über den Markt bis zum bekannten „Nischel“, dem großen Karl-Marx-Kopf – dem früheren Namensgeber der Stadt. Von dort ging es weiter zur Gedenkstätte Kaßberg-Gefängnis und schließlich zur Kreuzkirche, dem Tagungsort des Regionaltreffens. Dort warteten zur Mittagszeit anstelle einer Suppe arabische Spezialitäten . Das Team eines lokalen Restaurants war vom Versöhnungsanliegen so angetan, dass es diese Köstlichkeiten als kulinarischen Gruß spendiert hatte.

Regionaltreffen Mitte 2025 in Chemnitz (Foto: Tabea Kormeier)

Ein Höhepunkt des Treffens war der Redebeitrag von Landesbischöfin i.R. Ilse Junkermann, Vorsitzender von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste. In ihrem Vortrag „80 Jahre Friedensarbeit – Erfahrungen und Herausforderungen in der heutigen Zeit“ ließ sie die Geschichte der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V. Revue passieren und teilte ihre reichen Erfahrungen aus acht Jahrzehnten Versöhnungsarbeit. (Den Vortrag könnnen Sie demnächst auf www.nagelkreuz.de nachlesen.) In der anschließenden Diskussion wurden die Anregungen noch vertieft.

Am Nachmittag berichteten die Teilnehmenden bei Kaffee und Kuchen aus ihren Heimatorten. So ging es etwa um Initiativen, die den Gedanken der Versöhnung an Schulen in Plauen tragen, oder um Projekte in der Diakonissenanstalt Dresden, die Mitarbeitende für Friedensthemen sensibilisieren. Zur Sprache kamen auch Begegnungen mit Besuchergruppen – beispielsweise aus Wuppertal-Barmen, aus Irland und aus Edinburgh – sowie besondere Auszeichnungen: So wurde etwa das Augustinerkloster Erfurt als „Ort der Demokratie“ gewürdigt. Ebenso diskutierten die Teilnehmenden den Umgang mit der eigenen Geschichte, etwa die Auseinandersetzung mit Martin Luthers Antisemitismus im Kontext der KZ-Gedenkstätte Buchenwald bei Erfurt. Zudem dankte die Regionalversammlung dem kürzlich aus dem Vorstand und Leitungskreis ausgeschiedenen Lothar Schmelz herzlich für sein langjähriges Engagement.

Autor: Niels Faßbender mit Beiträgen von Rico Weiß, Stefan Tischendorf und Tabea Kormeier.

Regionaltreffen Südwest: Pilgerwege und Gemeinschaft in Saarbrücken

Die Teilnehmenden des Regionaltreffen Südwest am Nagelkreuz der Ludwigskirche mit kriegsbeschädigter Apostelfigur Jakobus d. Ä. (Foto: Matthias Engesser)

Eine historische Kirche, ein besonderer Anlass und viele inspirierende Begegnungen – das Regionaltreffen Südwest der Nagelkreuzgemeinschaft führte die Teilnehmer 2025 nach ->Saarbrücken, den westlichsten Punkt der Region. Pfarrer Thomas Bergholz hatte zum 250. Jubiläum der Ludwigskirche eingeladen, und zwölf Mitglieder unserer Gemeinschaft trafen sich am 22. März zu Austausch und Pilgerwanderung. Hier ihr spannender Bericht.

Um zehn Uhr begann der Tag im Café Catherine, das sich in der ehemaligen Fürstengruft der Kirche befindet. Dort gab uns Pfarrer Bergholz einen kurzen Einblick in die Geschichte der Kirche und in die Versöhnungsarbeit der Gemeinde. Diese liegt besonders im interkonfessionellen und zunehmend auch im interreligiösen Dialog. Danach machten wir uns gemeinsam mit zwei Gästen aus Saarbrücken auf den Pilger-Weg durch Alt-Saarbrücken. Die Idee zu diesem Weg war ursprünglich für eine „Nacht der Kirchen“ entstanden.

Austausch im Café Catherine in der Krypta der Ludwigskirche (Foto: Christian Roß)

Unser Weg führte über den Ludwigsplatz, auf dem an diesem Samstag der große Wochenmarkt stattfand. Mit einem großen ökumenischen Osterfeuer beginnt auf diesem Platz traditionell die Osternacht. Nach dem gemeinsamen Beginn ziehen von dort alle Konfessionen zur Osternachtfeier in Prozessionen in ihre Kirchen. Auf der anderen Seite des Platzes steht die Friedenskirche. Sie wurde, genau wie die Ludwigskirche, im Barockstil erbaut. Thomas Bergholz erzählte uns von ihrer bewegten Geschichte. Anfangs war sie eine reformierte Kirche. Später wurde das Gebäude als Schulhaus genutzt. Seit 1890 dient es der Alt-Katholischen Gemeinde als Kirche und Versammlungsraum. Ausgehend von Johannes 14,27: „Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht“ endete der Besuch des Alt-katholischen Gotteshauses mit einer Meditation über Frieden und die Gesichter des Friedens.

Unser Weg führte vorbei am Denkmal für Organspenderinnen und Organspender. Dort hielten wir mit Johannes 15,13 inne: „Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lasse für seine Freunde.“ In Saarbrücken hat dieser Vers eine durchaus belastete Vergangenheit. Zwischen 1918 und 1945 war er als Inschrift am Altar der Ludwigskirche angebracht und diente einem fragwürdigen „Heldengedenken“. Auch die nächste Station gab uns Anlass, über den Umgang mit der Vergangenheit zu diskutieren: Die Aufschrift auf dem Denkmal für die Opfer des Ersten Weltkriegs lässt eher an ein Kriegerdenkmal denken. Uns wurde deutlich, wie schwierig es ist, ein angemessenes Gedenken zu gestalten, und wie herausfordernd der Umgang mit historischen Gedenkorten ist, die Fragen aufwerfen und heutiger Gedenkkultur eher fremd sind.

Direkt gegenüber, auf der anderen Straßenseite, stießen wir auf die katholische Pfarrkirche St. Jakob. Bereits ihr Name weist auf ihre besondere Bedeutung für Pilger hin. Direkt am Jakobsweg gelegen, ist sie „Pilgerkirche am Weg“. Dies wird auch durch die Jakobsmuschel sichtbar, die in der Fassade eingelassen ist. Trotz dieser Funktion – in Saarbrücken scheint manches anders zu sein als andernorts – ist die Kirche meist geschlossen, während die evangelische Ludwigskirche täglich lange geöffnet ist. Ein Zutritt zur Kirche blieb unserer Pilgergruppe daher verwehrt.

Stuckdetail in der Mitte der Ludwigskirche, zugleich Mitte der ehemaligen Barockstadt ( Foto: Christian Roß)

Extra für uns geöffnet wurde hingegen die Immanuel-Kirche der Selbständig Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK), nur wenige hundert Meter entfernt. Dort begrüßte uns Pfarrer Johannes Achenbach gemeinsam mit einigen Konfirmanden. Die kleine Kirche entstand 1902 im neuromanischen Stil. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie stark beschädigt, danach in ihrer heutigen Form wiederaufgebaut. Besonders beeindruckten uns die beiden Fenster des Künstlers György Lehoczky aus den Jahren 1953/54. Sie schmücken die Chorapsis und zeigen Mose bei der Übergabe der Gebotstafeln und Jesus bei der Bergpredigt. Pfarrer Achenbach gab uns außerdem Einblicke in die Struktur und Arbeit der SELK.

Nächste Station war das ehemalige Gemeindehaus der Ludwigskirche, vor deren Eingang ein Teil einer der im Krieg beschädigten großen Figuren vom Dach der Ludwigskirche steht. Eine dieser Figuren ist wieder in die Ludwigskirche gebracht worden, wo sie in einer Nische mit dem Nagelkreuz symbolisch für die Zerstörung der Kirche steht. Letzte Station war der alte lutherische Friedhof, der bereits seit 200 Jahren aufgelassen ist und heute als Parkplatz dient. Direkt an einem aufsteigenden Felsen gelegen, findet sich als Erinnerung nur noch eine Plakette, die auch an die letzte Ruhestätte des Architekten der Ludwigskirche erinnert.

Anschließend nahm unsere Gruppe am ökumenischen Mittagsgebet teil. Diese Andacht findet jeden Samstag um 12 Uhr in der Ludwigskirche statt. Gestaltet wird sie von wechselnden Personen. Ein fester Bestandteil ist dabei stets das Versöhnungsgebet von Coventry. Nach dem Gebet folgt wöchentlich eine etwa 15-minütige „Musik zur Marktzeit“. Diese spielte an diesem Samstag der deutsch-dänische Organist Tobias Naumann aus Brönderslev (Dänemark). Im Anschluss daran führte Pfarrer Thomas Bergholz durch die frisch renovierte und eindrucksvoll rekonstruierte Ludwigskirche. Unsere Gruppe nahm gern an dieser kurzen öffentlichen Führung teil.

Altar, Kanzel und Orgel in der frisch sanierten Ludwigskirche (Foto: Christian Roß)

Nach einem gemeinsamen Mittagessen begann der Austausch mit einer kurzen Vorstellungsrunde. Vertreten waren etablierte Zentren wie Pforzheim-Huchenfeld, Stadtkirche Pforzheim, Stadtkirche Darmstadt, der Kirchenkreis Esslingen sowie das gastgebende Zentrum Saarbrücken. Außerdem nahmen neue und interessierte Zentren teil. Pfarrer Jörg Seiter ist bereits Einzelmitglied der Gemeinschaft. Er leitet den Kooperationsraum Blankenloch-Stutensee-Weingarten, der am 26.10. das Nagelkreuz erhalten wird. Alexander Classen vertrat den Kirchenvorstand der Frankfurter Paulsgemeinde. Diese Gemeinde wird am 24.10. offiziell in die Nagelkreuzgemeinschaft aufgenommen. Ihr Nagelkreuz erhält seinen Platz in der Alten Nikolaikirche am Römer. Pfarrer Tim van de Griend, ebenfalls langjähriges Einzelmitglied, stellte seine Gemeinde vor. Er möchte die Evangelisch-Reformierte Französische Gemeinde Frankfurt in die Nagelkreuzgemeinschaft führen. Er berichtete von ihrer spannenden Geschichte sowie der aktuellen diakonischen und international verbindenden Arbeit. Zum Schluss berichtete Christian Roß über die Arbeit in Leitungskreis und Vorstand.

Gegen 17 Uhr endete das inspirierende und gelungene Regionaltreffen. Einige Teilnehmer:innen blieben noch etwas in Saarbrücken und nutzten die Gelegenheit, die Stadt näher zu erkunden. Das nächste Regionaltreffen Südwest soll 2026 in Darmstadt stattfinden. Dann feiert die Stadtkirche ihr 50-jähriges Nagelkreuzjubiläum und lädt aus diesem besonderen Anlass herzlich ein.

Autor: Christian Roß

Versöhnung braucht Erinnerung: Regionaltreffen Nord in Demmin

Garten der Erinnerung in Demmin (Foto: Robert Fingerloos)

Am 22. März 2025 traf sich die Region Nord in Demmin. Eingeladen hatte die Evangelische Kirchengemeinde. Im Mittelpunkt der Begegnung stand das Thema „Frieden und Versöhnung“ – in einer Stadt, die selbst auf erschütternde Weise mit den Folgen von Krieg und Gewalt verbunden ist. Gemeinsam mit Gästen aus den Nagelkreuzzentren der Insel Hiddensee, Rostock, Stralsund, Kiel und Hamburg wurde an Demmins schwierige Geschichte erinnert – und über aktuelle Versöhnungsarbeit gesprochen.

Zum Auftakt wurde im Sexagon des Elsa-Brändström-Hauses der Film „Eine Stadt bricht ihr Schweigen“ (1995) der Fernsehjournalistin Ingelis Gnutzmann gezeigt. Der Film dokumentiert die langjährige Sprachlosigkeit in Demmin über die Geschehnisse der letzten Kriegstage und lässt erstmals Zeitzeugen zu Wort kommen, die über den Massensuizid von mehreren Hundert Menschen im Mai 1945 berichten. Auslöser waren damals unter anderem die Angst vor Racheakten der heranrückenden sowjetischen Truppen sowie das verbreitete Gefühl von Ausweglosigkeit nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes.

Regionaltreffen in Demmin (Foto: Robert Fingerloos)

Im anschließenden Gespräch tauschten die Teilnehmer ihre Eindrücke zum Film und ihre Gedanken zu den Ereignissen im April und Mai 1945 aus. In dieser Zeit kam es in Demmin zum größten Massensuizid in der Endphase des Zweiten Weltkriegs. Vor dem Einmarsch der Roten Armee zerstörten deutsche Truppen die Brücken über die Peene. In der Folge brach Panik unter der Zivilbevölkerung aus, die von Gerüchten und Erinnerungen an frühere Gräueltaten geprägt war. Hunderte Menschen – darunter ganze Familien – nahmen sich das Leben, meist durch Ertrinken oder Gift.

Stadtführung mit Kathrin Werner (Foto: Robert Fingerloos)

Nach einer gemeinsamen Mahlzeit mit selbstgekochten Suppen führte Frau Dr. Kathrin Werner, Historikerin und Geschichtslehrerin am Gymnasium in Demmin, die Gäste sowie interessierte Demminer:innen durch die Stadt. Auch hier stand die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Kriegsendes im Mittelpunkt. Eine Station war der „Garten der Erinnerung“ nahe des Hanseviertels. Die schlichte Gedenkstätte wurde auf Initiative von Bürgerinnen und Bürgern geschaffen und erinnert an die Toten vom Frühjahr 1945. Sie ist ein Ort des stillen Gedenkens und der Mahnung.

Beim anschließenden Kaffeetrinken im Gemeindehaus berichtete Arne Bölt aus Rostock, Ansprechpartner der Region Nord, über aktuelle Versöhnungsprojekte. Er wird am 6. Mai im Rahmen der Veranstaltungsreihe *Demmin ist mehr* erneut in Demmin zu Gast sein. Den Abschluss des Tages bildete ein Friedensgebet, das von Pastorin Frau Voll in der Taufkapelle der St. Bartholomaeikirche geleitet wurde.

Autor: Robert Fingerloos