Nachrichten aus dem Nagelkreuz-Zentrum Hanau.

In der Geografie des Schmerzes: Hanau und die Grammatik der Versöhnung

Wenn Trümmer der Vergangenheit auf die Wunden der Gegenwart treffen, entsteht ein Raum, der weit über die Grenzen einer hessischen Stadtkirchengemeinde hinausreicht. Am vergangenen Sonntag (22. März 2026) wurde der Evangelischen Stadtkirchengemeinde Hanau das Nagelkreuz von Coventry übergeben – ein Akt, der nicht nur die historische Zerstörung von 1945 reflektiert, sondern sich mutig den rassistischen Erschütterungen der jüngsten Zeit stellt. Lesen Sie hier, wie ein samoanisches Ritual, die Musik aus fünf Jahrhunderten und ein Gebet für die bedrohte Welt Hanau zu einem neuen Zentrum der internationalen Nagelkreuzgemeinschaft machten.

Dorf A, Dorf B und die „Finemat“: Eine Liturgie der Demut
Es ist ein archaisches Bild, das die Konfirmand:innen der Gemeinde im Festgottesdienst am 22. März 2026 in den Raum stellten: Wenn auf Samoa ein Konflikt zwischen Gemeinschaften schwelt, kniet der Chief des schuldigen Dorfes vor dem anderen nieder, verborgen unter einer schweren, oft mit roten Federn verzierten Grasmatte – der „Finemat“. In der unerbittlichen tropischen Hitze harrt er aus, ein Bild der totalen Prekarität und Demut, bis er ins Dorf gerufen wird. Dieser Ifoga-Ritus markiert den Nullpunkt, an dem Vergebung möglich wird und ein gemeinsames Mahl die Versöhnung besiegelt.

Dass dieses Ritual aus Anlass der Nagelkreuzübergabe in Hanau nachempfunden wurde, war kein bloßes exotisches Ornament. Es war charakteristisch für eine Feier, die an Internationalität und musikalischer Dichte kaum zu übertreffen war. Während das Ensemble „Hortus Hibernus“ mit einer nuancierten A-cappella-Kultur den Bogen von deutscher zu englischer Polyphonie spannte, wurde spürbar, dass Versöhnung hier nicht als wohlfeile Floskel, sondern als mühsame, klangvolle Arbeit verstanden wird.

Die Übergabe: Ein Prisma für das kirchliche Handeln
Canon Kate Massey aus Coventry überreichte das Nagelkreuz als sichtbares Zeichen der Zugehörigkeit zur weltweiten Gemeinschaft. In ihrer Predigt zeichnete sie das Bild der Versöhnung als ein „theologisches Prisma“, durch das alles kirchliche Handeln betrachtet, orientiert und evaluiert werden müsse. Für Hanau bedeutet dies eine feste Verankerung in einer Geschichte, die – wie die von Coventry – am 19. März 1945 in Schutt und Asche versank. Doch das Gedächtnis der Marienkirche, die kurz vor ihrer feierlichen Wiedereröffnung als „Marienkirche 2.0“ steht, reicht tiefer in die Gegenwart hinein.

Ein Moment der Verdichtung: Die bedrohte Welt in Hanau
Der vielleicht eindrücklichste Moment an diesem Sonntag war die Gestaltung der Fürbitten. Vor dem Hintergrund der Hanauer Geschichte – der weit zurückliegenden Zerstörung im Krieg ebenso wie der immer noch präsenten Wunden – weiteten sich die Gebete ins Globale. Es wurde für die Opfer von Krieg, Hass, Gewalt und Unterdrückung gebetet: in Israel und Gaza, im Iran, in Russland und der Ukraine, im Südsudan und schließlich mitten in Deutschland, in Hanau.

Plötzlich war die gesamte bedrohte Welt in der Stadtkirche präsent. In diesem Augenblick schien sich die Geografie des Leids an einem Ort zu verdichten. Das gemeinsame Singen von „Herr, gib uns deinen Frieden“ war hier kein rituelles Anhängsel, sondern ein existenzieller Aufschrei.

„Say their names“: Von Elisabeth Schmitz bis heute
Die Aufnahme in die Nagelkreuzgemeinschaft ist für Hanau die Konsequenz einer langjährigen Profilbildung. Das Erbe der Hanauerin Elisabeth Schmitz, die als mutige Stimme der Bekennenden Kirche bereits 1935 gegen die Judenverfolgung protestierte, bildet das ethische Fundament der Gemeinde.

Dieses Fundament wurde am 19. Februar 2020 erneut auf die Probe gestellt, als ein rassistisches Attentat die Stadt erschütterte. In Anlehnung an die Aktion „Say their names“ wurden im Gottesdienst die Namen der Opfer laut ausgesprochen: Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili Viorel Pӑun, Fatih Saraçoǧlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov.

In einer Geste radikaler christlicher Versöhnungsarbeit wurde auch Gabriele Rathjen gedacht. Als Mutter des Attentäters, die ebenfalls von ihrem Sohn erschossen wurde, steht ihre Nennung für die schmerzhafte Erkenntnis, dass Gewalt Kreise zieht, die auch die engsten Bindungen vernichten. Ihre Aufnahme in das Gedenken ist ein Zeugnis für den Anspruch der Gemeinde, keine Ausgrenzung zu reproduzieren, sondern die „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“ zu suchen, wie sie schon in der Hanauer Union von 1818 angelegt war.

Ausblick: Ein lebendiges Zentrum der Vielfalt
Die Stadtkirchengemeinde Hanau bringt eine reiche Praxis in die Nagelkreuzgemeinschaft ein: Vom interreligiösen Dialog zwischen Juden, Christen und Muslimen bis hin zu den internationalen „Gospel Services“, die gemeinsam mit afrikanischen Migrationsgemeinden gefeiert werden. Mit der Gründung eines eigenen Versöhnungsausschusses im Kirchenrat verstetigt die Gemeinde diesen Weg.

Wir heißen die Stadtkirchengemeinde Hanau herzlich in der unserer Gemeinschaft willkommen. Wir freuen uns darauf, wenn das neue Zentrum seine Arbeit auf der Mitgliederversammlung 2027 vorstellen wird. Hanau hat gezeigt: Versöhnung ist kein Zustand, sondern ein Prozess der ständigen Verdichtung von Geschichte, Gegenwart und Hoffnung.

Autor:innen: Antje Biller, Niels Faßbender

„Der Terror ist vor der eigenen Haustür angekommen.“

Kerzen in Dachau für den Schmerz in Hanau – Gesten der Anteilnahme Foto: Björn Mensing
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Die deutsche Nagelkreuzgemeinschaft betet für den Schmerz nach den Schüssen von Hanau

Die deutsche Nagelkreuzgemeinschaft nimmt aus tiefsten Herzen Anteil an dem, was Deutschland gegenwärtig aufwühlt. Wir gedenken der aus rassistischen Motiven Ermordeten und sind in Gedanken und im Gebet bei allen, die einen geliebten Menschen verloren haben oder bei den Angriffen traumatisiert wurden.

Die Wallonisch-Niederländische Kirche Hanau, eines unserer deutschen Nagelkreuzzentren, ist nur wenige Straßenzüge von einem der beiden Attentatsorte entfernt. Die Kirchengemeinde wurde in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts von reformierten Glaubensflüchtlingen aus den „Spanischen Niederlanden“ gegründet, die schließlich in Hanau eine neue Heimat fanden.

Die Wege von Torben Telder, Leitender Pfarrer der Wallonisch-Niederländischen Kirche, führen oft an dem Attentatsort vorbei: „Auf einmal ist es ein Ort des Schreckens. Nun ist also der ‚Terror‘, den ich bisher nur aus dem Fernsehen kannte, vor der eigenen Haustür angekommen. Als Flüchtlingskirche wissen wir um die Schwierigkeiten von Ankommen, Anpassen und Wahrung der eigenen Identität. Unsere Geschichte lehrt uns, dass es in Hanau erfolgreich möglich war. Diese Erfahrung wollen wir in die Stadtgesellschaft auch weiterhin einbringen.“

Für Pfarrer Telder ist dabei das Nagelkreuz ein hilfreiches Symbol. Im Rahmen von Gedenkveranstaltungen ist das Hanauer Nagelkreuz gerade „on Tour“, um bei verschiedenen Anlässen um Versöhnung zu werben. Auch das Versöhnungsgebet von Coventry mit seinem „Vater vergib“ ist für Telder eine gute Brücke in diesen Tagen. Es verweise nicht auf einzelne, sondern auf uns alle. So seien unsere Gedanken nicht nur bei den Opfern, sondern auch bei der Familie des Mörders. Am morgigen Sonntag wird in der Wallonisch-Niederländischen Kirche ein Gedenk- und Bittgottesdienst für den Frieden stattfinden, in dem Pfarrer Telder auf die Bedeutung des „Vater vergib“ eingehen wird.

Auch viele andere Nagelkreuzzentren sind immer wieder im Gedanken und mit Gebeten in Hanau. In Andachten und Gottesdiensten bieten sie den Menschen Raum, ihr Mitgefühl und ihre Solidarität mit den Einwohnern von Hanau, aber auch ihr Entsetzen und ihre Sprachlosigkeit vor Gott zu bringen. So gedenkt z. B. die Nagelkreuzkapelle in Potsdam heute in ihrem Samstagabendgottesdienst der Opfer von Hanau und will ein Zeichen gegen Rassismus, Hass, Hetze und terroristische Gewalt setzen. Vertreter der evangelischen Versöhnungskirche und der katholischen Seelsorge auf dem Gelände des KZ-Gedenkstätte entzündeten bereits am Donnerstag während einer Gedenk- und Demonstrationsveranstaltung in der Dachauer Innenstadt Kerzen für die zehn in Hanau ermordeten Menschen.

In dem Jahr, in dem sich der 80. Jahrestag des Bombenangriffes auf Coventry jähren wird, ist der Auftrag der Nagelkreuzgemeinschaft leider aktueller denn je. Das Versöhnungsgebet von Coventry verweist uns an all jene, denen ein Platz und eine Heimat in unserer Gesellschaft verwehrt wird. Wir sind aufgerufen, uns für sie einzusetzen. Wir bitten um Vergebung, wo wir selbst mangelnde Teilnahme an der Not der Gefangenen, Heimatlosen und Flüchtlinge zeigen. Wir widersprechen jenen, die Rassismus predigen und gegen unsere Mitmenschen hetzen. Wir tun dies nicht im Geist des Hasses oder der Rache, sondern aus einer großen Sehnsucht heraus nach Frieden und Versöhnung. Aus der Geschichte heraus haben wir die Verpflichtung der Verzweiflung Hoffnung entgegen zu setzen und dem Hass mit Feindesliebe zu begegnen.

22.2.2020,
OKR Dr. Oliver Schuegraf, Vorsitzender der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland

Pfarrerin z.A. Anja Berezynski in Hanau

In der Wallonisch-Niederländischen Gemeindearbeit in Hanau ist an die Seite von Pfarrer W. Torben Telder nun Pfarrerin z.A. Anja Berezynski getreten – wir wünschen ihr für die kommende Arbeit in der Kathinka-Platzhoff-Stiftung in Hanau Gottes guten Segen.