Einer, der Menschen zusammenbrachte – zum Tod von Lothar Schmelz

Die Nagelkreuzgemeinschaft trauert um Lothar Schmelz. Am 18. Oktober 2026 ist unser langjähriger Schatzmeister und Vorstandskollege im Alter von 76 Jahren gestorben. Noch im vergangenen Jahr hatten wir ihn nach vierzehn Jahren aus dem Leitungskreis verabschiedet. Nun müssen wir endgültig Abschied nehmen von einem Menschen, der unsere Gemeinschaft mit großem Engagement, viel Herzblut und einer gehörigen Portion Humor geprägt hat. Viele von uns verlieren mit ihm einen geschätzten Weggefährten, manche auch einen persönlichen Freund.

Vierzehn Jahre lang gehörte Lothar dem Leitungskreis unserer Gemeinschaft an. Von 2015 bis 2025 war er Mitglied des Vorstandes und Schatzmeister. Er brachte in diese Aufgabe nicht nur seine große kaufmännische Erfahrung ein, sondern auch viel Zeit, Energie und einen ausgeprägten Sinn für das Machbare. Mit Sachkenntnis und Beharrlichkeit professionalisierte er die Finanzverwaltung unseres Vereins und sorgte dafür, dass wir uns auf solide Grundlagen verlassen konnten. In einer Gemeinschaft, in der mitunter leidenschaftlich über theologische und friedensethische Grundsatzfragen diskutiert wird, war sein nüchterner kaufmännischer Blick ein wohltuendes Gegengewicht. Lothar erinnerte uns daran, dass gute Ideen nicht nur Überzeugungskraft brauchen, sondern gelegentlich auch einen belastbaren Haushaltsplan.

Doch wer Lothar auf seine Tätigkeit als Schatzmeister reduzieren wollte, hätte ihn gründlich missverstanden. Oliver Schuegraf, Vorsitzender der deutschen Nagelkreuzgemeinschaft, erinnert sich: „Er hatte ein Herz für die Menschen. Er kannte viele unserer Mitglieder und die Menschen in den Nagelkreuzzentren persönlich, hielt Kontakt, fragte nach und hörte zu. Mit unermüdlichem Engagement kümmerte er sich um die Organisation unserer Mitgliederversammlungen. Dabei ging es ihm um weit mehr als um einen reibungslosen Ablauf. Ihm war wichtig, dass Menschen einander begegneten, miteinander ins Gespräch kamen und Beziehungen wachsen konnten. Lothar hat viel dazu beigetragen, dass unsere Nagelkreuzgemeinschaft nicht nur ein Dachverband von Einrichtungen ist, sondern ein lebendiges Netzwerk von Menschen, die sich kennen, einander vertrauen und gemeinsam für Versöhnung eintreten.“

Dabei war er auch ein Brückenbauer zwischen Ost und West. In Hessen geboren und beruflich lange im Westen zu Hause, fand er nach der Wiedervereinigung in Erfurt eine neue Heimat. Er kannte unterschiedliche Lebenswelten und wusste, dass Begegnung und Verständigung nicht von selbst gelingen. Mit seiner offenen Art, seiner Neugier auf andere Menschen und seinem Sinn für Humor konnte er Verbindungen schaffen, wo Unterschiede zunächst im Vordergrund standen. Er war ein Grenzgänger im besten Sinne des Wortes.

Wer mit Lothar zusammenarbeitete, lernte auch seine Beharrlichkeit kennen. Wenn ihm etwas wichtig war, blieb er dran. Er konnte nachfragen, nachhaken und, wenn es sein musste, auch einmal unbequem werden. Doch bei allem Ernst, mit dem er seine Aufgaben wahrnahm, verlor er seinen Humor nicht. Gerade diese Mischung aus Verbindlichkeit, Bodenständigkeit und Herzlichkeit machte ihn zu einem besonderen Kollegen und Weggefährten. Mit Lothar konnte man diskutieren, manchmal auch streiten – und anschließend wieder gemeinsam lachen.

Seine Verbindung zur Nagelkreuzgemeinschaft hatte ihren Ausgangspunkt im Evangelischen Augustinerkloster in Erfurt, dessen Kurator er von 2002 bis 2013 war. Nach vielen Jahren als Hoteldirektor hatte er dort die Leitung der traditionsreichen Tagungs- und Begegnungsstätte übernommen. Mit großem Einsatz begleitete er den Wiederaufbau und die Sanierung der historischen Klosteranlage. Besonders am Herzen lag ihm, das Augustinerkloster als Ort des Friedens und der Versöhnung zu stärken. Auf seine Initiative hin wurde es 2008 in die internationale Nagelkreuzgemeinschaft aufgenommen. Seither gehört das Versöhnungsgebet von Coventry fest zum Leben des Klosters. Auch nach seinem beruflichen Ruhestand blieb Lothar dem Augustinerkloster und seinen Menschen eng verbunden.

Leitungskreissitzung Hofgeismar 2022 mit Lothar Schmelz (rechts). Foto: Nagelkreuzgemeinschaft

Als Lothar im Februar 2025 seine Ämter in Vorstand und Leitungskreis niederlegte, dankten wir ihm für seinen außergewöhnlichen Einsatz. Er selbst blickte mit großer Wärme auf die gemeinsame Zeit zurück: „Es waren sehr schöne Jahre, in denen ich viele freundliche und interessante Menschen kennenlernen durfte – diese Zeit möchte ich nicht missen.“ Seinen Abschiedsgruß verband er mit dem Wunsch, unsere Gemeinschaft möge auch weiterhin weise Entscheidungen für Frieden und Versöhnung treffen, im Geist von Coventry.

Lieber Lothar, wir hätten gerne noch manche Mitgliederversammlung mit Dir erlebt, manches Gespräch geführt, mit Dir diskutiert und gelacht. Nun bleiben uns die Erinnerungen an die gemeinsame Zeit und die Dankbarkeit für alles, was Du in unserer Gemeinschaft bewegt hast. Vor allem aber werden wir Dich vermissen – als Menschen, der mit Überzeugung und Herzlichkeit für das eingetreten ist, woran wir glauben.

Wir lassen Dich gehen im Vertrauen auf Gottes Verheißung und in jener Hoffnung auf Frieden und Versöhnung, die uns schon zu Deinen Lebzeiten verbunden hat – und die über den Tod hinausreicht.

Unsere Gedanken sind bei Deiner Frau, Deinem Sohn und allen, die Dir nahestanden. Wir teilen ihre Trauer und wünschen ihnen Trost, Kraft und Menschen, die ihnen in diesen schweren Tagen zur Seite stehen.

Mach’s gut, lieber Lothar. Und danke für alles!

Vorstand und Leitungskreis der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V.

Ein Dienst im Zeichen der Versöhnung: Dean John Witcombe tritt in den Ruhestand

Nach fast 13 Jahren wird The Very Reverend John Witcombe am 17. Mai 2026 zum letzten Mal den Gottesdienst in der Kathedrale von Coventry leiten und Ende des Monats in den Ruhestand treten. Für die Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V. ist dies ein Moment des Innehaltens, um auf ein außergewöhnliches Wirken zurückzublicken und von Herzen Danke zu sagen. John Witcombe hat unsere weltweite Gemeinschaft in dieser Zeit maßgeblich geprägt – nicht als ferner Repräsentant, sondern als ein zugewandter Spiritus rector, der die Versöhnungsarbeit mit Leidenschaft und Verstand vorangetrieben hat.

Oliver Schuegraf, Vorsitzender der deutschen Nagelkreuzgemeinschaft, würdigt die Arbeit von John Witcombe im Namen des Vorstandes: „John hat ein großes Herz und ein tiefes Verständnis für die weltweite Dimension der Nagelkreuzgemeinschaft. Es ist ihm auf beeindruckende Weise gelungen, in den unterschiedlichsten geographischen und kulturellen Kontexten ein Botschafter für die Versöhnung im Geiste Coventry zu sein. Er ist ein treuer und immer anregender Begleiter der deutschen Nagelkreuzgemeinschaft gewesen und uns durch viele Besuche freundschaftlich verbunden.“

Der Weg von John Witcombe nach Coventry war geprägt von Vielseitigkeit und einer tiefen theologischen Reflexion, die immer auch die gesellschaftliche Realität im Blick behielt. Nach seinem Jurastudium in Cambridge und einem Auslandsjahr in Manhattan führte ihn sein Weg zur Theologie. Seit seiner Priesterweihe im Jahr 1985 diente er an verschiedenen Stationen der Church of England – von der Gemeindearbeit in ehemaligen Bergbauregionen bis hin zur Ausbildung künftiger Geistlicher als Dekan des St. John’s College in Nottingham.

Im Januar 2013 trat er sein Amt als Dean of Coventry an. In einer Stadt, die für die Zerstörung des Krieges, aber eben auch für die Kraft der Vergebung steht, fand er seine Berufung darin, die Botschaft von Versöhnung und Frieden in die heutige Zeit zu übersetzen.

Struktur und Gemeinschaft

Unter der Leitung von Dean John ist das weltweite Netzwerk der Nagelkreuzgemeinschaft auf fast 300 Partner angewachsen. Er verknüpfte dabei die historische Bedeutung des Nagelkreuzes konsequent mit den aktuellen Herausforderungen unserer Gesellschaft. Sein Verständnis von einer offenen Kirche zeigte sich in sehr praktischen Entscheidungen: Er schaffte die Eintrittsgebühren für die Kathedrale ab, um diesen Ort der Stille und Versöhnung für alle Menschen zugänglich zu machen.

Während des Jahres als Kulturhauptstadt Großbritanniens (2021) positionierte er die Kathedrale als lebendigen Ort der Künste, der Menschen unterschiedlichster Hintergründe zusammenführte. Zudem rief er das „Investors in Hope“-Programm ins Leben, um die Zukunft der Kathedrale und ihrer Versöhnungsarbeit finanziell abzusichern. Doch sein eigentliches Erbe sind die Beziehungen, die er geknüpft hat. Mit seinem Humor, seiner Nahbarkeit und seiner Überzeugung, dass Versöhnung kein statisches Ziel, sondern ein fortwährender Prozess ist, hat er die deutsch-britische Freundschaft innerhalb unseres Netzwerks nachhaltig gestärkt.

Menschliche Nähe und Solidarität in der Krise

Was John Witcombe über seine Ämter hinaus auszeichnet, ist seine großartige menschliche Nähe. Wer ihm begegnet, spürt seine Aufgeschlossenheit und sein echtes Interesse am Gegenüber. Er besitzt die Gabe, auch in komplexen Situationen persönliche Worte zu finden. Für ihn war das Nagelkreuz nie nur ein Symbol, sondern gelebte Praxis im konstruktiven Dialog. Er hat uns gezeigt, dass Versöhnung dort beginnt, wo man einander wirklich zuhört und Brücken baut. Wer Gottesdient mit ihm gefeiert hat, hat gespürt: Gott ist anwesend.

Viele deutsche Mitglieder kennen ihn persönlich von Pilgerfahrten nach Coventry oder von seinen zahlreichen Besuchen in Deutschland. Ob bei Nagelkreuzübergaben, Jubiläen oder seinen Predigten – etwa 2025 in Dresden – seine Worte blieben hängen, weil sie authentisch waren.

Sein Einsatz für den Frieden zeigte sich besonders eindrücklich angesichts der aktuellen Krisen in Europa. Seine Reise in die Ukraine 2024 war weit mehr als eine diplomatische Geste. Es war ein Zeichen der Solidarität, das den Menschen vor Ort in einer Zeit tiefster Verzweiflung Mut und Hoffnung schenkte. Er brachte die Botschaft von Coventry direkt an die Orte, an denen die Wunden der Gegenwart am tiefsten sind – ein Engagement, das weltweit mit großem Respekt wahrgenommen wurde.

Abschied und Wiedersehen in Darmstadt

Im November wird Dean John anlässlich des 60. Jubiläums der Nagelkreuzübergabe am 7. und 8. November 2026 noch einmal nach Darmstadt kommen. Dies wird eine wunderbare Gelegenheit sein, ihn persönlich zu erleben und sich in einem feierlichen Rahmen von ihm zu verabschieden. Wir laden alle Mitglieder und Freunde der Nagelkreuzgemeinschaft herzlich ein, diesen Moment mit uns zu teilen.

Wir danken John Witcombe für seinen unermüdlichen Einsatz, seinen Humor und seine tiefe Überzeugung. Für seinen neuen Lebensabschnitt, den er gemeinsam mit seiner Frau Ricarda und der Familie verbringen wird, wünschen wir ihm Gottes reichen Segen.

Für Vorstand und Leitungskreis der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V.: Niels Faßbender

Ein Freund ist von Bord gegangen – zum Tod von Peter Voigt

Die Nagelkreuzgemeinschaft trauert um Peter Voigt. Am 23. Februar 2026 ist unser Gründungsmitglied und guter Freund nach längerer Krankheit im Kreise seiner Familie friedlich eingeschlafen. Mit ihm verlieren wir einen engagierten Versöhner und eine Persönlichkeit, die unsere Gemeinschaft über Jahrzehnte geprägt hat. Viele von uns verlieren mit ihm zudem einen verlässlichen Weggefährten und persönlichen Freund.

Peters Verbindung zur Versöhnungsarbeit begann früh. Der Grund dafür liegt in einem Jahr, das für viele längst Geschichte ist und für ihn doch gegenwärtig blieb: 1959 reiste er mit der Kantorei der Hauptkirche St. Katharinen in Hamburg zu einer Konzertfahrt nach Großbritannien. Als erster deutscher Chor sangen die Hamburger damals vor dem Versöhnungsaltar in den Ruinen der zerstörten Kathedrale von Coventry. Auf dieser Reise begegneten die jungen Sänger nicht nur Offenheit, sondern auch Misstrauen und unverhüllter Distanz. Zur Begrüßung fielen Sätze wie: „Jetzt kommt ihr mit Stimmen vom Himmel und nicht mit Bomben vom Himmel.“ Solche Sätze vergisst man nicht. Die unmittelbare Begegnung mit den Wunden des Krieges – und zugleich mit dem Geist von Coventry – hat Peter tief berührt und nachhaltig geprägt.

Als am 3. Februar 1961 das Nagelkreuz aus Coventry an die Hauptkirche St. Katharinen übergeben wurde, war das ein historischer Tag: ein Zeichen der Vergebung zwischen ehemaligen Feinden fand seinen Ort in einer Kirche, die selbst die Zerstörung des Krieges erfahren hatte. Später übernahm Peter die Versöhnungsarbeit in seiner Heimatgemeinde und führte die Ideen der Nagelkreuzgemeinschaft dort mit großem Engagement weiter.

Seit der Gründung der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V. im Jahr 1992 gehörte er ganz selbstverständlich dem Leitungskreis an und half, den Verein durch seine ersten, nicht immer einfachen Jahre zu führen. In seinen Aufzeichnungen erinnerte er sich später mit leiser Ironie an die mitunter hitzigen Debatten jener Zeit und an die wechselnden Kassenführer.

Von 2004 bis 2015 übernahm er selbst das Amt des Schatzmeisters. Als Kaufmann, hauptberuflich in der Ölbranche tätig, kannte er sich mit Zahlen, Ordnung und Übersicht aus. Bemerkenswerter war vielleicht etwas anderes: Er machte aus den naturgemäß trockenen Beratungen zum Jahresetat keinen unerquicklich langen Pflichtteil. Mit hanseatischer Lakonie und sicherem Gespür für den Ton wurden diese Beratungen auf den Mitgliederversammlungen zu einem eigenen Ereignis. Viele erinnern sich daran bis heute mit einem Lächeln.

Neben seiner Tätigkeit im Vorstand lag Peter die Arbeit in Osteuropa besonders am Herzen. Durch zahlreiche Reisen zu den Zentren unserer osteuropäischen Partner unterstützte er in seiner ruhigen, pragmatischen Art tatkräftig den Aufbau unseres Netzwerks. Er tat dies ohne Pathos, aber mit Beharrlichkeit – und gerade darin lag seine Wirkung.

Als im Jahr 2024 schließlich auch die übrigen Hamburger Hauptkirchen ein Nagelkreuz erhielten, war das für Peter mehr als ein äußerer Erfolg. Es war eine Bestätigung – und wohl auch die Erfüllung dessen, woran er selbst ein Leben lang mitgearbeitet hatte: zu erleben, wie die Versöhnungsidee in seiner geliebten Heimatstadt weiterwuchs und Gestalt gewann.

Lieber Peter, Du hast einmal geschrieben, dass die Nagelkreuzgemeinschaft seit Jahrzehnten im Sinne der Versöhnung nach gewaltfreien Wegen der Konfliktlösung sucht. Du selbst hast diese Haltung ein Leben lang verkörpert. Nun hast Du Deine letzte große Reise angetreten. Wir blicken in tiefer Verbundenheit und großer Dankbarkeit auf die gemeinsame Zeit zurück. Wir wissen nicht, wie Du diesen Nachruf kommentiert hättest. In einem aber sind wir sicher: knapp, trocken, freundlich – und ohne jedes überflüssige Wort. Bestimmt hättest Du uns, trotz unserer Trauer, zum Schmunzeln gebracht. Wir werden Dein Andenken in Ehren halten. Tschüs, Peter!

Vorstand und Leitungskreis der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V.

„Darf ich das mitnehmen?“ – Wenn ein Kreuz einen Ort verändert und Menschen bewegt

Schulleiter Dr. Günter Beck-Mathieu darf „sein“ Nagelkreuz mitnehmen. Foto: Christian Herpich

Am Evangelischen Dag-Hammarskjöld-Gymnasium in Würzburg ging jetzt eine Ära zu Ende: Schulleiter Dr. Günter Beck-Mathieu wurde in den Ruhestand verabschiedet. Ein Jahr lang war an seiner Schule das [Würzburger Wandernagelkreuz] zusammen mit der Versöhnungsstatue zu Gast. In der Würdigung von Antje Biller zeigt sich, was dieses Zeichen der Versöhnung bewirkt: Es verändert einen Ort, prägt die Gemeinschaft und hinterlässt Spuren bei den Menschen – weit über das Jahr hinaus.

Mitten im damaligen Schuljahr, am 16. März 2023, nahm Oberstudiendirektor Dr. Günter Beck-Mathieu das Nagelkreuz und die Versöhnungsstatue für das Evangelische Dag-Hammarskjöld-Gymnasium in Empfang, das für ein Jahr Gastort der Würzburger Versöhnungszeichen sein würde.

Ein Kreuzweg in der sechsten Jahrgangsstufe, die Kathedrale von Coventry als Beispiel für moderne Kirchenarchitektur in der siebten Jahrgangsstufe, ein von den fünften Klassen vorbereitetes Freitagsgebet, aktuelle Adaptionen im Kunstunterricht der Oberstufe, ein spiritueller Tag für das Kollegium unter dem Motto „Versöhnung mit mir selbst“, das am Gedenktag der Bombardierung Coventrys von der ganzen Schule gebetete Versöhnungsgebet – und viele andere von „unserem Nagelkreuz“ inspirierte Aktionen fanden statt.

Als Schulleiter hatte Dr. Beck-Mathieu von der Würzburger Initiative an jenem Tag auch ein kleines Hufnagelkreuz überreicht bekommen, das seither seinen Platz auf dem imposanten Schreibtisch im Rektorat hatte. Zum Ende dieses Schuljahres nun wurde Dr. Beck-Mathieu in den Ruhestand verabschiedet. Das kleine Nagelkreuz wollte er gerne mitnehmen. Dieses Kreuz und die damit verbundenen Gedanken waren über das Jahr als Gastort hinaus zu wichtigen Begleitern geworden. Sie bringen prägnant auf den Punkt, wofür das Evangelische Gymnasium und sein scheidender Schulleiter stehen.

Im März 2023 wanderte das Würzburger Nagelkreuz ans Ev. Dag-Hammarskjöld-Gymnasium. Foto: Bärbel Thiele

Mit professioneller Schulsozialarbeit und Schulseelsorge wird seit jeher daran gearbeitet, Wunden der Geschichte zu heilen, die etliche schon der jüngsten Schüler:innen mitbringen. Auch Unterschiede gelten zu lassen und Vielfalt zu feiern gehört gewissermaßen zur Grundhaltung der Schule. Wie im Rest der Gesellschaft lebt am Dag-Hammarskjöld-Gymnasium eine Vielfalt der Traditionen, der Sprachen, der Religionen, der Stile. Zu feiern ist die Vielfalt an Ideen im Kollegium und in den Klassen, die Vielfalt an Meinungen in einer offenen Diskussionskultur, die Vielfalt an Talenten, die mit einem möglichst breiten Angebot gefördert wird.

In einer Kultur des Friedens und der Gerechtigkeit gelingt so etwas. Und diese beginnt mit der Art und Weise, wie ein Rektor seinen Schüler:innen begegnet, wie ein Vorgesetzter mit seinen Lehrkräften kommuniziert. Das prägt den Umgangston an einer Schule. Klar in der Sache, bedacht im Ausdruck, moderat im Ton, zurückhaltend in der Lautstärke – so ließen sich die Bausteine einer friedlichen, nach Gerechtigkeit suchenden Kultur beschreiben.

Das Nagelkreuz passt bestens zu Dr. Beck-Mathieu, und so bekam er das erbetene Schreibtischkreuz in der von Schüler:innen und Lehrkräften mit Musik, Geschenken und vielen Gute-Wünsche-Zetteln gestalteten Überraschungs-Abschiedsfeier in der Aula überreicht: „Ja, das dürfen Sie mitnehmen!“

Nach den Sommerferien wird ein neues Kreuz auf dem Schreibtisch im Rektorat stehen und auf eine neue Schulleitung warten, die sich hoffentlich genauso inspirieren lassen wird. Herrn Dr. Beck-Mathieu alles erdenklich Gute für den nächsten Abschnitt und für einen ereignisreichen, erfüllenden Ruhestand!

Autorin: Antje Biller

 

Feierliche Einführung von Kate Massey als Canon for Arts and Reconciliation in Coventry

Am 15.06. wurde Kate Massey von Bischöfin Sophie als neue Canon for Arts and Reconciliation in Coventry eingeführt. Foto: Frank Herzog

Ein besonderer Tag für Coventry – und ein bewegender Moment für die internationale Nagelkreuzgemeinschaft: Am Sonntag, dem 15. Juni 2025, wurde Kate Massey im Rahmen eines festlichen Choral Evensong in ihr neues Amt als Canon for Arts and Reconciliation an der Kathedrale von Coventry eingeführt. Die lichtdurchflutete Kirche, selbst ein Symbol für Hoffnung, Wandel und Neuanfang, bot den würdigen Rahmen für diese Einführung. Menschen aus Kathedrale, Stadt und Nagelkreuzgemeinschaft waren gekommen, um mitzufeiern. In der feierlichen Atmosphäre war die Geschichte des Ortes spürbar – ebenso wie das Vertrauen, das Kate für ihre neue Aufgabe entgegengebracht wird.

Von der Ärztin zur Versöhnerin – Kate Masseys Weg

Kate Massey bringt einen Lebensweg mit, der Brüche kennt – und gerade dadurch eine besondere Tiefe entfaltet. Ursprünglich arbeitete sie als Ärztin in der Psychiatrie, bevor sie ihre geistliche Berufung in der Kirche fand. 2011 wurde sie in der Kathedrale von Coventry zur Priesterin geweiht. Zuvor war sie im National Health Service (NHS) tätig. Seit 2015 war sie Pfarrerin (Vicar) in Stockingford im Norden der Diözese Coventry. Die Verbindung zur Kathedrale blieb dabei stets lebendig: 2022 wurde sie zur Ehrendomkapitularin (Honorary Canon) ernannt – eine Auszeichnung für ihre Nähe zur Kathedrale und ihr Engagement für deren Versöhnungsarbeit.

Ein zentrales Anliegen ihres Wirkens ist die Stärkung von Frauen in der Kirche. Über siebeneinhalb Jahre gestaltete sie als Dean of Women’s Ministry die Förderung von Frauen im kirchlichen Dienst in der Diözese Coventry mit. Seit 2019 ist sie außerdem Vorsitzende der National Association of Diocesan Advisers in Women’s Ministry (NADAWM) – dem landesweiten Netzwerk kirchlicher Frauenbeauftragter. Ihr Anliegen war nie Repräsentation allein, sondern die Transformation von Strukturen: hin zu Gleichwürdigkeit, Teilhabe und geistlicher Tiefe – auch im Miteinander der Geschlechter.

Für Kate Massey gehören Gerechtigkeit und Versöhnung untrennbar zusammen. Versöhnung meint für sie nicht nur das Brückenbauen zwischen Völkern und Religionen, sondern auch innerhalb der Kirche – zwischen Generationen, Lebenswirklichkeiten, Perspektiven. Ihre Erfahrungen als Ärztin, Pfarrerin und Frauenbeauftragte haben sie dafür sensibilisiert, wie tief Konflikte und Ausschlüsse wirken – und wie heilsam es ist, wenn Gemeinschaft gelingt.

Derzeit arbeitet sie an einer Promotion (Ph.D.) über Versöhnung – inspiriert von der Geschichte und Gegenwart der Kathedrale von Coventry. Ihr Weg verbindet analytischen Verstand mit Empathie, geistlicher Klarheit und einem kreativen Blick für das Kommende – beste Voraussetzungen, um der Versöhnungsarbeit von Coventry neue Impulse zu geben.

Als Canon for Arts and Reconciliation übernimmt Kate Massey nun eine zentrale Rolle an der Kathedrale. Das Amt – einzigartig in seiner Verbindung von Kunst, Theologie und Friedensarbeit – umfasst die Leitung und Weiterentwicklung der kulturellen und versöhnenden Arbeit der Kathedrale. Sie wird die verschiedenen Teams koordinieren, neue Projekte anstoßen und mit Partner*innen weltweit zusammenarbeiten – insbesondere innerhalb der internationalen Nagelkreuzgemeinschaft.

Sie tritt die Nachfolge von Mary Gregory an, die das Amt seit 2022 innehatte und Ende 2024 zur Regionalbischöfin von Reading ernannt wurde.

Feierliche Amtseinführung im Kreise von Kolleg*innen, Freund*innen und Familie. Foto: Frank Herzog

Feierlicher Auftakt: Choral Evensong in der Kathedrale

In einem feierlichen Choral Evensong wurde Kate Massey in ihr Amt eingeführt. Für die musikalische Gestaltung sorgte der Kathedralchor unter der Leitung von Rachel Mahon – festlich, würdig und mit jener Prise anglikanisch-britischer „Pomp and Circumstances“, die aus jedem Gottesdienst ein Fest macht.

Bischöfin Sophie Jelley, die neue Diözesanbischöfin von Coventry, hielt die Predigt. Mit großer Wertschätzung zeichnete sie Kate Masseys Lebensweg nach – von der Medizin in die Theologie, von der Seelsorge zur strukturellen Veränderungsarbeit. Sie würdigte ihren Einsatz für Gerechtigkeit und Teilhabe und stellte die Bedeutung der Versöhnungsarbeit der Kathedrale klar in den Mittelpunkt.

Auch Kate Masseys Familie war Teil der Feier: Ihr Ehemann Liam und die drei Töchter Niamh, Erin und Anna waren anwesend. Ein besonders persönlicher Moment war, als Tochter Erin eine der Schriftlesungen übernahm. Neben zahlreichen Vertreter*innen der Kathedrale und der internationalen Nagelkreuzgemeinschaft waren auch enge Freundinnen und Freunde gekommen – ein Ausdruck gelebter Verbundenheit.

Zum Abschluss erklang der Hymnus „Praise to the Lord, the Almighty“ – ein Lied, das Kate sich ausdrücklich gewünscht hatte. Die ursprünglich deutsche Komposition und Dichtung („Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“) gehört auch in England zu den bekanntesten und beliebtesten Kirchenliedern. Dass sie an diesem Nachmittag in Coventry erklang, war ein eindrucksvolles Zeichen dafür, wie geistliche Traditionen über Ländergrenzen hinweg verbinden.

Glück- und Segenswünsche von Niels Faßbender im Namen der deutschen Nagelkreuzgemeinschaft Foto: Frank Herzog

Glückwünsche und Geschenke zum Amtsantritt

Nach dem Gottesdienst setzten sich die Feierlichkeiten bei einem Empfang fort, der von herzlicher Begegnung und internationaler Gemeinschaft geprägt war. Mitglieder der Kathedrale und der Nagelkreuzgemeinschaft nutzten die Gelegenheit, Kate Massey persönlich zu gratulieren.

„Als deutsche Nagelkreuzgemeinschaft sind wir dankbar, diesen Weg der Versöhnung gemeinsam gehen zu dürfen. Liebe Kate, Du trittst ein Amt an, das reich an Geschichte und voller Hoffnung ist. Wir freuen uns auf Deine Stimme, Deine Sichtweise, Deine Schritte, und wir werden Dich begleiten. Gott segne Dich und Deinen Dienst“ lautete die Grußbotschaft von Niels Faßbender, der für den Vorstand der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V. zusammen mit seinem Ehemann Frank Herzog nach Coventry gereist war. Mit einem Augenzwinkern überreichten die beiden drei symbolische Geschenke:

Erstens ein T-Shirt mit dem Aufdruck des Nagelkreuzes – ein Hinweis darauf, dass Versöhnung nicht nur in liturgischem Gewand von der Kanzel aus wirkt, sondern dort, wo Menschen einander im Alltag begegnen – auf der Straße, im Gespräch, im Zusammenleben.

Zweitens eine Flasche „Würzburger Domherr“ – ein Wein aus der Stadt, in deren Gefängnis die Nagelkreuze für Coventry gefertigt und von dort aus in die Welt gebracht werden. Der Wein steht für geteilte Mahlzeiten, Zuhören und Lebensfreude. Sein Name – „Domherr“, also „Canon“ – erinnert an Zeiten, in denen kirchliche Entscheidungen ausschließlich von Männern getroffen wurden. Heute verweist er auf Kates bisherige Arbeit für Frauen und ihr neues Amt als „Domfrau“ – und damit zugleich darauf, dass Wandel möglich ist.

Drittens ein kleines Schild mit der Aufschrift „Versöhnung ist…“ – eine Einladung, nachzudenken, zuzuhören und miteinander ins Gespräch zu kommen – auch über Sprachgrenzen hinweg. Das englischsprachige Original hatte Mary Gregory im vergangenen Jahr nach Deutschland gegeben. Nun kam eine deutsche Version zurück – als Zeichen gegenseitiger Verbundenheit und des Willens, die Bedeutung von Versöhnung gemeinsam weiterzudenken, offen und auf Augenhöhe.

In ihren Dankesworten zeigte sich Kate Massey sichtlich bewegt von der Wertschätzung und den Erwartungen, mit denen sie willkommen geheißen wurde. Die Nagelkreuzgemeinschaft – in Deutschland und weltweit – freut sich auf die Zusammenarbeit. Möge Gottes Segen Kate auf jedem Schritt begleiten, während sie ihre Stimme für Versöhnung und Frieden erhebt. Alles Gute, Kate, und herzlich willkommen in unserer Gemeinschaft!

Autor: Niels Faßbender

 

Pfingstpredigt von Angelika Behnke in der Kathedrale von Coventry

Die neue Bischöfin von Coventry, Sophie Jelly. Foto: Coventry Cathedral/Jamie Gray

Am Pfingstsonntag 2025 predigte Angelika Behnke in der Kathedrale von Coventry. Behnke ist seit 2022 Frauenkirchenpfarrerin in Dresden – als erste Frau auf dieser Stelle. Am Vortag hatte sie gemeinsam mit Leitungskreismitglied Antje Biller an der Einführung der neuen Bischöfin von Coventry, Sophie Jelley, teilgenommen. Beide wirkten symbolisch an der Übergabe des Amtskreuzes mit. Zwischen der Frauenkirche und der Kathedrale von Coventry besteht eine enge Verbindung: Vor 20 Jahren wurde der Frauenkirche das Nagelkreuz von Coventry überreicht. Im Februar 2025 war Dean John Witcombe aus diesem Anlass in Dresden zu Gast und hielt dort die Predigt. In ihrer Auslegung von <Genesis 11,1–9> nimmt Angelika Behnke die biblische Erzählung vom Turmbau zu Babel zum Ausgangspunkt für eine theologische Reflexion über Sprachverwirrung, Machtanspruch und die befreiende Kraft gelebter Vielfalt. Nachfolgend lesen Sie die vollständige Predigt.

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt! Amen.

Es ist mir eine große Ehre, heute hier bei Ihnen in der Kathedrale sein zu können und an diesem hohen Feiertag zu predigen. Vielen Dank für die Einladung, lieber John!

Liebe Schwestern und Brüder,

man kann nicht nicht kommunizieren. Jeder Mensch, der sich irgendwann einmal mit den Grundlagen menschlicher Kommunikation beschäftigt, macht sich diese basale Aussage bewusst. Immer kommuniziert mensch, redet, auch wenn er und sie schweigt, sendet Signale durch Mimik und Gestik. Selbst jemand, der zur Salzsäule erstarrt, spricht Bände.

Sprachgewirr und Weltverstehen

Man kann nicht nicht kommunizieren.

Und schon nehmen Missverständnisse ihren Lauf. Eine Geste, die in Süditalien Anerkennung ausdrückt, sollte in Norditalien tunlichst vermieden werden, da sie dort als beleidigend aufgefasst wird. In Deutschland als Kamel bezeichnet zu werden, ist wenig schmeichelhaft. Im Orient hingegen verdient ein menschliches Kamel hohen Respekt, weil das gleichnamige vierbeinige Geschöpf als ausdauernd, genügsam und anpassungsfähig gilt.

Doch ich liebe diese Vielfalt. Auch wenn ich mich mit ihnen mühe: Ich liebe Sprachen und deren Klang und höre sehr gern zu, wenn in Ferienregionen oder auf internationalen Flughäfen die Luft nur so schwirrt von unterschiedlichsten Sprachen, Stimmen, Dialekten und Sprechmelodien. Ich freue mich, dass die Welt größer ist als die meines Alltags. Dass da etwas spürbar wird von der einen großen und bunten Welt. Und wenn ich die Menschen beobachte, die in fremden Sprachen miteinander kommunizieren, ahne ich, dass die Inhalte ähnlich sind. Da tauscht man sich über dienstliche Angelegenheiten aus. Da werden leise Worte von Abschiedstränen begleitet. Da diskutieren Leute sehr emotional miteinander. Andere schauen gemeinsam in den Reiseführer und beraten ihre nächste Etappe.

Aber ich kenne auch das andere Phänomen: Durch verschiedene Umstände wurde ich im tiefsten Ägypten von meiner Reisegruppe getrennt. Ich sollte mit einem Taxi vom Reiseunternehmen zu unserer nächsten Unterkunft gebracht werden und dort die Gruppe wiedertreffen. Ich war mir nicht so ganz sicher, ob ich dort jemals ankommen werde, denn der Taxifahrer sprach nur ein paar Brocken Englisch und konnte mir nicht eindeutig vermitteln, ob er wirklich vom entsprechenden Reiseunternehmen beauftragt worden war…

Es ging alles gut – ich stehe heute hier in der Kathedrale, aber weiche Knie hatte ich damals doch, weil meine Arabischkenntnisse sich auf „Bitte, danke, guten Tag und auf Wiedersehen“ beschränkten. Sprache hatte in diesem Fall keine verbindende Funktion. Im Gegenteil: Die fremde Sprache löste Misstrauen und Beklommenheit aus.

Frauenkirchenpfarrerin Angelika Behnke. Foto: Frauenkirche Dresden/Thomas Schlorke

Zurück nach Babel

In der biblischen Erzählung vom Turmbau zu Babel sind die Folgen unterschiedlicher Sprachen noch weitreichender – ausgehend davon, welche Nebenwirkungen eine einheitliche Sprache haben kann.

Wir meinen diese Erzählung so gut zu kennen. Wenn von gigantischen Projekten die Rede ist, wo es um „höher, weiter, schneller, größer“ des Menschen geht, wird warnend auf den Turmbau zu Babel verwiesen. Vorsicht, Gott lässt sich nicht herausfordern! Nehmt euch in Acht vor Selbstüberschätzung!

Doch bei genauerem Hineinlesen entdecke ich, dass dies nicht die „Hauptschlagader“ dieser Erzählung ist. Etwas anderes treibt die Menschen zusammen – hinein in die zu errichtenden Mauern einer Stadt mit einem sehr hohen Turm. Noch im vorangehenden Kapitel werden die Vielsprachigkeit und Diversität der Völker gepriesen. Doch jetzt führt es hier zu der ganz menschlichen Angst, an Bedeutung zu verlieren, an Sicherheit und gemeinsamer Stärke. Unkenntlich zu werden in einer bunten Gemeinschaft.

Angst ist immer eine schlechte Beraterin, denn sie führt in die Enge. Menschen schotten sich ab und drängen auf das Sprechen mit einer Stimme und in einer Sprache. Natürlich in der eigenen. Sie wollen erkennbar bleiben und alles dafür tun, sich einen Namen zu machen. Doch wenn sich alle einen Namen machen, wie es in der Babel-Geschichte heißt: vor wem machen sie sich diesen dann? Besser gesagt: gegen wen?

Das Ansinnen richtet sich gegen Gott. Denn ihm wird nicht getraut. „Er hat uns aus dem Schutz des Gartens geworfen, bloß weil uns die Bäume der Erkenntnis und des Lebens so gelockt haben. Er hat uns der Vielfalt ausgesetzt. Aber das gibt doch nur Streit und Brudermord.“ Wir nehmen das lieber selber in die Hand: „Ich bin der Herr, mein Gott. Ich dulde keinen anderen Gott neben – und schon gar nicht über mir!“ Von mir soll man reden. Die Spitze des Turmes wird bis in den Himmel reichen. – Statthalter Gottes? In seinem Namen die Erde bebauen und kultivieren? Nein, selbst Gott! – Diese Anmaßung wird zur Dämonie. Der Anfang vom Ende.

Eine Sprache, ein Volk – ein Irrweg?

Angst vor einem Ausgesetztsein. Geschenkte Freiheit, die Angst macht – ein uraltes Thema, dessen Bearbeitung auch heute immer noch in die gleiche Richtung führt: zu Populismus und Hass allem Fremden gegenüber, zu Ausgrenzung und eingeschworenen Parolen, zu einem Denken in Schwarz-weiß. „Wohlan, lasst uns bauen: an engen Mauern, die uns in Sicherheit wiegen und an Grenzen, die unser Herz einzäunen, um es vor barmherzigen Anwandlungen zu schützen. Mit unseren Türmen kommen wir auch ohne Gott in den Himmel.“

Gott muss sich ganz tief herabbeugen, um zu sehen, was da eigentlich los ist. Jedenfalls haben die Turm-Erbauer noch auffällig viel Luft nach oben. Und Gott sieht zweierlei. Zum einen: den Traum aller Diktatoren. Eine Sprache – eine Stadt- bzw. Landfläche – eine Idee – ein Tun. Was für eine Katastrophe! Wenn die Welt nur eine Sprache hätte, welche Armut an Schönheit, Geist und Freude! Jede Sprache ist eine Welt, aber eine jede Einzelsprache ist ein Gefängnis. Gott schuf die Vielfalt und er freut sich über das vielstimmige Lob. Gott will, dass der Glaube denkt und singt, verschiedene Lieder, verschiedene Gedanken.

Zum anderen sieht Gott, wie die Menschen jedes Maß und alle Demut verlieren. – Um nicht falsch verstanden zu werden: Menschen sollen bauen, forschen, kultivieren und fortschrittlich sein. Aber es wird schief, wenn Gott die Menschen bewundern soll und nicht umgekehrt. Zu Dienst und Demut der Kinder Gottes gehört das Lob des Allmächtigen: Ihm allein ist nichts unmöglich! Der Mensch bleibe ein Mensch – und handle auch so. Er ist ein Wesen der Grenze und der Begrenzung. Sein Tun richte er an Gottes Willen aus. In dieses Tun greift Gott nun ein: „Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe!“

Antje Biller (links) und Bischöfin Sophie. Foto: Coventry Cathedral/Jamie Gray

Gott verwirrt – zum Guten

Nun haben die Menschen ihre je eigene Sprache gefunden – und sind aneinander gewiesen, wenn sie sich begegnen, einander verstehen und die ihnen anvertraute Erde gestalten wollen.

Haben Sie es gemerkt, liebe Gemeinde? Gott straft nicht: der Turm wird nicht zerstört, die Stadt nicht abgebaut, die Menschen leben weiter. Gott straft nicht – er schützt! Er schützt uns vor Einseitigkeit und Abschottung im Denken und Tun. Er bewahrt uns vor uns selbst! Er schickt uns hinaus ins Offene, stellt unsere „Füße auf weiten Raum“ (Psalm 31,9). Er überträgt uns Verantwortung für seine Erde. Wir können und müssen uns nicht selbst durch unsere Werke einen Namen machen, der ja doch immer wieder mit Blut und Gewalt bezahlt werden würde.

Die Vielfalt der Sprachen, der Reichtum der Menschheit, die Weite des Denkens bleiben uns erhalten. Das ändert sich auch mit dem ersten Pfingstfest in Jerusalem nicht, von dem wir vorhin aus der Apostelgeschichte hörten. Es gibt keine neue Einheitssprache, sondern jeder redet weiter in seiner Sprache. Der göttliche Geist verbindet die Menschen über alle Sprachgrenzen hinweg. Denn Gottes Geist schenkt ein Verstehen, er ist ein Geist der Liebe. Nicht länger ist die Angst die Beraterin, sondern die Liebe.

Erstanden aus Ruinen, erfüllt vom Geist

Wir sagen manchmal über die Dresdener Frauenkirche, sie sei eine Osterkirche, weil sie zu neuem Leben erweckt wurde. Sie ist aber auch und vielleicht sogar zuerst eine Kirche des Pfingstfestes. Ich stelle mir nur mal kurz vor, was alles fehlen würde, wenn Gott diesen Bau einseitigen und ängstlichen Erbauern überlassen hätte. Die Frauenkirche in Dresden lebt von der Vielfalt und durch die Vielfalt der Sprachen und Völker. Das neue Kuppelkreuz vom britischen Volk, es wäre nicht da. Das Nagelkreuz, das damit verbundene Versöhnungswerk mit einstigen Feinden – nicht vorhanden. Ein Ort der Begegnung und Verständigung zwischen Ost und West, Nord und Süd – er wäre nicht da. Wir würden so manche gespendete Säule oder Tür und auch die Straßburger Orgel im Bauwerk vermissen! Die ganze Architektur hätte sich möglicherweise nicht an italienischen Vorbildern orientiert. Ganz zu schweigen von der internationalen Vielfalt und Schönheit der Musik. Nicht nur, aber besonders in dieser Kirche feiern wir den Reichtum der Sprachen und der Vielfalt und den Geist der Liebe, der uns alle verbindet und die Angst verbannt.

Ich spüre die Gemeinsamkeit mit dieser Kirche. Die Sankt-Michaelis-Kathedrale – wie die Frauenkirche ebenfalls eine Kirche des Pfingstfestes. Gottes Geist baut keine Türme, die in den Himmel ragen. Er baut Gemeinschaft unter uns. Er schenkt ein Verstehen der Herzen. Er wirkt Versöhnung und Frieden. Der Heilige Geist macht Mut zum Aufbruch in ein neues Leben. Ihnen allen ein frohes und gesegnetes Pfingstfest!

Amen. Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.

Es gilt das gesprochene Wort. Autorin: Angelika Behnke, Frauenkirchenpfarrerin, Dresden

 

Stabwechsel in Vorstand und Leitungskreis: Hoenen, Meinhardt und Menzel für Schmelz und Wolkenhauer

V. l. n. r.: Lothar Schmelz, Patrick Meinhardt, Karsten Wolkenhauer, Dr. Janning Hoenen (Zeichnung: OpenAI/ChatGPT)

Im Leitungskreis und im Vorstand der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V. hat es in den letzten Wochen einige personelle Veränderungen gegeben: Unser langjähriger Schatzmeister Lothar Schmelz hat seine Ämter niedergelegt, auch Karsten Wolkenhauer ist aus dem Leitungskreis ausgetreten. Neuer Schatzmeister ist Dr. Henning Menzel. In den Leitungskreis nachgerückt sind Dr. Janning Hoenen und Patrick Meinhardt. Gerne würdigen wir Lothars und Karstens Engagement für unseren Verein und stellen Ihnen „die Neuen“ vor.

Unser herzlicher Dank gilt zunächst unserem langjährigen Vorstandskollegen Lothar Schmelz, der zum 28. Februar 2025 sein Amt niedergelegt hat und aus dem Leitungskreis ausgeschieden ist. Seit 2011 gehörte Lothar dem Leitungskreis an, seit 2015 war er Mitglied des Vorstandes und unser Schatzmeister. Mit großem zeitlichen Engagement und enormer Expertise hat er die Verwaltung unserer Finanzen erheblich professionalisiert. Besonders geschätzt war seine offene und stets ansprechbare Art, mit der er weit über die eigentliche Mitgliederverwaltung hinaus eine persönliche Beziehung zu vielen Mitgliedern und Zentren unserer Gemeinschaft aufgebaut hat. Anerkennende Wort von Vorsitzendem Dr. Oliver Schuegraf: „Im Namen der ganzen Nagelkreuzgemeinschaft danke ich Lothar von ganzem Herzen. Persönlich bin ich dankbar für die intensive und vertrauensvolle Zusammenarbeit der letzten Jahre. Es war immer gut, Lothar an der Seite zu wissen.“ Lothar selbst verabschiedete sich mit herzlichen Worten: „Es waren sehr schöne Jahre, in denen ich viele freundliche und interessante Menschen kennenlernen durfte – diese Zeit möchte ich nicht missen. Allen Mitgliedern wünsche ich weiterhin weise Entscheidungen im Sinne von Frieden und Versöhnung, im Geist von Coventry.“

Auch Karsten Wolkenhauer verlässt den Leitungskreis, nachdem er zum Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Anhalt gewählt wurde. Er gehörte dem Leitungskreis seit mehreren Jahren an und engagierte sich besonders in den Bereichen Versöhnung, Erinnerungskultur und Öffentliche Theologie. Wir danken Karsten für seinen Einsatz und wünschen ihm Gottes Segen für das neue Amt.

Zum neuen Schatzmeister und Vorstandsmitglied wurde vom Leitungskreis Dr. Henning Menzel gewählt. Wir freuen uns sehr auf die Zusammenarbeit mit ihm. Auch ihm wünschen wir für seine verantwortungsvolle Aufgabe gutes Gelingen und Gottes Segen.

Neu in den Leitungskreis nachgerückt sind Dr. Janning Hoenen und Patrick Meinhardt. Janning ist Studierendenpfarrer an der Augustana-Hochschule in Neuendettelsau, der theologischen Hochschule der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Er war zuvor Gemeindepfarrer in Hof/Saale und Fürth sowie Studienleiter am Collegium Oecumenicum München. Internationaler Austausch und die Auseinandersetzung mit Vielfalt prägen sein Engagement, das er besonders jungen Menschen vermittelt. Janning ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder.

Patrick Meinhardt ist Vorsitzender des Gemeindekirchenrates und Lektor der Evangelischen Gemeinde am Gesundbrunnen in Berlin, einer der größten Gemeinden der Stadt. Beruflich war er Bundestagsabgeordneter der FDP und Politikchef eines großen Mittelstandsverbandes. Heute leitet er den Taxi- und Mietwagenverband Deutschland und betreibt eine Politik- und Strategieberatungsagentur. Außerdem engagiert er sich ehrenamtlich in verschiedenen nationalen und internationalen Verbänden. Sein Lebensmotto stammt von Frère Roger aus Taizé: „Liebe und zeige es durch dein Leben!“ Er wird künftig gemeinsam mit Felicitas Weileder Ansprechpartner für die Region Berlin sein.

Auch Janning und Patrick wünsche wir viel Freude, Tatkraft und Gottes Segen für ihr Engagement in unserer Nagelkreuzgemeinschaft.

Autor: Niels Faßbender

Karsten Wolkenhauer wird neuer Kirchenpräsident in Anhalt

Karsten Wolkenhauer (Mitte) nach seiner Wahl. Foto: Susanne Reh/Landeskirche Anhalt

Karsten Wolkenhauer wird neuer Kirchenpräsident der Evangelischen Landeskirche Anhalts. Die Synodalen wählten ihn am 7. Dezember 2024 auf einer Sondersynode in Dessau-Roßlau. Der 58jährige tritt die Nachfolge von Joachim Liebig an, der in den Ruhestand gegangen war. Wolkenhauer ist seit vielen Jahren in der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V. engagiert und gehört seit 2019 dem Leitungskreis an.

Wolkenhauer wurde 1966 geboren und wuchs in Herzberg am Harz auf. Er studierte Theologie an der Kirchlichen Hochschule Berlin und der Universität Heidelberg. Nach seinem Studium war Wolkenhauer vor allem als Unternehmens- und Personalberater tätig. Im Anschluss daran arbeitete er in Berlin-Niederschönhausen als Gemeindetheologe und übernahm ohne Ordination eine halbe Pfarrstelle. Von 2013 bis 2015 war er im Kirchenamt der EKD in Hannover Referent der Präses und des Präsidiums der Synode der EKD.

Nach seinem Vikariat in Stralsund und Prohn wurde Wolkenhauer Pastor im pommerschen Kirchenkreis in Demmin, Vanselow und Siedenbrünzow. Dort hat er u.a. Projekte zur Aufarbeitung des Massensuizids am Kriegsende initiiert („Demminer Trauertuch“). Neben seinem Einsatz für die Versöhnungsarbeit engagiert er sich unter anderem im Johanniterorden und den Internationalen Fachgesellschaften für Predigtlehre und Liturgie. Im Theologischen Studienseminar in Pullach leitet er bald zum dritten Mal den Kurs „Neu im ephoralen Amt“ und coacht Kirchenleitende der Mittleren Ebene aus fünf Landeskirchen. Aktuell ist er Pfarrer in Berlin-Nikolassee. Wolkenhauer ist verheiratet und Vater von drei erwachsenen Kindern.

Die Evangelische Landeskirche Anhalt ist zwischen Fläming und Harz gelegen. Das Gebiet wird von Elbe, Mulde und Saale durchzogen. Es ist nahezu identisch mit dem einstigen Fürstentum, späteren Herzogtum und dem nach 1918 entstandenen Freistaat Anhalt. Die Evangelische Landeskirche Anhalts umfasst heute Gemeinden in rund 154 Dörfern und Städten. Sie hat etwa 24.500 Mitglieder. Sie ist die kleinste der 20 Gliedkirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Vorstand und Leitungskreis wünschen ihm Gottes Segen und alles erdenklich Gute für seine neuen Aufgaben.

Autoren: Nagelkreuzgemeinschaft und Susanne Reh (Pressesprecherin der Evangelischen Landeskirche Anhalt)

 

Canon Mary Gregory wird Bischöfin in Reading

Mary Gregory. Foto: Diocese of Oxford

Mary Gregory, Domkapitularin für Kunst und Versöhnung an der Kathedrale von Coventry, wird Bischöfin in Reading in der Diözese Oxford der Kirche von England. König Charles III. hat der Ernennung am 27. November 2024 zugestimmt. Die neue Bischöfin wird im Frühjahr 2025 in ihr Amt eingeführt werden.

Seit 2022 ist Mary „Canon Residentiary for Arts and Reconciliation“ an der Kathedrale von Coventry. Viele Mitglieder und Freund:innen unserer Gemeinschaft haben Mary auf Pilgerfahrten nach Coventry kennengelernt und in ihr Herz geschlossen. Zuletzt war sie im November 2024 zur Übergabe der Nagelkreuze an die Hamburger Hauptkirchen bei uns in Deutschland. U. a. hielt sie die Predigt im Festgottesdienst zur Übergabe der Kreuze.

Im Namen der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V. hat Vorsitzender Dr. Oliver Schuegraf Mary herzlich zu ihrer Ernennung gratuliert. „Für uns ist es traurig, dass sie bald nicht mehr die Versöhnungsarbeit der Kathedrale von Coventry mitgestalten und prägen wird“, so Schuegraf. „Wir werden ihre theologischen und praktischen Impulse, ihre Kreativität und ihre zugewandte Persönlichkeit sehr vermissen. Auf all diese Fähigkeiten und Eigenschaften darf sich nun ihre neue Diözese freuen und ich bin mir sicher, dass all dies ihrem neuen Dienst zugutekommen wird. Wir wünschen Canon Mary Gottes Segen und alles erdenklich Gute für ihre neuen Aufgaben.“

Mary wuchs im ländlichen Leicestershire und Lincolnshire auf, bevor sie an der Universität Birmingham Englisch studierte. Nach ihrem Abschluss arbeitete sie zehn Jahre als Strafvollzugsbeamtin und zuletzt als Gefängnisdirektorin. Sie war an einer Untersuchung der Vorfälle im Maze-Gefängnis in Nordirland beteiligt, wodurch ihr Interesse an Versöhnungsarbeit geweckt wurde. Mary studierte Theologie in Birmingham und Durham. Thema ihrer Masterarbeit war das Verhältnis von Evangelium und Kunst. In ihrer Dissertation befasste sie sich mit der kulturellen Aneignung des Holocaust in Auschwitz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Ihr Vikariat und ihre erste Amtszeit verbrachte sie in der Diözese Sheffield, wo sie 2006 zur Priesterin geweiht wurde und u. a. als Dekanin für Frauenarbeit tätig war. 2015 wurde Mary zur Team-Rektorin mehrerer Gemeinden der Diözese Leicester ernannt. Ab 2020 war sie auch als Diözesanbeauftragte für die ländliche Mission tätig, bis sie 2022 nach Coventry kam.

Autor: Niels Faßbender

 

Predigt von Canon Mary Gregory zur Nagelkreuzübergabe an vier Hamburger Hauptkirchen

„Weggefährten der Versöhnung“

In einem feierlichen Festgottestdienst am 10. November 2024 haben die Hamburger Hauptkirchen St.Jacobi, St. Michaelis, St. Nikolai und St. Petri ein Nagelkreuz erhalten. Hier können Sie die Predigt von Mary Gregory, Kanonikerin für Kunst und Versöhnung an der Kathedrale von Coventry, nachlesen. Predigttest ist Micha 4, Vers 1-5.

Foto: Nagelkreuzgemseinschaft, Canon Mary Gregory

Vor kurzem suchte ich Rat für ein wichtiges Ereignis, auf das ich mich vorbereitete. Ich war mir nicht sicher, wie ich vorgehen sollte, wie ich mich präsentieren sollte, was ich sagen sollte. Meine Gesprächspartnerin – eine weise Frau – riet mir, von dem Ergebnis auszugehen, das ich mir erhoffte, und dann von dort aus weiterzuarbeiten; die Schritte zu planen, die mich zu diesem gewünschten Ziel führen würden. Das war ein wirklich guter Rat!

Ich möchte vorschlagen, dass wir mit der heutigen Bibellesung aus Micha etwas Ähnliches tun: Dass wir am Ende der Lesung beginnen, mit der bewegenden Beschreibung des Lebens nach der gewaltsamen Auseinandersetzung, und uns dann rückwärts durch die Lesung arbeiten, um zu planen, wie wir dorthin gelangen können.

Michas Beschreibung des Friedens mag uns sehr vertraut sein. Deshalb ist sie nicht weniger bewegend. Hört mir noch einmal zu. Uns wird die Umwandlung von Massenvernichtungswaffen in Werkzeuge zur Massenproduktion versprochen (Vers 3), damit alle satt werden. Es wird uns gesagt, dass der Kampf aus dem Lehrplan gestrichen wird, weil diese Fähigkeiten überflüssig sind – „und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen“ (Vers 4). Es wird uns versichert, dass jeder Mensch einen Platz haben wird, der ihm gehört – einen Feigenbaum oder einen Weinstock, unter dem er sitzen kann – und dass er sich nicht fürchten muss, wenn er dort sitzt (Vers 4).

Ich weiß nicht, wie ihr diese Beschreibung des Lebens nach den Feindseligkeiten charakterisieren würdet. Für mich ist sie nicht arrogant oder gierig, sondern fasst einfach die Grundlagen zusammen, die Menschen brauchen, um gut zu leben, um zu gedeihen: Nahrung, Heimat, Sicherheit. Diese Einfachheit hat etwas Wunderschönes an sich. Sie führt uns zu dem zurück, was wirklich wichtig ist: Nahrung, Heimat, Sicherheit.

Diese Dinge mögen grundlegend sein, aber wie vielen Menschen auf der Welt fehlt es daran! Wie viele Menschen hungern, haben kein Dach über dem Kopf, sind weit weg von zu Hause und werden von der lähmenden Angst wachgehalten, wie sie ihre Kinder in Sicherheit bringen sollen. Wie kommen wir um dieser Menschen und ihrer Kinder willen, um unserer eigenen Kinder willen, zu Michas Vision, zu der Zukunft, die Gott verheißt? Arbeiten wir uns rückwärts durch unsere Lesung.

Zunächst müssen wir verstehen, dass dies das Werk Gottes ist. Gott „wird richten”, sagt Micha, „Gott wird schlichten“, „Gott wird sprechen“, und diese universelle Versöhnung wird sich ereignen (Verse 3 bis 4).

Dass die Versöhnung in erster Linie Gottes Werk ist, soll uns ermutigen und trösten und ein Gegenmittel gegen die Überwältigung sein, die wir empfinden, wenn wir die Verwundbarkeit der Welt betrachten. Die britisch-somalische Dichterin Warsin Shire drückt diese Überwältigung kraftvoll aus. Sie schreibt:

later that night

I held an atlas in my lap

ran my fingers over the whole world

and whispered

where does it hurt?

It answered

everywhere

everywhere

everywhere.

später in dieser Nacht

hielt ich einen Atlas in meinem Schoß

ließ meine Finger über die ganze Welt gleiten

und flüsterte

wo tut es weh?

Er antwortete

überall

überall

überall.

Wir sehen die Nachrichten, scrollen auf unseren Handys und spüren das „Überall“, das uns in Untätigkeit erstarren lässt. Wie können wir auf das „Überall“ reagieren? Es ist zu viel für uns.

Es ist zu viel für uns, aber nicht zu viel für Gott. Das „Überall“ ist Gottes Territorium. Gott ist derjenige, der „zwischen vielen mächtigen Völkern“ (Vers 3) für Ausgleich sorgen wird. Wir müssen unseren Glauben an das Versöhnungswerk Gottes wiedergewinnen – davon sprechen, darauf hinweisen, denn die Menschen haben die Hoffnung verloren. Selbst den Gläubigen fällt es schwer, angesichts von so viel Schmerz und Verzweiflung davon zu sprechen. Wir müssen wieder sicher und selbstbewusst mit der Hoffnung umgehen können, den Menschen sagen, dass Gott der große Versöhner ist, dass Gott dies tun wird.

Aber damit sind wir noch nicht aus dem Schneider. Wir dürfen nicht passiv oder gleichgültig gegenüber den Verwerfungen sein, die uns trennen. Nein, in unserer Lesung aus Micha gehen wir noch einmal zurück: Wir sollen Gott erlauben, „uns seine Wege zu lehren“, wir sollen „in seinen Pfaden wandeln” (Vers 2). Dieses Werk der Versöhnung ist Gottes Werk und es ist auch das unsere. Hört: Die Gründungsschrift der Kathedrale von Coventry sagt: „Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber“ – uns – „und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung“ (2. Korinther 5, Vers 18).

Wir sollen offen dafür sein, dass Gott uns seine Wege der Versöhnung lehrt, und dann sollen wir ihnen folgen, nicht für das „Überall“, das Gott gehört, sondern für das „an meinem Ort“, das uns gehört. In einem Gedicht, das eine Antwort auf die Qualen des „Überall“ von Warsin Shire gibt, schreibt Gideon Heugh dies:

Do not be afraid—

to complete the repair of the world

is not why you were made.

You were created to play

only your part;

whatever is within your hands;

whatever is the now of your heart.

Habt keine Angst –

die Reparatur der Welt zu vollenden

ist nicht der Grund, warum du geschaffen wurdest.

Du wurdest erschaffen, nur

um deine Rolle zu spielen;

was immer in deinen Händen liegt;

was immer das Jetzt Deines Herzens ist.

Wenn wir uns um die Versöhnung vor Ort kümmern, um das, was in unseren Händen liegt, um das „Jetzt“ unseres Herzens, was sollen wir dann von Gott lernen? Was kennzeichnet Gottes Versöhnungswerk – und was soll also unser eigenes prägen? Ich möchte behaupten, dass Gottes Versöhnungswerk beharrlich, zärtlich und kreativ ist.

Vermutlich habt ihr noch nicht viel Zeit damit verbracht, die Genealogie am Anfang des Matthäus-Evangeliums zu lesen. Die lange Liste der Namen von Jesu Vorfahren ist vielleicht nicht sehr fesselnd. Man kann die Genealogie aber auch als Aufzeichnung von Gottes beharrlichem Bemühen um Versöhnung mit der Menschheit lesen, denn sie listet Patriarchen, Könige und Propheten auf, durch die Gott versucht hat, uns zu sich zu ziehen. Durch viele Generationen hindurch, durch Hungersnöte, Exodus, Besiedlung, Exil und Rückkehr, sind hier Gottes beharrliche Versuche zu sehen, wieder mit uns eins zu werden.

Gott ist beharrlich in der Versöhnung. Gott wird nicht aufgeben. Und Gott ist zärtlich in der Versöhnung. Durch den Propheten Hosea vergleicht Gott sich selbst mit einer Mutter, die Israel pflegt, ihm das Laufen beibringt, es sanft hochhebt, um es auf die Wange zu küssen (Hosea 11, Vers 1 bis 4). Durch Rebellion und Ablehnung hindurch bleibt diese Zärtlichkeit bestehen. Gott kann von dieser Zärtlichkeit nicht ablassen.

Gottes versöhnende Wege, denen wir folgen sollen, sind beharrlich, zärtlich und kreativ. Wie das? Schaut euch einfach die Menschen an, die Gott benutzt, die Strategien, die Gott einsetzt. In der Genealogie des Matthäus sehen wir, dass Gott in Rahab, Rut und Batseba durch eine Prostituierte, eine Ausländerin und eine Ehebrecherin auf Versöhnung hinarbeitet, und in uns selbst sehen wir, wie Gott durch gutherzige, aber zutiefst fehlerhafte Menschen auf Versöhnung hinarbeitet. Und dann sehen wir in der Menschwerdung Jesu Christi die Vorstellungskraft, die Risikobereitschaft Gottes, der das Unendliche endlich macht, um uns irgendwie zu Gott nach Hause zu bringen.

Wenn Gott uns Gottes Wege zur Versöhnung lehrt, lernen wir, dass wir beharrlich, zärtlich und kreativ sein müssen, damit wir irgendwie Gemeinsamkeiten entdecken und aus Feindschaft Freundschaft schmieden können.

Wir müssen in unserer Lesung aus Micha ein letztes Mal einen Schritt zurückgehen, um herauszufinden, was für uns heute besonders wichtig ist, wenn sich die Hamburger Hauptkirchen dem Versöhnungsnetzwerk der Kathedrale von Coventry, der Gemeinschaft des Nagelkreuzes, anschließen. „Kommt, lasst uns gehen”, sagt eine Stimme in unserer Lesung (Micha 4, Vers 2) und erinnert uns so an die Bedeutung von Gemeinschaft in diesem Werk der Versöhnung. Wir brauchen Menschen, die uns bei unserer Arbeit anspornen und aufmuntern.

Heute schließt ihr euch einer Gemeinschaft von mehr als 260 Partner:innen weltweit an, die für euch beten werden und ihre Geschichten mit euch teilen werden; die euch sagen werden: „Der Berg der Versöhnung ist steil, aber klettert weiter“. Die auch auf euch schauen werden, um sich ermutigen zu lassen, die sich darauf verlassen, dass ihr für sie beten werdet und sagen werdet: „Kommt, lasst uns gehen…“

Indem ihr heute diese Nagelkreuze empfangt, verpflichtet ihr euch erneut zum Werk der Versöhnung. Dabei denkt daran: Das „Überall“ der Versöhnung gehört Gott. Ihr seid aufgerufen, von Gott zu lernen, wie ihr beharrlich, zärtlich und kreativ in der Versöhnung sein könnt, zu der ihr aufgerufen seid – hier bei euch –, was auch immer in euren Händen liegt, was auch immer das „Jetzt“ eurer Herzen ist. Und denkt daran: Ihr seid jetzt Teil einer Gemeinschaft. Erlaubt dieser Gemeinschaft, euch zu ermutigen. Betet auch für eure neuen Schwestern und Brüder, dass ihr, die ihr jetzt zu dieser Gemeinschaft gehört, Hoffnung und neues Leben für sie seid.

Amen.

Autorin: Canon Mary Gregory, Übersetzung: Niels Faßbender