28.570 Euro für Odessa: Ein starkes Signal für Gerechtigkeit, Frieden und Versöhnung

Als der Aufruf nach unserer letzten Mitgliederversammlung im November 2025 in Münster formuliert wurde, hofften wir auf ein starkes Signal – doch dieses Ergebnis hat all unsere Erwartungen weit übertroffen! Was für ein überwältigendes Zeichen der Solidarität: Die unglaubliche Hilfsbereitschaft innerhalb unserer Nagelkreuzgemeinschaft hat eine beeindruckende Summe von insgesamt 28.570 Euro für die sozialdiakonische Arbeit unserer Partnergemeinde im kriegsgeschüttelten Odessa hervorgebracht. Dieser Liebesdienst, der Ende Mai 2026 von unserem Vorsitzenden Oliver Schuegraf vor Ort übergeben wurde, wird zu einem lebendigen Zeugnis unseres ersten Leitsatzes: „Die Wunden der Geschichte heilen“. Die Spenden fließen zu 100 Prozent in die tägliche Überlebenshilfe und den visionären Wiederaufbau der „Kirche der Hoffnung“ in Nowohradkiwka. Voller Dankbarkeit teilen wir mit Euch diese Hoffnungsbotschaft und den bewegenden Dank aus der Ukraine.

„Healing the wounds of history“ – Ein Auftrag, der lebendig wird

Es ist eine Nachricht, die uns mit tiefer Dankbarkeit und Zuversicht erfüllt: Dank der großartigen Unterstützung unserer Mitglieder und Freund:innen und einer Welle der Hilfsbereitschaft konnten wir die fantastische Spendensumme von 28.570 Euro an unsere Partner in der Ukraine weitergeben. Jedes Mal, wenn wir den ersten Leitsatz unserer Gemeinschaft – „Die Wunden der Geschichte heilen“ – aussprechen, suchen wir nach Wegen, ihn in der Gegenwart mit Leben zu füllen. Angesichts dieses Ergebnisses dürfen wir erleben, wie aus Worten heilende Taten werden.

Als der Aufruf im November 2025 verfasst wurde, erhofften wir ein Zeichen der Verbundenheit – doch diese Resonanz übertrifft all unsere Erwartungen. Das Engagement beweist, dass das Nagelkreuz für uns ein täglicher, aktiver Auftrag ist, inmitten von Zerstörung Räume der Versöhnung und der Hoffnung zu schaffen. Der Vorstand und der Leitungskreis der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V. danken allen Geberinnen und Gebern von ganzem Herzen.

Der Ursprung: Ein bewegender Nachmittag

Diese enorme Spendenbereitschaft hat ihre Wurzeln im thematischen Schwerpunkt unserer Mitgliederversammlung in Münster. Die Berichte aus der Ukraine brachten uns den Krieg ganz nah – nicht als abstrakte Nachricht, sondern im Schicksal konkreter Menschen.

Pastor Aleksander Gross aus Odessa erzählte uns eindringlich von Bombennächten, der bitteren Armut der Seniorinnen und Senioren, der Not der Kinder und dem Leben in ständiger Angst. In den Momenten des Schweigens, die diesen Berichten folgten, wurde spürbar, dass Worte allein nicht ausreichen. Es war dieser gemeinsame Moment des tiefen Mitgefühls, der uns als Gemeinschaft bewegt hat, nicht wegzusehen, sondern aktiv zu werden. Alle Spenderinnen und Spender haben dazu beigetragen, diese Absicht in eine überwältigende Tat umzusetzen, die nun dabei hilft, die tiefen Wunden vor Ort ein Stück weit zu lindern.

Brücken der Hoffnung: Die Übergabe in Odessa und das Wunder von Nowohradkiwka

Ende Mai 2026 war es so weit: Unser Vorsitzender Oliver Schuegraf und Kate Massey (Dean für Kunst und Versöhnung an der Kathedrale von Coventry) reisten mit Arne Bölt und Ben Wagner nach Odessa, um die Spende im Namen von uns allen persönlich zu übergeben.

Diese Reise, flankiert von weiteren Solidaritätszeichen wie dem Besuch von Ralf Steinke im April, war ein unschätzbar wichtiges Zeichen. Zu diesen Reisen von Oliver und Ralf werden auf unserer Homepage und im Freundesbrief jeweils noch eigene, ausführliche Berichte erscheinen. Neben der finanziellen Hilfe ist es gerade dieses persönliche Band, das den Geschwistern in der Ukraine zeigt: Ihr seid in Eurem schweren Alltag nicht allein; wir teilen Euren Weg der Hoffnung.

„An einer Kultur der Gerechtigkeit und des Friedens bauen“ – Ein neues Zentrum entsteht

Oliver Schuegraf, Aleksandr Gross und Arne Bölt vor Ruine in Nowohradkiwka. Foto: Ben Wagner

Die gesammelten 28.570 Euro fließen zu 100 Prozent vor Ort in zwei lebenswichtige Säulen der kirchlichen Arbeit, die das Leben der Menschen in Odessa und den umliegenden Dörfern Petrodolynske und Nowohradkiwka grundlegend verändern. Besonders beim zentralen Bauprojekt wird der dritte Leitsatz unserer weltweiten Gemeinschaft im Kern sichtbar: „An einer Kultur der Gerechtigkeit und des Friedens bauen“.

Wo Krieg und soziale Not die Schwächsten an den Rand drängen, schafft die Gemeinde einen verlässlichen Raum für Gerechtigkeit, Fürsorge und Frieden:

Direkte, mobile Sozialfürsorge: Rund 1.260 Menschen – Alte, Kranke, Geflohene und Familien – werden regelmäßig mit Lebensmitteln und überlebenswichtigen Medikamenten versorgt. Die Helfer gehen direkt in die Häuser, um die Würde der Betroffenen zu wahren, die sich in ihrer Armut oft keine Medizin mehr leisten können.

Der Wiederaufbau der „Kirche der Hoffnung“ in Nowohradkiwka: Dieses geschichtsträchtige Kirchengebäude von 1904, in der Sowjetzeit 1933 enteignet und später dem Verfall preisgegeben, wird nun zu einem modernen diakonischen Zentrum aufgebaut. Hier wird eine Kultur der Gerechtigkeit ganz praktisch aus Stein und Tatkraft geformt: Auf drei Etagen entstehen eine Suppenküche (die derzeit noch beengt im Pfarrhaus kochen muss), das Bethanien-Kinderzentrum für die Nachmittagsbetreuung sowie eine lebensrettende Winterunterkunft für alleinstehende Rentnerinnen und Rentner, um sie vor der lebensbedrohlichen Kälte zu schützen.

Beeindruckendes Gottvertrauen inmitten von Trümmern

Die Pläne für die “Kirche der Hoffnung” nehmen Gestalt an. Foto: Ben Wagner

Der Gesamteffekt des Projekts ist ein echtes Hoffnungszeichen: Der Synodalausschuss hat den Kostenvoranschlag von 800.000 Euro genehmigt, und im Spätsommer sollen die Arbeiten am Fundament und Rohbau beginnen. Pastor Gross sammelt weltweit und auch innerhalb der eigenen Landeskirche (DELKU) jeden Cent für dieses Zentrum, das auch Jahre nach einem potenziellen Kriegsende dringend benötigt wird, um den Menschen dauerhaft Gerechtigkeit, Schutz und Frieden zu sichern.

Unser Vorsitzender Oliver Schuegraf teilt einen zutiefst bewegenden Eindruck von der Übergabe vor Ort mit uns:

„Ich war absolut beeindruckt, mit welcher Tatkraft und welchem Gottvertrauen ein solch großes Projekt mitten in Kriegszeiten von so einer kleinen Gemeinde angegangen wird. Es war ein schöner und sonniger Tag, eine liebliche Sommerlandschaft um uns herum, als wir vor der Kirche standen und uns Aleksander vor der Kirchenruine die Pläne erklärte. Dann plötzlich ein Fliegeralarm, der an den Krieg erinnerte. Krieg und Zerstörung gehören zum Alltag. Und dennoch oder gerade deshalb ist die Gemeinde so stark diakonisch unterwegs und will es noch mehr sein.“

Ein bewegter Dank aus der Ukraine

Canon Kate Massey im Austausch mit Gemeindegliedern in Odessa. Foto: Ben Wagner

Wie viel Eure Hilfe bewirkt und welche tief empfundene Hoffnung sie auslöst, bringt Pastor Aleksander Gross in seinem Dankesbrief an unsere deutsche Gemeinschaft auf den Punkt:

„Liebe Brüder und Schwestern der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland!

Es ist schwer in Worte zu fassen, wie dankbar ich persönlich und unsere gesamte Kirche Euch für Eure Unterstützung sind. Der Betrag hat all unsere Erwartungen übertroffen! Ich weiß, dass Ihr alle sehr hart dafür gearbeitet habt. Mit großem Respekt danke ich Euch allen von Herzen! Der Herr segne Sie reichlich!

Im vergangenen November hatte ich die Freude, Euch in Münster zu treffen. Es waren Tage der Erholung und Kraftschöpfung für mich. Ich bin Euch allen sehr dankbar für diese Zeit, für Euer aufrichtiges Interesse an unserem Leben, Eure Anteilnahme und Eure Gebete. Danke für Eure positive Einstellung und Euren Respekt. Wir leben weiter und tun unser Bestes. Gott gibt uns jeden Tag Kraft und sendet uns Menschen, die uns unterstützen.“

Gemeinsam weiter Hoffnung schenken

Liebe Mitglieder, liebe Freundinnen und Freunde: Dieser Dank von Pastor Gross gilt Euch allen. Lasst uns weiterhin fest an der Seite unserer Partnergemeinde stehen und die Menschen in der Ukraine in unseren Herzen und Gebeten tragen. Eure Großzügigkeit hat geholfen, ein stabiles Fundament für die Hoffnung und für eine Kultur der Gerechtigkeit und des Friedens zu gießen.

Da die Arbeit vor Ort und der Wiederaufbau der Kirche noch viel Unterstützung brauchen werden, ist eine Spende auch weiterhin über unsere Kontoverbindung möglich. Jede Gabe – ob groß oder klein – kommt direkt an und setzt den Weg des gemeinsamen Heilens fort:

Empfänger:  Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V.
IBAN: DE 21 1009 0000 1736 7830 09
BIC: BEVODEBB
Institut: Berliner Volksbank
Verwendungszweck: Ukraine

Falls eine Spendenbescheinigung gewünscht wird, bitte zusätzlich die Anschrift im Verwendungszweck angeben.

Autor: Niels Faßbender

 

Predigt von Canon Mary Gregory zur Nagelkreuzübergabe an vier Hamburger Hauptkirchen

„Weggefährten der Versöhnung“

In einem feierlichen Festgottestdienst am 10. November 2024 haben die Hamburger Hauptkirchen St.Jacobi, St. Michaelis, St. Nikolai und St. Petri ein Nagelkreuz erhalten. Hier können Sie die Predigt von Mary Gregory, Kanonikerin für Kunst und Versöhnung an der Kathedrale von Coventry, nachlesen. Predigttest ist Micha 4, Vers 1-5.

Foto: Nagelkreuzgemseinschaft, Canon Mary Gregory

Vor kurzem suchte ich Rat für ein wichtiges Ereignis, auf das ich mich vorbereitete. Ich war mir nicht sicher, wie ich vorgehen sollte, wie ich mich präsentieren sollte, was ich sagen sollte. Meine Gesprächspartnerin – eine weise Frau – riet mir, von dem Ergebnis auszugehen, das ich mir erhoffte, und dann von dort aus weiterzuarbeiten; die Schritte zu planen, die mich zu diesem gewünschten Ziel führen würden. Das war ein wirklich guter Rat!

Ich möchte vorschlagen, dass wir mit der heutigen Bibellesung aus Micha etwas Ähnliches tun: Dass wir am Ende der Lesung beginnen, mit der bewegenden Beschreibung des Lebens nach der gewaltsamen Auseinandersetzung, und uns dann rückwärts durch die Lesung arbeiten, um zu planen, wie wir dorthin gelangen können.

Michas Beschreibung des Friedens mag uns sehr vertraut sein. Deshalb ist sie nicht weniger bewegend. Hört mir noch einmal zu. Uns wird die Umwandlung von Massenvernichtungswaffen in Werkzeuge zur Massenproduktion versprochen (Vers 3), damit alle satt werden. Es wird uns gesagt, dass der Kampf aus dem Lehrplan gestrichen wird, weil diese Fähigkeiten überflüssig sind – „und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen“ (Vers 4). Es wird uns versichert, dass jeder Mensch einen Platz haben wird, der ihm gehört – einen Feigenbaum oder einen Weinstock, unter dem er sitzen kann – und dass er sich nicht fürchten muss, wenn er dort sitzt (Vers 4).

Ich weiß nicht, wie ihr diese Beschreibung des Lebens nach den Feindseligkeiten charakterisieren würdet. Für mich ist sie nicht arrogant oder gierig, sondern fasst einfach die Grundlagen zusammen, die Menschen brauchen, um gut zu leben, um zu gedeihen: Nahrung, Heimat, Sicherheit. Diese Einfachheit hat etwas Wunderschönes an sich. Sie führt uns zu dem zurück, was wirklich wichtig ist: Nahrung, Heimat, Sicherheit.

Diese Dinge mögen grundlegend sein, aber wie vielen Menschen auf der Welt fehlt es daran! Wie viele Menschen hungern, haben kein Dach über dem Kopf, sind weit weg von zu Hause und werden von der lähmenden Angst wachgehalten, wie sie ihre Kinder in Sicherheit bringen sollen. Wie kommen wir um dieser Menschen und ihrer Kinder willen, um unserer eigenen Kinder willen, zu Michas Vision, zu der Zukunft, die Gott verheißt? Arbeiten wir uns rückwärts durch unsere Lesung.

Zunächst müssen wir verstehen, dass dies das Werk Gottes ist. Gott „wird richten”, sagt Micha, „Gott wird schlichten“, „Gott wird sprechen“, und diese universelle Versöhnung wird sich ereignen (Verse 3 bis 4).

Dass die Versöhnung in erster Linie Gottes Werk ist, soll uns ermutigen und trösten und ein Gegenmittel gegen die Überwältigung sein, die wir empfinden, wenn wir die Verwundbarkeit der Welt betrachten. Die britisch-somalische Dichterin Warsin Shire drückt diese Überwältigung kraftvoll aus. Sie schreibt:

later that night

I held an atlas in my lap

ran my fingers over the whole world

and whispered

where does it hurt?

It answered

everywhere

everywhere

everywhere.

später in dieser Nacht

hielt ich einen Atlas in meinem Schoß

ließ meine Finger über die ganze Welt gleiten

und flüsterte

wo tut es weh?

Er antwortete

überall

überall

überall.

Wir sehen die Nachrichten, scrollen auf unseren Handys und spüren das „Überall“, das uns in Untätigkeit erstarren lässt. Wie können wir auf das „Überall“ reagieren? Es ist zu viel für uns.

Es ist zu viel für uns, aber nicht zu viel für Gott. Das „Überall“ ist Gottes Territorium. Gott ist derjenige, der „zwischen vielen mächtigen Völkern“ (Vers 3) für Ausgleich sorgen wird. Wir müssen unseren Glauben an das Versöhnungswerk Gottes wiedergewinnen – davon sprechen, darauf hinweisen, denn die Menschen haben die Hoffnung verloren. Selbst den Gläubigen fällt es schwer, angesichts von so viel Schmerz und Verzweiflung davon zu sprechen. Wir müssen wieder sicher und selbstbewusst mit der Hoffnung umgehen können, den Menschen sagen, dass Gott der große Versöhner ist, dass Gott dies tun wird.

Aber damit sind wir noch nicht aus dem Schneider. Wir dürfen nicht passiv oder gleichgültig gegenüber den Verwerfungen sein, die uns trennen. Nein, in unserer Lesung aus Micha gehen wir noch einmal zurück: Wir sollen Gott erlauben, „uns seine Wege zu lehren“, wir sollen „in seinen Pfaden wandeln” (Vers 2). Dieses Werk der Versöhnung ist Gottes Werk und es ist auch das unsere. Hört: Die Gründungsschrift der Kathedrale von Coventry sagt: „Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber“ – uns – „und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung“ (2. Korinther 5, Vers 18).

Wir sollen offen dafür sein, dass Gott uns seine Wege der Versöhnung lehrt, und dann sollen wir ihnen folgen, nicht für das „Überall“, das Gott gehört, sondern für das „an meinem Ort“, das uns gehört. In einem Gedicht, das eine Antwort auf die Qualen des „Überall“ von Warsin Shire gibt, schreibt Gideon Heugh dies:

Do not be afraid—

to complete the repair of the world

is not why you were made.

You were created to play

only your part;

whatever is within your hands;

whatever is the now of your heart.

Habt keine Angst –

die Reparatur der Welt zu vollenden

ist nicht der Grund, warum du geschaffen wurdest.

Du wurdest erschaffen, nur

um deine Rolle zu spielen;

was immer in deinen Händen liegt;

was immer das Jetzt Deines Herzens ist.

Wenn wir uns um die Versöhnung vor Ort kümmern, um das, was in unseren Händen liegt, um das „Jetzt“ unseres Herzens, was sollen wir dann von Gott lernen? Was kennzeichnet Gottes Versöhnungswerk – und was soll also unser eigenes prägen? Ich möchte behaupten, dass Gottes Versöhnungswerk beharrlich, zärtlich und kreativ ist.

Vermutlich habt ihr noch nicht viel Zeit damit verbracht, die Genealogie am Anfang des Matthäus-Evangeliums zu lesen. Die lange Liste der Namen von Jesu Vorfahren ist vielleicht nicht sehr fesselnd. Man kann die Genealogie aber auch als Aufzeichnung von Gottes beharrlichem Bemühen um Versöhnung mit der Menschheit lesen, denn sie listet Patriarchen, Könige und Propheten auf, durch die Gott versucht hat, uns zu sich zu ziehen. Durch viele Generationen hindurch, durch Hungersnöte, Exodus, Besiedlung, Exil und Rückkehr, sind hier Gottes beharrliche Versuche zu sehen, wieder mit uns eins zu werden.

Gott ist beharrlich in der Versöhnung. Gott wird nicht aufgeben. Und Gott ist zärtlich in der Versöhnung. Durch den Propheten Hosea vergleicht Gott sich selbst mit einer Mutter, die Israel pflegt, ihm das Laufen beibringt, es sanft hochhebt, um es auf die Wange zu küssen (Hosea 11, Vers 1 bis 4). Durch Rebellion und Ablehnung hindurch bleibt diese Zärtlichkeit bestehen. Gott kann von dieser Zärtlichkeit nicht ablassen.

Gottes versöhnende Wege, denen wir folgen sollen, sind beharrlich, zärtlich und kreativ. Wie das? Schaut euch einfach die Menschen an, die Gott benutzt, die Strategien, die Gott einsetzt. In der Genealogie des Matthäus sehen wir, dass Gott in Rahab, Rut und Batseba durch eine Prostituierte, eine Ausländerin und eine Ehebrecherin auf Versöhnung hinarbeitet, und in uns selbst sehen wir, wie Gott durch gutherzige, aber zutiefst fehlerhafte Menschen auf Versöhnung hinarbeitet. Und dann sehen wir in der Menschwerdung Jesu Christi die Vorstellungskraft, die Risikobereitschaft Gottes, der das Unendliche endlich macht, um uns irgendwie zu Gott nach Hause zu bringen.

Wenn Gott uns Gottes Wege zur Versöhnung lehrt, lernen wir, dass wir beharrlich, zärtlich und kreativ sein müssen, damit wir irgendwie Gemeinsamkeiten entdecken und aus Feindschaft Freundschaft schmieden können.

Wir müssen in unserer Lesung aus Micha ein letztes Mal einen Schritt zurückgehen, um herauszufinden, was für uns heute besonders wichtig ist, wenn sich die Hamburger Hauptkirchen dem Versöhnungsnetzwerk der Kathedrale von Coventry, der Gemeinschaft des Nagelkreuzes, anschließen. „Kommt, lasst uns gehen”, sagt eine Stimme in unserer Lesung (Micha 4, Vers 2) und erinnert uns so an die Bedeutung von Gemeinschaft in diesem Werk der Versöhnung. Wir brauchen Menschen, die uns bei unserer Arbeit anspornen und aufmuntern.

Heute schließt ihr euch einer Gemeinschaft von mehr als 260 Partner:innen weltweit an, die für euch beten werden und ihre Geschichten mit euch teilen werden; die euch sagen werden: „Der Berg der Versöhnung ist steil, aber klettert weiter“. Die auch auf euch schauen werden, um sich ermutigen zu lassen, die sich darauf verlassen, dass ihr für sie beten werdet und sagen werdet: „Kommt, lasst uns gehen…“

Indem ihr heute diese Nagelkreuze empfangt, verpflichtet ihr euch erneut zum Werk der Versöhnung. Dabei denkt daran: Das „Überall“ der Versöhnung gehört Gott. Ihr seid aufgerufen, von Gott zu lernen, wie ihr beharrlich, zärtlich und kreativ in der Versöhnung sein könnt, zu der ihr aufgerufen seid – hier bei euch –, was auch immer in euren Händen liegt, was auch immer das „Jetzt“ eurer Herzen ist. Und denkt daran: Ihr seid jetzt Teil einer Gemeinschaft. Erlaubt dieser Gemeinschaft, euch zu ermutigen. Betet auch für eure neuen Schwestern und Brüder, dass ihr, die ihr jetzt zu dieser Gemeinschaft gehört, Hoffnung und neues Leben für sie seid.

Amen.

Autorin: Canon Mary Gregory, Übersetzung: Niels Faßbender

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